Eine neue Studie zeigt auf, wie tief das systematische Problem Rassismus in Deutschlands Gesellschaft, Behörden und Polizei liegt. Schwarze Menschen werden online und offline angegriffen – und bleiben oft damit allein, sich dagegen zu wehren.
Daniel Roßbach, Redakteur im Politikressort der Frankfurter Rundschau, schreibt dazu in der FR: „Viele Schwarze Menschen in Deutschland erleben rassistische Beleidigungen; systematischer Rassismus in der Gesellschaft ist die Basis für Fälle von Hassrede, bei denen es sich eben nicht nur um einzelne Vergehen handelt: Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (im Dezember) veröffentlicht hat.
Dieser Studie zufolge wurden drei Viertel der befragten Schwarzen Menschen mindestens einmal online rassistisch beleidigt. Aber auch in Bezug auf persönliche Begegnungen im realen Leben berichten ähnlich viele Betroffene von rassistischer „Hatespeech“, sei es auf offener Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Freizeitaktivitäten und in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz. Nur gut ein Drittel der Befragten gab an, noch nie rassistischen Beleidigungen durch Polizist:innen oder Sicherheitskräfte ausgesetzt gewesen zu sein, aber zwölf Prozent sagten, das „sehr häufig“, weitere 15 Prozent das „häufig“ erlebt zu haben. Ähnlich sind die Erfahrungen auch mit anderen Behörden.
Grundlage der Erhebung, die 2024 unternommen wurde, war eine Umfrage durch das Demografie-Institut YouGov unter Menschen, die „sich als Schwarze, Afrodeutsche, Afrodiasporische Person“ identifizieren. Etwas mehr als 1000, von denen vier Fünftel deutsche Staatsangehörige sind, nahmen daran teil.
Auch Polizei und Behörden für rassistische Übergriffe verantwortlich
Für Laura Dellagiacoma, Mitautorin der Studie, folgt aus deren Ergebnissen: „Rassistische Hassrede ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem unserer gesamten Gesellschaft, die noch tief von anti-Schwarzem Rassismus geprägt ist“. Sie warnt insbesondere davor, rassistische Vorfälle als isoliertes Fehlverhalten zu betrachten: „Was viele als Einzelfälle abtun, betrifft Schwarze Menschen in nahezu allen Lebensbereichen – mit gravierenden Folgen für ihre Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und psychosoziale Gesundheit.“
Das gelte gerade auch für Kommunikation online, in der Schwarze Menschen ständig rassistische Anfeindungen erführen, so die Autorinnen der Studie. Schließlich sei Onlinepräsenz ein zentraler Teil des eigenen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. In all diesen Bereichen machten Schwarze Menschen die Erfahrung, nicht mit Schutz durch andere Personen, Plattformen oder staatliche Stellen rechnen zu können, sondern selbst dafür sorgen zu müssen, sich Angriffen zu entziehen. Francesca Sika Dede Puhlmann, die zweite Autorin der Studie, fordert deshalb: „Es braucht endlich politische Verantwortung: klare gesetzliche Maßnahmen gegen rassistische Hetze, eine konsequente Strafverfolgung und eine nachhaltige Förderung Schwarzer Selbstorganisationen“. Forschende beschreiben Schritte für antirassistische Arbeit
Konkret sehen die Gesellschaftspsychologin Dellagiacoma und die Soziologin Puhlmann fünf Schritte, um Rassismus in Deutschland entgegenzuwirken: rassismuskritische Bildungsangebote, konsequente Ahndung von Hassrede in digitalen Räumen, unabhängige Beschwerdestellen, stärkere Thematisierung des Problems in Medien und „die dauerhafte finanzielle Förderung von Selbstorganisationen und -vertretungen Schwarzer Communities“. Axel Salheiser, der wissenschaftliche Leiter des Jenaer Instituts, sagt, dass, weil Rassismus ein systematisches gesellschaftliches Problem in Deutschland sei, „eine gesamtgesellschaftliche Antwort – mit politischem Rückhalt, klarer antirassistischer Haltung und strukturellem Schutz für Betroffene“ notwendig sei. Dabei brauche es aber auch aktive Einsicht in das Problem und Mitwirkung an seiner Lösung durch weiße Personen – gerade damit Schwarze Menschen nicht damit allein gelassen würden, weiterhin immer wieder rassistisch angegriffen zu werden“.
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