Blog nach Kategorie: Wissenschaft

24.07.2023 12:07
Beratung und Hilfe für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei unfairen Attacken
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie wissenschaftliche Institutionen werden immer wieder Ziel von Hassrede, Drohungen und diffamierenden Kampagnen. Insbesondere in den Sozialen Medien ist Wissenschaftsfeindlichkeit ein großes Problem. Seit Jahren mehren sich die Angriffe auf Forschende in Forschungsgebieten mit gesellschaftspolitischer Relevanz – nicht zuletzt während der Corona-Pandemie. Es besteht ein klarer Bedarf an Unterstützung und Beratung für die Wissenschaft und die Wissenschaftskommunikation.

An dieser Stelle setzt die neue, bundesweite Initiative des Bundesverbandes Hochschulkommunikation und von Wissenschaft im Dialog (WiD) an: Der Scicomm-Support ist eine Anlaufstelle für Betroffene von digitaler Gewalt, diskreditierenden Medienkampagnen und weiteren Formen von Angriffen und unsachlich ausgetragenen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation.

„Das Ziel des Scicomm-Supports ist, Forschenden und Kommunizierenden bei Angriffen Rückhalt und Unterstützung zu bieten“, sagt Dr. Benedikt Fecher, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog. „Von Forschenden wird heute erwartet, dass sie sich aktiv am öffentlichen Diskurs beteiligen und für viele Forschende ist öffentliche Kommunikation mittlerweile Teil ihrer Arbeit. Diese Offenheit macht sie jedoch angreifbar. Deshalb brauchen wir Unterstützungsangebote für Betroffene, auch um das Wissenschaftssystem insgesamt resilienter zu machen.“

„Wir haben vor knapp anderthalb Jahren mit der Arbeit am Scicomm-Support begonnen mit dem Ziel, eine Lücke im Wissenschaftssystem zu schließen. Der Bedarf an einer – eng mit den institutionellen Kommunikationsbereichen der Wissenschaftseinrichtungen zusammenarbeitenden – bundesweiten Unterstützungsstruktur für Personen, die Wissenschaft kommunizieren, wurde immer offensichtlicher. Dass der Scicomm-Support jetzt mit so vielen renommierten Einrichtungen als Partner und Unterstützer starten kann, ist für mich auch ein Zeichen der Anerkennung und Reputation von Wissenschaftskommunikation“, so Julia Wandt, Vorsitzende des Bundesverbandes Hochschulkommunikation.

Die Plattform Scicomm-Support unterstützt Betroffene in Form einer persönlichen Beratung – von 7 bis 22 Uhr, 365 Tage im Jahr. Die Beratung ist kostenlos und kann telefonisch erreicht werden. Die Unterstützung erfolgt durch erfahrene Kommunikatorinnen und Kommunikatoren des Bundesverbandes Hochschulkommunikation. Darüber hinaus stellt die Plattform Informationen und Ressourcen in Form von Leitfäden, Checklisten und Best-Practice-Empfehlungen zur Verfügung – Trainingsangebote werden folgen. Neben der Kommunikationsebene wird auch auf rechtlicher Ebene beraten sowie bei Bedarf psychologische Unterstützung vermittelt.

Der Scicomm-Support ist zusätzlich in das von der Volkswagenstiftung geförderte Pionier-Projekt KAPAZ (Kapazitäten und Kompetenzen im Umgang mit Hassrede und Wissenschaftsfeindlichkeit) eingebettet, an dem Wissenschaft im Dialog und der Bundesverband Hochschulkommunikation sowie sechs weitere Partner beteiligt sind. In dem Projekt KAPAZ entsteht eine Vielzahl von Ressourcen, die unter anderem den Scicomm-Support auf eine fundierte Wissensbasis stellen und allgemein das Bild der Wissenschaftsfeindlichkeit untersuchen und Gegenstrategien entwickeln.
Der Scicomm-Support ist ein gemeinsames Angebot des Bundesverbandes Hochschulkommunikation und von Wissenschaft im Dialog. Für die rechtliche Expertise wird der Scicomm-Support mit einem Projekt der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius kooperieren, an dem auch die Bucerius Law School beteiligt ist. Am Aufbau und an der Begleitung des Scicomm-Supports ist zudem HateAid wesentlich beteiligt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sind Partner des Scicomm-Supports.

Nähere Informationen – auch zu den weiteren Institutionen, die die Anlaufstelle unterstützen – auf der Website:
"scicomm"

20.01.2022 10:53
Mobbing und unfaire Attacken aus Langeweile
"Aus lauter Langeweile macht man manchmal ziemlich sinnlose Sachen. Aber nicht nur das: Forschende aus Dänemark haben jetzt Hinweise, dass Langeweile sadistisches Verhalten auslösen kann – wie Mobbing, Beleidigungen oder auch körperliche Misshandlungen.

Die Forschenden der Uni Aarhus haben sich für ihre Untersuchung neun Studien zum Thema Sadismus angeschaut. Bei einer der Studien ging es um das Verhalten von Menschen im Netz. Dabei gaben die Befragten an, häufiger Troll-Nachrichten zu verfassen, wenn sie sich langweilen. Bei einer anderen Studie zur Persönlichkeitsanalyse erklärten die Teilnehmenden, anderen häufiger absichtlich Schaden zuzufügen, wenn sie sich langweilten. Die Forschenden aus Dänemark schauten sich aber nicht nur Studien an, die auf Selbstauskünften beruhten. Sie bezogen auch welche mit ein, in denen Experimente gemacht wurden. Bei einer Studie guckten sich Freiwillige zum Beispiel Videos an, von denen einige langweiliger waren als andere. Während sie das machten, durften sie Maden durch eine Kaffeemühle drücken. Ergebnis: Diejenigen, die sich die langweiligeren Videos angeschaut hatten, zermahlten die meisten Maden.

Die Forschenden vermuten, dass Menschen versuchen, die negativen Gefühle der Langeweile mit dem sadistischen Verhalten abzuschwächen".

Mobbing und unfaire Attacken aus Langeweile? Schon vor Jahrzehnten hat Eric Berne, der Begründer der tiefenpschologischen Transaktionsanalyse, gezeigt, wie aus Langeweile und Zeitvertraut destruktive Kommunikation in Beziehungen und Organisationen entstehen. Die "Spiele der Erwachsenen" können Partnerschaften und Organisationen dauerhaft beschädigen und zerstören. Da hilft nur, eine faire Beziehuns- und Organisationskultur aufzubauen, zu schützen und alle Beteiligten durch Weiterbildung mit Fairness-Kompetenz auszustatten.

"Wie Mobbing und unfaire Attacken starten"
"Nova über die Studie"

15.01.2021 12:44
50 Jahre „Gerechtigkeit als Fairness“ – der Meilenstein des 20. Jahrhunderts für unsere Gegenwart
In der Süddeutschen Zeitung (12.1.21) erinnert Gustav Seibt an die einflussreichste moralphilosophische Schrift des atlantischen Westens im späten 20. Jahrhundert, das vor 50 Jahren erschienen ist. Nun sind „sozialpolitische Kosten-Nutzen-Rechnungen in der Pandemie wieder aktuell: Sterben Alte und Kranke nicht sowieso?“, fragt Seibt. Er nennt John Rawls' Buch „Gerechtigkeit als Fairness“ ein aktuell passendes Werk. Und stellt bei seiner Rezension zugleich die neue zweisprachige Ausgabe von Reclam vor:

Die „Ausstrahlung reicht inzwischen sogar darüber hinaus, denn Rawls hat es später um eine politische Philosophie ergänzt, der es vor allem um das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen, Religionen und Weltanschauungen in liberalen Gesellschaften geht. Damit ist auch die Frage gestellt, wie auf der Basis von so unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsame Vorstellungen von Gerechtigkeit entwickelt und aufrechterhalten werden können. Dieses Thema wird das 21. Jahrhundert weiter begleiten.

Die "Theorie der Gerechtigkeit" hat einen einfachen und weitreichenden Grundgedanken, den Rawls schon ein Jahrzehnt vor seinem umfangreichen Buch in einem längeren Aufsatz formuliert hat. Er erschien 1958 unter dem Titel "Gerechtigkeit als Fairness" ("Justice as Fairness") in The Philosophical Review. Reclam hatte jetzt die schöne Idee, diesen Urtext in einer zweisprachigen, detailliert kommentierten Ausgabe vorzulegen. Die Übersetzung ist nicht nur sprachlich sehr gelungen, sie stellt auch eine Hilfe beim Verständnis des Originaltextes dar, weil sie durch in Klammern gesetzte Wiederaufnahmen von Begriffen syntaktische Bezüge in Rawls' zuweilen langen, komplex aufgebauten Sätzen verdeutlicht.

Lang sind diese Sätze, weil sie die Argumente schon im Entstehen gegen Einwände absichern oder durch beispielhafte Anwendungen erläutern. Die Prosa von Rawls ist konzentriert und luzide, und das lässt eine Übersetzung besonders schön hervortreten. Dem zu folgen, bereitet großes Vergnügen, auch weil Rawls philosophiegeschichtlich wenig voraussetzt, obwohl er sich doch immer wieder auf ältere Traditionen, etwa das Vertragsdenken oder Kant anspielt. Der neugierige Leser kann sich aber ganz dem Text überlassen.

Gerecht sind nur Ordnungen, denen alle daran Teilnehmenden zustimmen können

Rawls geht es nicht um gerechte Handlungen, um Gerechtigkeit als individuelle Tugend. Er fragt vielmehr nach der Gerechtigkeit gesellschaftlicher, politisch-sozialer Ordnungen. Diese Ordnungen betreffen nicht nur Individuen, sondern auch Verbände, beispielsweise Familien, juristische Personen, Institutionen oder sogar Staaten. Vorausgesetzt ist die Verschiedenheit der Teilhaber an solchen Ordnungen. Gerechtigkeit wird ja überhaupt erst zum Problem, wenn Menschen oder ihre Verbände erst einmal unterschiedlich und ungleich sind. Das Spannungsfeld, in dem Gerechtigkeit hergestellt werden soll, liegt zwischen der Autonomie oder Freiheit solcher Teilnehmer einerseits und dem Nutzen für alle diese Teilnehmer andererseits.

Dabei müssen zwei Hauptfragen beantwortet werden: erstens die nach der sogenannten Verteilungsgerechtigkeit, also der Zuteilung von Gütern, Chancen, Rechten und Pflichten an die Teilhaber einer Gerechtigkeitsordnung; zweitens die nach dem Nutzen für alle Beteiligten.

Mechanische Verteilungsgerechtigkeit ist schwierig in einer Gesellschaft Verschiedener, ihre Folge kann leicht die Beschneidung individueller Bedürfnisse und persönlicher Freiheit sein. Und eine Berechnung des Gesamtnutzens, die Vor- und Nachteile einfach über die Köpfe der Teilnehmer hinweg zusammenaddiert, kann höchst ungerechte Auswirkungen haben. So können ökonomische Überlegungen dahin führen, dass Sklaverei zwar im Einzelnen großes Leid erzeugt, dieses aber in der Summe durch den Nutzen an anderer Stelle übertroffen wird.

Solche utilitaristischen Überlegungen spielen in der aktuellen Pandemie wieder eine gewisse Rolle, wenn vorgerechnet wird, dass der Schutz von Vulnerablen in keinem Verhältnis zu den wirtschaftlichen, aber auch psychologischen Schäden an anderen Stellen der Gesamtgesellschaft durch die Schutzmaßnahmen stünden. Sterben Alte und Kranke nicht immer und sowieso? Warum müssen dafür Jugendliche, Geschäftsleute oder Künstler leiden? Werden unterm Strich nicht sogar mehr Lebensjahre verspielt als gewonnen?

Rawls hält solche Berechnungen für prinzipiell falsch. Gerecht sind für ihn nämlich nur Ordnungen und Einrichtungen, denen alle daran Teilnehmenden zustimmen können, unabhängig von der Frage, welche Position sie in dieser Ordnung innehaben. Es geht immer um Wechselseitigkeit. Man müsste, um beim pandemischen Beispiel zu bleiben, also danach fragen, ob man die Kosten-Nutzen-Rechnung auch dann akzeptieren würde, wenn man selbst alt, gebrechlich oder vorerkrankt wäre. Oder, um zum Beispiel von Rawls zurückzukehren: Würde man mit der Aussicht, selbst Sklave werden zu müssen, der Institution der Sklaverei aus gesamtgesellschaftlichen Vorteilserwägungen zustimmen?

Im Mittelpunkt stehen die Vorteile aller Einzelnen

Diese Frage lässt sich auch für andere Verteilungsfragen stellen. Die Menschen sind nicht nur verschieden nach Anlagen, Motivationen, Herkünften, sie leben und kooperieren auch arbeitsteilig. Ungleichheiten sind so unvermeidlich wie meist auch lebensdienlich. Die Gesellschaft ist auf Leistungsanreize und Tauschgeschäfte angewiesen, und dieses Zusammenwirken Verschiedener ist, wenn es gerecht zugeht, zum Vorteil jedes einzelnen Teilnehmers. Dieser Vorteil aller, nicht der Kollektive, sondern aller Einzelnen, ist jene "Fairness", die für Rawls das entscheidende Kriterium der Gerechtigkeit darstellt.

Es geht also um ein Prinzip. Die Umsicht, mit der Rawls es schon in dem ersten Aufschlag von 1958 formuliert, zeigt ein hohes Bewusstsein für die Komplexität der Ausbuchstabierung und der Anwendungen in der sozialen Wirklichkeit. Chancengerechtigkeit, also die prinzipielle Möglichkeit für jeden, nach seinen Fähigkeiten alle Positionen in einer Gesellschaft zu erreichen, auch die "höchsten", angesehensten, am besten dotierten, bleibt angesichts sehr unterschiedlicher gewachsener Startbedingungen ein nur annäherungsweise erreichbares Ziel.

Die enorme Wirkungsgeschichte von Rawls' Gedanken hat mit dem Anwendungspotenzial zu tun, das er eröffnet. Die Spannung von individueller Autonomie und von allen geteilten Vorteilen in einer für alle akzeptablen Ordnung muss immer wieder neu "ausgehandelt" werden. "Aushandeln" mag ein aktuelles Modewort sein, aber immerhin erinnert es an den ehrwürdigen Hintergrund von Theorien des Gesellschaftsvertrags, an die Rawls' genial-einfacher Begriff der Fairness - deutsch käme ihm wohl die alte "Billigkeit" am nächsten - anknüpft.<<

John Rawls: Justice as Fairness/Gerechtigkeit als Fairness. Aus dem Englischen von Corinna Mieth und Jacob Rosenthal. Reclam. Ditzigen 2020. 174 Seiten, 6,80 €

"Die zentralen Thesen John Rawls - siehe Titel unter Pkt. 2"

21.01.2019 11:29
Überschätzte KI und digitale Krise - künstliche Intelligenz löst keine realen Probleme
Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx hält das Thema Künstliche Intelligenz für ziemlich überschätzt. Es sei "eine Art Fetisch geworden – ein Hype, der gefährliche Illusionen schafft", sagte der Soziologe und Leiter des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Die meisten realen Probleme sind viel zu komplex und "lebendig", als dass sie von Datensystemen gelöst werden können." Das gelte auch fürs autonome Fahren.

Es sei Zeit für eine "digitale Ehrlichkeit": "Computer und Roboter können weder die Pflege regeln, noch Armut mildern, noch den Verkehr entstauen. Dazu brauchen wir intelligentere soziale, humane Systeme."

Digitale Krise
Die Social-Media-Kanäle sieht Horx in einer digitalen Krise. "Die sozialen Medien machen Menschen süchtig nach sozialer Bestätigung. Der "Like"-Button wirkt auf die Seele etwa so wie Zucker auf den Organismus", sagte er. "Aber das sind leere seelische Kalorien. Sein Leben auf dem Netz auszubreiten, führt irgendwann zu einem Selbstdarstellungs-Narzissmus, der schnell in Depression und Selbstzweifel umkippt."
Hinzu kämen in den Sozialen Netzwerken Hass und Angriffe auf die Demokratie. "Deshalb verlieren Facebook und Co. derzeit viele Millionen Nutzer. Der Höhepunkt der digitalen Illusion ist überschritten, jetzt geht es um eine neue Phase, eine humanistische Digitalisierung", sagte Horx.

Radikale Ehrlichkeit und positive Faszination-Themen

Der Forscher sieht auch einen Trend zur radikalen Ehrlichkeit. Firmen versuchten, radikal ehrlich mit sich selbst und ihren Mitmenschen umzugehen. "Dazu gibt es bereits eine gleichnamige Psychologiebewegung, aber auch in den Firmenstrategien wird der Trend sichtbar, besonders nach den Erfahrungen mit den Banken und dem Dieselskandal. Immer mehr Firmen überprüfen ihre ökologische, kommunikative, substanzielle Glaubwürdigkeit. Weil sie sonst schweren Schiffbruch erleiden", befand Horx. Als Beispiele nannte er die Deutsche Bank oder VW. "Ehrlichkeit ist aber wahnsinnig schwer, weil wir den ganzen Tag damit beschäftigt sind, uns selbst und anderen etwas vorzumachen."

Horx hofft nach eigener Aussage darauf, dass im neuen Jahr statt "Hysterie- und Populismus-Themen wie "Terror/Armut/Migration"" positive Faszinations-Themen hervorkommen. "Im Jahr 2019 jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal. Ich kann mir vorstellen, dass eine neue Weltraumsehnsucht aufkommt, ein Space Age 2.0. Menschen suchen wieder den Weg ins Offene", sagte er.

Lust auf Veränderung
Der sehr heiße Sommer 2018 habe vielen Menschen klargemacht, dass die globale Erwärmung etwas in deren Leben verändere. "Vor allem Jüngere sind heute änderungsbereiter denn je, was Ernährung, Lebensstil und Mobilität betrifft", sagte Horx. "Und sie haben auch Lust auf diese Veränderung, nicht nur Angst oder Unwille. Es wird in den nächsten Jahren eine neue Jugendrevolte mit ökologischen Themen geben."
Der Zukunftsforscher sieht zudem eine Bewegung in Richtung Landleben: "Das ist die progressive Provinz: Nach dem Trend in die Städte geht es in der nächsten Phase wieder zurück aufs Land, in Regionen, die sich weltoffen und kreativ zeigen", sagte er.

Zur Person: Matthias Horx (63) ist Soziologe, Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum und Dozent für Trend- und Zukunftsforschung an mehreren Universitäten

02.09.2016 10:02
Reinhard Selten: Nobelpreisträger für Wirtschaft gestorben
Der einzige deutsche Nobelpreisträger für Wirtschaft, Prof. Dr. Reinhard Selten, ist mit 85 Jahren verstorben. Er war 2006 zusammen mit Prof. Dr. Gerald Hüther und Prof. Dr. Dieter Frey Haupt-Redner beim Internationalen Fairness-Forum der Fairness-Stiftung in Frankfurt am Main gewesen. Die 250 Zuhörer waren von seinen Ausführungen und von zentralen Gedanken tief beeindruckt.

Prof. Selten zeigte: Das Handeln eines Spielers in einem Spiel wird nicht als egoistisch oder altruistisch, sondern als kooperativ oder nicht-kooperativ bezeichnet. Und in der Publikumsrunde rief Prof. Selten auf die Frage, wie man mit unfairen Akteuren verfahren solle, dazu auf, ihnen die Chance zu weiteren unfairen Aktionen zu nehmen, indem man sie outet, bekannt macht und ihnen so den Wirkungsraum nimmt. Doch nur, wer bereit sei, auch ein Risiko einzugehen, könne unfaire Akteure wirklich stoppen.

Reinhard Selten wurde gemeinsam mit dem legendären John Nash ausgezeichnet. Selten starb bereits am 23. August im polnischen Posen, wie die Universität Bonn am Donnerstag mitteilte. Er sei einer "der bedeutendsten deutschen Wissenschaftler mit höchster internationaler Reputation" gewesen, teilte der Rektor der Universität Bonn, Michael Hoch, mit. Die Hochschule werde "dieser herausragenden Persönlichkeit stets ein ehrendes Andenken bewahren". Der Deutsche war 1994 für seine Leistungen auf dem Gebiet der Spieltheorie mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft ausgezeichnet worden, gemeinsam mit John Harsanyi und dem legendären US-Ökonomen John Nash, dessen Leben 2001 verfilmt wurde ("A Beautiful Mind"). Der Film wurde mit vier Oscars ausgezeichnet.

Selten wurde 1930 im damals deutschen Stadt Breslau geboren. Er hatte zunächst Mathematik in Frankfurt am Main studiert, wo er 1961 auch promovierte. Nach einer Gastprofessur im kalifornischen Berkeley habilitierte er sich 1968 in Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt.

Nach Professuren in Berlin und Bielefeld kam er 1984 nach Bonn. Er war nach Angaben der Uni noch bis vor Kurzem auf dem Feld der Experimentellen Wirtschaftswissenschaft in der Forschung aktiv.

"Prof. Selten beim Internationalen Fairness-Forum 2006 der Fairness-Stiftung"

20.06.2016 16:04
Gesundheitsinfo fair und verständlich
40 Millionen Menschen informieren sich regelmäßig im Internet über gesundheitliche Themen. Dabei wird oft auf gesundheitliche Websites zurückgegriffen, die nicht als Werbeträger der Pharma- und Medizinindustrie und ihrer Lobbyorganisationen erkennbar sind. Es gibt auch etliche hysterische und alarmistische sogenannte Selbsthilfe-Portale und –foren, die ebenfalls zur Verwirrung der medizinischen Laien beitragen. Abgesehen von reinen Propaganda-Seiten, die ausschließlich eine Sichtweise, Behandlungsmethode oder Medizin zum Allheilmittel erheben. Diese Informationen sind in Teilen nicht seriös genug, sondern pushen bestimmte Themen, Medikamente oder medizinische Verfahren aus ideologischen oder finanziellen Motiven. Doch es gibt durchaus seriöse Informationsportale zu gesundheitlichen Fragen, die übrigens viele Ärzte auch nicht kennen. Hier eine Auswahl fairer Gesundheitsinformationen:

Auf einem doppelseitigen A4-Blatt finden Sie auf einen Blick alles Wissenswerte zu ausgewählten Krankheitsbildern oder Gesundheitsthemen. Zudem werden Hinweise zu Anlaufstellen und Beratungsmöglichkeiten vermittelt:
"Patienten-Information"

Handlungsempfehlungen für Ärzte sind Leitlinien. Im klinischen Alltag jedoch entscheiden Ärzte und Patienten gemeinsam über das angemessene Vorgehen. Hochwertige Leitlinien sollen daher die Patientenperspektive berücksichtigen. Sie beteiligen Patienten auf zwei Ebenen: Erstens gehören Patientenvertreter der Leitliniengruppe an und arbeiten an der Erstellung mit. Und zweitens werden die Inhalte der Leitlinien in einer allgemein verständlichen Patientenversion zur Verfügung gestellt. So können Patienten ihre Entscheidungen auf gesichertes Wissen gründen. Auf dieser Seite erfahren Sie mehr über Patientenbeteiligung und Patienteninformation zu Leitlinien:
"Leitlinien für Patienten verständlich"

Aktuelles Wissen und Hilfe bei der Krankheitsbewältigung. Am Telefon oder per E-Mail gibt es individuelle Informationen. Und es gibt Infos, wie Sie sich vor Krebs schützen können:
"Alles über Krebs, Vorbeugung, Behandlung, Leben mit Krebs"

Der aktuelle Stand des medizinischen Wissens:
Wir sichten und erklären – nach und nach – den Bestand des medizinischen Wissens. Wir fragen Patientinnen und Patienten nach ihren Erfahrungen. Wir prüfen und aktualisieren unsere Informationen regelmäßig. Und wir sind frei von Werbung:
"Kritische Informationen über medizinisches Wissen, medizinische Erfahrungen und Methoden"

Hier können Sie Ihren ärztlichen Befund kostenlos von Medizinstudenten in eine für Sie leicht verständliche Sprache übersetzen lassen. Bitte beachten Sie, dass Ihre Einsendung nur einen Befund umfassen darf,
der einen Umfang von maximal zwei DIN-A4-Seiten hat:
"Übersetzungshilfe bei Diagnosen: So verstehen Sie, was wirklich gemeint ist"

12.06.2015 12:37
Wie man seine Fairness unterläuft
In Entscheidungen, von denen Menschen betroffen sind, fair zu sein, versteht sich fast von selbst. Glauben jedenfalls Viele, vor allem von sich selbst. Fakt ist jedoch, dass wir Menschen sehr inkonsistent in unserem Urteil sind. Und dazu neigen, zu unterschiedlichen Zeiten und Gelegenheit mitunter gegenteilig zu entscheiden. „Wer montags hü sagt, sagt dienstags hott“ schreibt Daniel Rettig in der Wirtschaftswoche über neue Erkenntnisse der Verhaltensökonomie.

„Das zeigt jetzt eine noch unveröffentlichte Studie von Ökonomen um Daniel Chen von der ETH Zürich. Zum einen analysierte er mehr als 106.000 Entscheidungen von 412 amerikanischen Asylrichtern aus den Jahren 1987 bis 2013 – und entdeckte einen bedenklichen Zusammenhang: Die Richter lehnten ein Asylgesuch mit höherer Wahrscheinlichkeit ab, wenn sie dem vorherigen Gesuch stattgegeben hatten – unabhängig vom Einzelfall.

Wann Überzeugungen zu Handlungen führen
Ohne einen erkennbaren, individuellen, hohen und relativ sicheren Gewinn, ändert kein Mensch sein gewohntes Verhalten. Dieser Gewinn muss und sollte nicht nur materiell sein. Materielle Belohnungen wirken schnell und sättigen schnell. Sozialer Gewinn (zum Beispiel Anerkennung) wirkt nachhaltiger. Die einzige nicht sättigende Belohnung ist die intrinsische, die man sich selbst gibt.
Umsetzung
Ins Blaue hinein ändern wir unser Leben nicht gern. Die Umsetzung der Neuerung muss daher klar vorgezeichnet und praktikabel sein.
Vorbilder
Pioniere können und wollen nur die wenigsten Menschen sein. Die meisten anderen brauchen Vorbilder, denen sie nacheifern können. Und die müssen vor allem glaubwürdig sein.
Hindernisse
Die erwartbaren Widerstände gegen das neue Leben sollten nicht zu groß sein. Das Festhalten an Gewohntem trägt eine starke Belohnung in sich. Der Anreiz muss doppelt so stark sein, wie die Bremskräfte.
Mehr noch: Hatten sie zwei Gesuche in Folge erlaubt, lehnten sie das nächste mit einer 2,1 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit ab. Dieselbe Beobachtung machte Chen bei indischen Sachbearbeitern. Sie lehnten einen Kredit umso eher ab, wenn sie den vorigen gewährt hatten.

Wer heute hü sagt, wählt morgen eher hott. Unfair? Mit Sicherheit. Unerklärlich? Keineswegs. Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als Spielerfehlschluss (gambler’s fallacy). Dahinter steckt eine Art Irrglaube an ausgleichende Gerechtigkeit. Nach dem Motto: Wenn die Münze zwei Mal hintereinander „Kopf“ zeigt, ist beim dritten Mal „Zahl“ wahrscheinlicher – obwohl sich die Wahrscheinlichkeit nicht verändert hat“.

Wer also fair, vor allem als Chef oder Chefin, Entscheidungen treffen will, sollte sich seine Vorgehensweise sehr bewusst machen und für faires Verhalten sorgen. Am besten gelingt das, indem man selbst über seine Entscheidungen gewissermaßen ‚Buch führt‘ und so Muster, unbeabsichtigte Gesetzmäßigkeiten und heimliche Regeln erkennt, die einem fairen und fundierten Vorgehen abträglich sind.

"Daniel Rettig Artikel in der Wirtschaftswoche über unfaires Verhalten"

12.09.2014 13:36
Gibt es eine Fairness-Zentrale im Kopf?
Offenbar hat der Mensch eine „Fairness-Zentrale im Kopf“. So bringt Daniela Zeibig, Wissenschaftsjournalistin und Redakteurin bei „Gehirn & Geist“ ein neues Forschungsergebnis von Hirnforschern auf den Punkt. Denn diese Forscher „haben nun jene Region im Gehirn ausfindig gemacht, die entscheidend mitbestimmt, wie fair wir uns anderen gegenüber verhalten.

Der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC) ist eine Region an der Stirnseite des Gehirns, die unter anderem beim Konfliktlösen, Vorausplanen und bei der Entscheidungsfindung aktiv wird. Ist sie beschädigt, dann verhalten wir uns offenbar auch weniger fair gegenüber anderen Menschen und sind stärker auf unseren eigenen Vorteil bedacht. Das fanden nun Forscher um Ming Hsu von der University of California in Berkeley heraus.

Hsu und seine Kollegen ließen einige Probanden ein Wirtschaftsspiel spielen. Ein Teil der Versuchsteilnehmer litt an einer Schädigung des DLPFC, andere hatten wiederum mit einer Verletzung des so genannten orbitofrontalen Kortex (OFC) zu kämpfen, einer Hirnregion, die sich in der Nähe des DLPFC befindet. Die Kontrollgruppe bestand schließlich aus völlig gesunden Probanden.

Im Rahmen des Spiels mussten die Versuchspersonen einem anonymen Partner Tipps geben, wie er – und der Proband selbst – eine möglichst hohe Geldsumme einstreichen konnte. Ab und zu hatten die Teilnehmer allerdings die Möglichkeit, einen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen, wenn sie ihren Kollegen aufs Glatteis führten und absichtlich mit falschen Informationen versorgten. In diesem Fall bekamen die Versuchspersonen mehr Geld, der andere dafür aber wesentlich weniger. So konnten die Wissenschaftler testen: Wer verhält sich fair und ehrlich – und wer ist eher ein Egoist?

Das Ergebnis war schlussendlich recht eindeutig: Während sich Kontrollgruppe und Versuchsteilnehmer mit einem beeinträchtigten OFC gleichermaßen aufrichtig verhielten, spielten die Probanden, deren DLPFC beschädigt war, wesentlich öfter unfair und sammelten mehr Geld für sich selbst. Hsu und seine Kollegen schließen daraus, dass der dorsolaterale präfrontale Kortex eine wichtige Rolle bei Entscheidungen spielt, in denen wir Ehrlichkeit über unsere eigenen Interessen stellen und uns für den Weg der Fairness entscheiden. Arbeitet dieses Areal nicht mehr richtig, handeln wir dementsprechend selbstsüchtiger.

Zu einem ähnlichen Schluss kamen in der Vergangenheit auch Studien, die mit verschiedenen bildgebenden Verfahren einen Blick in die Gehirne von gesunden Versuchspersonen warfen und die Aktivität bestimmter Areale im Entscheidungsprozess nachverfolgten. Ein kausaler Zusammenhang ließ sich so aber nicht belegen. Die Ergebnisse von Hsu und Kollegen machen in dieser Hinsicht nun einen vielversprechenderen Eindruck. Allerdings weisen die Forscher darauf hin, dass bei ihren Versuchsteilnehmern durch die Verletzung des DLPFC auch angrenzende Hirnregionen oder Nervenverbindungen in Mitleidenschaft gezogen worden sein könnten. Und diese haben möglicherweise ebenfalls ein Wörtchen dabei mitzureden, ob wir uns fair verhalten oder eben nicht“.

Insofern ist auch dieses Ergebnis mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Denn mit der Zeit können Zusatzerkenntnisse entstehen, die die Sichtweise modulieren. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass es in unserem Gehirn Areale gibt, die für die Entscheidung zur Fairness zuständig sind.

"Gehirn & Geist über Fairness"

"Dazu das Center for Economics and Neuroscience (CENs) der Universität Bonn"

18.01.2013 11:19
Woran entscheidet sich die Fairness?
Gerät ein wichtiges Fairness-Experiment der Fairness-Forschung ins Zwielicht? Für den Deutschlandfunkt berichtet Volkart Wildermuth von zwei entgegengesetzten Versuchsergebnissen, die bei Experimenten mit Schimpansen erzielt wurden. Hat es mit Geographie zu tun: die eine Schimpanensengruppe in Leipzig, die andere in Atlanta? Oder hat es mit echten Rosinen und Bananen aus Plastik zu tun?

"Kein Fairplay bei Schimpansen“, das berichteten Forscher in einer Verhaltensstudie aus dem Jahr 2007. Nun schreiben US-Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "PNAS" das Gegenteil: Die Tiere sind sehr wohl fair. Kurios: Beide Forschergruppen verwendeten das gleiche Messinstrument - das sogenannte Ultimatum-Spiel.

Auf dem Tisch: sechs dicke Scheiben einer Banane. Davor, in getrennten Käfigen, sitzen zwei Schimpansen. Der eine kann zwischen zwei bunten Plastikstücken wählen. Das erste steht für eine faire Aufteilung, das zweite für eine unfaire, erläutert Dr. Darby Proctor von der Georgia State Universität in Atlanta.

"Wir haben Symbole für die Schimpansen gemacht. Bei dem einen werden die Bananen halbe-halbe geteilt, beim anderen erhält der aufteilende Schimpanse den Großteil der Bananenstücke."

In einer ersten Runde der Experimente suchte sich der erste Schimpanse eines der Plastikstücke aus und Darby Proctor teilte die Bananenstücke entsprechend auf, entweder drei für jeden, oder fünf für den ersten und nur eines für den zweiten Schimpansen. Dieser konnte bei der ganzen Transaktion nur zusehen. In der nächsten Runde mussten die beiden Schimpansen kooperieren. Der erste wählte das Plastikstück aus und reichte sie seinem Artgenossen. Nur wenn der es an Darby Proctor weitergab, erhielten beide Bananen, wieder in der vom ersten Affen gewählten Aufteilung.

"Wenn der Schimpanse im Nachbarkäfig aktiv beteiligt war, gab es viel großzügigere Angebote. Wenn er dagegen nur passiv dabeisaß, waren die Schimpansen deutlich selbstsüchtiger."

Darby Proctor hat vergleichbare Experimente auch mit Vorschulkindern gemacht, mit ähnlichen Ergebnissen.

"Wir schließen aus den Ergebnissen, dass Schimpansen und Menschen einen ähnlichen Sinn für Fairness besitzen. Und dass die evolutionäre Geschichte der Fairness mindestens zurückreicht bis zu den gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Schimpansen."

Ganz andere Ergebnisse erzielte 2007 Dr. Keith Jensen am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. In seinem Experiment ging es um Rosinen. Der erste Schimpanse konnte damals wählen zwischen einem Tablett mit zwei Mal fünf Rosinen, das war das faire Angebot, und einem, bei dem er acht Rosinen erhielt und der Partner nur zwei. Um die Rosinen aber tatsächlich zu erhalten, musste der zweite Affe auch hier kooperieren.

"Meist haben sie acht Rosinen behalten und dem anderen zwei überlassen - und das wurde von den Partnern akzeptiert."

Nur wenn sie gar nichts abbekommen sollten, lehnten die meisten Schimpansen das Angebot ab. Damit verhalten sie sich ganz anders als Menschen, die lieber auf einen kleinen Gewinn verzichten, als eine unfaire Aufteilung zu akzeptieren.

Schimpansen haben wenig Sinn für Fairness, schloss Keith Jensen seinerzeit aus seinen Ergebnissen. Weder machen sie faire Angebote, noch lehnen sie unfaire Angebote ab. In Leipzig denken Schimpansen offenbar vor allem an den eigenen Vorteil, während sie in Atlanta großzügig sind. Das kann so nicht stimmen und so kritisieren die beiden Gruppen gegenseitig ihre Experimente. Darby Proctor glaubt, dass der direkte Umgang mit den leckeren Rosinen bei den Schimpansen in Leipzig jedes Gefühl für Fairness überlagert hat.

"Für Schimpansen ist es sehr schwer, Futter zu ignorieren. Deshalb haben wir ja die symbolischen Plastikstücke verwendet. Das gab den Affen Gelegenheit, die Situation ruhig zu beurteilen, ohne ihren starken Wunsch nach Essen unterdrücken zu müssen."

Das würde darauf hinauslaufen, dass Schimpansen durchaus fair sein können, nur nicht, wenn es direkt um Leckereien geht. Keith Jensen kontert, dass in Atlanta kaum Kontrollversuche gemacht wurden, so dass die Ergebnisse schwer zu interpretieren sind.

"Es ist nicht offensichtlich, dass die Schimpansen durch Fairness motiviert waren. Es gäbe auch andere Erklärungen. Es ist völlig unklar, was die Schimpansen eigentlich machen."

Die Forscher argumentieren mit harten Bandagen. Mit Sicherheit lässt sich bislang nur eines sagen: Schimpansen können großzügig sein, aber Fairness als soziale Regel verstehen sie wohl nicht. Sie würden nie auf Rosinen oder Bananen verzichten, nur um sich gegen ein unfaires Angebot zu wehren".

Spielt in der Fairness also auch der qualitative Unterschied eines umstrittenen Guts eine Rolle? Und deren gesellschaftliche Bewertung in bestimmten Gruppen? Die Fairness-Forschung hat noch viele Fragen und viel Arbeit vor sich.

Deutschlandradio:
"FORSCHUNG AKTUELL - Fairness unter Affen"
Audiobeitrag "FORSCHUNG AKTUELL - Fairness unter Affen"

06.12.2010 15:02
Religion begünstigt Bestrafung unfairer Akteure
Ohne Fairness, Kooperation und Wahrhaftigkeit kann das menschliche Zusammenleben nicht funktionieren. Entscheidend ist jedoch vor allem, dass möglichst viele Menschen bereit sind, unfaires Verhalten zu bestrafen. Und zwar ohne Rücksicht auf eigenen Nachteile. Werden etwa unfaire Geschäftspraktiken angesprochen, kann es mit dem entsprechenden Geschäftspartner kein Geschäft geben. Machen Schüler einen Lehrer auf unfaires Verhalten im Klassenzimmer aufmerksam, kann sich das nachteilig in der Note niederschlagen. Wird ein Vorgesetzter auf unfaire Entscheidungen hingewiesen kann es sein, dass er den Mitarbeiter dafür mit Aufgaben überhäuft. Und ein Mitarbeiter, auf unfaires Vorgehen angesprochen, mindert seine Leistung, ohne dass dies nachgewiesen werden kann.

Der in diesem Jahr mit dem Deutschen Fairness Preis ausgezeichnete Fairness-Forscher Prof. Dr. Ernst Fehr von der Universität Zürich hat durch empirische Experimente herausgefunden, dass religiöser Glaube dabei hilft, eigene egoistische Impulse abzuwehren. Dadurch wird der Weg frei für eigenes faires Verhalten und für altruistische Strafen: Menschen mit Kritik an unfairem Verhalten konfrontieren, auch wenn dadurch Nachteile für den Kritiker entstehen sollten. Denn faktisch ist es so: Religiöse Menschen bestrafen häufiger unfaires Verhalten, auch wenn sie selbst dafür Nachteile erleiden.

Der Glaube an mächtige, moralisierende Gottheiten hilft dabei. Wer glaubt, dass eine allwissende, übernatürliche Macht von ihm erwartet, faire Verhaltensnormen einzuhalten und durchzusetzen, wird dies auch eher tun. Neueste Erkenntnisse weisen darauf hin, dass religiöse Personen die Regeln der Fairness eher aufrechterhalten und sich eher an prosozialem Verhalten beteiligen. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie zur Erlangung eines Vorteils betrügen.

Dass ein religiöser Hintergrund förderlich dafür ist, Regeln der Fairness durchzusetzen, hatte bis jetzt noch niemand bewiesen. Aus diesem Grund untersuchte das Forschungsteam um den Ernst Fehr, Charles Efferson (beide Universität Zürich), Ryan McKay (Royal Holloway der Universität London) und Harvey Whitehouse (Universität Oxford) die Auswirkung von Religion auf die Bestrafung unfairen Verhaltens, bei der eigene Nachteile in Kauf genommen werden.

Dieses Ergebnis der empirischen Experimente lässt auf einen Mechanismus schliessen, der Normen der Fairness in großen, anonymen Gruppen festigt. Religiöse Menschen bestrafen, weil sie denken, dass die übernatürliche Macht dies von ihnen erwartet und sie diese nicht enttäuschen wollen. Wenn der Glaube an eine übernatürliche Macht das kooperative Verhalten innerhalb einer Gruppe stärkt, dann sichern Religionen einer immer grösser werdenden Anzahl von Anhängern das Überleben und Gedeihen. Auf diese Weise tragen diese Religionen auch zu ihrem eigenen Überleben bei. Und entwickeln sich selbst zu prosozialen Religionen weiter.

Welche Folgen jedoch ein Gottesbild hat, in dem eine strafende Gottheit kein Rolle (mehr) spielt, hat die Forschercrew um Ernst Fehr nicht untersucht. Ebenso wenig, wenn Menschen glauben, dass die Gottheit in ihrem Verständnis keine Bestrafung von Missetätern erwartet, sondern ‚über Gute und Böse die Sonne scheinen lässt‘.

Literatur:
Ryan McKay, Charles Efferson, Harvey Whitehouse and Ernst Fehr: Wrath of God: religious primes and punishment, in Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2010.2125
http://www.fairness-stiftung.de/Preisverleihung2010.htm


17.05.2010 13:20
Fairness für Herz-Typen
Das Herz geht in die Knie, wenn die Arbeit überhand nimmt. Das ist die gesicherte Erkenntnis der Whitehall-II-Studie im European Heart Journal (2010; doi: 10.1093/eurheartj/ehq124). Die Whitehall-II-Studie gehört zu den wichtigsten arbeitsmedizinischen Langzeituntersuchungen. Die erste Studie, die 1967 begonnen wurde, hatte gezeigt, dass Beamte der unteren Besoldungsgruppen ein erhöhtes kardiovaskuläres Sterberisiko haben. Die zweite Phase sucht seit 1985 nach den Ursachen dafür.

Dafür wurden mehr als zehntausend staatliche Angestellte im Londoner Regierungsbezirk Whitehall zu ihrem Lebensstil befragt und mit ihrer Erlaubnis Einblick in ihre Krankenakten genommen. Marianna Virtanen von der Forschergruppe des University College London hat den Einfluss der Überstunden an 6.014 Teilnehmern untersucht, die durchschnittlich über 11,2 Jahre nachbeobachtet wurden. Dabei fiel auf: Beamte mit durchschnittlich drei oder vier Überstunden in den Woche zu 60 Prozent häufiger an Herzinfarkten oder Angina pectoris erkrankten, während ein bis zwei Stunden keine Auswirkungen hatten.

Der Grund liegt vermulich darin, dass Überstunden typisch sind für eine Typ-A-Persönlichkeit, deren Vertreter als ehrgeizig, gehetzt, ungeduldig, aggressiv und reizbar beschrieben werden. Im Gegensatz dazu die gelassenen und entspannten Typ-B-Persönlichkeiten, deren Herzen möglicherweise den Stress am Arbeitsplatz besser gewachsen sind, aber auch nicht zu ausufernden Überstunden neigen.

Natürlich sind Typ-A-Persönlichkeiten gern gesehene Mitarbeiter, weil sie viel schaffen, ambitioniert sind und mit einer Aufgabe nicht aufhören, ehe sie nicht erledigt ist. Den Preis dafür zahlen jedoch nicht nur die Mitarbeiter mit Herzbeschwerden, sondern auch die Unternehmen mit krankheitsbedingten Ausfällen und anderen Krankheitsfolgekosten. Eine faire Führung setzt daher klare enge Grenzen für Überstunden, nutzt Typ-A-Persönlichkeiten nicht schamlos aus und sorgt für Ausgleich und Urlaub.

07.05.2009 09:43
Hochleister bevorzugen faire Kooperation
Wo Innovationen in Unternehmen und Forschungseinrichtungen betrieben werden, lassen sich die dabei entstehenden Konflikte am besten durch Kooperation bewältigen. Das ist das Ergebnis einer Forschungsstudie von Professor Dr. Wolfgang Scholz der Humboldt Universität in Berlin. Kooperation verstärkt Handlungskompetenz und vermehrt Wissen.

Nur auf den ersten Blick lässt sich Machtausübung und Machtkampf damit rechtfertigen, die Handlungsfähigkeit zu sichern und zu verteidigen. Die empirischen Befunde der Studie ergeben auf den zweiten Blick ein völlig anderes Bild: Menschen, die Hochleistungen erbringen, setzen eher auf Zusammenarbeit und zeigen weniger Machteinsatz. Je mehr wechselseitige Zusammenarbeit praktiziert wird, desto größer wird die Handlungsfähigkeit. Bei Machtausübung und Machtkämpfen hingegen bleibt die Handlungsfähigkeit deutlich geringer.

Darüber berichtet Wolfgang Scholl in seinem Beitrag: „Konflikte und Konflikthandhabung bei Innovationen“, in: Erich H. Witte, Cara H. Kahl (Hrsg.) Sozialpsychologie der Kreativität und Innovation, Pabst, Lengerich/Berlin 2009.


28.04.2008 11:00
Fairness - was ist denn das?
Das ist die meist gestellte Frage, wenn faires Verhalten gefordert oder vorgeschlagen wird. Mit dieser Gegenfrage hoffen angesprochene Chefs, Mitarbeiter, PR-Leute und Politiker Zweifel zu säen. Wer mit der Erwartung oder Forderung nach Fairness anderen nahe kommt, soll mit der Frage „Was ist denn Fairness?“ distanziert werden.

Die deutsche Bevölkerung hat auf die Frage, was Fairness sei, im Fairness-Barometer eine klare Antwort gegeben. 96 % der repräsentativ Befragten meinten, Fairness sei Rücksichtnahme. 95 % hielten Respekt und Gerechtigkeit für Fairness. Anständigkeit meinten 93 % und Beachtung 92 % (Mehrfachantworten möglich).

Entscheidend ist indes nicht, was andere für Fairness halten. Sondern welche gemeinsamen Vorstellungen über Fairness diejenigen entwickeln, die miteinander verbunden sind: Chefs und Mitarbeiter, Unternehmen und Kunden, Paare in der Partnerschaft, Eltern und Kinder.

Haben Sie schon geklärt, was Sie für Fairness halten?
http://www.fairness-barometer.de/_images/Top_Ten_der_Fairness_2008_800x620.jpg

04.03.2008 11:59
Macht Fairness glücklich?
Fairness macht glücklich. Das ist die Erkenntnis von Wissenschaftlern um den Forschungsleiter Golnaz Tabibnia an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Dank sogenannter Hirnscans - bildgebende Verfahren, um Aktivitäten im menschlichen Gehirn zu beobachten - ließ sich das Gefühlsleben von Testpersonen bei folgendem Test beobachten:
Sie rekrutierten 29 Studenten, denen vor Beginn der Tests erzählt wurde, andere Testteilnehmer hätten bestimmte Angebote zur Aufteilung einer Geldsumme vorgelegt. Akzeptierten sie ihr Angebot, könnten sie das Geld behalten, andernfalls würde keiner der beiden Partner etwas erhalten. Um den Einfluss des finanziellen Gewinns auf die Entscheidung auszuschalten, unterbreiteten die Wissenschaftler den Studenten nur gleichwertige Angebote, wie 7 von 15 und 7 von 23 Dollar.

Bei der drauf folgenden Befragung gaben die Testpersonen an, sich bei fairen Angeboten glücklich und zufrieden gefühlt zu haben, was die Gehirnscans bestätigten: Bei sehr fairen Angeboten war die Aktivität in Gehirnregionen, die mit positiven Gefühlen und Belohnung gekoppelt sind, viel höher als normal. Dies belege, so die Forscher, dass Fairness an sich schon positive Emotionen hervorrufe, unabhängig vom materiellen Gewinn. Der subjektive Eindruck von Fairness, der mit Glücksgefühlen verbunden sei, sei zudem durch die Gehirnscans tatsächlich nachweisbar.

Das heißt: nicht nur der materielle Gewinn befriedigt Menschen in Verteilungs- und Verhandlungssituationen. Ganz unabhängig vom materiellen Ergebnis ist allein die praktizierte Fairness ein stark empfundener immaterieller Gewinn, der den Vorgang lohnend erscheinen lässt.

Und noch etwas fanden die Forscher heraus: Wenn unfaire Angebote mit einem hohen finanziellen Gewinn einhergingen wie bei 7 von 23 Dollar, änderte sich etwas: Der Gehirnteil, der Gefühle reguliert, wird aktiver, während ein anderes Gehirnteil, das negative Effekte hervorruft, ihre Aktivität einschränkte. Auf diese Weise, glauben die Forscher, würden negative Reaktionen auf ein ungerechtes Angebot gedämpft. Die Logik einer sinnvollen ökonomischen Entscheidung kann so über den Stolz triumphieren.

Golnaz Tabibnia et al.: Psychological Science, Band 19, Nr. 4

08.01.2008 10:32
Fairness entsteht, wo Fairness im Fokus steht
Viel entscheidender als man bisher dachte, hängt das faire Verhalten von Menschen von Rückmeldungen ab, die sie von ihrem Umfeld auf ihr Verhalten hin erhalten. Das ist eine Erkenntnis aus der Studie „Fairness im Fußball“, die Mario Hartmann mit den Professoren Claudia Dalbert und Oliver Stoll an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erarbeitet hat. Fairness oder Unfairness von Fußballspielern kann durch das sogenannte Gerechtigkeitsmotiv und durch Gerechtigkeitserfahrungen mit den Schiedsrichtern erklärt werden, die Spieler mit ihnen während des Spiels machen. Andere Faktoren, zum Beispiel das Leistungsmotiv und die Tabellenposition, sind weniger entscheidend.

Claudia Dalbert: "Menschen orientieren sich in ihrem Verhalten häufig an Maßstäben der Gerechtigkeit, sie leiden unter Ungerechtigkeiten, sie fordern Gerechtigkeit ein." Die entsprechenden Prozesse laufen im Gehirn auf einer expliziten und einer impliziten Ebene ab. "Einmal kann man sich vornehmen, gerecht zu handeln, es ist einem wichtig. Auf der anderen Seite gibt es unbewusste Prozesse, da regiert die Intuition. Entscheidend ist hierfür, ob sich jemand selbst gerecht behandelt fühlt."

117 Fußballspieler aus 14 Vereinen (Halle/Saalkreis/Merseburg) haben die halleschen Wissenschaftler befragt, von der Kreis- bis zur Verbandsliga. Die Aussagen, zu denen die Spieler sich äußerten, bezogen sich sowohl auf die Bereitschaft zu unfairen Aktionen wie Fouls und Schwalben als auch Handlungsberichte über Regelverstöße in der Vergangenheit. Eine Rolle spielte auch die Bereitschaft zu informeller Fairness, also fairen Gesten. Als objektiven Indikator zogen die Forscher die Statistik über die tatsächlichen, geahndeten Regelverstöße der betreffenden Spieler in der vorangegangenen Saison heran, indem sie ihre gelben, gelb-roten und roten Karten erfassten.

Es zeigte sich: Die Wahrscheinlichkeit vieler Karten war bei Fußballspielern mit einer hohen Bereitschaft zur Fairness genauso groß wie bei solchen mit einer geringen Bereitschaft zur Fairness. Claudia Dalbert: "Es ist eben nicht so, dass sich die Menschen, die sich fair verhalten wollen, das auch immer tun." Das entscheidende Ergebnis der Studie sieht Dalbert denn auch woanders. "Wir in der Gerechtigkeitspsychologie wissen: Die Rückmeldung über meinen eigenen Wert hat eine große Bedeutung für mein Gerechtigkeitserleben. Gerade in Zwangsgemeinschaften ist das wichtig, und um eine solche handelt es sich auf dem Fußballplatz. Dort stehen 22 Spieler, die sich fragen: Werden wir alle gleich behandelt? Ähnlich geht es Schülern in einer Klasse. Dort ist die entscheidende Person der Lehrer. Wir konnten nun zeigen: Zentraler Faktor für das Gerechtigkeitserleben im Fußball ist der Schiedsrichter." Und ähnlich geht’s auch den Mitarbeiter in einer Abteilung, in einer Firma.

Schiedsrichter haben also eine ausschlaggebende Bedeutung für die Fairnesspraxis auf dem Spielfeld. Eine schiedsrichtende Rolle fällt auch Führungskräften auf den Arbeitsfeldern zu. Ihre Art, Unfairness zu erkennen und zu stoppen sowie faires Verhalten besonders anzuerkennen, bringt mit eigenem fairen Verhalten zusammen einen Schub für die Fairness. Das jedoch will gekonnt und daher gelernt sein.

Zum Weiterlesen: Januar-Ausgabe der „Zeitschrift für Sportpsychologie“.

02.12.2007 11:57
Unfairness fördert Herzinfarkt
In einer aktuellen, umfangreichen britischen Studie an über 8000 Verwaltungsangestellten zwischen 35 und 55 Jahren wurde nachgewiesen: Schikane und Benachteiligung erhöhen direkt und messbar das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Krankheit. Jene Probandinnen und Probanden, die angaben, sich besonders unfair behandelt zu fühlen, wurden mit höherer Wahrscheinlichkeit herzkrank als die Kollegen, die mit ihrem Umfeld zufrieden waren. Je größer die Fremdbestimmung und der Gestaltungsspielraum sind, desto stärker ist die Disposition zu signifikanten Herz-Kreislauf-Schädigungen durch unfaire Behandlung.

Gut gemeinter Rat in dieser Situation ist rasch zur Hand, und oft spüren es die Betroffenen selber: Die Ursache des dauernden Drucks, des Gefühls der Ungerechtigkeit oder des Ausgeliefertseins sollte identifiziert und möglichst behoben werden. «Doch viele Menschen schweigen lieber, weil sie Angst vor Sanktionen haben – im schlimmsten Fall, ihre Stelle zu verlieren», sagt Dr. Roger Weber, Chefarzt der Rehabilitationsklinik Le Noirmont. Während der Rehabilitation würden deshalb Herzinfarktpatienten auf dem Weg zurück in den Berufsalltag von Fachpersonen der Klinik dabei unterstützt, belastende Situationen zu klären. Studien lassen vermuten, dass die Rückkehr in einen stressigen Job einem zweiten Herzanfall Vorschub leistet.

Die Schweizerische Herzstiftung empfiehlt Betroffenen, Probleme anzusprechen. Eine günstige Gelegenheit können die Mitarbeitergespräche sein, die auf das Jahresende hin geführt werden. Ist die Angst zu groß oder die Situation zu verfahren, sollte Rat bei Experten wie der Fairness-Stiftung eingeholt werden.

Probleme am Arbeitsplatz aktiv angehen: das ist die Devise für den Erhalt der eigenen Gesundheit und Arbeitsfähigkeit. Sich weg ducken mindert Kompetenz, Selbstvertrauen und Kraft. Die Erfahrung der letzten Jahre in der Fairness-Stiftung zeigen: Verantwortliche in den Firmen und Organisationen sind inzwischen deutlich sensibler für die Rückmeldungen der Mitarbeiter. Und sie sind bereit, den Beschwerden nachzugehen und Abhilfe zu schaffen. Entscheidend ist, dass Betroffene in richtiger Weise vorgehen und sich nicht selbst dabei ins Unrecht setzen oder auf Eskalation hinwirken.
http://jech.bmj.com/cgi/content/full/61/6/513

28.11.2007 14:28
Fairnessnorm-Verletzung bestrafen?
In einer Studie von Forschergruppen der Universitäten Ulm und Zürich unter der Leitung von Manfred Spitzer und Ernst Fehr wurde die Bereitschaft untersucht, eine Fairnessnorm einzuhalten. Dabei wurde beobachtet, was sich im Gehirn der Menschen abspielt, wenn sie eine soziale Norm verletzen, aber mit einer Strafe für dieses Verhalten rechnen mussten. Die Studie ergab, dass die Hirnregionen bei der Androhung einer Strafe aktiver wurden, die auch für die Unterdrückung egoistischer Impulse verantwortlich sind. Besonders aktiv waren diese Hirnregionen bei jenen Personen, die sich besonders unfair verhielten, wenn sie sich vor einer Strafe sicher fühlten, sich bei der Androhung einer Strafe aber eines Besseren besonnen.

Ernst Fehr kommentiert: „Menschen, die vor allem wegen der Strafandrohung die Fairnessnorm einhalten, müssen vermutlich ihre egoistischen Impulse stärker unterdrücken, was dann diese Region des Frontalhirns stärker aktiviert. Dieses Resultat erweitert und bestätigt frühere Befunde von uns, die zeigen, dass eher egoistische Entscheidungen gefällt werden, wenn diese Gehirnregion in ihrer Aktivität gehemmt wird.

Zum Hintergrund: Bestimmte soziale Normen wie Ehrlichkeit, Fairness und Kooperation sind unerlässlich für das Funktionieren einer menschlichen Gesellschaft. Die Einhaltung dieser Normen wird durch verschiedene Mechanismen gesichert. Zum einen sind die meisten Menschen bereit, sich nach bestimmten Regeln zu verhalten, wenn sich auch andere danach richten. Zum anderen gibt es aber auch Menschen, die sich nur an bestimmte Normen halten, da andernfalls Strafe droht. Wenn solche Menschen die allgemeingültigen Normen ungestraft verletzen könnten, könnte dies zur Folge haben, dass auch die freiwillige Bereitschaft der anderen Menschen zur Einhaltung der Normen zusammenbricht, da diese Bereitschaft darauf beruht, dass sich alle an die Normen halten. Es ist in diesem Zusammenhang von Interesse, dass sich die hier involvierten Hirnregionen erst im Erwachsenenalter vollständig entwickelt haben, was erklären könnte, warum sich gerade Jugendliche durch Strafen erstaunlich wenig abschrecken lassen.

Ergo: Strafen und abschrecken ist weniger effektiv und sinnvoll als positive Wertvermittlung und das praktische Vorleben von fairem Handeln.

15.10.2007 17:55
Fairness und Selbstkontrolle
Wer seine Emotionen längere Zeit kontrollieren muss, kann sich bei nachfolgenden Aufgaben weniger gut konzentrieren. Widersprüche oder Entgegensetzungen zwischen ursprünglichem Willen und tatsächlicher Handlung bzw. tatsächlichem Ereignis kosten Energie, weil das Gehirn 'gegensteuern' und ausgleichen muss. Diese Energie fehlt dem Menschen dann für das Erreichen bestimmter weiterer Ziele.

Daraus folgt:
1. Größtmögliche Übereinstimmung von Denken, Wollen und Handeln anstreben
2. Systeme und ein Umfeld sind zu verlassen und zu fliehen, die dadurch einen Menschen unterdrücken, indem sie permanent widersprüchliche Anforderungen an das Denken, Wollen und Handeln dieses Menschen stellen.
3. Einem intoleranten Umfeld ist auszuweichen, das die Würde des Menschen negiert, indem es ehrliche Äußerungen dieses Menschen nicht respektiert.
4. So in sich selbst zu ruhen (!), dass gar keine negativen, das heißt verneinenden, lebensfeindlichen Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse mehr in mir auftauchen, die ich kontrollieren müsste. Das ist eine Form von Freiheit, die es erlaubt, vom anderen her zu denken, ohne dass es eigene Energie kostet oder die Konzentration gestört wird und nachlässt. Es ist eine Form von Freiheit, die hinter dem Tal der Angst liegt.

Soweit die Einsichten, die sich einer Forschung eines kanadisch-deutschen Forscherduos verdanken, die Selbstbeherrschung und Kontrollverlust durch Messen von Gehirnströmen untersucht haben (siehe Psychological Science, Band 18, Nr. 11).

Da Fairness Selbstbescherrschung verlangt bzw. nur praktiziert werden kann, wenn dazu keine Selbstbeherrschung nötig ist, braucht Fairness auf Dauer sie unterstützende faire Strukturen und Umgebungen. Unfaire Attacken strapazieren Selbstkontrolle hingegen so stark, dass für anspruchsvolle emotionale Aufgaben wenig oder keine Kontrollmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Hier denke man an den Gesundheits- und Sozialbereich oder an alle Menschen, die in intensivem Kontakt mit Menschen arbeiten müssen.



18.07.2007 10:35
Schimpansen fairer als Menschen?
Sich "rächen", wenn man ungerecht behandelt wird, mag noch einigermaßen plausibel sein, auch wenn es meistens nicht klug ist. Aber sich gehässig gegenüber Anderen verhalten oder sie für gar nicht von ihnen erlittenes Unrecht schädigen zu wollen, dazu sind Menschen in der Lage, nicht aber Schimpansen. Klüger und weitsichtiger als oft Menschen enthalten sie sich solcher "Racheaktionen", wie Experimente (durch Keith Jensen und Team) am Max-Planck-Institut in Leipzig ergaben. Sie gingen ihre Artgenossen überwiegend nur aggressiv an, wenn sie diese auch eindeutig als Urheber einer Ungerechtigkeit - wie in diesem Fall des Diebstahls von Futterbesitz - identifizieren konnten.

28.06.2007 22:56
Fairness ist mehr als Eigennutz-Ausgleich
Selbst Affen kennen selbstloses, altruistisches Verhalten. Sie überlassen ein Werkzeug oder Nahrung anderen Artgenossen oder menschlichen Betreuern ohne Erwartung einer Gegenleistung. Das belegten die deutschen Forscher Felix Warneken und sein Team am Leipziger Max-Planck-Institut. Fairness als Quelle von Vertrauen funktioniert nur, wenn sie uneigennützig praktiziert wird: ohne Erwartung von Gegenleistung - außer von Fairness.

21.05.2007 14:07
Fairness verschafft Gesundheit
Mitarbeiter, die sich unfair behandelt fühlen, haben ein erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Britische Forscher am University College London konnten bei einer Studie mit 8000 Versuchsteilnehmern über einen Zeitraum von 11 Jahren hinweg feststellen, dass Mitarbeiter, die sich unfair behandelt fühlten, ein um 55 Prozent höheres Risiko aufwiesen, als diejenigen, die sich nicht über mangelnde Fairness beklagten. Die Forscher zogen die Konsequenz: "Fairness ist der Schlüssel zu einer gesünderen Gesellschaft".
http://jech.bmj.com/

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