Blog nach Kategorie: Unternehmen

28.04.2022 14:59
Der Klima-Fußabdruck der Modebranche: Da ist Handlungsbedarf!!!
Erstmals untersuchte eine Studie die ökologischen Auswirkungen der deutschen Modebranche. Den Großteil der Emissionen verursachen die Unternehmen im Ausland, berichtete Louis Leible-Hammerer für die Frankfurter Rundschau:

„Die deutsche Modewirtschaft kann sich mit der Slowakei messen lassen, was den Ausstoß von Treibhausgasen angeht. 38 Millionen Tonnen an Emissionen verursachte sie im Jahr 2019 – nur unwesentlich mehr als das ostmitteleuropäische Land mit seinen 42 Millionen Tonnen. Zu diesem Ergebnis kommt das Fashion Council Germany (FCG), eine Interessenvertretung für Mode „designed in Germany“, so das Selbstverständnis der Organisation. In einer groß angelegten Studie mit dem Titel „German Fashion Footprint“ hat das FCG erstmals eine Datenbasis zu den ökologischen Auswirkungen der heimischen Bekleidungsbranche geschaffen. Eine zentrale Erkenntnis konstatiert Geschäftsführer Scott Lipinski: „Handlungsbedarf – mit drei Ausrufezeichen“.

Im vergangenen Jahr hatte das FCG bereits eine Analyse der Chancen und Risiken, Stärken und Schwächen der deutschen Modeindustrie veröffentlicht. „In diesem Zuge haben wir festgestellt, dass es an Transparenz entlang der Wertschöpfungskette fehlt und Daten als Diskussionsgrundlage mangeln“, erläutert Scott Lipinski. Und so entschied man, eine weitere Studie in Auftrag zu geben, dieses Mal über Umweltaspekte.

Modebranche: Der Strombedarf im Referenzjahr ist höher als der der Niederlande

Um Verzerrungen durch die Corona-Pandemie zu vermeiden, fiel die Wahl auf das Bezugsjahr 2019. Fünf Umweltdimensionen beleuchtet die Erhebung: Ausstoß von Treibhausgasen, Energieverbrauch, Luftverschmutzung, Wasserverbrauch und die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen. Dabei betrachtet der Bericht sowohl die Tätigkeit von Modemarken und Einzelhandel in Deutschland als auch deren Einkäufe in der weltweiten Lieferkette und Ware, die für den Verkauf in Deutschland importiert wurde.

Durchgeführt hat die Untersuchung die Analysefirma Oxford Economics, beauftragt vom FCG. Das Beratungsunternehmen Studio MM04 hat den Prozess konzeptionell begleitet, finanziell ermöglicht wurde die Studie von der deutschen Bundesregierung.


Einige Zahlen: 535 000 Terajoule an Energie hat der deutsche Modesektor 2019 verbraucht, 410 000 Tonnen Kohlenstoffmonoxid (CO) ausgestoßen, 25 000 Quadratkilometer Agrarflächen für Rohstoffe beansprucht. Der Strombedarf im Referenzjahr ist damit höher als der der Niederlande (510 000 Terajoule), das global freigesetzte Kohlenstoffmonoxid der deutschen Modewirtschaft macht 13 Prozent sämtlicher CO-Emissionen in Deutschland aus – beträchtliche Werte. Ein weiterer plastischer Vergleich: Das für die Herstellung von Schuhen und Bekleidung in Anspruch genommene Land ist nicht viel kleiner als die gesamte Fläche Belgiens.

Für Anne Neumann, Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte, Textil und Leder bei der entwicklungspolitischen Organisation Inkota, ist die Existenz der Studie ein gutes Zeichen: „Es ist schon eine Errungenschaft, dass ein Lobbyverband solch einen Report herausgibt und sich mit dem globalen Wirken seiner Branche auseinandersetzt.“ Auch methodisch sei er durchdacht. Unglücklich ist aus ihrer Sicht jedoch, dass einzig Umweltaspekte systematisch in Augenschein genommen werden. „Soziale Belange und Menschenrechte spielen in dem Bericht kaum eine Rolle, das ist eine vertane Chance.“

Modebranche: Arbeit unter „miserablen Bedingungen“

Genau diese sozialen Belange sind aber entscheidend. Besonders eklatant ist das Bild bei der Treibhausgasbilanz. Blickt man auf die Zahlen, fällt auf, wie ungleich die Emissionen weltweit verteilt sind. Nur knapp acht Millionen Tonnen CO2-äquivalente Emissionen hat die Modebranche in Deutschland verursacht. Über 30 Millionen Tonnen hingegen wurden durch Einkäufe und Offshore-Produktion im Ausland ausgestoßen. Produziert wird also für den deutschen Markt, mit den negativen Auswirkungen – verschmutzter Umwelt, beeinträchtigter Gesundheit und Lebensqualität – haben aber mehrheitlich Menschen zu kämpfen, die in Ländern des Globalen Südens wie China, Bangladesch und Indien leben. „Eine doppelte Ungerechtigkeit“, bezeichnet Anne Neumann von Inkota diese Praxis: „Die Arbeiter:innen sind von oftmals miserablen Arbeitsbedingungen betroffen, und zusätzlich können sie in ihrer prekären Lage auch keine Resilienz gegenüber Schäden aufbauen.“

Die Herstellung nach Deutschland zurückzuverlagern, kann aber nicht die Lösung sein, hängen doch Arbeitsplätze und damit Existenzen an der Produktion im Ausland. Reshoring, so der Fachausdruck, gehe mit einer sozialen Verantwortung einher, betont Scott Lipinski: „Es ist eine Gratwanderung.“ Die Menschenrechtsexpertin Anne Neumann geht noch weiter: „Reshoring ist sehr kritisch zu sehen. Helfen würden würdigere Arbeitsbedingungen vor Ort. Zum Beispiel, indem Gewerkschaften gestärkt werden und Beschwerdesysteme geschaffen werden, die Arbeiter:innen ermächtigen, Verstöße selbst zu melden.“ Auch Lipinski fordert „mehr Fairness in der Herstellung“ – und ist zuversichtlich: „Heute herrscht in der Branche ein anderes Verständnis von Nachhaltigkeit als noch vor zehn Jahren.“

Modebranche: Bald auch eine Studie zu Sozialstandards?

Wie soll es nun weitergehen? Das FCG will die Entwicklung neuer Ideen und Konzepte für mehr Umweltschutz fördern, indem es Gespräche, Konferenzen und Workshops mit allen relevanten Interessengruppen organisiert.

Wenn es nach Scott Lipinski geht, ist der „German Fashion Footprint“ nur der Anfang – eine erste Grundlage, um weitere Statistiken zu erheben und zu überprüfen, wie sich das Umweltverhalten der deutschen Modebranche über Zeit verändert. Und ein Ausgangspunkt, um künftig auch die Einhaltung von Sozialstandards unter die Lupe zu nehmen – das sei jedenfalls das Ziel“.

Erläuterung
Der LOBBYVERBAND: Den Modestandort Deutschland im globalen Wettbewerb stärken – das ist das erklärte Ziel des Fashion Council Germany (FCG). Vor Augen hat es eine „visionäre, technologische & nachhaltige Zukunft“ der Branche.

Die Organisation engagiert sich für deutsches Modedesign als Kultur- und Wirtschaftsgut, fördert junge Designerinnen und Designer aus der Bundesrepublik und leistet Lobbyarbeit in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur. Interdisziplinäre Dialogförderung gehört ebenso zu den Aufgaben des FCG wie Netzwerken.

Annähernd 200 Fashionunternehmen, Einzelhändler und auch Verlagshäuser und Agenturen sind in dem Verein organisiert, darunter kleinere Labels, aber auch große und bekannte Konzerne wie H&M, Otto oder Hubert Burda Media.

12.04.2022 14:23
Edeka nutzt Ferrero-Rückruf für eigene Schokolade – und kassiert Kritik
Denn viele Kunden finden das „geschmacklos“. Der große Rückruf vieler beliebter Ferrero-Produkte sorgt aktuell in Supermärkten für überraschend leere Süßigkeitenregale. Salmonellen-Gefahr in mehreren „Kinder“-Produkten des Süßwarenherstellers Ferrero, die in einem Werk in Arlon in Belgien produziert wurden, sind der Grund dafür.

Auch wenn Kinderriegel und Kinderschokolade vom Ferrero-Rückruf nicht betroffen sind, hat es gerade vor Ostern mit Überraschungseiern und Schokobons einige sehr beliebte Produkte erwischt. Mehr als 20 Artikel hat Ferrero daher unter anderem bei Rewe, Kaufland, Aldi und vielen anderen deutschen Supermärkten zurückgerufen. Auch Edeka und die Edeka-Tochter Netto sind von dem Ferrero-Rückruf betroffen. Trotzdem nutzt die Supermarktkette nun den Ferrero-Rückruf, um Werbung in eigener Sache zu machen. Edeka sorgt damit für einen Social-Media-Hit, muss aber auch Kritik einstecken.
Edeka macht sich über Ferrero lustig – „garantiert ohne Überraschung“

Denn während Überraschungseier, Schokobons und noch einige andere Ferrero-Produkte jetzt aus den Regalen verschwunden sind, wirbt Edeka gleichzeitig für die ähnlichen Produkte ihrer Eigenmarke „Gut & Günstig“. Am Samstag (9. April) postete der Supermarkt auf seiner Facebookseite ein Bild der Schokoladen-Bonbons von „Gut & Günstig“, quasi das Eigenmarken-Pendant zu den „Kinder“-Schokobons von Ferrero.

Über dem Bild steht der Schriftzug: „Garantiert ohne Überraschung“. Damit spielt Edeka gezielt auf die Salmonellen-Gefahr in der aktuellen Charge der Ferrero-Produkte, wie „Kinder Überraschung“ an. „Unsere Schokolade ist bedenkenlos lecker und wunderbar günstig“, heißt es zusätzlich im Posting.
Edeka-Werbung nach Ferrero-Rückruf – Kunden finden das „geschmacklos“

Mit inzwischen mehr als 3500 Likes und über 500 Kommentaren hat das Posting auf jeden Fall für Aufsehen gesorgt. „Genial“, loben mehrere Userinnen und User den Werbe-Coup von Edeka. Durchweg positiv ist das Feedback aber bei weitem nicht. „So etwas kann immer mal passieren! Aber darauf jetzt so einen Werbeslogan setzen, geht gar nicht“, kritisiert eine Userin. Andere Nutzer sehen die Aktion ebenfalls kritisch, nennen die Werbung sogar „geschmacklos“. Ein User schreibt: „Ihr tut ja so, als ob bei euch noch nichts zurückgerufen wurde.“

Auch der Discounter Netto, eine Edeka-Tochter, schlägt in die gleiche Kerbe. Netto nutzt seit Samstag ebenfalls aktiv den Ferrero-Skandal, um Schoko-Produkte der Eigenmarke, speziell für Ostern, zu bewerben. Mit dem Slogan „Ohne böse Überraschung, Kinder!“, wirbt Netto unter anderem für Schoko-Osterhasen und gefüllte Schokoeier.
Ferrero-Rückruf: Viele beliebte „Kinder“-Produkte betroffen

Der Ferrero-Skandal hat in den vergangenen Tagen derweil immer größere Ausmaße angenommen. Inzwischen wurde das betroffene Werk in Belgien geschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Es wurde bekannt, dass der erste Salmonellen-Fund bereits am 15. Dezember 2021 gemacht wurde. Dass Ferrero erst rund vier Monate später an die Öffentlichkeit ging, sorgte für heftige Kritik von Verbraucherzentralen. Der Rückruf von Ferrero-Produkten wurde in den letzten Tagen sogar ausgeweitet. Inzwischen sind mehr als 20 Artikel betroffen.

05.04.2022 15:21
Schlusslicht Edeka - Nichts übrig für Menschenrechte
Ausbeutung ist für die deutschen Lebensmittelhändler nach wie vor ein Geschäftsmodell - zu diesem Ergebnis kommt der Supermarkt-Check 2022 der Entwicklungsorganisation Oxfam. Lidl, Aldi und Rewe haben sich in ihrem Engagement für Menschenrechte zwar verbessert. Bitter aber ist der Befund für Edeka. Die Frankfurter Rundschau berichtet heute darüber:

"Edeka bleibt das Schlusslicht unter den deutschen Handelsketten - jedenfalls in Sachen Menschenrechte. Das zumindest attestiert der Supermarkt-Check 2022 der Entwicklungsorganisation Oxfam dem Lebensmittelhändler, dessen Name Edeka ursprünglich für „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“ stand. „Edeka nimmt die Ausbeutung in seiner Lieferkette weiter in Kauf“, lautet das Fazit der aktuellen Oxfam-Studie.

Rewe, Lidl sowie Aldi Nord und Süd hingegen haben in ihrer Menschenrechtspraxis deutliche Fortschritte gemacht, liegen damit nun sogar im internationalen Vergleich mit Unternehmen aus Großbritannien und den Niederlanden auf den vorderen Rängen. Als Oxfam 2018 den ersten Check präsentierte, zählten die deutschen Händler noch zu den Schlusslichtern.

Seither analysiert Oxfam jährlich die Menschenrechtspolitik der Lebensmittelketten, bewertet Transparenz, die Achtung der Rechte der Arbeitnehmer:innen von Lieferanten, die Handelsbeziehungen mit Kleinproduzent:innen und die Geschlechtergerechtigkeit. Basis sind die Nachhaltigkeitsberichte und die Websites der Supermärkte.

Seit dem ersten Check 2018 hat Lidl sich dabei von fünf auf 59 Prozent der möglichen Punkte gesteigert, Aldi legte von ein auf 49 Prozent zu, Rewe schaffte einen Sprung von ein auf 48 Prozent. Die zusätzlichen Punkte erzielten die Handelsketten laut Oxfam vor allem durch Fortschritte bei der Transparenz. So legt Lidl mittlerweile alle Lieferanten für Bananen, Erdbeeren und Tee offen. Aldi, Rewe und Lidl veröffentlichten zudem neue Leitlinien zur Geschlechtergerechtigkeit.

Darüber hinaus engagieren sich die drei Unternehmen in Pilotprojekten für existenzsichernde Löhne. Konkret geht es um den Bananenanbau in Ecuador. Die Supermärkte verpflichten sich dabei, Kosten, die durch höhere Löhne entstehen, selbst zu übernehmen und nicht auf ihre Lieferanten abzuwälzen.

Dennoch gibt es laut Oxfam in der Preispolitik auf breiter Front zu wenig Bewegung. „Die Supermärkte üben weiterhin Preisdruck auf ihre Lieferanten aus und tragen somit zu niedrigen Löhnen in den Lieferketten bei“, so das Urteil der NGO. Dabei hätten die Märkte in der Pandemie Rekordumsätze verbucht. „Geld für eine andere Preispolitik ist genug da, doch am grundsätzlichen Geschäftsmodell der Supermärkte hat sich nichts geändert, es steht weiterhin für Ausbeutung“, sagt Tim Zahn, Oxfam-Experte für Wirtschaft und Menschenrechte.

Am deutlichsten wird das am Beispiel von Edeka, das nur elf Prozent der möglichen Punkte erreicht und sich laut Oxfam weiter hin weigert, ernsthaft Verantwortung für die Lieferkette zu übernehmen. „Für einen ganzen Tag Arbeit erhalten Beschäftigte in Costa Rica bei einem Ananas-Zulieferer von Edeka beispielsweise nur 4,50 Euro – ein Lohn weit unter dem Existenzminimum“, sagt Zahn.

Edeka erklärte auf FR-Anfrage, der Schutz von Arbeits- und Menschenrechten in den Lieferketten habe für das Unternehmen eine „sehr hohe Priorität“. Die von Oxfam erhobenen Vorwürfe weise Edeka entschieden zurück. Vor einer detaillierten Stellungnahme wolle man die Ergebnisse des Checks zunächst aber gründlich prüfen.

Für Oxfam zeigt das Beispiel von Edeka, dass freiwilliges Engagement nicht genüge. Die Bundesregierung müsse deshalb das deutsche Sorgfaltspflichtengesetz ambitioniert umsetzen und dafür sorgen, dass ein künftiges EU-weites Lieferkettengesetz die Lücken in der deutschen Regulierung schließe, fordert die NGO".

"Der Supermarkt-Check 2022"

17.03.2022 12:09
Aus dem Textilbündnis nach 7 Jahren ausgetreten: Die Kampage für Saubere Kleidung
Nach mehr als sieben Jahren der Mitgliedschaft im Bündnis für nachhaltige Textilien (Textilbündnis) hat die Kampagne für Saubere Kleidung Deutschland e.V. (Clean Clothes Campaign Germany) gestern ihren Austritt erklärt. Die ernüchternde Bilanz: Das Bündnis kann keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den globalen Bekleidungslieferketten nachweisen. Genau mit diesem Versprechen war das Textilbündnis 2014 angetreten. Die Kampagne für Saubere Kleidung sieht daher keine Rechtfertigung mehr, das Bündnis durch ihre Mitgliedschaft weiter zu legitimieren.

Keine Wirkung beim Kernthema existenzsichernder Löhne

Besonders beim Kernthema der Kampagne, den viel zu niedrigen Löhnen, verweigerte sich der Großteil der Mitgliedsunternehmen jeglichem Engagement. Die Kampagne für Saubere Kleidung fordert von den Marken- und Einzelhandelsunternehmen andere Einkaufspraktiken: Sie sollen ihren Lieferanten höhere Preise zahlen, um existenzsichernde Löhne für die Beschäftigten in ihren globalen Lieferketten sicherzustellen. Das Textilbündnis widmet sich seit Jahren diesem Thema – ohne messbare Ergebnisse.

So konnte eine im Bündnis durchgeführte Wirkungsmessung zu diesem Thema keine aussagekräftigen Ergebnisse liefern, da sich nicht genügend Mitgliedsunternehmen beteiligten. Zudem belegen Recherchen der internationalen Clean Clothes Campaign, dass in der COVID-19-Pandemie Arbeiter*innen, die für Mitgliedsunternehmen, wie beispielsweise Adidas, produzieren, Lohnzahlungen vorenthalten wurden und sie ausstehende Abfindungen nicht erhielten (1).

Es fehlt die notwendige Verbindlichkeit im Textilbündnis. An einer Bündnis-Initiative zu Löhnen beteiligten sich nur 13 von 70 Mitgliedsunternehmen. Aldi Nord verließ die Initiative kurz nach dem Start, als sich erste Anforderungen für das Unternehmen ergaben. Dies blieb völlig folgenlos, obwohl Aldi Nord vorher schriftlich eine Vereinbarung eingegangen war. „Löhne, von denen Arbeitende sich und ihre Familien ernähren können, sind ein Menschenrecht, das weltweit gilt. Doch zu viele Mitgliedsunternehmen nutzen jede erdenkliche Ausrede, um sich aus der Verantwortung zu stehlen“, sagt Waltraud Waidelich, Vorstandsmitglied der Kampagne für Saubere Kleidung Deutschland.

Unternehmensverbände bremsen

Obwohl es an Verbindlichkeit mangelt und kaum vorzeigbare Fortschritte erkennbar sind, drängen die beteiligten Unternehmensverbände jetzt darauf, die Anforderungen für eine Mitgliedschaft noch weiter zu verwässern. So fordern sie, den für alle Mitgliedsunternehmen regelmäßig stattfindenden Überprüfungsprozess nur noch freiwillig durchführen zu lassen. Schon jetzt fehlt dem Bündnis die Autorität, diese Mitgliedspflicht bei großen Unternehmen durchzusetzen. „Seit einem Jahr verschleppen mehrere große Unternehmen im Textilbündnis, wie etwa H&M, diesen Prozess und entziehen sich damit selbst ihrer einzigen Verpflichtung“, kritisiert Isabell Ullrich, Koordinatorin der Kampagne für Saubere Kleidung.

„Uns fehlt das Vertrauen in ein Bündnis, bei dem die Unternehmenslobby kontinuierlich bremst, während sich die Lebenssituation der Menschen in den Lieferketten gerade in der Corona-Pandemie nochmal dramatisch verschlechtert hat. So ist kein Fortschritt im Bündnis möglich. Nach nun mehr als sieben Jahren sind wir daher zu dem Schluss gekommen, eine Mitarbeit in dieser Konstellation nicht mehr mittragen zu können“, resümiert Isabell Ullrich. Stattdessen konzentriert sich die Kampagne für Saubere Kleidung nun auf Kampagnenarbeit zu verbindlichen unternehmerischen Sorgfaltspflichten (Lieferkettengesetze), existenzsichernden Löhnen, sozialer Absicherung und Arbeitsrechten der Arbeiter*innen.

Siehe dazu: (1) Bericht der Clean Clothes Campaign-Mitgliedsorganisation Public Eye hierzu: https://www.publiceye.ch/de/themen/mode/109-millionen-dollar-lohndiebstahl-modefirmen-lassen-textilarbeiterinnen-in-der-pandemie-im-stich

16.03.2022 10:38
Kontraproduktives Vorgehen im Umgang mit Demokratie- und Fairness-Feinden
VW-Vorstandschef Herbert Diess erwartet keine ernsten politischen Probleme in China, das Russland im Ukraine-Krieg stützt: „China ist sehr daran interessiert, die Grenzen offenzuhalten.“ Gefragt nach Geschäften mit autoritären Staaten, verwies der VW-Chef auf die vergleichsweise geringe Zahl demokratischer Länder: „Wenn wir uns auf etablierte Demokratien beschränken würden, gäbe es kein existenzfähiges Geschäftsmodell für die Autoindustrie.“

Der letzte Satz macht sehr nachdenklich. Wie verdienen wir unseren Wohlstand? Was richten wir dabei für Schäden an - auch in Bezug auf Demokratie und Demokratieentwicklung? Etablieren wir so diejenigen und dasjenige, was Demokratie und demokratische Staaten zermürbt? Das ist etwa so, wenn für Fairness im Business Engagierte zugleich unfaire Akteure stützen und ermuntern. Gibt's leider tatsächlich auch.

22.02.2022 08:12
Die peinlichen deutschen Unternehmen in Mexiko - Lieferkettengesetz light
Patricia Juan Pineda arbeitet bei der Schlichtungsstelle für Arbeits- und Menschenrechte (Litigio Estrategico en Derechos Humanos Laborales, LEDHL) in Mexiko. Für das gewerkschaftliche Zentrum Cilas (Centro de Investigacion Laboral y Asesoria Sindical, Mexiko-Stadt) reiste sie durch Deutschland. Die Reise erfolgte auf Einladung des Internationalen Gewerkschaftlichen Arbeitskreises Köln (IGAKK e.V.).

Sie antwortet auf Fragen von Steffen Herrmann und Tobias Schwab für die FR. Hier Auszüge. Das ganze Interview unter:
"Weckruf für Lieferketten"


In Mexiko sind viele deutsche Zulieferer und Autobauer aktiv. Welchen Ruf haben die deutschen Unternehmen unter den Arbeiterinnen und Arbeitern?

Sie haben tolle Produkte, aber behandeln ihre Arbeiter schlecht. Die deutschen Arbeitgeber haben ein schlechtes Image.

Schlechter als Unternehmen aus anderen Ländern?

Nicht unbedingt, aber wir wissen schon: Es gibt an Standorten deutscher Unternehmen in Mexiko schlechte Arbeitsbedingungen und schlechte Löhne. Auch die Deutschen setzen auf Schutzgewerkschaften, und wenn man sie dafür öffentlich angreift, sagen sie: Das ist völlig legal, das dürfen wir. Zum Beispiel BMW: In San Luis Potosi hat BMW 2014 einen neuen Standort aufgebaut. Und noch bevor die Halle errichtet war, hatte BMW schon einen Schutzvertrag unterzeichnet. Es gab noch keinen einzigen Arbeiter, aber die Schutzgewerkschaft gab es schon. Dagegen haben wir uns beschwert, aber das hat niemanden interessiert.

Und in der Pandemie: Sind die deutschen Unternehmen ihrer Fürsorgepflicht nachgekommen? Gab es Impfprogramme?

Dort, wo unabhängige Gewerkschaften aktiv sind, haben wir versucht, Impfprogramme auf die Beine zu stellen. Aber in den allermeisten Werken ist die Pandemie einfach durchgerollt. Wer infiziert war, hat einen zweiten Mundschutz bekommen und musste weiterarbeiten.

Auch das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ist ein Thema für Sie. Werden die Unternehmen in Mexiko nervös, weil sie sehen, dass neue Anforderungen und Berichtspflichten auf sie zu kommen?

Wir haben uns das Lieferkettengesetz aus gewerkschaftlicher Sicht angeschaut und wir haben einige Schwachstellen gefunden. Zum Beispiel: Die Unternehmen sollen Beschwerdestellen schaffen, aber sie kontrollieren dann auch, was mit den Eingaben geschieht. Uns ist wichtig, dass die Kontrolle nicht alleine den Firmen obliegt, sondern dass Mechanismen geschaffen werden, die es den Gewerkschaften ermöglichen, zu überprüfen, ob die Beschwerden tatsächlich verfolgt werden. Wenn die Unternehmen sich bereiterklären, die Menschenrechte zu respektieren: Warum möchten sie dann die Hand auf dem Beschwerdemechanismus haben? Offensichtlich werden innerhalb vieler Unternehmen mit Standorten in Mexiko und Deutschland Informationen nicht weitergereicht. Deshalb ist ein direkter Draht zwischen den Beschäftigten in Mexiko und Deutschland so wichtig. Das Lieferkettengesetz ist sehr wichtig, aber wenn gewerkschaftliche Mechanismen fehlen, die Druck aufbauen, dann ist es nur ein weiteres schönes Gesetz.

Sie misstrauen Beschwerdemechanismen?

Beschwerden wirft man in der Regel in den Briefkasten des Unternehmens. Da weiß jeder Arbeiter in Mexiko: Wenn ich das mache, riskiere ich meinen Job, meine Gesundheit und die Gesundheit meiner Familie. Das heißt, so einen Unternehmens-Mechanismus würde niemand nutzen. Es gibt außerdem keine vorgesehenen Fristen für die Behandlung der Beschwerden. Wenn also das Unternehmen nicht reagiert, gibt es einen Klageweg in Deutschland – aber das dauert und ist teuer. Langsame Justiz ist in diesem Fall überhaupt keine Justiz. Zum Vergleich: Beim USMCA-Abkommen waren gerade die kurzen Fristen für uns überlebenswichtig.

09.02.2022 08:54
Mehr als 100 Unternehmen fordern Haftungsregel im Lieferkettengesetz
EU-Lieferkettengesetz: Kommission kündigt Entwurf für Februar an und – mehr als 100 Unternehmen fordern Haftungsregel

Das EU-Vorhaben, Unternehmen in ganz Europa zu Menschenrechts- und Umweltstandards in ihren Lieferketten zu verpflichten, findet Unterstützung von Wirtschaftsseite: Mehr als 100 Unternehmen und Investoren haben sich heute für ein EU-Lieferkettengesetz ausgesprochen. Die EU-Kommission hatte das Vorhaben im letzten Jahr mehrfach verschoben, nun steht es für ihre Sitzung am 23. Februar auf der Tagesordnung.

Zivilgesellschaftliche Organisationen in zahlreichen EU-Staaten fordern ein wirksames Gesetz, das die Situation von Betroffenen verbessert.

„Ohne klare Regeln kümmern sich Unternehmen viel zu selten um Menschenrechte und Umweltstandards in ihren Lieferketten – mit fatalen Folgen. Viele Länder haben deswegen mit nationalen Gesetzen vorgelegt. Die EU hat nun eine historische Chance, in ganz Europa klare Spielregeln zum Schutz der Betroffenen zu schaffen“, kommentiert Johanna Kusch, Sprecherin der Initiative Lieferkettengesetz.

In einer heute vom Business and Human Rights Resource Centre veröffentlichten Stellungnahme sprechen sich mehr als 100 deutsche und europäische Unternehmen und Investoren für ein EU-Lieferkettengesetz aus. Erstmals fordern sie darin auch die Einführung einer Haftungsregel, die es Betroffenen ermöglichen würde, Schadensersatz zu erhalten. In der Liste der Unterzeichner finden sich bekannte Namen wie Hapag-Lloyd, Ikea und Danone.

„Viele Unternehmen unterstützen ein EU-Lieferkettengesetz und sind der Ansicht, dass menschenrechtliche Sorgfalt in den Lieferketten dazugehört“, erläutert Friedel Hütz-Adams, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SÜDWIND e.V. „Daher befürworten so viele Unternehmen auch eine zivilrechtliche Haftung: Sie benötigen ein Level Playing Field und das Wissen, dass auch ihre Wettbewerber handeln müssen.“

Die EU-Kommission hatte den ursprünglich für Juni 2021 geplanten Entwurf für ein EU-Lieferkettengesetz im vergangenen Jahr mehrfach verschoben. Europäische Wirtschaftsverbände betreiben massive Lobbyarbeit gegen wichtige Teile des Vorhabens, darunter aus Deutschland insbesondere der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), die Mittelstands- und Wirtschaftsunion sowie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Das zeigt ein heute veröffentlichtes Briefing von Misereor und dem Global Policy Forum.

„Im Gegensatz zu vielen aufgeschlossenen Unternehmen setzen deutsche Wirtschaftsverbände alles daran, ein wirksames EU-Lieferkettengesetz zu verhindern. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag zu einem solchen Gesetz bekannt und muss jetzt liefern“, fordert Armin Paasch von Misereor.

In Deutschland setzt sich die „Initiative Lieferkettengesetz“ für eine EU-Regelung ein, da das deutsche Lieferkettengesetz nicht weitreichend genug sei: Ohne zivilrechtliche Haftungsregelung bewirke es zu wenig für die Betroffenen. Zudem leiste es einen zu kleinen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz, gelte für zu wenige Unternehmen und mache zu viele Ausnahmen bei den Sorgfaltspflichten. Die Initiative fordert daher von der Bundesregierung, sich aktiv auf EU-Ebene für eine weiterreichende Regulierung einzusetzen.

„Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag vereinbart, sich für ein wirksames EU-Lieferkettengesetz einzusetzen. Für uns ist klar: ‚Wirksam‘ ist eine solche Regelung nur, wenn sie Unternehmen für Verfehlungen haftbar macht – und endlich unterbindet, dass Konzerne die Klimakrise und das Artensterben befeuern“, betont Ceren Yildiz, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Der BUND gehört ebenso wie Südwind e.V. und Misereor zu den 130 Menschenrechts-, Entwicklungs- und Umweltorganisationen, Gewerkschaften und kirchlichen Akteuren, die sich zur Initiative Lieferkettengesetz zusammengeschlossen haben.

Kontakt:
Initiative Lieferkettengesetz: Johannes Heeg, Sprecher, Tel.: 0151-10611346, E-Mail: presse@lieferkettengesetz.de
BUND: Sigrid Wolff, Pressesprecherin, Tel.: 030-27586497, E-Mail: Sigrid.Wolff@bund.net
Misereor: Barbara Wiegard, Pressesprecherin, Tel.: 030-44351988, E-Mail: barbara.wiegard@misereor.de
SÜDWIND: Friedel Hütz-Adams, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Tel.: 0160-99404467, E-Mail: huetz-adams@suedwind-institut.de

Die Initiative Lieferkettengesetz wird getragen von:
Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt-Landesnetzwerke in Deutschland e.V. (agl), Brot für die Welt, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Christliche Initiative Romero e.V. (CIR), CorA-Netzwerk für Unternehmensverantwortung, Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB), European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), FEMNET e.V., Forum Fairer Handel e.V., Germanwatch e.V., Greenpeace e.V., INKOTA-netzwerk e.V., Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e. V., Oxfam Deutschland e.V., SÜDWIND e.V., ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, WEED – Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung e.V., Weltladen-Dachverband e.V., Werkstatt Ökonomie e.V.

Weitere 110 Organisationen unterstützen die Initiative Lieferkettengesetz.

01.02.2022 12:33
Nachhaltigkeit ist oft für die Show und PR - eine nachhaltige Nachhaltigkeit fehlt den Unternehmen überwiegend
Nur jedes vierte Unternehmen hat klar kommunizierte Nachhaltigkeitsstrategie, obwohl sich Arbeitnehmer und Vorstände in der Bewertung der Dringlichkeit einig sind

? Lediglich 15% der Vorstände setzen für zusätzliche Wertschöpfung auf Nachhaltigkeit

? Deutscher Führungsnachwuchs hat weniger Erfahrung bei Nachhaltigkeitsthemen als internationale Konkurrenz

Der Klimawandel bleibt vielfach noch ohne echte Konsequenz für die Geschäftsmodelle deutscher Unternehmen: Trotz Pandemie und jüngster Umweltkatastrophen sieht der überwiegende Teil der deutschen Vorstände und Führungskräfte Nachhaltigkeit immer noch vorrangig als Reputationsrisiko an, das es zu managen gilt, nicht aber als Hebel zur Wertschöpfung, der Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnet, profitabel zu wachsen. Das geht aus einer internationalen Umfrage der Personalberatung Russell Reynolds Associates hervor.

46% der befragten deutschen Vorstände geben an, dass Nachhaltigkeitsmaßnahmen aus Marketingerwägungen getroffen werden. Damit ist das Ziel verbunden, als gesellschaftlich verantwortlich angesehen zu werden und sich über ein Nachhaltigkeitsimage vom Wettbewerb abzusetzen. Nur 15% sagen, dass zusätzliche Wertschöpfung die treibende Kraft ihrer Nachhaltigkeitsstrategie ist.

Die Studie belegt, dass lediglich jeder vierte befragte Vorstand in Deutschland selbst der Auffassung ist, dass sein Unternehmen über eine Nachhaltigkeitsstrategie verfügt, die klar kommuniziert und umgesetzt wird. Und weniger als jeder Dritte (31%) ist der Meinung, dass sich ihr CEO persönlich für die Förderung der Nachhaltigkeit einsetzt.

Im internationalen Vergleich fällt zudem auf, dass in Deutschland gerade jüngere Führungskräfte vergleichsweise wenig mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt sind. So hatten in den vergangenen drei Jahren nur 26% der deutschen Nachwuchsführungskräfte drei oder mehr Aufgaben mit Nachhaltigkeitsbezug – gegenüber 40% ihrer Altersgruppe im weltweiten Vergleich.

„Fast alle Führungskräfte, mit denen wir sprachen, wollen zum Aufbau einer besseren Welt beitragen. Doch während sie sich verpflichten, ihre Betriebe und Produkte umweltfreundlicher zu machen, wissen viele nicht, wie sie ihren guten Willen in konkrete und nicht nur für das Image wirksame Maßnahmen umsetzen sollen,” sagt Max von der Planitz, Berater bei Russell Reynolds Associates. „Den Umbau zu nachhaltigem Wirtschaften, das lässt sich aus unserer Studie ableiten, sehen gerade Führungskräfte in Deutschland als eine der größten Aufgaben der nächsten zehn Jahre, auf die sich aber viele nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Schliesslich muss für diesen Umbau häufig nicht weniger als ein neues Geschäftsmodell entwickelt werden - mit dem entsprechenden Risiko.“

Dabei stimmen Management und Arbeitnehmer in Deutschland laut der Studie im Vergleich zum Ausland auffällig stark darin überein, dass Klimawandel und Umweltzerstörung die größten Bedrohungen für die Gesellschaft darstellen. Einigkeit herrscht auch in der Einschätzung, dass Pandemie und Fachkräftemangel die wichtigsten den Arbeitsplatz betreffenden Themen sind.

„Es erscheint auf den ersten Blick paradox: In den elf von uns untersuchten Märkten sind sich deutsche Arbeitnehmer und Vorstände am ehesten einig über die kritischen Themen, was eigentlich die Anpassung der Geschäftsmodelle erleichtern sollte“, sagt Max von der Planitz. „Das Geschäftsmodell Nachhaltigkeit ist heute unumgänglich. Wer Nachhaltigkeit mit guter Begründung zum Topthema macht, setzt auf Themen, die deutschen Belegschaften, aber auch zunehmend den Investoren am Herzen liegen.“

Für die Studie hatte die Personalberatung 9.500 Vorstände, Nachwuchsführungskräfte sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in elf Ländern (Kanada, USA, UK, Frankreich, Spanien, Deutschland, Australien, China, Brasilien, Indien und Mexiko) befragt und auf diese Weise ermittelt, welche Einschätzungen zur Bedeutung, zum Reifegrad und der Umsetzungsfähigkeit von Nachhaltigkeitsstrategien vorherrschen. In Deutschland wurden 658 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Nachwuchsführungskräfte sowie 89 Vorstände befragt.

"Die Studie zum Runterladen"

14.12.2021 09:09
Foodwatch vergibt Windbeutel an Rewe wegen Fleischlüge
Rewe erhält den Negativpreis »Goldener Windbeutel«. Damit zeichnet die Organisation Foodwatch seit 2009 Produkte aus, die aus Sicht der Verbraucherschützer ihre Werbeversprechen nicht einlösen. Der Handelskonzern wird mit dem »Windbeutel« für ein Hähnchenbrustfilet der Eigenmarke Wilhelm Brandenburg gerügt, das als »klimaneutral« angepriesen wird: »Die Werbung erwecke den Eindruck, dass sich die Produktion des Hähnchens nicht schädlich auf das Klima auswirke«, schreibt Foodwatch in seiner Erklärung des Preises. Tatsächlich aber werde es »weder emissionsfrei hergestellt« noch würde der bei der Produktion anfallende CO2-Ausstoß ausgeglichen.

Fleisch sei grundsätzlich nicht klimaneutral, so Foodwatch, da drei Viertel aller Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft auf die Tierhaltung entfielen. Rewe beruft sich darauf, dass die entstehenden Emissionen durch die Unterstützung eines Waldprojekts in Peru ausgeglichen würden. Nach Recherchen von Foodwatch erfüllt das Projekt in Tambopata aber die Bedingungen dafür nicht. In den Wochen vor der Preisvergabe hatte sich Climate Partner, die Firma, über die die Projektförderung von Tambopata läuft, bereits mit eigenen Recherchen gegen die Vorwürfe zur Wehr gesetzt. Foodwatch bleibt bei seiner Darstellung.
"Foodwatch mit Rewe-Kritik"

20.11.2021 08:44
Versprechen zu Klimaschutz und Fairness oft nur heiße Luft
Das kennen wir auch seitens der Fairness-Stiftung. Flink sind Bekenntnisse zur Fairness geäußert, schnell sind Fairness-Ansprüche auf Website und von Unternehmen – zumal in der Werbung – behauptet. Doch wenn man genauer hinschaut und prüft, bleibt vom Fairness-Bekenntnis nicht viel übrig. Greenwashing und Fairness-Washing wohin man schaut.
"Welche Firmen und Marken Fairness-Qualität erreichen"

Oft, zu oft haben wir erlebt, dass bei Jubiläen und Festvorträgen gern das Bekenntnis zur Fairness vorgetragen wurde, die Fairness im Führungsalltag für sehr wichtig gehalten wurde, um dann im Nachhinein nicht an der Verbesserung der Fairness-Qualität zu arbeiten, vor allen Dingen, kein Geld dafür auszugeben.

Das mussten auch die Forscher der Universität Linz (Österreich) erfahren und staunten über ihre Forschungsergebnisse nicht schlecht. Zwar geht es hier um den Klimaschutz, doch die Diskrepanz ist hier ähnlich. Alle bekennen sich zum Klimaschutz, doch nur wenige sind bereit, dafür tatsächlich einzustehen. So berichtet Verena Kern in der Frankfurter Rundschau am 20.11.:

>>Was würden Sie tun, wenn Sie fünf Euro geschenkt bekämen? Würden Sie das Geld behalten? Oder wären Sie bereit, die fünf Euro zu spenden, wenn damit Klimaschutzmaßnahmen finanziert werden, mit denen eine bestimmte Menge an CO2 eingespart wird? Und wenn ja, wie viel von der Summe würden Sie spenden? Alles? Oder nur ein, zwei Euro?

Die Frage ist nicht nur ein Gedankenexperiment. Der Statistiker Johannes Reichl vom Energieinstitut der Universität Linz hat gemeinsam mit seinem Team Menschen aus ganz Europa tatsächlich vor diese Entscheidung gestellt: Spenden oder nicht spenden? Für das Forschungsprojekt nahmen knapp 16 000 repräsentativ ausgewählte Menschen aus 27 EU-Ländern an einer Umfrage teil, in der es um ihre Einstellung zum Klimawandel ging. Für ihre Teilnahme erhielten die Befragten fünf Euro. Und sie wurden gefragt, was sie mit dem Geld machen wollen. Soll es in ihre eigene Tasche fließen oder wollen sie es für Emissionsreduktion hergeben?

Die Frage zielt auf ein zentrales Problem der Klimapolitik. In Umfragen spricht sich regelmäßig eine überwältigende Mehrheit der Bürger:innen für mehr Klimaschutz aus. Doch wenn es um die konkrete Umsetzung geht, bröckelt die Zustimmung rapide. Die geäußerte Unterstützung für Klimaschutz wird dann von anderen Erwägungen, Bedenken, Motivationen förmlich verschluckt und bleibt bloße Theorie. Wollen und Machen scheinen einfach nicht zusammenzupassen. Oder?

Es ist eine offene Forschungsfrage, was Menschen tatsächlich zu klimapositivem Handeln bewegt. Unzählige Studien haben sich damit beschäftigt und einzelne Aspekte herausgearbeitet. Etwa, dass die persönliche Einstellung zum Klimawandel eine Rolle spielt, auch das Umfeld, in dem man sich bewegt, oder auch der Zusatznutzen, den man Klimaschutzmaßnahmen zuschreibt, wie saubere Luft oder die Schaffung neuer Jobs. Dennoch bleibt vieles unklar (und die Fortschritte beim Klimaschutz sind entsprechend dürftig).

Insofern füllt das Linzer Spendenexperiment eine Lücke. Zum einen, weil es nicht nur um ein einzelnes Land geht, sondern um 27, die man dann miteinander vergleichen kann. Zum anderen, weil nicht nur Einstellungen abgefragt wurden, sondern eine ganz handfeste Entscheidung zu treffen war. Das macht die soeben im Fachmagazin „Global Environmental Change“ publizierten Ergebnisse relevant und aussagekräftig.

Drei Erkenntnisse sind besonders wichtig.

Erstens: Wer davon überzeugt ist, dass es den Klimawandel gibt und er menschengemacht ist, spendet am meisten. Das entspricht dem, was man erwarten würde. Überraschend ist hingegen, dass

zweitens – auch diejenigen, die vom anthropogenen Klimawandel nicht überzeugt sind, nicht etwa gar nichts spenden. Bei ihnen ist die Spendenbereitschaft immerhin noch halb so groß wie bei den Überzeugten – ein erstaunlicher Wert. „Viele der Skeptiker finden es trotzdem gut, dass etwas gegen den Klimawandel getan wird“, sagt Projektleiter Johannes Reichl im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Sie halten es beispielsweise für wirtschaftspolitisch clever, wenn in Erneuerbare investiert wird, anstatt fossile Energie teuer zu importieren.“ Hier könnte die Klimapolitik ansetzen und das Argument des Zusatznutzens in der öffentlichen Kommunikation stärker in den Vordergrund stellen.

Drittens hängt die Spendenbereitschaft davon ab, wie ambitioniert in einem Land Klimaschutz betrieben wird – und zwar umgekehrt proportional. „Das hat uns am meisten überrascht“, sagt Reichl. Konkret heißt das: Je ambitionierter das Land, desto geringer die Spendenbereitschaft. Und umgekehrt. Der Klimaschutzvorreiter Dänemark war das Land, in dem die Leute am wenigsten spenden wollten. Im Kohleland Polen dagegen war die Bereitschaft besonders hoch. „Wenn die Leute sehen, dass der Staat schon einiges tut, ziehen sie sich zurück“, erläutert Reichl. „Crowding-out-Effekt“ wird das genannt, Verdrängungseffekt.

Für die Klimapolitik ist das wichtig. „Sie muss Maßnahmen setzen und gleichzeitig klarmachen, dass alle Verantwortung übernehmen müssen“, sagt der Statistiker. „Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, braucht man beides und kein Entweder-oder.“

Und es gibt noch eine vierte Erkenntnis – die überraschendste von allen: Insgesamt war die Spendenbereitschaft sehr bescheiden. Überhaupt gar nichts spendeten 71,5 Prozent aller Teilnehmenden. In Deutschland lag der Wert sogar bei rund 77 Prozent. Nur einen Euro spendeten 15 Prozent (Deutschland: zwölf Prozent). Die gesamten fünf Euro waren lediglich sieben Prozent bereit zu geben (Deutschland: vier Prozent). Im Gesamtdurchschnitt ergab das eine Spendensumme pro Person von lediglich 66 Cent.

Wenn man bedenkt, dass Leute sich von geschenktem Geld leichter trennen als von dem, das sie schon haben, sind das Werte, die wenig optimistisch stimmen. Oder man begreift sie als Aufforderung, sich bei der Klimakommunikation mehr Mühe zu geben, um mehr Menschen von der Wichtigkeit von Klimaschutzmaßnahmen zu überzeugen<<.
"Welche Firmen und Marken weniger fair sind als behauptet"

09.09.2021 12:36
Unfairer Umgang mit Gewinnen durch Steuerflucht großer Banken
Europas Banken verdienen Milliarden in Steueroasen. Viele europäische Banken verdienen in Malta, Luxemburg und auf den Bahamas gutes Geld. Zu den größten Profiteuren zählen laut einer Studie die HSBC – und die Deutsche Bank.

Europäische Banken machen einen signifikanten Teil ihrer Gewinne in Steueroasen. Das fand die Europäische Beobachtungsstelle zur Steuerpolitik bei einer Untersuchung von 36 großen Finanzinstituten in einer Studie heraus.

Die Geldhäuser verbuchten im Schnitt 20 Milliarden Euro Gewinn pro Jahr in Steueroasen, heißt es in der Studie. Das entspreche rund 14 Prozent ihrer gesamten Gewinne vor Steuern.

Die Studie klassifiziert 17 Gebiete wie die Bahamas, aber auch EU-Länder wie Irland, Malta oder Luxemburg wegen ihrer niedrigen Steuersätze als Oasen. Insgesamt blieb die Aktivität der Banken in Steueroasen zwischen 2014 und 2020 demnach konstant. Neun Banken verbuchten demnach keine Gewinne in Steueroasen, andere wie die britische HSBC bis zu 58 Prozent ihres Gewinns vor Steuern.

Die Deutsche Bank war bei den Spitzenreitern dabei und verbuchte im Schnitt 27 Prozent ihres Gewinns in Steueroasen wie zum Beispiel Luxemburg – obwohl dort nur ein sehr kleiner Teil der Mitarbeiter tätig ist.

Der Europaabgeordnete Sven Giegold (Grüne) sagte, das Papier zeige die Notwendigkeit einer effektiven Mindestbesteuerung von großen Unternehmen. Bei einem Mindeststeuersatz von 15 Prozent müssten die untersuchten Banken aus elf Ländern laut der Studie beispielsweise drei bis fünf Milliarden Euro mehr Steuern zahlen. Auf solch eine globale Mindeststeuer für große Unternehmen hatten sich die G20-Länder im Juli prinzipiell geeinigt.

ssu/dpa-AFX

06.08.2021 08:01
105 Dachdeckerbetriebe gegen Folgen der Flutkatastrophe im Ahrtal - beste Fairness
Das ist Fairness in höchster Qualität. Denn Fairness ist im Kern kein Tauschandel: Sei Du fair zu mir, dann bin ich auch fair zu Dir. Sondern Fairness ist Rücksichtnahme, Solidarität und Zuwendung. Ohne Erwartung einer Gegenleistung! Für ein solches Fairness-Verständnis und eine solche Fairness-Praxis stehen mehr als 100 Dachdecker-Betriebe mit ihren Mitarbeiter*innen, die ihre Hilfe und Arbeit für Ahrtal angesagt haben, das von der Flutkatastrophe massiv betroffen ist.

Reinhard Schlieker von dpa berichtet: „Leitern, Fallrohre und Holzlatten werden verladen, während Dachdeckermeister Bernd Krinninger Lagepläne verteilt. Auf einer Wiese in Kalenborn, einer Ortsgemeinde von Altenahr im Landkreis Ahrweiler, haben sich am frühen Mittwochmorgen Kollegen von Krinninger aus ganz Deutschland versammelt. Sie wollen im Ahrtal helfen – drei Wochen nach der Flutkatastrophe, die mindestens 139 Menschen in Rheinland-Pfalz das Leben kostete.

Noch immer klaffen große Löcher in den Dächern vieler Häuser, mit jedem Regen steigt der Schaden an teils ohnehin schon abrissreifen Häusern. Verbogene Fallrohre leiten bislang Regenwasser direkt in die gerade erst ausgepumpten Keller.

Via Facebook hoffte Krinninger, Inhaber von Heimbach Bedachungen in Lahnstein, zwei, drei örtliche Betriebe zur Hilfe mobilisieren zu können. Gekommen seien 105 Firmen, weitere Dachdeckerbetriebe hätten ihren Besuch für die Folgetage angekündigt.

Laut Krinninger liegen die geschätzten Lohnkosten, auf die die Betriebe verzichten, für den mehrtägigen ehrenamtlichen Einsatz im Millionenbereich. Die Materialkosten beliefen sich auf rund 750 000 Euro. Das Material komme nicht nur von den Dachdecker-Betrieben selbst, sondern sei auch von Unternehmen gespendet worden. Was an Material übrig bleibe, solle im Ahrtal zerstörten Handwerksbetrieben zum Wiederaufbau zugutekommen.

Der Facebook-Aufruf hat auch Dachdeckermeister Andreas Schulte erreicht. Mit neun Mitarbeitern ist der Inhaber eines Dachdeckerbetriebs im Sauerland angereist – Abfahrt 5.30 Uhr. Ein Baum hat ein Loch in das Dach eines Hauses in der Ortsgemeinde Mayschoß geschlagen, das er und seine Mitarbeiter nun provisorisch flicken. Vielmehr als Notreparaturen seien akut auch nicht zu machen, sagt er.

„Das Haus ist mein und doch nicht mein“ steht halb von Schlamm verdeckt auf der Hauswand. „Wem gehört das Haus?“ endet das aufwendig in Holz geschnitzte Sprichwort. „Jetzt gehört es dem Fluss“, sagt Waltraud Schütz mit Blick auf das Elternhaus ihres Ehemanns: „Jetzt gehört es der Flut.“ Das Wasser reichte bis zu den oberen Stockwerken, das bezeugt die schlammig braune Linie, die das Wasser auf der weißen Hauswand zurückgelassen hat.

Der Schaden am Dach allein beträgt nach Schätzung der Dachdecker rund 25 000 Euro. Auf Waltraut Schützes Anwesen ist dies nur ein kleiner Schadensposten. Denn auch ihr Privathaus hat das Hochwasser unbewohnbar gemacht. Provisorisch gezimmerte Stützen des Technischen Hilfswerks sichern die Statik. „Hier war die Küche, da das Wohnzimmer“, sagt sie, als sie auf Räume zeigt, die einem über Jahre verlassenen Rohbau ähnlicher sind als dem Zuhause einer Familie. Sie wisse nicht, wie es weitergehe. Aktuell sind sie und ihr Mann in einer Ferienwohnung untergekommen.
Hilfe an Behörden vorbei

Waltraud Schütz ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft: „Alleine schafft man das nicht“, sagt sie mit Blick auf einen der Dachdecker, der gerade die Regenrinne ihrer Garage repariert: „Das ist ein unschenkbarer Gewinn, den wir hier haben. Das nimmt einem so ein bisschen die Last von den Schultern.“

Wäre es ein normaler Arbeitstag, würden die Lohnkosten von Dachdeckermeister Andreas Schulte rund 5000 Euro betragen. Dass er auf diese verzichtet, sei für ihn eine Selbstverständlichkeit: „Ich denke, das macht man so: Man hilft Leuten, die Hilfe brauchen.“ Als seine Mitarbeiter von dem Facebook-Aufruf erfahren hätten, hätten sie helfen wollen. Ihr Tenor: „Chef, ich verzichte auf meinen Lohn.“

Genauso unbürokratisch wollte Krinninger Hilfe mobilisieren. Die Aktion sei „an den Behörden vorbeigewachsen“. Die Aktion der Dachdecker wirkt aber nicht unorganisiert. Weil er die Erfahrung gemacht habe, dass die Koordination der freiwilligen Helfer in der Vergangenheit nicht gut funktioniert habe, habe er sich gegen den offiziellen Weg entschieden, sagt Krinninger. Er wolle mit der Aktion zeigen, dass „das Handwerk das Ahrtal nicht im Stich lässt“.

R. Schlieker, dpa

27.07.2021 12:22
Die gläsernen Beschäftigten - Wenn die Chefs online Beschäftigte ausspähen - Datenschutz unfair?
Immer mehr Unternehmen sammeln Daten über ihre Beschäftigten, schreibt Steffen Herrmann am 26.7. in der Frankfurter Rundschau. „Das Homeoffice während der Corona-Pandemie verstärkt die Nachfrage nach Überwachungssoftware.
Private Telefonate führen, stundenlang durch Instagram und Facebook scrollen oder den nächsten Sommerurlaub planen. Alles kein Problem, denn im Homeoffice bekommt es der Chef oder die Chefin ja nicht mit – oder?

Das stimmt nicht ganz. Vorgesetzte können ihre Beschäftigten überwachen, auch aus der Distanz. Wer wissen will, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice treiben, muss nicht viel Geld hinlegen: Knapp 50 Euro kostet zum Beispiel die Software Orvell Monitoring pro Arbeitsrechner und Jahr. Nach der Installation zeichnet die Software alle Aktivitäten auf: Wie lange gearbeitet wird, welche Programme genutzt und welche Internetseiten besucht werden. Das Versprechen des Anbieters an die Unternehmen: „detaillierte Tätigkeitsnachweise“ aus dem Homeoffice.

Sonja Köhne forscht am Humboldt Institute für Internet und Gesellschaft, sie kennt sich aus mit den sogenannten People Analytics Tools: Unter dem Begriff verstehe man einen evidenz- und datengesteuerten Ansatz für die Personalführung, sagt Köhne. „Das heißt, man erfasst Verhaltensdaten von Beschäftigten und wertet sie automatisiert aus, um auf dieser Basis geschäftliche Entscheidungen zu optimieren.“
Dabei werden nicht nur Daten gesammelt, um die Beschäftigten zu überwachen: People Analytics Tools können auch andere, wichtige Erkenntnisse liefern – zum Beispiel, welche jungen Talente das Unternehmen wahrscheinlich freiwillig verlassen werden, welche Bewerberin am besten zur ausgeschriebenen Stelle passt oder wie sich die Zahl der Krankheitstage entwickeln wird. Auch für die Beschäftigten selbst können die Anwendungen hilfreich sein: Wo kann ich mich verbessern? Gönne ich mir genug Pausen?

Coronavirus-Pandemie hat Überwachung im Homeoffice verstärkt

Seit der Corona-Pandemie steht allerdings der Aspekt der Überwachung im Fokus. Glaubt man den Anbietern, boomen ihre Programme. Auch beim Anbieter Hubstuff soll sich die Nachfrage nach eigenen Angaben während der Pandemie verdreifacht haben, wie das „Handelsblatt“ berichtet.
Überprüfen lässt sich das nicht. Klar ist aber: Seit viele Menschen im Homeoffice arbeiten, entstehen mehr Daten. Gleichzeitig sind die Beschäftigten der direkten Kontrolle im Betrieb entzogen. Und zumindest bei einigen Unternehmen wächst deshalb der Wunsch nach digitalen Überwachungstools.

Das Vergleichsportal Getapp hat im Mai rund 1100 Führungskräfte und Beschäftigte zur Überwachung im Homeoffice befragt. 21 Prozent der Beschäftigten gaben an, per Software überwacht zu werden. Und bei der Hälfte der Überwachten wurde die Software erst nach Beginn der Corona-Krise eingeführt.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beobachtet den Einsatz von Überwachungssoftware skeptisch. „Die Digitalisierung schafft unliebsame Möglichkeiten der Kontrolle, die in analogen Zeiten schlichtweg unmöglich waren und an die auch kein Mensch gedacht hat“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel.

Grundsätzlich ist die Überwachung von Beschäftigten erlaubt. Allerdings nur dann, wenn die Belegschaft eingebunden ist: Die Einführung von Software, die das Verhalten oder die Leistung von Arbeitnehmern überwacht, ist mitbestimmungspflichtig. Der Betriebsrat kann also nicht übergangen werden. Wo es keine Betriebsräte gibt, müssen Beschäftigte einzeln und freiwillig zustimmen. Eine heimliche Überwachung ist nur in Ausnahmefällen erlaubt, etwa beim konkreten Verdacht einer Straftat oder schwerwiegenden Pflichtverletzung.

Mitarbeiterbefragungen und Analyse der Angestellten während der Covid-19-Pandemie

Auch vor der Coronavirus-Pandemie werteten einige Unternehmen die Daten ihrer Beschäftigten aus – unter anderem durch Mitarbeiterbefragungen. „Es gibt aber auch von Sensoren überwachte Hightech-Arbeitsplätze, die alles messen und auswerten – von den Tastaturanschlägen bis hin zur Pulsfrequenz und der Körperhaltung auf dem Bürostuhl“, sagte Stefanie Krügl, eine Expertin für Organisationskultur, schon 2015 in einem „Zeit“-Interview. Durchgesetzt hat sich diese exotische Vermessung der Beschäftigten nicht.

Der Online-Modehändler Zalando geriet vor anderthalb Jahren in die Kritik, weil er seit 2017 eine Software nutzte, die die Leistung eines Teils der Beschäftigten misst. Die Teilnehmenden werden von ihren Kolleg:innen und Vorgesetzten bewertet. Wer überdurchschnittlich performt, bekommt Lohnzuschläge. Die Hans-Böckler-Stiftung hatte die Wirkung des Programms namens Zonar 2019 untersucht. Das Fazit: Durch Zonar leide das Betriebsklima und der Stress nehme zu. Die Software sei ein „umfassendes, quasi panoptisches System der Leistungskontrolle“. Stefanie Nutzenberger, Mitglied im Vorstand der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, kritisierte Zonar daraufhin als „übergriffig, arbeitnehmerfeindlich und datenschutzrechtlich höchst problematisch“.

Und heute? Zalando gibt an, das Tool nicht mehr „in der Ende 2019 beschriebenen Funktionsweise“ zu nutzen. An den jährlich zwei Mal stattfindenden Feedbackrunden mit Hilfe des „Evaluation Tools“ nähmen knapp 6400 der insgesamt mehr als 14 500 Mitarbeiter:innen teil. Dabei kämen weder Rankings, Scores noch künstliche Intelligenz zum Einsatz. Die Berliner Datenschutzbehörde habe bestätigt, dass „Prozess und Tool konform mit der Datenschutz-Grundverordnung“ seien.

Homeoffice-Überwachung: Datenschutzfragen noch ungeklärt

Dem Deutschen Gewerkschaftsbund aber reichen die bisherigen gesetzlichen Regelungen nicht. Seit mehr als zehn Jahren fordern seine Vertreterinnen und Vertreter ein eigenständiges Beschäftigtendatenschutzgesetz, konnten sich im politischen Berlin damit bislang aber nicht durchsetzen. Dabei sei das Gesetz gerade mit Blick auf die neuen technischen Möglichkeiten dringend notwendig, sagt Anja Piel. „Das Arbeitsverhältnis besteht zwar unter formal Gleichen, tatsächlich manifestiert es aber eine wirtschaftliche Abhängigkeit.“ Der Datenschutz müsse deshalb endlich zugunsten der Beschäftigten geregelt werden.
Aber erfüllen die Programme überhaupt die Erwartungen der Unternehmen, steigern sie die Produktivität der Beschäftigten? Die Forscherin Sonja Köhne ist skeptisch: „Wenn die Metriken, die verwendet werden, nur Aussagen darüber treffen, wie viele Minuten am Tag eine Person Microsoft-Produkte verwendet hat oder wie schnell sie auf Mails reagiert, dann sagt das über die Produktivität natürlich nicht viel aus.“ Die Unternehmen müssten sich also vor dem Einsatz von People Analytics Tools ganz grundlegend der Frage stellen: Inwieweit ist die Arbeit der Beschäftigten überhaupt in Daten auszudrücken?“

Es fehlt also ein klarer Datenschutz für Beschäftigten, für ihre erzeugten Daten und Beobachtungsmerkmal. Schnell gerät ein Unternehmen ins Unfaire und Ungefähre, wenn mit Softwaretools zur Überwachung leichtsinnig oder absichtlich so umeggangen wird, dass 'gläserne Mitarbeitende' das Ergebnis sind.

25.07.2021 05:49
Menschenrechtsverletzungen in Aluminum-Lieferketten in der Autobranche
Automobilunternehmen müssen mehr tun, um Menschenrechtsverletzungen in ihren Aluminium-Lieferketten und den Bauxitminen, von denen sie beziehen, anzugehen, so Human Rights Watch und Inclusive Development International in einem am 22.7. veröffentlichten Bericht.

Fast ein Fünftel des weltweit verbrauchten Aluminiums im Jahr 2019 ging auf das Konto der Automobilhersteller und laut Prognosen wird sich ihr Aluminiumverbrauch bis 2050 verdoppeln wird. Grund hierfür ist der Übergang zu Elektrofahrzeugen.

Der 63-seitige Bericht, „Aluminum: The Car Industry's Blind Spot - Why Car Companies Should Address the Human Rights Impact of Aluminum Production“ beschreibt die globalen Lieferketten, die Automobilhersteller mit Minen, Raffinerien und Schmelzwerken in Ländern wie Guinea, Ghana, Brasilien, China, Malaysia und Australien verbinden. Auf der Grundlage von Treffen und Korrespondenz mit neun großen Automobilkonzernen - BMW, Daimler, Ford, General Motors, Groupe PSA (jetzt Teil von Stellantis), Renault, Toyota, Volkswagen und Volvo - untersuchten Human Rights Watch und Inclusive Development International, wie die Automobilindustrie mit den menschenrechtlichen Auswirkungen der Aluminiumproduktion umgeht, von der Zerstörung von Ackerland und der Schädigung von Wasserquellen durch Minen und Raffinerien bis hin zu den erheblichen Kohlenstoffemissionen der Aluminiumschmelze. Drei weitere Unternehmen - BYD, Hyundai und Tesla - reagierten nicht auf die Anfragen nach Informationen...

Obwohl sich viele der weltweit führenden Automobilkonzerne öffentlich dazu verpflichtet haben, gegen Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten vorzugehen, haben sie bisher wenig getan, um die Auswirkungen der Aluminiumproduktion auf die Menschenrechte zu bewerten und anzugehen. Stattdessen haben sie die Sorgfaltspflicht in der Lieferkette bei anderen Materialien priorisiert, die für Elektrofahrzeuge von wesentlicher Bedeutung sind, wie z.B. Kobalt, das für elektrische Batterien benötigt wird.

Da Bauxit über Tage abgebaut wird, nehmen die Minen eine große Fläche ein und zerstören oft Ackerland, das die Lebensgrundlage der lokalen Gemeinden bildet. Bauxitminen können zudem verheerende Auswirkungen auf Flüsse, Bäche und Grundwasserquellen haben, auf die die Gemeinden für ihr Trinkwasser und die Bewässerung angewiesen sind...

Drei deutsche Automobilhersteller - Audi, BMW und Daimler - versuchen, eine verantwortungsvolle Aluminiumbeschaffung zu fördern, indem sie ihre Zulieferer dazu ermutigen, einem von der Industrie geführten Zertifizierungsprogramm, der Aluminum Stewardship Initiative (ASI), beizutreten...

Die Menschenrechtsstandards von ASI sind jedoch nicht ausdifferenziert genug und bieten keine spezifischen Kriterien, um zu beurteilen, wie gut Unternehmen auf wichtige Menschenrechtsfragen reagieren, wie etwa die Umsiedlung von Gemeinden, die durch den Bergbau vertrieben wurden. ASI muss zudem besser sicherstellen, dass die Gemeinden am Prüfungsprozess beteiligt werden und für mehr Transparenz bezüglich der Ergebnisse sorgen.

Einige Automobilkonzerne haben, seit sie von Human Rights Watch und Inclusive Development International kontaktiert wurden, Schritte unternommen, um Aluminium eine höhere Priorität bei der verantwortungsvollen Beschaffung einzuräumen...

21.06.2021 12:37
Strom-Studie: Versorger liefern bis zu 58% weniger Ökostrom als offiziell angegeben
Das geht aus einem neuen Gutachten des Hamburg Instituts im Auftrag des Klimaschutz-Unternehmens LichtBlick hervor. Das Gutachten untersucht die Folgen einer Reform, die im Mai im Bundestag verabschiedet wurde. Das neue Gesetz schafft mehr Transparenz bei der Stromkennzeichnung. Künftig müssen Versorger auf Kundenrechnungen und auf ihren Internetseiten vollständig ausweisen, aus welchen Quellen der Strom für ihre Kund*innen stammt.

Stromkennzeichnung

Das Hamburg Institut zeigt auf, wie sich der Unternehmens-Strommix von 30 Versorgern durch die Neuregelung verändert. So weist zum Beispiel E.ON aktuell einen Ökostrom-Anteil von insgesamt 56 Prozent aus – nach der Reform sind es noch 7 Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei anderen großen Versorgern: Bei EnBW fällt der Ökostrom-Anteil von 65 auf 13 Prozent, bei Vattenfall von 66 auf 15 Prozent und bei EWE von 51 auf 11 Prozent.

Auch die Angaben zum CO2-Ausstoß werden an den Stromeinkauf angepasst. Damit wird sichtbarer, welchen Klima-Fußabdruck der Strom eines Versorgers hat.
„Die Verantwortung für die jahrelange Verbrauchertäuschung liegt nicht bei den Versorgern, sondern beim Gesetzgeber. Es handelt sich bei der aktuellen Stromkennzeichnung um legales Greenwashing. Das ändert der Gesetzgeber jetzt“, erläutert Ralph Kampwirth, Unternehmenssprecher von LichtBlick. „Mit der Neuregelung wird künftig klar ersichtlich, ob Stromversorger ihren Strom aus Kohle, Atom oder erneuerbaren Quellen beziehen. Das schafft mehr Transparenz für Stromkund*innen.“

Die aktuellen Angaben sind für Verbraucher*innen nicht zu durchschauen und erwecken den Eindruck, ihr Versorger kaufe bereits große Mengen Ökostrom. Grund dafür ist die geltende Kennzeichnungspflicht. Sie vermischt Angaben zum Stromeinkauf des Versorgers mit einem rechnerisch ermittelten Wert, wie viel EEG-Strom Kunden über die Zahlung der EEG-Umlage finanzieren. Diese EEG-Angabe hat allerdings nichts mit der Stromlieferung zu tun.

Mit dieser irreführenden Kennzeichnung ist nach der Novelle Schluss – zumindest beim Unternehmens-Strommix, der den gesamten Stromeinkauf eines Versorgers abbildet. Bei den Angaben zu einzelnen Stromtarifen behält der Gesetzgeber die alte Regelung bei. „Umweltbewusste Verbraucher*innen sollten sich also künftig am Unternehmensmix orientieren, da der das tatsächliche Einkaufsverhalten des Stromversorgers widerspiegelt“, empfiehlt LichtBlick-Sprecher Ralph Kampwirth.

"Mit den größten Energieversorgern und ihren teils sehr kleinen Öko-Anteilen - die Übersicht"

20.05.2021 12:26
Amazon vernichtet offenbar weiterhin Neuware
"Eigentlich soll ein neues Gesetz die Vernichtung von Rücksendungen bei Versandhändlern verhindern. Doch laut Recherchen von Greenpeace setzt Amazon die umstrittene Praxis in Deutschland fort.

Der Onlineriese Amazon vernichtet laut Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace auch weiterhin Neuware: Am Standort Winsen in Niedersachsen würden an acht Arbeitsplätzen originalverpackte Produkte für die Vernichtung vorsortiert, berichtete Greenpeace am Donnerstag. Das zeigten Filmaufnahmen eines Greenpeace-Rechercheurs, der mehrere Wochen als Angestellter im Amazon-Logistikzentrum in Winsen gearbeitet habe. Amazon nenne diese Arbeitsplätze »Destroy«-Stationen.
Der Konzern entsorge allein an diesem Standort jede Woche mindestens eine Lkw-Ladung nicht verkaufter Ware, von T-Shirts über Bücher bis hin zu Elektroartikeln, berichtete Greenpeace. Die Umweltorganisation kritisierte, dies geschehe, obwohl im vergangenen Jahr ein Gesetz gegen diese Form von Ressourcenverschwendung in Kraft getreten war. Die sogenannte Obhutspflicht soll verhindern, dass intakte Ware zerstört wird. Doch bisher werde die Obhutspflicht weder umgesetzt noch von den Behörden überwacht.

Amazon: Anteil liege im »Promillebereich«

Amazon erklärte gegenüber der ARD-Sendung »Panorama«, der Konzern arbeite daran, möglichst gar keine Produkte zu vernichten. »Nur wenn wir keine andere Möglichkeit mehr haben, geben wir Artikel zum Recycling oder zur Energierückgewinnung – oder als allerletzte Option – zur Deponierung«, zitierte die ARD am Donnerstag. Es handle sich dabei um wenige Produkte, der Anteil befinde sich im »Promillebereich«.

»Amazon setzt allein auf schnellen Umsatz und hält deshalb den Platz im Regal für wichtiger als das Produkt darin – eine klimaschädliche Ressourcenverschwendung«, kritisierte Greenpeace-Konsumexpertin Viola Wohlgemuth. Der Konzern nutze aus, dass es bisher an einer Rechtsverordnung zur Obhutspflicht fehlt, weshalb keine Strafen verhängt werden".

Was Spiegel Online hier heute zusammenfassend berichtet, lässt tief blicken. "Der Anteil liege im »Promillebereich«, meint Amazon zur Kritik von Panorama und Greenpeace. Ja, wenn das so ist: schmeißen wir doch alles mal weg, was im Promillebereich liegt. Wie das machen wir schon - gemessen am Ressourcenvorlumen der Erde und dem, was die Menschen weltweit so wegschmeißen? Na denn, dann können wir uns ja prima rausreden. Amazon sei dank sind wir auch nicht besser oder? Wenn wir die ganze Erde in Müll und Abfall verwandelt haben, werden wir merken, dass man auf ihr nicht mehr menschlich leben kann.

20.04.2021 13:15
Parship und die Unfairness
Wer beim Online-Partner­ver­mittler Parship seinen Vertrag frist­gerecht wider­ruft, wird trotzdem kräftig zur Kasse gebeten. Das stellt die Verbraucherberung fest und fordert die Mitglieder auf, sich Geld zurückzuholen. Dazu gibt es einen Musterbrief sowie eine Liste vieler erfolgreicher Klagen gegen Parship. Denn "das Unternehmen verlangt von ehemaligen Kunden einen überzogenen Wertersatz. Nach einem aktuellen Urteil des EuGH sollte damit jetzt Schluss sein. Betroffene können ihr Geld zurückholen – mit unserem Musterbrief!", schreibt die Verbraucherberatung. Und weiter:

"Das Wichtigste in Kürze

Die Partnervermittlung Parship verlangt hohe Summen als sogenannten Wertersatz, wenn Kunden ihren Vertrag binnen der möglichen Frist von 14 Tagen widerrufen.
Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes ist der Wertersatz zeitanteilig, also anhand der Tage bis zur Erklärung des Widerrufs zu berechnen.
Betroffene können mit einem kostenlosen Musterbrief der Verbraucherzentrale Geld zurückfordern. Ansprüche gegenüber Parship verjähren nach drei Jahren.

Es geht um Fälle wie diesen: Frau L. widerrief ihre kosten­pflichtige Mitgliedschaft bei der Partnerbörse Parship nach zwölf Tagen und damit innerhalb der vorgeschriebenen Widerrufsfrist von zwei Wochen. Kurz danach erhielt sie zu ihrer Überraschung die Mitteilung, dass sie für zehn in der kurzen Zeit zustande gekommene Kontakte 306,99 Euro als sogenannten Wertersatz zahlen sollte, was 75 Prozent des Preises ihres ursprünglich abgeschlossenen Jahresabonnements von 409,32 Euro entsprach.

Wie Parship den Wertersatz berechnet

Laut Parship kann die Höhe des zu leistenden Wertersatzes wie im Fall von Frau L. bis zu 75 Prozent des Produktpreises für den vom Kunden abgeschlossenen Vertrag betragen. Berechnet wird die Höhe des Wertersatzes nach der Anzahl der bereits genutzten Kontakte auf der Online-Plattform und so schrieb Parship Folgendes an Frau L.:

„Wir garantieren Ihnen das Zustandekommen einer bestimmten Anzahl an Kontakten im Rahmen Ihrer Premium-Mitgliedschaft. Gemäß unseren Regelungen zum Wertersatz bei Widerruf ist die Anzahl der genutzten Kontakte die Basis für die Berechnung des Wertersatzes. Wir berechnen Ihnen also folgenden Wertersatz:

Ihr Produktpreis: 409,32 Euro
Laufzeit Ihres Produkts (Monate): 12
Laufzeitbezogene garantierte Kontakte: 7
Davon zustande gekommene Kontakte: 10
Bereits von Ihnen gezahlt: 409,32 Euro
Rückerstattung: 102,33 Euro

Den von Ihnen zu viel gezahlten Betrag erstatten wir Ihnen in den nächsten Tagen.“

Fordern Sie Ihr Geld zurück

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 8. Oktober 2020 macht der Berechnungsmethode, die wir schon seit Jahren kritisieren, den Garaus. Danach ist für den Wertersatz, den Verbraucher zu zahlen haben, wenn sie ihren Vertrag widerrufen, grundsätzlich die Gesamtheit der vertragsgegenständlichen Leistungen zu betrachten und der geschuldete Betrag zeitanteilig zu berechnen.

Für den Fall von Frau L. würde dies bedeuten: Auf Basis der vertraglich vereinbarten Laufzeit ist zunächst der Tagespreis zu ermitteln. Das wären 1,12 Euro (409,32 Euro / 365 Tage). Für die gesamte Nutzungsdauer von zwölf Tagen müsste Frau L. laut EuGH lediglich 13,46 Euro zahlen. Parship forderte hingegen satte 306,99 Euro.

Wenn Sie genauso zur Kasse gebeten wurden wie Frau L., sollten Sie jetzt Ihr Geld von der Partnervermittlung zurückholen. Ermitteln Sie die berechtigte Höhe des Wertersatzes, indem Sie den für Ihren persönlichen Fall gültigen Tagespreis zugrunde legen. Schreiben Sie Parship (bzw. Elitepartner) an und fordern Sie das Unternehmen auf, den unberechtigterweise einbehaltenen Teil des Wertersatzes zurückzuzahlen.

Wichtig: Schicken Sie den Brief per Einschreiben, damit Sie nachweisen können, dass Ihr Schreiben tatsächlich eingegangen ist.

Sie wissen nicht, wie Sie das Schreiben an die Partnervermittlung formulieren sollen? Dann nutzen Sie einfach unseren kostenlosen Musterbrief. Viel Erfolg!

Verbraucher melden uns zurück, dass Parship den unberechtigterweise einbehaltenen Wertersatz tatsächlich ohne lange Diskussionen erstattet. Auf dem Konto von Frau M. gingen beispielsweise 471 Euro ein, nachdem sie unseren Brief an die Partnervermittlung geschickt und eine Frist gesetzt hatte.

Reichen Sie Klage eine

Erfolgt hingegen keine Erstattung innerhalb der Frist, sollten Sie Ihren Anspruch gerichtlich geltend machen. Die Mühe lohnt sich! Schon vor der Entscheidung des EuGH hat das Amtsgericht Hamburg das Unternehmen Parship regelmäßig verpflichtet, Geld an ehemalige Kunden zurückzuzahlen.

Die Spanne reicht von kleineren Beträgen um die 20 Euro bis hin zu höheren Summen von mehreren hundert Euro, die sogar zuzüglich Zinsen in Höhe von fünf Prozent von der Partnervermittlung beglichen werden müssen. Darüber hinaus musste Parship die Anwalts- und Gerichtskosten für die Verfahren in diesen Fällen komplett tragen".

"Zu Musterbrief und Liste der erfolgreichen Klagen"

30.03.2021 15:20
Greenwashing ist gängige Methode von Unternehmen
In Zeiten von Fridays for Future lohnt es sich für Unternehmen, sich ein grünes Image zu verpassen. Statt aber ernsthaft und vollständig umzudenken, greifen manche Konzerne gerne zum Pinsel und schwurbeln irgendwas von “Nachhaltigkeit hat für uns einen hohen Stellenwert” zusammen. Sie verwenden Werbegeldern um dem Konsumenten einzuhämmern wie umweltfreundlich man doch ist, bis er das ungeprüft glaubt. Das ist Greenwashing! Wir klären hier über die Praktiken auf und zeigen die bekanntesten Greenwashing Beispiele:

- Aldi vs. Plastik – 1 Cent für Obsttüten
- Round Table for sustainable Palmoil
- Primark cares – really?
- H&M Conscious Kollektion
- BCI: Grüne Sklavenarbeit
- Delfin-freundlicher Thunfischfang
- MSC Siegel für nachhaltigen Fischfang
- Green Cruising
- Bekanntestes Greenwashing Beispiel: Krombacher rettet den Regenwald

Mehr dazu auf
"Praxis des Greenwashing"
mit eingehender Erläuterung

und kritischer Check zu den Fairness-Versprechen von mehr als 50 großen Unternehmen und ihren Produkten:
"Über 50 Unternehmen und mehr als 200 Produkte im Fairness-Check"

18.03.2021 08:45
Viele Beschäftigte sind erschöpft - Faire Firmen punkten bei der Mitarbeiterschaft
Eine aktuellen Gallup-Umfrage zufolge fühlt sich jeder dritte Mitarbeiter ausgebrannt. Ein volles Jahr Pandemie hat den Beschäftigten viel abverlangt. Die Folgen: Der Anteil erschöpfter Mitarbeiter steigt dramatisch – und immer mehr denken an einen Jobwechsel. Doch erweist sich: Firmen, die sich vorbildlich um ihre Beschäfttigen kümmern, sie fair behandeln, was auch fürsorgliches Handeln einschließt, können die Bindung mit den Beschäftigten stärken. Firmen, die an den persönlichen Situationen der Beschäftigten eher desinteressiert sind, verlieren die Bindung. Die Angestellten gehen auf innere Distanz und erwägen nach der Pandemie den Arbeitgeberwechsel.

Viele Beschäftigte in Deutschland leiden unter den hohen beruflichen Belastungen in der Coronakrise: Der Anteil der Mitarbeiter, die sich aufgrund der Lage im Unternehmen erschöpft fühlen, ist binnen einem Jahr erheblich gestiegen.
35 Prozent der Befragten hatten im Herbst das Gefühl, aufgrund von Arbeitsstress ausgebrannt zu sein, wie das Beratungsunternehmen Gallup ermittelte. In den beiden Vorjahren waren es 26 Prozent. Die Gefahr für ein Burn-out-Syndrom sei damit deutlich gestiegen, sagte Gallup-Experte Marco Nink zu den Zahlen, die am Donnerstag vorgestellt werden sollten.

Stärkere Bereitschaft zum Jobwechsel

Die Umfrage fördert auch eine zweite Entwicklung zutage: Offenbar nimmt in der Krise die Identifikation mit dem Unternehmen und dem derzeitigen Arbeitsplatz ab. Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind demnach zu einem Jobwechsel bereit. Nur noch 61 Prozent wollen ohne Wenn und Aber in einem Jahr noch bei ihrer derzeitigen Firma arbeiten. Im Vorjahr waren es 73 Prozent, davor 78 Prozent. Besonders wechselwillig sind laut Nink Menschen in Kurzarbeit. »Kurzarbeit geht einher mit einer Eintrübung des Vertrauensverhältnisses und einem kritischeren Bild vom Arbeitgeber.«

Gleichzeitig bekommen viele Unternehmen auch gute Noten für ihre Reaktion auf die Pandemie. Jeweils deutliche Mehrheiten der Befragten sind mit der Geschäftsführung zufrieden, sehen klare Pläne für Schutzmaßnahmen in Bezug auf die Gesundheit und glauben, dass sich ihr Unternehmen für ihr Wohlergehen interessiere. »Die Coronakrise polarisiert die Arbeitnehmerschaft in Deutschland«, sagte Nink. Unternehmen, die sich um ihre Beschäftigten als Mensch und nicht nur als reine Arbeitskraft gekümmert hätten, profitierten von einer hohen emotionalen Mitarbeiterbindung.

Für die Umfrage wurden in der Zeit vom 19. November bis 18. Dezember 2020 insgesamt 1000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über 18 Jahren telefonisch befragt.

Mit Material von beb/dpa.

24.02.2021 08:47
Krasse Unfairness gegenüber Steuerzahlern, Regierungen, Natur und klimabewusster Wirtschaft
Ein Vertrag, der verhindert, dass Regierungen dem Klimawandel entgegen wirken, und der Konzerne ermächtigt, extrem viel Steuergeld abzugreifen. Kann es das geben - einen umfassenden korrupten Vertragsskandal? Ja, gibt es, wie Investigative Europe und Buzzfeeds News schreiben:

>>Der kaum bekannte Energiecharta-Vertrag (ECT) könnte die EU-Staaten in den kommenden Jahren hunderte Milliarden Euro kosten und den Kampf gegen die Klimakrise entscheidend verzögern. Das ist das Ergebnis einer monatelangen "Investigate Europe"-Recherche. Unterschrieben haben den Energiecharta-Vertrag Anfang der Neunzigerjahre einst alle EU-Staaten, auch Deutschland.

Einst sollte die Charta Investitionen in neuen Demokratien mit unsicherer Rechtslage schützen. Doch der Vertragstext ist vage formuliert. Deshalb können ihn heute auch Energieunternehmen nutzen, um EU-Staaten vor internationalen Schiedsgerichten auf Milliarden-Entschädigung zu verklagen, wenn Gesetzgeber neue Klimamaßnahmen beschließen. In den kommenden Jahren könnten Europas Staaten Milliarden an Entschädigung zahlen müssen oder aus Angst davor, geplante Klimagesetze aufweichen. Das ist kein fernes Zukunftsszenario. Es hat bereits begonnen.

Die Recherche zeigt,

- dass das Klagepotenzial unter der Energiecharta immens ist. Das berechnete “Investigate Europe” erstmals. Demnach beträgt der Wert der Öl- und Gas-Felder, der Kohlekraftwerke und Kohleminen sowie der Gaskraftwerke, Pipelines und Flüssiggas-Terminals in der EU, Großbritannien sowie der Schweiz, die durch den Energiecharta-Vertrag geschützt werden, 344,6 Milliarden Euro. Je Einwohner entspricht das mehr als 660 Euro.

- dass vor allem der Wert der Ölfelder (126 Milliarden Euro) sowie der Pipelines (148 Milliarden Euro) zu dem hohen Wert fossiler Infrastruktur in Europa beiträgt. Das ist brisant, denn vielerorts in Europa werden momentan neue kostspielige Gas-Pipelines verlegt. Deren Investoren könnten künftig mit Hilfe der Energiecharta klagen, sollten Europas Staate aus dem Gas aussteigen und die Pipelines obsolet werden.

- dass der Energiecharta-Vertrag einseitig ist. Nur Unternehmen können Klagen. Der schwammige Vertragstext legt zudem nicht fest, wie Entschädigungen berechnet werden sollen. Investoren können auch auf entgangene künftige Gewinne klagen. Das kann zu noch höheren Entschädigungsansprüchen führen. Hat ein Schiedsgericht einen Staat verurteilt, kann dieser kaum Einspruch einlegen.

- dass allein die Möglichkeit einer Klage mittels der Energiecharta ausreicht, um von Staaten Entschädigung in Milliardenhöhe zu erhalten. Erst vor wenigen Wochen garantierte die Bundesregierung dem Kohle-Konzern Leag im Rahmen des Kohleausstiegs eine Entschädigung in Milliardenhöhe. Im Gegenzug gab Leag sein Recht auf mit Hilfe der Energiecharta zu klagen.

- dass bereits eine Klagedrohung ausreicht, um die Klimapolitik von Staaten zu beeinflussen. Als die französische Regierung 2017 ein ambitioniertes Ölförderverbot vorbereitete, teilte der kanadische Ölkonzern Vermilion der Regierung mit, dass die Maßnahme gegen die Energiecharta verstoße. Das finale Gesetz enthielt dann deutlich schwächere Regelungen.

- dass mittlerweile in zwei Dritteln der Energiecharta-Fälle Investoren aus der EU gegen EU-Staaten klagen, obwohl der Vertrag einst konstruiert wurde, um Investitionen in Staaten zu schützen mit unsicherer Rechtslage.

- dass EU-Staaten im Umgang mit der Energiecharta uneins. Gemeinsam einigten sie sich zwar darauf, dass eine Vertragsreform notwendig sei und beschlossen Mitte Februar dieses Jahres eine Verhandlungsposition für die EU-Kommission, doch damit sind nicht alle Staaten zufrieden.

- dass Frankreich und Spanien einen Austritt erwägen. Das zeigen Briefe, die Investigate Europe vorliegen.

- dass selbst mit einer gemeinsamen EU-Linie unklar ist, ob eine Reform des Energiecharta-Vertrags gelingt. Denn der müssten alle Vertragsparteien zustimmen. Japan kündigte bereits an, jegliche Änderungen zu blockieren.

- dass ein vollständiger sofortiger Austritt aus der Energiecharta unmöglich ist. Denn laut Vertragstext können Staaten nach Austritt 20 Jahre lang weiter weiter verklagt werden. Italien verließ den Vertrag 2016, wird aber seit 2017 von dem britischen Öl-Konzern Rockhopper verklagt. Die italienische Regierung hatte ein Verbot von küstennaher Ölförderung beschlossen.

- dass an den Schiedsgerichten ein kleiner Zirkel von Anwälten tätig ist, die mitunter in den Verfahren mal als Schiedsrichter und mal als Anwalt fossiler Konzerne arbeiten. Im Gespräch mit “Investigate Europe” nennt ein Schiedsrichter dies unethisch. Die Gehälter der Schiedsrichter sind zudem nahezu unbegrenzt und werden auch aus Steuergeldern bezahlt.

- dass selbst Juristen das System der Schiedsrichter und des Energiecharta-Vertrags längst kritisch sehen. In Gesprächen mit “Investigate Europe” bezeichneten sie dieses als “russisches Roulette” sowie als “historischen Fehler”.

- dass Mitarbeiter in der Verwaltung des Energiecharta-Vertrages, dem sogenannten Sekretariat, enge Verbindungen zu fossilen Konzernen pflegen. Dabei sollen sie im Auftrag der Vertragsstaaten über die Energiecharta wachen, die Modernisierung betreuen sowie um neue Mitgliedsstaaten werben.

- dass die Vertragsstaaten im Dezember 2019 zwar eine “vorübergehende Pause bei der Ausstellung von Einladungen zum Beitritt zum ECT” beschlossen haben, doch unklar ist, ob ein solcher Expansionsstopp tatsächlich erfolgt. Im Budget des Sekretariats für das Jahr 2021 wird weiterhin rund eine halbe Million Euro für Erweiterungspolitik veranschlagt. Momentan befinden sich 13 afrikanische Staaten im Beitrittsprozess. Kritiker warnen, dass sobald diese Staaten Vertragsmitglieder seien, eine “hohe Wahrscheinlichkeit” bestehe, dass sie ebenfalls verklagt werden.<<

Kommentar in der Frankfurter Rundschau von Joachim Wille dazu:

>>Der Eine Anpassung des Vertrags über die Energiecharta an das „Green Deal“-Projekt der EU ist unmöglich. Es ist notwendig, aus dem Vertrag auszusteigen. Energiecharta-Vertrag? Nie gehört. Oder das Kürzel ECT? Auch nicht? So geht es vielen, eigentlich fast allen. Und doch ist der ECT ein großer Stolperstein auf dem Weg in eine klimafreundliche Zukunft der Europäischen Union, der möglichst schnell aus dem Weg geräumt werden muss.
Eigentlich war der Vertrag in den 90ern erfunden worden, um Investitionen westlicher Unternehmen im Ex-Ostblock vor Willkürmaßnahmen dortiger Regierungen zu schützen. Inzwischen nützen Konzerne das Instrument auch, um gegen politische Entscheidungen von EU-Staaten wie Atomausstieg oder Klimaschutz vorzugehen. Bekannteste Beispiele hierzulande: Die Klage von Vattenfall gegen die Abschaltung von zwei AKW und die von RWE gegen den niederländischen Kohleausstieg. Beides potenzielle Milliardengräber - für die Steuerzahler:innen.
Die aktuelle Recherche von Investigate Europe und BuzzFeed News Deutschland zeigt, dass die Bundesregierung offenbar aus Sorge vor einer Energiecharta-Klage eine weit überhöhte Entschädigung an den tschechischen Leag-Konzern zahlt. Das unterstreicht die Notwendigkeit, endlich aus dem ECT auszusteigen. Denn eine Anpassung dieses Vertrags an das „Green Deal“-Projekt der EU ist offensichtlich unmöglich. Der ECT ist ein Black Deal.<<

04.01.2021 10:28
Bei Problemen mit Amazon wird Amazon zum Problem
Es geschah Ende 2020. Aus dem Amazon-Fan Rainer Hank - bis zur Rente leitender Wirtschaftsredakteur der FAZ - wurde ein scharfer, enttäuschter Amazon-Kritiker. Und das passsiertes so, wie er in der FAZ am 3.1.2021 schrieb: "In den letzten Wochen des Jahres 2020 habe ich den Glauben an Amazon verloren.

Und das kam so. Einige kurz hintereinander erfolgte Abbuchungen von Anfang November auf meiner Kreditkartenabrechnung, keine großen Beträge, kamen mir spanisch vor. Ich hatte die Befürchtung, ein Betrüger müsse mein Amazon-Konto gehackt haben. Solche Sachen liest man ja; warum sollte ich verschont bleiben. Ich bat meine Bank, das mutmaßlich betrügerisch abgebuchte Geld zurückzufordern. Das funktionierte binnen eines Tages reibungslos.

Tags darauf musste ich feststellen, dass es keinen Hacker gab, ich bloß bei der coronabedingt vielfältigen Online-Bestellerei den Überblick über meine Käufe verloren hatte. So waren mir etwa die Fahrradhandschuhe für 10,97 Euro nicht mehr präsent. Mein Fehler, gewiss – aber ein Fehler, den ich mir durchgehen lasse. Kann passieren.
Amazon ächtete mich

Danach lernte ich Amazon von einer anderen Seite kennen. Wie naiv war es von mir zu meinen, die Sache lasse sich mit einer korrigierenden E-Mail an Amazon aus der Welt schaffen. Erst einmal reagierte das Unternehmen gar nicht. Dann erhielt ich die Mitteilung, mein Amazon-Konto sei gesperrt, angeblich, um mich zu schützen. Einige Tage später wurde ich aufgefordert, ich solle die Nummer einer Kreditkarte angeben, um die Bestellungen zu bezahlen, die aber nicht jene Kreditkarte sein dürfe, von der ursprünglich die Beträge abgebucht worden seien; sie müsse aber gleichwohl auf meinem Amazon-Konto hinterlegt sein. Das werde schwierig, antwortete ich, denn es sei keine andere Kreditkarte hinterlegt, ich könne das aber jetzt gerne nachholen. Nein, das sei nicht möglich, wurde mir einige Tage später mitgeteilt.

Da schwante mir: Die Sache wird sich ziehen. Ich kürze ab: Amazon ächtete mich und schloss mich wochenlang aus der Community aus. Am anderen Ende der Telefon-Hotline traf ich zwar immer auf freundliche Call-Center-Mitarbeiterinnen, die stets versicherten, mein Anliegen weiterzugeben. Doch ohne Erfolg.

Ich wäre bereit gewesen, das Geld persönlich mit Schufa-Zertifikat vorbeizubringen oder als Einschreiben an Jeff Bezos nach Seattle zu schicken. Es nützte alles nichts. Wie Hohn kam es mir vor, dass die in nicht leicht zu verstehendem Deutsch formulierten E-Mails von „Kontospezialist. Amazon.de“ mit dem Hinweis enden: „Unser Ziel: das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt zu sein. Ihr Feedback hilft uns dabei.“

Ich höre schon die Häme der Leser: Das kommt davon, wenn man sich auf Amazon verlässt. Und ich höre den Vorwurf: Hier wird ein einmaliger Vorfall, für dessen Eintreten ich auch noch selbst verantwortlich bin, generalisiert und zum Vertrauens-Super-GAU hochstilisiert. Diesen Verdacht zu entkräften half mir – wie stets – das F.A.Z.-Archiv. Dort findet sich genügend Material meiner Leidensgenossen, alle mit dem Tenor: Wehe dem, der den Automatismus von Amazon stört. Der wird bestraft.
Marktmacht ist verführerisch und bequem für den Kunden

Als dilettierender Kartellexperte hätte ich vor diesem ärgerlichen Vorfall stets behauptet, Amazon sei nicht gefährlich trotz seiner inzwischen 80 Prozent Marktanteile im Online-Handel. Denn das Unternehmen nützt seine Macht ganz offensichtlich nicht aus, mir höhere Preise abzuknöpfen. Der Erfolg verdankt sich seiner auf Netzwerkeffekten beruhenden Leistung – mit freundlicher Unterstützung durch die aktuelle Seuche, die es uns verbietet, beim stationären Händler einzukaufen. Doch jetzt sehe ich: Preissetzungsmacht ist nicht der einzige Schaden, den ein Monopolist den Menschen zufügt. Ich wurde Opfer einer Mischung aus Bürokratismus und Desinteresse am einzelnen Kunden.

Der Monopolist braucht sich – allen Marketingsprüchen zum Trotz – nicht mehr besonders anzustrengen. Bei einem Rekordumsatz von hochgerechnet etwa 380 Milliarden Dollar im Jahr 2020 und einem Gewinn allein in den ersten drei Quartalen von 14 Milliarden Dollar kommt es auf den Kunden Hank nun wirklich nicht an. Abwandern wird er nicht, er hat ja keine Alternative".

Das stimmt nun allerdings nicht; es ist nur etwas aufwändiger: etwa 20 mehr Klicks mit dem Finger, etwas mehr Grips-Einatz. Was ist daran wirklich mühsam? Es soll Menschen geben, die mehr tun müssen, um Gewünschtes zu bekommen...

14.12.2020 09:27
Wie fair ist das Sandmännchen? Faire Kuscheltier und faires Spielzeug durch die Fair Toys Organisation (FTO)
"Das Sandmännchen ist fair", stellt Hannes Koch in der Frankfurter Rundschau heute fest. Und weiter: "Was soll man von dem seit 1959 bei Kindern und Eltern beliebten Gute-Nacht-Begleiter auch sonst denken? Heute kommt die Figur in ihrer Plüsch-Puppen-Variante zwar aus China – über schlechte Qualität, gefährliche Materialien oder miese Arbeitsbedingungen in den Fabriken müsse man sich aber keine Sorgen machen, heißt es bei der Firma Heunec im bayerischen Neustadt unweit Coburg.

Zwei Millionen Plüschtiere und -Puppen lässt das Unternehmen jährlich in China fertigen, auch das Sandmännchen. Dass die Bedingungen dort in Ordnung sind, ist Firmenchefin Barbara Fehn-Dransfeld ein Anliegen. „Unsere Partner in China bestätigen uns, dass sie ihren Beschäftigten beispielsweise deutlich mehr zahlen als die niedrigen, staatlich festgesetzten Mindestlöhne“, sagt die Heunec-Miteigentümerin.

Damit die Spielzeugbranche insgesamt höhere Standards akzeptiert, hat Fehn-Dransfeld die Fair Toys Organisation (FTO) mitgegründet und arbeitet dort im Vereinsvorstand. Beigetreten sind bisher zehn Unternehmen, darunter Fischertechnik und Zapf Creation. Das ist jedoch nur ein Anfang: Der Marktanteil dieser Firmen liegt deutlich unter zehn Prozent der Branche in Deutschland. Mit zweistelligen Millionenumsätzen und 30 Leuten spielt Heunec in der Regionalliga der hiesigen Spielzeugindustrie.

Der existenzsichernde Lohn ist ein wichtiger Punkt im Verhaltenskodex der Organisation. Wer der FTO beitritt, verpflichtet sich dem Ziel, dass die Beschäftigten der ausländischen Zulieferfabriken mehr Geld bekommen als die meist spärlichen Mindestlöhne. Genaue Zahlen enthält der Kodex jedoch nicht. Weitere Regeln besagen beispielsweise: Das Personal soll regelmäßig nicht länger als 48 Stunden wöchentlich arbeiten, ein freier Tag pro Woche ist Pflicht. Gewerkschaften dürfen gegründet werden.
„Die Mitgliedsfirmen sind verpflichtet, sich den Zielen aus dem Verhaltenskodex fortschreitend anzunähern“, erklärt FTO-Initiator Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero (CIR) in Nürnberg. „Sie müssen konkrete Schritte benennen und diese auch nachweisbar umsetzen.“ Die Organisation beschreibt den Weg, weiß aber, dass es selbst bei den Mitgliedsfirmen durchaus Defizite gebe. „Wer behauptet, Arbeitsrechtsverletzungen zu 100 Prozent ausschließen zu können, ist unehrlich“, heißt es auf ihrer Internetseite.

Fehn-Dransfeld räumt ein Spannungsverhältnis auch in ihrem Unternehmen ein. „Die Entlohnung in den chinesischen Firmen, die Heunec-Produkte fertigen, ist existenzsichernd“, sagt sie einerseits. Andererseits kontrolliert der deutsche Betrieb diese Informationen aus China bisher weder selbst, noch lässt er sie von beauftragten Zertifizierungsorganisationen überprüfen. „Das Thema steht aber auf der Agenda“, sagt Fehn-Dransfeld. In Zukunft wird das nicht mehr reichen. Dann müssen Heunec und andere Firmen genauer hinsehen, die Bedingungen in ihren Lieferketten dokumentieren, sowie Realität und Ziele zur Deckung bringen.

Das macht Arbeit und kostet Geld. Warum unterzieht Heunec sich dieser Mühe? Vor allem ärgere sie sich über die schlechten Arbeitsbedingungen in vielen chinesischen Fabriken, auf die die CIR Jahr für Jahr in ihrem kritischen Branchenreport (siehe Kasten) hinweise, sagt Fehn-Dransfeld. Denn damit drohe mittelbar auch ein schlechtes Licht auf ihren eigenen Betrieb zu fallen. „Die Kunden lesen ja auf unseren Etiketten ‚Made in China‘.“ Die Firmenchefin hat Angst vor einem Imageschaden.

Kann aber – andersherum betrachtet – die hohe ökologische und soziale Qualität zum Verkaufsargument werden? Suchen Verbraucherinnen und Verbraucher gezielt solche Produkte, so dass sich die Mitgliedschaft in der FTO rechnet? Möglich ist das, wie Firmenbeispiele aus der Bekleidungs- und Lebensmittelwirtschaft zeigen. Andererseits ist der Anteil nachhaltiger Produkte im Vergleich zum gesamten Einzelhandelsumsatz noch sehr gering: Mehrheitlich interessieren sich die Konsumenten höchstens theoretisch für den ethischen Mehrwert der gekauften Artikel.

Ob sich das ändert, wird man im Spielzeugmarkt erst in ein paar Jahren erfahren. „Wenn die Unternehmen ihre Zusagen einhalten und die nötige Punktzahl im FTO-Check erreichen, dürfen sie mit dem Logo der FTO an ihren Produkten in den Geschäften werben“, sagt Maik Pflaum. In frühestens zwei Jahren können die Kundinnen und Kunden auf diese Art entscheiden, ob sie fairen Plüschtieren den Vorzug vor konventionell gefertigten geben.

Wichtig erscheint allerdings auch das Marktsegment der öffentlichen Beschaffung. Die Stadt Nürnberg – Ort der alljährlichen Spielzeugmesse – ist schon jetzt FTO-Mitglied. „Ich kann mir gut vorstellen, dass der Nürnberger Stadtrat künftig beschließt, für öffentliche Einrichtungen nur noch Produkte mit dem FTO-Siegel zu kaufen“, vermutet Pflaum, der als parteiloser Abgeordneter der Grünen selbst in dem Gremium sitzt. Andere Kommunen mögen dem Beispiel folgen und für ihre Kindertagesstätten dann ausschließlich faires Spielzeug einkaufen.

Initiativen wie die FTO liegen in jedem Fall im Trend. Mit ihrem Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte übt die Bundesregierung sanften Druck auf die Unternehmen aus. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) plädieren außerdem für ein Lieferkettengesetz, damit hiesige Unternehmen die Arbeitsbedingungen in ihren ausländischen Zulieferfabriken verbessern.

Viele Firmen warten ab, manche Wirtschaftsverbände treten auf die Bremse, andere versuchen hingegen, das Beste aus der Entwicklung zu machen. So ist der Bundesverband der Spielwarenindustrie (DVSI), der rund 240 mittlere und große Unternehmen repräsentiert, der FTO schon beigetreten. Und eine Sprecherin des Herstellers Simba-Dickie, eine der Großen der Branche, sagt: „Wir stehen der Fair Toys Organisation offen gegenüber, sind in engem Kontakt und überlegen, dort zukünftig Mitglied zu werden.“"

02.11.2020 12:23
Schokolade-Unternehmen brechen ihr Versprechen
Verbraucher in Deutschland müssen nach Darstellung von Entwicklungsorganisationen weiter davon ausgehen, dass in Schokoladentafeln ausbeuterische Kinderarbeit steckt. Die Entwicklungsorganisation Inkota und das Forum Fairer Handel forderten deshalb am Dienstag in Berlin von der Bundesregierung ein ambitioniertes Lieferkettengesetz, das Unternehmen haftbar macht, wenn sie eine Mitverantwortung für ausbeuterische Kinderarbeit tragen.

Die beiden Organisationen verwiesen auf eine im Auftrag des US-Arbeitsministeriums erstellte und am Montag veröffentlichte Studie, nach der die Schokoladenindustrie ihr Versprechen gebrochen habe, die Kinderarbeit auf Kakaoplantagen bis 2020 um 70 Prozent zu verringern. Demnach arbeiten noch immer rund 1,5 Millionen Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen auf Kakaoplantagen in Westafrika, wo rund 70 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Kakaos angebaut werden.

Insbesondere der Anteil der Kinder, die gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind, sei in den vergangenen Jahren sogar stark gestiegen, betonen die Entwicklungsorganisationen.

„Die Schokoladenindustrie hat ihr Versprechen gebrochen“, kritisierte Johannes Schorling, Referent für Wirtschaft und Menschenrechte beim Inkota-Netzwerk. Programme zur Bekämpfung der Kinderarbeit erreichten bisher nur einen kleinen Teil der Bauern, auch weil Unternehmen die hohen Kosten für solche Programme scheuten. „Menschenrechte gibt es aber nicht zum Nulltarif. Unternehmen müssen bereit sein, die nötigen Kosten für die Vermeidung von Kinderarbeit zu tragen – dazu gehört auch die Zahlung eines existenzsichernden Kakaopreises“, so Schorling.

Bereits 2001 hatten Schokoladenhersteller wie Mars und Nestlé im Harkin-Engel-Protokoll versprochen, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2005 zu beenden. Das Ziel wurde in der Zwischenzeit mehrfach revidiert. Aktuell strebt die Industrie eine Reduzierung der Kinderarbeit um 70 Prozent bis 2020 an.

„Armut ist eine der Hauptursachen für Kinderarbeit“, sagt Andrea Fütterer, Vorstandsvorsitzende des Forum Fairer Handel. „Wir brauchen existenzsichernde Preise, die die Produktions- und Lebenshaltungskosten der Kakaobäuerinnen decken. Hier setzt auch der Faire Handel an.“ Weil viele Unternehmen durch die Missachtung von Menschenrechten Wettbewerbsvorteile genießen würden, stießen Fairer-Handel-Akteure jedoch an ihre Grenzen. „Es ist an der Zeit, einheitliche Regeln für alle Unternehmen festzuschreiben“, so Fütterer.

kna/FR 20.10.20

16.10.2020 10:04
Bei Amazon sieht der Vorgesetztes alles - unfaire Arbeitssituation durch Dauerdruck
Amazon ist einer der großen Corona-Gewinner. Die Umsätze steigen rasant und auch die Aktie befindet sich auf einem Rekordniveau: Seit Mitte März hat sich ihr Wert fast verdoppelt. Weniger rosig ist die Situation für viele Beschäftigte: Recherchen zeigen, dass sie engmaschig überwacht werden, damit die Produktivität steigt.

Als Greenpeace zu Umweltproblemen bei Amazon recherchierte, stieß die Organisation auf diese Form der Überwachung und machte die Dokumente dem NDR zugänglich. Sie belegen erstmalig: Amazon kontrolliert permanent die Leistung der Arbeiter.

Dokumente, die dem NDR vorliegen, belegen erstmalig: Amazon kontrolliert permanent die Leistung der Arbeiter. Genutzt wird dafür eine Software des Warenwirtschaftssystems.

Und so funktioniert das Programm zur Leistungskontrolle: Der Amazon-Mitarbeiter scannt jedes Teil, das er einlagert, heraussucht oder in ein Paket packt. Dieser Scan-Vorgang wird sekundengenau aufgezeichnet und einem Vorarbeiter angezeigt. So kann er jeden Arbeitsschritt der Beschäftigten überwachen und sehen, ob ein bestimmter Arbeiter auch genügend Pakete, um die durchschnittliche Rate zu erfüllen. Er sieht auf seinem Display auch, wenn jemand mal für wenige Minuten nicht arbeitet. Geht es insgesamt nicht schnell genug, greift der Vorarbeiter ein.

Vorarbeiter bestätigt ständige Kontrolle
Das bestätigt ein Vorarbeiter, der in einem der Amazon-Versandlager in Deutschland arbeitet und sich gegenüber Panorama anonym äußert: "Dann gucke ich vor Ort, was das Problem ist. Unterhält sich der Mitarbeiter vielleicht zu lange, ist er nicht am Platz, zu oft auf der Toilette?" Amazon schreibt uns, das System helfe "Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Anlernen neuer Prozesse" und gebe bei Bedarf "Hilfestellungen".

Ob diese engmaschige, lückenlose Überwachung rechtlich einwandfrei ist, ist aber umstritten. In Niedersachsen läuft deswegen ein Kontrollverfahren der Datenschutzbehörde. Amazon schreibt uns auf Nachfrage: "Nach unserer Einschätzung sind diese Systeme im Einklang mit den Verordnungen und Gesetzen in Deutschland und in der EU." Man nutze das Programm als "Warenwirtschaftssystem, mit dem wir die Abläufe für Kundenbestellungen in unserem Netzwerk planen."

Rate steigt kontinuierlich

Auf dieser Grundlage werden die Arbeiter offenbar verglichen. Obwohl es offiziell keine Akkordarbeit gibt, entsteht so defacto ein starker Druck, so viele Pakete wie möglich zu bearbeiten. Denn: Wer am wenigsten leistet, muss um die Verlängerung des häufig befristeten Vertrags fürchten.

Am Ende entscheide auch die durch die Software gemessene Schnelligkeit, wer beschäftigt wird oder nicht, so der Vorarbeiter. Die Schnellen bleiben, die eher Langsamen müssen gehen. Die Folge: eine kontinuierlich steigende Durchschnitts-Rate, an der sich die Beschäftigten zu orientieren haben. Wer heute noch schnell genug ist, um weiter beschäftigt zu werden, kann schon morgen zu langsam sein - und damit vor dem Aus stehen.

Das Ergebnis, so der Vorarbeiter, führt zu den so genannten "Release Days" - übersetzt etwa "Tage der Freisetzung". An diesen Tagen wird den Mitarbeitern mitgeteilt, ob ihr befristeter Vertrag ausläuft oder verlängert wird. Der Vorarbeiter berichtet: "Man hat die Unterlagen vor sich, die Security steht bereit, falls es Probleme gibt. Denn wenn mehrere Leute gleichzeitig gehen mit schlechter Laune, kann es natürlich auch mal zu verbalen Auseinandersetzungen oder auch zu Handgreiflichkeiten kommen."

Ehemalige Beschäftigte bestätigt Überwachung

Fatma Körugallari hat die Überwachung am eigenen Leib erfahren. Sie hat fast zwei Jahre im großen Versandlager im niedersächsischen Winsen (Luhe) gearbeitet, wurde sogar in den Betriebsrat gewählt. Der Druck war immer zu spüren, erinnert sich die heute 60-Jährige. Wenn die Rate mal fiel, sei sie sofort ermahnt worden. "Ich wurde dann zum Beispiel gefragt, wo ich um eine bestimmte Uhrzeit war", sagt sie.

Kurz nach Weihnachten 2018 hat sie dann erst erfahren, dass ihr nur wenige Tage später endender Vertrag nicht verlängert wird. Zum plötzlichen Abschied habe es lediglich ein kühles Dankeschön und eine Tafel Schokolade gegeben. Amazon möchte diesen Fall nicht kommentieren.

Arbeitssoziologe: Fluktuation und Kontrolle Teil des Amazon-Modells

Für Peter Birke von der Universität Göttingen sind die ständige Überprüfung der Arbeiter und befristete Verträge Teil des Beschäftigungsmodells bei Amazon. "Solange die Leute noch befristet sind, ist die Sanktionsmöglichkeit des Betriebs groß, weil die Beschäftigten ohne Angabe von Gründen nicht weiter angestellt werden müssen", so der Arbeitssoziologe.

von Sebastian Friedrich und Johannes
Jolmes von Panorama für die ARD/1. Programm

"Der TV-Beitrag"

30.07.2020 07:20
Politik will mehr Fairness erzwingen
Die Politik handelt, um mehr Fairness im Umgang mit den Beschäftigten in der Fleischindustrie vorzugeben. Das Bundeskabinett hat Regelungen beschlossen, die die Ausbeutung von Beschäftigten verhindern sollen. Die Frankfurter Rundschau erläutert, wo die Tücken der Bestimmungen liegen und welche Nebenwirkungen zu erwarten sind:

„Die Bundesregierung nimmt die Fleischindustrie an die Leine: Im Kerngeschäft sind Werkverträge künftig verboten, die Wohnsituation der Mitarbeiter muss verbessert werden.

Wie will die Bundesregierung Lohndrückerei und üble Wohnbedingungen für die Arbeitnehmer in der Fleischindustrie künftig unterbinden?

Das wichtigste Element ist das Verbot von Werkverträgen im sogenannten Kerngeschäft der Fleischindustrie (Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten des Fleischs) vom 1. Januar 2021 an für Firmen mit mehr als 49 Beschäftigten. Große Metzgereien und Handwerksbetriebe sind von den Bestimmungen ausgenommen.

Sind Werkverträge gleichbedeutend mit Ausbeutung?

Nein. Werkverträge sind ein bewährtes und wichtiges Instrument im unternehmerischen Handeln. Das Grundprinzip: Fachkräfte werden gegen Bezahlung mit dem selbstständigen Erstellen eines „Werks“ beauftragt – das kann eine neue Heizung, Software, eine Skulptur, Mobiliar oder ein Gebäude sein. Die Auftragnehmer müssen dafür das gesamte unternehmerische Risiko tragen. Werkverträge sind aber extrem anfällig für Missbrauch – seit den 1970ern laufen die Auseinandersetzungen über Scheinverträge. Sie werden von Unternehmen genutzt, um Lohnkosten zu drücken.

Warum spielt die Fleischindustrie dabei eine so große Rolle?

Die Tätigkeiten in Schlachthöfen sind extrem hart und arbeitsintensiv. In den Betrieben arbeiten seit der Ost-Erweiterung der EU im Jahr 2004 Tausende Beschäftigte aus Südosteuropa – in Bulgarien und Rumänien ist das Lohnniveau besonders niedrig. Fleischbetriebe wie die Firma Tönnies haben in den vergangenen Jahren Praktiken entwickelt, mit denen Grauzonen ausgenutzt und Arbeitsschutzregelungen umgangen werden. Selbstverpflichtungen wurden nicht eingehalten. Es wurden Ketten von Subunternehmen geschaffen, was dazu führte, dass Tönnies für das, was in seinen Schlachthäusern geschieht, nicht mehr verantwortlich ist. Unter anderem wird der gesetzliche Mindestlohn mit langen Arbeitszeiten ausgehebelt. Hinzu kommt, dass die Arbeiter überteuerte Mieten für eine beengte Unterbringung in oft völlig verwahrlosten Unterkünften zahlen müssen.

Was hat das alles mit der Corona-Pandemie zu tun?

In mehreren Schlachtbetrieben hat es unter den Beschäftigten Infektionen in großer Zahl gegeben. Der Wirtschaftsrat der CDU weist aber darauf hin, dass es zu den Ansteckungen durch Aerosole über eine Distanz von bis zu acht Metern gekommen sei. Dieses Problem werde durch ein Verbot von Werkverträgen und Zeitarbeit nicht gelöst. Für Gewerkschafter ist hingegen klar, dass üble Arbeits- und Wohnbedingungen zur Verbreitung des Virus entscheidend beigetragen haben.

Was wird jetzt anders?

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) betonte am Mittwoch, mit dem neuen Arbeitsschutzkontrollgesetz werde der „Missbrauch von Werkverträgen“ nun beendet: Im Kerngeschäft dürfen nur noch Beschäftigte arbeiten, die bei den Schlachthofbetreibern direkt angestellt sind. Um ein Ausweichen der Unternehmen auf Leiharbeit zu verhindern, ist vom 1. April 2021 an auch Leiharbeit verboten. Die Betriebe müssen Arbeitszeiten digital erfassen, um die Einhaltung des Mindestlohns zu gewährleisten. Das Einhalten der Regeln wird durch verstärkte Kontrollen der Arbeitsschutzbehörden überprüft – und zwar auch in Betrieben anderer Branchen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Betriebsbesichtigungen durch die Gewerbeaufsicht wegen Geldknappheit und Personalnot halbiert.

Werden Fleisch und Wurst künftig teurer?

Der Arbeitsmarktexperte Gerhard Bosch hat im Deutschlandfunk darauf aufmerksam gemacht, dass das Werkvertragssystem den Schlachtbetrieben große Profite ermöglicht habe. Wie sich die Preise für die Verbraucher entwickeln, wird auch ganz maßgeblich durch das Marktgeschehen bestimmt. Bosch rechnet nicht mit einem großen Preissprung. Verbraucherschützer gehen von Aufschlägen im einstelligen Prozentbereich aus. Der starke Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel kann aber auch bewirken, dass die Gewinne der Fleischindustrie sinken – inklusive der Erträge der Bauern, die Schweine und Rinder züchten.

Was soll in den Unterkünften anders werden?

Heil will neue, generell geltende Mindeststandards für die Ausstattung der Unterkünfte festlegen – auch für Wohnheime außerhalb der Betriebsgelände. Um dies überprüfen zu können, sollen die Unternehmen verpflichtet werden, die Behörden über die Wohn- und Einsatzorte der Arbeitskräfte zu informieren. Anja Piel vom DGB-Vorstand kritisiert, dass eine Absicherung gegen überteuerte Mieten fehle. Hierfür müssten verbindliche Obergrenzen eingeführt werden.

Werden nun alle Schlupflöcher gestopft?

DGB-Vorständin Piel warnt: Es müssten ausdrücklich auch konzerninterne Werkverträge und Leiharbeitskonstruktionen verboten werden. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass die Fleischbetriebe künftig einfach mit eigenen Tochterfirmen operierten. Zudem müsse es in den Fleischbetrieben Betriebsräte und tariflich geregelte Arbeitsbedingungen geben. Der Bundesverband der Arbeitgeberverbände (BDA) warnt indes vor einer Überregulierung und verweist auf bereits bestehende Bestimmungen gegen den Missbrauch von Werkverträgen. Zudem habe die Fleischwirtschaft sich bereits bereiterklärt, aus dem Werkvertragssystem auszusteigen. Die Arbeitgeber stören sich auch an dem geplanten Verbot der Zeitarbeit im Kerngeschäft der Schlachthöfe. Verstöße in Zusammenhang mit Zeitarbeit seien nicht bekannt. Die Arbeitgeber halten die zeitlich befristete Beschäftigung für notwendig, um Auftragsspitzen abzufedern“.

In der Frankfurter Rundschau vom 30.7.2020 von Frank-Thomas Wenzel

11.07.2020 15:58
Hunger statt Hilfe - krasse Unfairness gegenüber Bauern und Bevölkerung
Die sehr investigative Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann zeigt in der Frankfurter Rundschau, wie die „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ sich in ihren falschen Versprechen verheddert. Und oft das Gegenteil erreicht, was sie zu erreichen vorgibt. Dazu stellt sich eine Studie, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Brot für die Welt, Fian, Forum Umwelt und Entwicklung und Inkota in Kooperation mit Partnerorganisationen aus Mali, Kenia, Sambia und Tansania vor und ordnet sie wie folgt ein:

„Wenn die Vereinten Nationen am Montag die Zahlen zum Welthunger vorstellen, wird dieser zum fünften Mal in Folge gestiegen sein. In den vergangenen Tagen schon hatte die Welthungerhilfe vor einem massiven Anstieg hungernder Menschen infolge der Corona-Krise gewarnt. Ihre Zahl, so die Hilfsorganisation, könnte auf eine Milliarde Menschen ansteigen – besonders auch in Afrika.

Dort hatte die „Allianz für eine Grüne Revolution Afrika“ (Agra) Großes versprochen: Bis 2020 wollte die privat-öffentliche Initiative die Ernährungsunsicherheit in 20 afrikanischen Ländern halbieren und die Einkommen sowie die Produktivität von 30 Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern verdoppeln. Dafür sollte eine „Grüne Revolution“ sorgen – mit lizenziertem Saatgut, synthetischen Düngern und Pestiziden sowie der Integration in globale Lieferketten.
Die Bilanz ist indes fatal: In den 13 Schwerpunktländern ist seit Beginn von Agra die Zahl der Hungernden um ein Drittel auf 130 Millionen Menschen gestiegen. Bei den Grundnahrungsmitteln insgesamt sind die Erträge in den Agra-Schwerpunktländern in zwölf Jahren im Durchschnitt nur um 18 Prozent gestiegen. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 1,5 Prozent – und liegt damit auf einem fast identischen Niveau wie in der Zeit vor Agra.

Die Monokulturen, die Agra durchgesetzt hat, etwa von Mais, haben lokale Sorten wie Sorghum, Hirse, Maniok, Süßkartoffeln und Erdnüsse verdrängt. Das hat die Ernährungsvielfalt eingeschränkt und die Ernährungsunsicherheit verschärft. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht „Falsche Versprechen: Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (Agra)“, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Brot für die Welt, Fian, Forum Umwelt und Entwicklung und Inkota in Kooperation mit Partnerorganisationen aus Mali, Kenia, Sambia und Tansania. Jan Urhahn, Agrarexperte bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, nennt sie „ein Armutszeugnis für eine Initiative, die mit ihrem Narrativ der Grünen Revolution erheblichen Einfluss auf die Agrarpolitiken in vielen Ländern hat“.
Die „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ wurde 2006 von der Bill & Melinda-Gates-Stiftung und der Rockefeller Foundation gegründet. Fast eine Milliarde US-Dollar hat Agra an Zuschüssen erhalten – etwa von den USA, Großbritannien, Kanada, den Niederlanden und Norwegen. Auch das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) steuerte zehn Millionen Euro bei. Zu den Geldgebern zählen auch UN-Organisationen und der Düngemittelhersteller Yara.

Im Zentrum von Agra stehe die politische Einflussnahme, um eine „Saatgutpolitik mit regulatorischen Reformen, die Investitionen und Wachstum von Saatgutunternehmen des Privatsektors“ zu ermöglichen, so die Studie. Agra brachte die Regierungen dazu, Subventionsprogramme aufzulegen, damit Bauern Hybridsaatgut, Dünger und Pestizide kaufen können. Diese stammen von Agrarkonzernen wie Bayer, BASF, Corteva Agriscience (eine Fusion von Dow und DuPont), Yara und Cargill. Verkauft werden sie laut Agra über ein Netz von 44 000 Agrarhändlern, das die Allianz mit viel Geld aufgebaut hat.
Der Bericht „Falsche Versprechen“ basiert auf der Studie „Failing Africa’s Farmers: An Impact Assessment of the Alliance for a Green Revolution in Africa“ von Timothy A. Wise von der Tufts University in Massachusetts im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dafür wurden Länderdaten zu landwirtschaftlicher Produktion und Anbauflächen sowie Zahlen zu Hunger und Armut der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen ausgewertet. Ergänzt wurde die Recherche durch Fallstudien aus Kenia, Mali, Sambia und Tansania. Der Report ist als PDF im Netz zu finden.

524 Millionen Dollar hat Agra in Programme gesteckt – was mit den restlichen 450 Millionen geschah, ist unbekannt. Bis heute hat Agra keine Gesamtauswertung vorgelegt: weder, wie viele kleinbäuerliche Haushalte erreicht wurden, noch Zahlen zu Erträgen,

Einkommenssteigerungen und zur Ernährungssicherheit.

Auch vom Hauptgeldgeber, der Gates-Stiftung, gibt es keine aussagekräftige Evaluierung, obwohl die Organisation auf „messbare Ergebnisse“ setzt. Das Ziel der „Verdopplung der Erträge und Einkommen von 30 Millionen kleinbäuerlicher Haushalte bis 2020“ wurde im Juni von der Agra-Webseite gelöscht. Umso verheerender sind Ergebnisse der Studie. In Sambia flossen 40 Prozent der 12,4 Millionen Dollar in die Ausbildung von Agarchemiehändlern und in ihre Netzwerke. Das staatliche Subventionsprogramm für Inputs verschlang 2017 die Hälfte des Agarhaushaltes. Der sambische Staat schuldet den Agrarhändlern nun 106 Millionen Dollar, weil er ihre Produkte zu Marktpreisen kaufen musste, um sie günstig weiterzugeben. Viele Teilnehmende in Agra-Projekten konnten bereits nach der ersten Ernte die Kredite für Dünger und Saatgut nicht zurückzuzahlen, weil die Maispreise gefallen waren.

In Tansania mussten Bäuerinnen und Bauern Vieh verkaufen, um Schulden zu tilgen, so der Report. Ihnen wurde sogar verboten, Mischkulturen anzulegen. Während Agrarhändler und -konzerne profitieren, ist die Zahl unterernährter Menschen dort um vier Millionen gestiegen. Ebenso in Kenia. Dort durften die Teilnehmenden nicht einmal selbst entscheiden, welches Maissaatgut, welche Dünger und Pestizide sie verwenden. In Ruanda wurde bestraft, wer andere Pflanzen als die aus dem Agra-Programm anbaute.

Einzig Mali ist die Ausnahme: Dort hatten bäuerliche Bewegungen Widerstand gegen Agra geleistet, so dass die Regierung dort das Programm nicht vollständig umsetzte. In Mali garantiert ein Gesetz Bäuerinnen und Bauern das Recht auf eigenes Saatgut. In dem westafrikanischen Land verdoppelte sich die mit Mais bebaute Fläche, ohne traditionelle Nutzpflanzen zu verdrängen: Die Anbaufläche für Hirse und Sorghum ist dreimal so groß, Armut und Hunger sind prozentual stark gesunken.

Schon die erste Grüne Revolution, von der Rockefeller-Stiftung in den 60er und 70er Jahren initiiert, scheiterte: Trotz Ertragssteigerungen nahm die Armut, etwa in Indien, zu. Nun stehe Agra exemplarisch für ein technikfixiertes, inputintensives und autoritäres Agrarmodell, resümiert der Report. Der Ansatz forciere die Ausbreitung von Monokulturen, verletze das Selbstbestimmungsrecht von Bäuerinnen und Bauern und treibe sie in die Abhängigkeit. Agra verschärfe die Folgen des ungerechten Welthandels und stärke die Macht von Agrarkonzernen. Genau jene Ursachen, die für Hunger, Klima- und Biodiversitätskrise verantwortlich seien.

Vor mehr als zehn Jahren stellte der Weltagrarbericht im Auftrag der Weltbank fest, dass dieses Landwirtschaftssystem beendet werden müsse: „Weiter so ist keine Option“, stellten darin mehr als 400 Wissenschaftler fest. Demgegenüber steht die Agarökologie: Diese sorgt laut Studien für Ertragssteigerungen von bis zu 80 Prozent – mit lokal angepasstem Saatgut, niedrigem Wasserverbrauch und ohne synthetischen Dünger und Pestizide. Agra verhindert dieses vielversprechende Modell – auch deshalb, weil die Initiative öffentliches Geld bindet, das für landwirtschaftliche Forschung und Unterstützung von Bäuerinnen und Bauern fehlt.

Deshalb fordern die Studienherausgeber die Geberländer dazu auf, die Unterstützung von Agra zu beenden und das Geld stattdessen in entsprechende Alternativen zu lenken. Es sei „höchste Zeit, Agra nicht weiter auf den Leim zu gehen“, resümiert Urhahn“.

"Kathrin Hartmann über Hunger statt Hilfe in der FR


01.07.2020 08:59
Tariflos Bediener von Robotern sein - Streik lässt Amazon kalt
„Was die Gewerkschaft Verdi für die Mitarbeiter von Amazon fordert: Die Amazon-Mitarbeiter werden bisher nicht tariflich bezahlt. Die Vergütung orientiert sich am Flächentarifvertrag für die Logistikbranche. Verdi verlangt aber die Anerkennung der regionalen Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels - wo deutlich besser bezahlt wird. Außerdem kritisiert die Gewerkschaft, dass Amazon häufig nur befristete Arbeitsverträge schließt. Auch die Arbeitsbedingungen seien nicht akzeptabel. Amazon weigert sich aber konsequent, mit der Gewerkschaft Gespräche über einen Tarifvertrag zu führen.
Der Konzern argumentiert, dass die Mitarbeiter Tätigkeiten der Logistikbranche ausüben und nicht des Einzelhandels.

Amazon biete eine Bezahlung am oberen Ende des Branchenüblichen in der Logistik, zudem gebe es Karriere-Chancen und viele Extras, so der Konzern. Klar ist: Mit einem Tarifvertrag im Einzelhandel würden die Mitarbeiter für Amazon teurer werden und der Konzern müsste sich verbindlich an Regeln halten. Das ist für den Konzern mindestens unbequem und so hält er seit nunmehr sieben Jahren Streiks aus. (…)

Was ist mit Corona-Schutzmaßnahmen? Auch dieses Thema ist der Gewerkschaft ein großes Anliegen. Orhan Akman, bei Verdi verantwortlich für den Einzel- und Versandhandel, wirft dem Konzern vor, dass es immer noch unzureichende Vorkehrungen gegen eine Ansteckung gebe. “Amazon gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten zu Gunsten des Konzernprofits”, kritisiert Akman und verweist auf die Coronavirus-Ausbrüche an Amazon-Standorten wie Bad Hersfeld. “Nach unseren Informationen haben sich dort mindestens 30 bis 40 Kolleginnen und Kollegen infiziert. Wie schon im Fall der Ausbreitung von Covid-19 in Winsen (Luhe) mauert die Unternehmensführung auch diesmal und verweigert Aufklärung. Das gefährdet die Sicherheit und Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen, ihrer Familien und die der Anwohnerinnen und Anwohner.”

Die Gewerkschaft fordert gerade in Zeiten von Corona den Abschluss eines Tarifvertrags “Gute und gesunde Arbeit”, um den Gesundheitsschutz und die Sicherheit der Beschäftigten zu gewährleisten.

Der Konzern beteuert, den Gesundheitsschutz in den Logistikzentren großzuschreiben. “Allein in Deutschland haben wir seit Februar 470 Millionen Einheiten Desinfektionsmittel für die Hände, 21 Millionen Paar Handschuhe, 19 Millionen Masken, Gesichtsschilder oder anderen Mund-Nase-Schutz und 39 Millionen Packungen desinfizierende Wischtücher bestellt”, sagte ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presse Agentur. Dem Unternehmen zufolge gibt es außerdem eine Maskenpflicht an allen Standorten, zudem habe man Temperaturkontrollen und gestaffelte Schicht- und Pausenzeiten eingeführt sowie die Reinigung verstärkt.

Amazon beteuert regelmäßig, dass die Pakete trotzdem rechtzeitig ausgeliefert werden. Vor allem zu Stoßzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft und dem Blackfriday, zu denen die Belegschaft in der Vergangenheit häufig gestreikt hatte, beschäftigt Amazon zusätzliche Springer-Kräfte, um die Ausfälle zu kompensieren. Auch dieses Mal hieß es von Seiten des Unternehmens, dass die Mehrzahl der Mitarbeiter ganz normal arbeite. “Auswirkungen auf unsere Abläufe sehen wir aktuell keine, so dass Kundenbestellungen ganz normal bearbeitet werden.”

Aus: "Redaktionsnetzwerk über Amazon und den Streik"

Auf 3sat heißt es:

„Amazons Erfolg interessiert Stacy Mitchell. Sie leitet ein Forschungszentrum, das die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft untersucht. Seit 10 Jahren beobachtet sie Amazon, mit unverhohlenem Unbehagen. "Amazon ist wie eine unsichtbare Kraft in vielen Wirtschaftsbereichen", erzählt sie. "Buchhandlungen, Spielzeugläden, Baumärkte. Unsichtbar breitet sich Amazon überall aus." Das Problem dabei: "Jeder neue Arbeitsplatz bei Amazon kostet zwei Arbeitsplätze in bestehenden Unternehmen", erklärt Mitchell.

In den USA kontrolliert Amazon bereits 50% des gesamten Online-Handels. Das Unternehmen ist führend in den Bereichen Kleidung, Elektronik, Bücher, DVDs, Körperpflege- und Schönheitsprodukte.

in immer wichtigeres Geschäftsfeld ist das Unterhaltungsbusiness: Streaming von Filmen und Musik sowie Videospiele. Die Übernahme der Bio-Supermarktkette Whole Foods als Amazons Einstieg ins Lebensmittelgeschäft gilt als geglückt. Versicherungen und Medikamente geraten ins Blickfeld. Im zukunftsträchtigen Cloudgeschäft ist Amazon Marktführer. Die Strategie, so Mitchell, sei "die E-Commerce-Plattform für die ganze Welt zu sein."

Aus: "3sat über Amazon und Mitechells Erkenntnisse"

29.05.2020 11:44
Das war überfällig: Das Cookie-Urteil des BGH
Auf dem Portal sos-Recht begrüßt Rechtsanwalt Carl Christian Müller das neue Urteil des Bundesgerichtshofs zur notwendigen Einwilligung von Websites-Besuchern zur Aktivitätsverfolgung mittels sogenannter Cookies. Der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht des Portals, informiert und urteilt dazu:

"Der BGH hat heute endlich die Frage zur wirksamen Einwilligung beim Setzen von Cookies entschieden. Demnach bedarf es beim Setzen nicht technisch notwendiger Cookies der aktiven (und informierten Einwilligung) des Webseitenbesuchers. Dem Urteil war eine viel diskutierte Entscheidung des EuGH vorangegangen, in deren Folge mehr und mehr Webseitenbetreiber sogenannte Consent-Banner einsetzen.

Einwilligung in das Setzen von Analyse-Cookies über Opt-Out eingeholt

Der Entscheidung war ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen dem Bundesverband Verbraucherzentrale (vzbv) und dem Unternehmen Planet49 vorangegangen, das über eine Internetseite ein Gewinnspiel anbot. Nach Eingabe der Postleitzahl gelangte der Nutzer auf eine Seite, auf der Name und Anschrift des Nutzers einzutragen waren. Unter den Eingabefeldern für die Adresse befanden sich zwei Checkboxen, in der die Häkchen bereits gesetzt waren (Opt-Out). Mit dem zweiten Ankreuzfeld erklärte der Nutzer sich damit einverstanden, dass der Webseitenbetreiber Cookies auf dem Endgerät des Nutzers setzt, welches eine Auswertung des Surf- und Nutzungsverhaltens auf Websites von Werbepartnern und damit interessengerichtete Werbung ermöglichte.

Überraschung: § 15 Abs. 3 TMG erfordert Opt-In

Einmal mehr begeistert sich der BGH für pragmatische Lösungen und entscheidet gleich mehrere in den letzten Monaten heiß diskutierte Fragen:

§ 15 Abs. 3 TMG gilt weiterhin fort und wird von den Regelungen der DSGVO weder ersetzt noch überlagert.
Darauf, dass die Cookie-Richtlinie noch nicht ins deutsche Recht umgesetzt worden ist, kommt es nicht an, da davon auszugehen, ist, dass der Gesetzgeber die bestehende Rechtslage (also § 15 Abs. 3 TMG) in Deutschland für richtlinienkonform erachtete.
Der Wortlaut des § 15 Abs. 3 Satz 1 TMG lässt richtlinienkonforme Auslegung dahingehend zu, dass die Worte "sofern der Nutzer dem nicht widerspricht" bedeuten "der Nutzer muss aktiv ein Häkchen setzen".

Da wird also kurzer Hand mal passend gemacht, was nicht (mehr) passt. Der BGH kommt damit zum Schluss, dass sowohl nach alter Rechtslage, also vor dem Inkrafttreten der DSGVO, als auch nach neuer Rechtslage der Nutzer in das das Setzen von technisch nicht notwendigen Cookies aktiv einwilligen muss(te).

Consent-Cookie-Banner werden Pflicht

Für die Praxis bedeutet dies, dass ein sogenannter Consent-Cookie-Banner für all diejenigen verpflichtend wird, die Analyse- oder Marketing Cookies verwenden. Wer jetzt noch keinen Consent-Banner einsetzt, für den besteht nun Handlungsbedarf. Ein Verstoß gegen Datenschutzverstöße kann nach Auffassung einiger Gerichte im Wege einer Abmahnung etwa durch Wettbewerber verfolgt werden. Mit dem Urteil des BGH können sich Massenabmahner motiviert sehen, entsprechende Abmahnungen auszusprechen. Auch die Datenschutzbehörden können ihr bisher in dieser Frage moderates Vorgehen ändern und nun verstärkt mir entsprechenden Untersagungsverfügungen und Bußgeldern gegen Webseitenbetreiber vorgehen.

28.05.2020
Carl Christian Müller, LL.M.
Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht

"Das Portal sos-Recht"

05.05.2020 14:13
Schokolade krass unfair - bleibender Skandal
Die Schokoladenindustrie ist bei der Bekämpfung von Kinderarbeit gescheitert, Das berichtet der Spiegel, gestützt auf Studien und Untersuchungen.

"Vor fast 20 Jahren verpflichteten sich Schokoladenhersteller dazu, gefährliche Kinderarbeit auf Kakaoplantagen in Westafrika zu bekämpfen. Jetzt zeigt eine Studie: Das Gegenteil ist der Fall.
Es ist einer der unangenehmsten Widersprüche der westlichen Konsumwelt: Die Schokolade, die hier zu Ostern, Weihnachten und einfach so zwischendurch an Kinder verschenkt wird, beruht auf der Ausbeutung von Kindern in anderen Teilen der Welt.

Auf den Kakaoplantagen weltweit arbeiten Minderjährige: Sie verspritzen Pestizide, jäten Unkraut mit Macheten, tragen schwere Säcke mit den geernteten Bohnen, oft in langen Schichten. Das ist alles seit Langem bekannt, ebenso wie die Abholzung von Regenwald für Kakaoplantagen. Die großen Schokoladenhersteller wie Mondelez, Barry Callebaut, Mars oder Godiva, um nur einige zu nennen, stehen deshalb seit Jahren in der Kritik.

Beim Thema Kinderarbeit haben sie sich - auch um eine gesetzliche Regelung in den USA zu verhindern - im sogenannten Harkin-Engel-Protokoll 2001 verpflichtet, wenigstens die gefährlichsten Formen von Kinderarbeit in den Hauptanbauländern für Kakao, Elfenbeinküste und Ghana, um 70 Prozent zu reduzieren.

Das Ziel sollte zunächst 2015 erreicht werden, dann 2020. Alle fünf Jahre untersucht die Universität von Chicago die Fortschritte im Auftrag des US-Arbeitsministeriums. Die aktuelle Studie soll in den kommenden Wochen vorgestellt werden, der finale Entwurf liegt dem SPIEGEL vor. Er zeigt: Die Konzerne haben nicht nur ihr Ziel verfehlt – die Entwicklung geht sogar in die andere Richtung.

Zwei Millionen Kinder leisten gefährliche Arbeit

Auf mehr als 200 Seiten zeigt das National Opinion Research Center (NORC) der Universität Chicago detailliert auf, dass sich die Lage in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Die Wissenschaftler haben Daten verglichen, die in den Haupterntesaisons 2008/09, 2013/14 und 2018/19 erhoben wurden.

In Ghana und der Elfenbeinküste ist Kinderarbeit ohnehin weitverbreitet, der Report konzentriert sich auf ausbeuterische Kinderarbeit nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dazu zählen übermäßige Arbeitsbelastung und die Ausübung "gefährlicher Tätigkeiten". Die ernüchternden Ergebnisse:
In der Elfenbeinküste und in Ghana sind etwa 2,26 Millionen Kinder in der Kakaoproduktion tätig. Zwischen 2008/09 und 2018/19 stieg der Anteil der Kinder, die in der Kakaoproduktion gefährliche Kinderarbeit verrichten, von 30 auf 41 Prozent – auf insgesamt rund zwei Millionen Kinder.

Als gefährliche Arbeit gelten der Gebrauch scharfer Werkzeuge wie Macheten (35 Prozent der Kinder), das Tragen schwerer Lasten (28 Prozent), Landräumungsarbeiten (18 Prozent) und die Exposition gegenüber Agrochemikalien. Der Anteil der Kinder, die Chemikalien ausgesetzt sind, hat sich in den vergangen zehn Jahren von 5 Prozent auf 24 Prozent fast verfünffacht.
Die Studie stellt hier einen Zusammenhang her mit den Nachhaltigkeitsprogrammen von Unternehmen. Die setzen darauf, die Erträge auch durch den verstärkten Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz zu erhöhen – worunter viele Kinder in der Produktion leiden.

Zu den wenigen positiven Entwicklungen gehört, dass mehr Kinder in die Schule gehen als noch vor zehn Jahren. Bei den Fünf- bis Elfjährigen sei der Anteil von 80 Prozent auf 94 Prozent gestiegen, bei den 15- bis 17-Jährigen von 64 auf 79 Prozent.

Klar ist: Auch wenn die großen Kakao- und Schokoladenunternehmen in den vergangenen Jahren rund 215 Millionen Dollar in die Bekämpfung der Kinderarbeit investiert haben, reicht das nicht. Die Unternehmensprogramme, die wenigstens teilweise Erfolge bei der Reduzierung von Kinderarbeit zeigen, erreichen höchstens 15 Prozent der Kakaobauern.

Etelle Higonnet, Kampagnenleiterin der Organisation Mighty Earth, die seit Jahren weltweit gegen die Rodung von Regenwald kämpft, sagt, dass gefährliche Kinderarbeit im Kakaoanbau allgegenwärtig ist. Ebenso übrigens auf Kaffee- und Palmölplantagen auf der ganzen Welt. Higonnet bestätigt, dass einige Schokoladenhersteller versuchen, die Kinderarbeit in Westafrika zu reduzieren - nur seien die Initiativen viel klein. "Die Projekte erreichen vielleicht ein paar Tausend Kinder – im Kakaoanbau in Ghana und der Elfenbeinküste leisten aber fast zwei Millionen Kinder gefährliche Arbeit".
Die Unternehmen hätten in der Vergangenheit gelernt, dass sie damit davonkommen.

Die Lösung ist einfach

Die entwicklungspolitische Organisation Inkota setzt sich seit Jahrzehnten gegen Kinderarbeit und für die Einhaltung von Menschenrechten ein. Angesichts des aktuellen NORC-Berichts fordert der bei Inkota für Wirtschaft und Menschenrechte zuständige Referent Johannes Schorling:
Die Bundesregierung müsse ein Lieferkettengesetz verabschieden, mit dem Unternehmen weltweit zur Einhaltung der Menschenrechte und zur Vermeidung ausbeuterischer Kinderarbeit verpflichtet würden.

Unternehmen müssten ihre Anstrengungen im Kampf gegen Kinderarbeit intensivieren und bereit sein, die Kosten für die Einrichtung von Überwachungssystemen zu tragen.

Unternehmen müssten existenzsichernde Kakaopreise zahlen, um die Armut der Kakaobauernfamilien zu beenden.

Gerade Letzteres zeigt die Studie: Familien, die es sich leisten können, Erntehelfer anzustellen, greifen deutlich seltener auf Kinderarbeit zurück. Die Hauptursache für ausbeuterische Kinderarbeit ist allen Beobachtern zufolge Armut.

Inkota-Referent Schorling weist darauf hin, dass genug Geld vorhanden sei: "Die Ausgaben der Schokoladenindustrie für den Kampf gegen Kinderarbeit in den letzten Jahren entsprechen gerade einmal 0,2 Prozent ihres weltweiten Jahresumsatzes 2019". In Ghana müsste sich das Einkommen einer durchschnittlichen Kakaobauernfamilie Inkota zufolge etwa verdoppeln, um existenzsichernd zu sein. In der Elfenbeinküste müsste es sich demnach sogar fast verdreifachen.
Das bedeutet auch: Steigt der Preis, den die Unternehmen für Kakaobohnen zahlen, müssen weniger Kinder arbeiten.

Laut Berechnungen von Nichtregierungsorganisationen liegt ein existenzsichernder Kakaopreis in der Elfenbeinküste bei fast 3200 Dollar pro Tonne. Aktuell erhalten die Kakaobauern laut Inkota etwa 1500 Dollar pro Tonne.
Eine SPIEGEL-Anfrage für eine Stellungnahme zu dem Bericht haben mehrere Schokoladenhersteller und deren Verbände abgelehnt - sie wollen sich äußern, wenn der NORC-Report offiziell veröffentlicht ist. Sie verweisen aber darauf, dass sie Kinderarbeit nicht tolerieren und weiterhin dagegen vorgehen werden.

Was Hoffnung macht

Immerhin, darauf weisen auch die Unternehmen und die Industrieorganisation World Cocoa Foundation hin: Die Studie zeigt, dass gefährliche Kinderarbeit in den Regionen, in denen die Regierungen, Unternehmen und Hilfsorganisationen genau hinschauen, eingedämmt werden kann. In den Gebieten mit historisch hoher Produktion ist der Anteil gefährlicher Kinderarbeit weitgehend gleichgeblieben. Die Abmachungen im Harkin-Engel-Protokoll könnten also durchaus etwas bewirkt haben – aber viel zu wenig. Und weil der Kakaopreis in den vergangenen Jahren gestiegen ist, sind viele Bauernfamilien in den Anbau eingestiegen – und bei diesen neuen Kakaobauern ist der Anteil von gefährlicher Kinderarbeit besonders hoch.
Für die NORC-Studie befragten die Wissenschaftler die Gemeinden in den Anbaugebieten. Das Ergebnis: Alles, was eine Verbesserung der Lebensgrundlagen und der Einkommen und die Einschulung fördert, hat ein hohes Potenzial, zu verhindern, dass Eltern ihre Kinder in die Kakaoarbeit einbeziehen.

Umso wichtiger wäre es, dass nicht nur die Hauptanbauländer Ghana und Elfenbeinküste im Fokus stehen, sondern auch Großproduzenten in anderen Erdteilen wie Brasilien oder Indonesien. Für die gibt es nicht einmal einen Aktionsplan der Industrie".

Von Nicolai Kwasniewski am 04.05.2020

03.04.2020 17:38
Bereut Adidas den unfairen Mietzahlungsstopp?
Der Sportartikelhersteller Adidas zahlt nach harscher öffentlicher Kritik nun doch seine Mieten und entschuldigt sich für sein Vorpreschen. „Die Entscheidung, von Vermietern unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden“, heißt es in einem offenen Brief, den Adidas am Mittwoch veröffentlichte und vom Handelsblatt zitiert und wie folgt kommentiert wird.

„Ihre Meinung ist uns wichtig, und Ihre Meinung ist eindeutig: Sie sind von adidas enttäuscht.“ Adidas hatte im Zuge der Corona-Krise angekündigt, die Miete für die geschlossenen Läden in Europa ab April nicht mehr zu bezahlen. Man sei in Gesprächen mit den Vermietern. Daraufhin hatte es zum Teil harsche Kritik aus allen Teilen der Gesellschaft gehagelt - von Vermieterorganisationen über politische Parteien bis hin zu Privatleuten.

Im Internet gab es Boykott-Aufrufe gegen das Unternehmen. Auch die Modekette H&M und der Schuhhändler Deichmann hatten erklärt, die Mietzahlungen einstellen zu wollen.

„Wir haben einen Fehler gemacht und damit viel Vertrauen verspielt. Es wird dauern, Ihr Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Aber wir werden alles dafür tun“, wird in dem Brief beteuert, der am Donnerstag als Anzeige in ausgewählten Medien erscheinen soll.

„Deshalb möchten wir uns bei Ihnen in aller Form entschuldigen. Wir haben unseren Vermietern die Miete für April bezahlt. Fairness und Teamgeist sind seit jeher eng mit Adidas verknüpft und sollen es auch bleiben“, heißt es in dem Brief weiter.

Das Geschäft von Adidas sei in der Coronakrise eingebrochen. „Fast auf der gesamten Welt findet kein normales Geschäft mehr statt. Die Läden sind zu. Das hält selbst ein gesundes Unternehmen wie Adidas nicht lange aus“, heißt es in dem Brief weiter. Das Unternehmen hatte 2019 nach Angaben von Vorstandschef Kasper Rorsted ein Rekordjahr hingelegt. Bei einem Umsatz von 23,6 Milliarden Euro machte Adidas einen Gewinn von fast zwei Milliarden Euro.

Adidas müsse harte Einschnitte machen, auch um die 60.000 Arbeitsplätze des Unternehmens zu sichern, hieß es weiter. Mit den Betriebsräten sei Kurzarbeit vereinbart worden, Führungskräfte übten vorübergehenden Gehaltsverzicht, ein Programm zum Aktienrückkauf sei gestoppt worden.

Gleichzeitig versuchte das Unternehmen, auch in der Krise anderen zu helfen. So würden der Solidarity Response Fund der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Hilfsorganisationen in Deutschland unterstützt. In China habe Adidas medizinische Güter für Mediziner und Pflegepersonal bereitgestellt. Adidas-Partner produzierten auf Adidas-Kosten Gesichtsschutz und Masken für das Gesundheitswesen.

28.03.2020 14:47
Krasse Unfairness in der Corona-Krise durch Unternehmen
Spiegel Online meldet sich zum Vorgehen von Adidas, H&M, Deichmann und C&A kritisch zu Wort, eigene Belastungen auf Vermieter und Steuerzahler abzuwälzen, obwohl es den Firmen gut geht und gewaltige Rücklagen vorhanden sind:

"Für ihre Corona-Krisenpolitik erntet die Große Koalition aktuell viel Lob. Und tatsächlich ist die lange bräsig vor sich hin mäandernde Regierung von einer Gestaltungswut erfasst, die ihresgleichen sucht.

Das Anti-Corona-Gesetz ist durchdrungen vom guten Willen, Wirtschaft und Verbrauchern in einer außergewöhnlichen Phase beizuspringen. Und es ergänzt das ebenso einzigartige Hilfsprogramm der Regierung, die über ihre Förderbank KfW Unternehmen mit Krediten in unbegrenzter Höhe hilft.

Aber die Kollateralschäden dieser Politik werden bereits sichtbar, etwa am Beispiel Adidas. Der Sportartikelausrüster aus Herzogenaurach ist ein deutsches Vorzeigeunternehmen, untrennbar mit den sportlichen Erfolgen dieses Landes in der Nachkriegsgeschichte verwoben. Es hat einen Vorstandschef, Kasper Rorsted, der so erfolgreich, gutaussehend und nahbar daherkommt, wie es seine Kollegen in den anderen Dax-Konzernen wohl niemals hinkriegen werden.

Jetzt hat Rorsted angekündigt, „dass Adidas, wie viele andere Unternehmen auch, vorsorglich Mietzahlungen temporär aussetzt, wo unsere Läden geschlossen sind. Wir sind dazu mit den betreffenden Vermietern in engem Austausch. Das genaue Vorgehen hängt auch von der Rechtslage im jeweiligen Land ab.“

Wie viel Miete der Konzern damit spart, sagt der Konzern nicht. Das Aussetzen der Mietzahlungen gilt vorerst für April. Das muss aber nicht so bleiben, denn: "Wir werden (...) die Lage natürlich weiterhin aufmerksam beobachten und sofern erforderlich weitere Anpassungen vornehmen – und uns darüber hinaus an lokale behördliche Vorgaben halten, die zum Teil ja die Schließung von Einzelhandelsgeschäften vorsehen", wie Adidas weiter auf Anfrage mitteilt.

Adidas hätte viele Möglichkeiten, Geld zu sparen

Dieses Vorgehen, dem sich inzwischen andere Großfilialisten wie H&M und C&A angeschlossen haben, ist verwerflich und gefährlich. Verwerflich, weil Adidas geschäftlich vor Kraft strotzt und sich die Mietzahlungen trotz geschlossener Filialen leisten können müsste – auch wenn die Franken an sündteuren Edeladressen wie New Yorks 5th Avenue oder Hongkongs Causeway Bay zu Hause sind.

Per Ende 2019 setzte das Unternehmen 23,6 Milliarden Euro um, verdiente 2 Milliarden Euro und hielt satte 873?Millionen Euro Cash in der Kasse. Die Aktionäre sollen 3,85?Euro Dividende pro Aktie erhalten, 15 Prozent mehr als im Vorjahr und 38,9 Prozent des Gewinns. Und noch am 7. Januar und erneut am 11. März – also schon im Corona-Zeitalter - kündigte Adidas an, 2020 erneut Aktien im Wert von bis zu einer Milliarde Euro zurückzukaufen. Das muss man sich leisten können.

Adidas hätte also die Möglichkeit, seinen Vermietern trotz geschlossener Filialen weiterhin Mieten zu zahlen – man müsste nur auf die Cash-Reserven zurückgreifen, die Dividende kürzen oder den Aktienrückkauf aussetzen. Jeden Aktionär, der sich darüber beschwert, könnte der drahtige Rorsted mit einem verbalen Handkantenschlag niederstrecken. Das Corona-Argument macht‘s möglich.

Falls es Adidas tatsächlich so dreckig gehen sollte, dass die gestundeten Mietzahlungen dringend gebraucht werden, um Löhne und Pensionen zu zahlen – dann könnte sich der Konzern bei der KfW für einen Überbrückungskredit bewerben.

Davon ist freilich nicht auszugehen. Stattdessen entschließt sich sein Konzern, die Kosten der Pandemie an seine Vermieter weiterzureichen und diese womöglich ihrerseits in Not zu bringen. Damit setzt Adidas genau jene Krisenkette in Gang, die durch die staatlichen Hilfen eigentlich verhindert oder unterbrochen werden sollte. Und das Unternehmen kann sich dabei auch noch auf die Bundesregierung berufen.

Der Preis für derartige Aktionen wird für alle Beteiligten enorm sein. Und für Adidas nicht einmal wirtschaftlich sinnvoll: Schließlich muss der Konzern die Mieten wohl ja zu einem späteren Zeitpunkt nachzahlen. Aber wer weiß, welche finanzwirtschaftlichen Volten die Coronakrise noch macht.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht legt Adidas' Kassenwart die eingesparten Mieten ja so clever am Kapitalmarkt an – etwa in eigene Aktien –, dass die Rendite daraus höher ist als die Zinsen, die der Konzern begleichen muss, wenn er die April-Miete mit Verzug nachzahlt.

Das ist fraglos eine zynische Vermutung. Aber auch nicht weniger zynisch als das, was Adidas angekündigt hat".

Diese Firmen offenbaren eine krass unfaire Haltung und Vorgehensweisen in der Corona-Krise. Schwere Vergehen an der Fairness an einer Gesellschaft, die ihnen Aufstieg und große Einkommen bis hin zur Kapitalansammlung ermöglicht hat.

"Die Mietverweigerung als Missbrauch staatlicher Unterstützung"


20.02.2020 09:41
Google sabotiert frei unabhängige Reparaturbetriebe
Google benachteiligt systematisch unabhängige Reparaturbetriebe. Das bedroht nicht nur Existenzen sondern auch die Umwelt. Und die Politik? Tut nichts. Schreibt Christina Ax vom Runden Tisch Reparatur in Berlin in der heutigen Frankfurter Rundschau:

„Seit Mitte vergangenen Jahres maßt sich Google an, die Anzeigen freier Reparaturwerkstätten abzuschalten. Hersteller und ihre autorisierten Werkstätten haben dieses Problem nicht. Google behauptet dies sei im Interesse der Verbraucher, weil es unter den Werkstätten schwarze Schafe gebe. Ein mehr als fadenscheiniges Argument, angesichts der vielen Meisterbetriebe, die betroffen sind.

Wegen der marktbeherrschenden Stellung von Google ist das für die Betriebe zum Teil existenzbedrohend. Es gibt keine vergleichbaren Werbeplattformen mit ähnlicher Reichweite.

Schade, dass sich in Deutschland bisher keine Politiker dieser Sache angenommen haben. Dass weder der Wirtschaftsminister noch die FDP den Versuch unternehmen, Google zu stoppen. Sie akzeptieren stillschweigend, dass nicht mehr „der Markt“ sondern Google Angebot und Nachfrage reguliert und darüber entscheidet, wer seine Dienstleistungen in Zukunft noch anbieten darf. In Frankreich dagegen wurde Google vor einigen Wochen von der Wettbewerbsbehörde für ein ähnliches Verhalten mit 150 Millionen Euro Strafe belegt.

Der Hilferuf unabhängiger deutscher Reparaturbetriebe, der vor einiger Zeit an das Kartellamt geschickt und vom Runden Tisch Reparatur in Berlin unterstützt wurde, hat auch keine Wirkung gezeigt. In diesem Fall ging es darum, dass viele unabhängige Werkstätten von wichtigen Herstellern gar nicht oder nur zu überteuerten Preisen mit Ersatzteilen beliefert werden.

Das deutsche Kartellrecht erweist sich als stumpfes Schwert, wenn es darum geht, faire Rahmenbedingungen am Markt zu schaffen oder zu verteidigen. Kein gutes Zeugnis für die Hüter der freien Marktwirtschaft in der Berliner Politik.
Das ist deshalb besonders ärgerlich, weil die Forderung nach einem Recht auf Reparatur auf immer mehr Unterstützer stößt.

Selbst der Green Deal der EU unterstreicht die Bedeutung der Reparatur und längeren Nutzung von Produkten. Doch was nutzt das, wenn die Zahl der Unternehmen mit dem entsprechenden Know-How wegen des Machtmissbrauchs von Google und den großen Herstellern immer weiter schrumpft. Man gewinnt den Eindruck, dass das Kartell der Konzerne vor nichts zurückschreckt, um in Zukunft alleine darüber entscheiden zu können, ob und was repariert werden darf – und von wem“.

Christine Ax ist Ökonomin und Philosophin sowie Vorständin des Runden Tisches Reparatur (www.runder-tisch-reparatur.de)

05.02.2020 09:08
Amazon droht Mitarbeitern mit Entlassung
Hunderte Mitarbeiter kritisieren Amazons Klimapolitik. Sie fordern von Amazon mehr Einsatz für den Klimaschutz - und riskieren damit ihre Jobs. Eine Richtlinie verbietet Mitarbeitern öffentliche Kritik an Unternehmensentscheidungen. Eigentlich ist Amazons Mitarbeitern öffentliche Kritik am Unternehmen untersagt.

Eine Gruppe von 357 Angestellten hält sich jedoch nicht daran: In einem Blog-Eintrag von diesem Sonntag kritisieren die Amazon Employees for Climate Justice (AECJ, Amazon-Angestellte für Klimagerechtigkeit) die Klimaziele des Internetkonzerns als unzureichend. Sie rufen Amazon auf, deutlich ambitioniertere Ziele im Kampf gegen den Klimawandel zu setzen als bisher.

Im September vergangenen Jahres hatte Konzernchef Jeff Bezos mitgeteilt, sein Unternehmen wolle beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einnehmen und bis zum Jahr 2040 CO2-neutral werden. AECJ fordert nun, dieses Ziel auf 2030 vorzuziehen.

"Als Amazon-Mitarbeiter sind wir nicht nur für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich, sondern auch für seine Auswirkungen", sagte Softwareentwicklerin Sarah Tracy. "Es ist unsere moralische Pflicht, uns dafür einzusetzen, und die Änderungen der Kommunikationsregeln halten uns davon ab, dieser Verantwortung nachzukommen."

Tracy und ihre Kollegen unterschrieben den Blogeintrag mit Namen und Job-Titel, obwohl der Konzern ihnen vor Kurzem per Brief mit der Entlassung gedroht hatte, wenn sie weiterhin Kritik öffentlich äußerten. Bereits im vergangenen Jahr hatten mehr als 8000 Beschäftigte einen offenen Brief an Konzernchef Bezos unterzeichnet. Darin forderten sie, dass Amazon seine CO2-Emissionen senkt und seinen Einsatz fossiler Energien beendet.
Amazon ist mit knapp 650.000 Mitarbeitern, so der neueste Stand von 2018, der weltgrößte Internethändler. Der Konzern wird unter anderem für die Belastungen seiner Paketlieferungen für das Klima kritisiert. Amazon nutzt fossile Brennstoffe, um seine Pakete in Flugzeugen und Lkw um die Welt zu transportieren. Der Konzern hat zudem einen gewaltigen Strombedarf, weil er für seine lukrativen Clouddienste große Datenzentren betreibt. In der Kritik steht auch, dass Amazon Anwendungen zu künstlicher Intelligenz (KI) an Firmen aus dem Ölsektor verkaufe.
Amazon will bis 2030 nur noch erneuerbare Energien einsetzen

Amazon teilte nach der erneuten Kritik mit, dass es neben seinem Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, auch bis 2030 zu 100 Prozent erneuerbare Energien einsetzen wolle. Auf die Vorwürfe zu den externen Kommunikationsrichtlinien entgegnete der Konzern, dass diese nicht neu seien, für alle Angestellten gleichermaßen gelten und denen anderer großer Firmen ähnelten.
Tatsächlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen ihren Beschäftigten auferlegen, sich öffentlich mit Kritik an Unternehmensentscheidungen zurückzuhalten.

Die Zeitung "Washington Post", die Amazon-Chef Bezos gehört, zitierte in einem Artikel Amazon-Sprecher Drew Herdener mit den Worten, dass Amazon-Angestellte ermutigt würden, ihre Kritik stattdessen auf internen Plattformen zu äußern. Maulkorb nach außen, aber nicht nach innen? Schwer zu glauben.

Jedenfalls kann das 1 Billion teure Unternehmen laut Börsenwert sicher eine deutlich nachhaltige Klimapolitik betreiben. Doch durch das neue Angebot, Waren just in time innerhalb von 24 Stunden nach der Bestellung auszuliefern, hat 150 Millionen Kunden dieses Prime-Abonnement annehmen lassen. Was zu erhöhtem Lieferverkehr mit entsprechenden CO2-Abgasen und Schadstoffen führt.

mit Material von afp vom 27.1.2020

25.01.2020 16:24
Krasses Fairness-Versagen bei #H&M
Wie Fairness-Stiftung und im Fairness-Check beizeiten berichtet hatte, bestätigt sich nun, dass die Kundenservice-Mitarbeiter von H&M ausgeforscht wurden. FAZ und Spiegel berichten auf der Basis der Nachrichtenagentur Reuter:

"Dem Modehändler H&M werden massive Verstöße gegen die Datenschutzrechte von Mitarbeitern seines Kundenzentrums vorgeworfen. Nun droht dem Unternehmen ein Bußgeld. Gegen Hennes & Mauritz (H&M) ist nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Bußgeldverfahren wegen des Verdachts der Ausforschung von Mitarbeitern eingeleitet worden. Der Verdacht massiver Verstöße gegen Datenschutzrechte des Personals habe sich erhärtet, erklärte demnach der Landesdatenschutzbeauftragte in Hamburg, Johannes Caspar, dessen Behörde sich mit dem Fall befasst. Caspar ist für die schwedische Modekette zuständig, weil sie ihren Deutschlandsitz in der Hansestadt hat.

Bei den Vorwürfen gehe es Caspars Behörde zufolge um "umfassende Aufzeichnungen über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", schreibt die "FAZ". So seien "detaillierte und systematische Aufzeichnungen von Vorgesetzten über ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" entdeckt worden: "Es handelt sich dabei auch um Gesundheitsdaten der Betroffenen, von der Blasenschwäche bis zur Krebserkrankung, sowie um Daten von Personen aus deren sozialen Umfeld wie etwa familiäre Streitigkeiten, Todesfälle oder Urlaubserlebnisse."
https://www.fairness-check.de/HM-im-Fairness-Check.aspx

14.01.2020 11:00
Ist die Speditions- und Transportbranche moralisch verkommen?
„Ermittler entdecken Rekordzahl an Verstößen gegen Arbeitsrecht bei Spediteuren und Kurierdiensten“, schreibt Rasmus Buchsteiner in der Frankfurter Rundschau vom heutigen Tage unter dem Titel „Mehr Ausbeutung bei Leiharbeit“. Buchsteiner weiter:

„Immer häufiger werden gegen Unternehmen aus Spedition, Transport und Logistik Strafverfahren wegen Verstößen gegen gesetzliche Regelungen zum Beispiel in den Bereichen der Leiharbeit und des Mindestlohns eingeleitet. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorliegt.
Demnach ist die Zahl der Strafverfahren in der Branche von 711 im Jahr 2011 auf 3083 im Jahr 2018 gestiegen. Das entspricht mehr als einer Vervierfachung. Hintergrund waren Betriebsprüfungen durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Zollverwaltung (FKS). Diese kontrolliert unter anderem die Einhaltung der Gesetze zur Entsendung und Überlassung von Arbeitnehmern.

Seit Einführung des gesetzlichen Mindestlohns ist die Behörde auch für dessen Kontrolle zuständig. Überprüft wurden 2018 branchenweit knapp 5000 Betriebe – fast genauso viele wie im Jahr 2012. Die Zahl der verhängten Freiheitsstrafen stieg zwischen 2011 und 2018 von 136 auf 1254, das Volumen der Geldstrafen von 50 500 auf 1,6 Millionen Euro. Zu den untersuchten Firmen zählten auch Post-, Kurier- und Expressdienste.

Laut Arbeitsministerium hatte es bei Post- und Kurierdiensten im Frühjahr 2019 eine bundesweite Schwerpunktüberprüfung gegeben, bei der fast 3000 Zollbeamte 834 Betriebe in Augenschein nahmen. Im Nachgang sind den Angaben zufolge 106 Straf- sowie 184 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet worden. Dabei ging es unter anderem um vorenthaltene Sozialversicherungsbeiträge, illegalen Aufenthalt in Deutschland sowie die Verletzungen von Melde- und Aufzeichnungspflichten.

Der Arbeitsmarktexperte der Linken im Bundestag, Pascal Meiser, sieht die Bundesregierung angesichts der Zahlen unter Handlungsdruck. „Die Zahlen zeichnen ein trauriges Bild von den Schattenseiten des Transport- und Logistiksektors. Die boomende Paketbranche bildet hier nur die Spitze des Eisberges“, kommentierte der Bundestagsabgeordnete die Zahlen. Wenn bei gleichbleibenden Kontrollen die Zahl der Verstöße gegen geltendes Arbeits- und Sozialrecht immer mehr zunehme, bestätige dies all diejenigen, die von einem wachsenden Maß an krimineller Energie in der Branche sprechen.

„Angesichts der Zunahme des Transportvolumens hilft gegen diese unhaltbaren Zustände nur eine Ausweitung der Kontrollen. Dazu braucht es endlich ausreichend Personal bei den zuständigen Kontrollbehörden“, so Meiser weiter. „Für die Paketzustellung muss zudem endlich, wie für die Briefzustellung, eine Lizenzpflicht eingeführt werden.“ Wer selbst vor illegalen Praktiken nicht zurückschrecke, um seine Beschäftigten auszubeuten, „dem muss diese Lizenz für die Zustellung unser aller Pakete konsequent wieder entzogen werden“.“

Wenn wir uns also über die allseits transportierten Güter freuen, die häufig pünktlich an der Haustür, in der Paketstation, in den Firmen ankommen, sollten wir nicht vergessen: Der Transport war wahrscheinlich am Rande der Legalität, oftmals unfair und mitunter kriminell.

18.12.2019 10:13
Wie Zalando Kollegenkonkurrenz und Mobbing anheizt
Man kann es drehen oder wenden wie man will. Doch das Mitarbeiter-Beurteilungssystem bei Zalando ist eine Anleitung zu innerbetrieblicher, aggressiver Konkurrenz und mitunter zu Mobbing. Der Unterschied zwischen Druck und Sklaventreiberei scheint nur gradueller Natur zu sein. So hält Zalando die Mitarbeiter zu ständiger Leistungssteigerung an, umgekehrt wird daraus eine ständige Lohnkürzung pro Stunde. Wer nach 2, 3, 5 oder 10 Jahren dann nicht marode und krank ist, dürfte ein Überlebender eines Fegefeuers sein oder selbst ein siegreicher Mit-Akteur im System. Menschenverachtend. Stephan Kaufmann, Redakteur der Frankfurter Rundschau, schreibt heute darüber:

„Zalando beurteilt seine Mitarbeiter. Das System dient nicht nur der Kontrolle, sondern ist Mittel einer permanenten Leistungssteigerung.
Der Online-Modehändler Zalando betreibt mittels der Software Zonar ein System zur Beurteilung der Leistung seiner Mitarbeiter, so fand kürzlich eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung heraus. Mit dieser Überwachungsmethode hat Zalando (aktueller Slogan: „Free to be“) viel Kritik auf sich gezogen: Das System verfüge über keine klaren Maßstäbe zu Beurteilung der Arbeitsleistung, heißt es. Laut Gewerkschaft Verdi führt es dazu, dass Leistung permanent kontrolliert und Löhne willkürlich festgelegt werden. Verdi-Vorstand Stefanie Nutzenberger warf dem Konzern vor, emotionalen Stress bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auszulösen und sie gegeneinander in Stellung zu bringen. Genau darin dürfte der Sinn von Zonar liegen. Es zeigt, wozu die Leistungskontrolle dient – und was heutzutage überhaupt unter „Leistung“ verstanden wird.
Zonar teilt die an der Bewertung teilnehmenden Mitarbeiter in verschiedene Leistungsstufen ein: schlechte (Low Performer), mittlere und gute (Top Performer). Letztere verdienen sich durch ihre Top Performance reale Lohnzuschläge. Bemerkenswert ist nun, wie Zalando die Leistung misst.

Der Konzern könnte schlicht drei Leistungsklassen festlegen. Zum Beispiel beim Schuhkartons packen nach dem Muster: Ein bis drei Kartons pro Minute packen ist „Low“, sechs bis acht Kartons ist mittel und darüber „Top“. Gemäß dieser Methode wäre es zumindest theoretisch möglich, dass alle Mitarbeiter durch vermehrte Anstrengung die Top-Performer-Kategorie erreichen. Genau das soll aber natürlich nicht sein.
Stattdessen beruht Zonar auf der Beurteilung der Leistung durch Kollegen und Vorgesetzte. Sie bewerten die Leistung der anderen – wie auch sonst? – durch einen gedanklichen Vergleich: Sie bilden aus der betrieblichen Praxis eine Durchschnittsleistung und bewerten ihre Kollegen danach, ob sie darunter oder darüber liegen. Daraus resultiert wie von selbst eine Einteilung in Schwach-, Mittel- und Hochleistungsfähige. „Top“ sind nach dieser Methode dann nicht jene, die viele Kartons packen, sondern jene, die mehr packen als alle anderen.

Man sieht: Das System findet nicht nur Leistungsunterschiede. Es will sie herstellen. Sein Zweck ist zunächst die Einteilung in Low und Top Performer mit entsprechenden Zuschlägen. Dadurch entsteht in der Folge für die Mitarbeiter ein Anreiz, überdurchschnittlich zu sein. Kommen sie dem nach und arbeiten härter, so setzt sich automatisch ein neuer – höherer – betrieblicher Leistungsdurchschnitt durch. Und um Zuschläge zu bekommen, muss man dann wieder darüber liegen. Letztlich dient dieses System also nicht allein der Kontrolle, sondern die Kontrolle ist Mittel einer permanenten Leistungssteigerung.
Damit folgt Zonar der Logik des Akkordlohns, also der Bezahlung nach produzierten Stücken pro Zeiteinheit. Auch hier wird der Anschein erweckt, es würde nach Leistung bezahlt. Ziel des Akkordlohns ist aber nicht die leistungsgerechte Bezahlung. Stattdessen soll die Leistung dauernd erhöht werden, indem das, was als durchschnittliches, normales Arbeitspensum gilt, sich durch die Konkurrenz der Arbeitnehmer dauernd erhöht. Daraus folgt der „Anreiz“ für jeden Mitarbeiter, mehr zu schaffen als die anderen und das bedeutet: heute mehr schaffen als gestern und morgen mehr als heute“.

Wie geschrieben: So hält Zalando die Mitarbeiter zu ständiger Leistungssteigerung an, umgekehrt wird daraus eine ständige Lohnkürzung pro Stunde. Wer nach 2, 3, 5 oder 10 Jahren dann nicht marode und krank ist, dürfte ein Überlebender eines Fegefeuers sein oder selbst ein siegreicher Mit-Akteur im System. Krass unfair.

12.12.2019 10:00
Fairness nur durch ein Gesetz möglich - freiwillig keine Fairness
Enttäuschendes Ergebnis einer Befragung zur Einhaltung von Menschenrechten der im Ausland tätigen deutschen Firmen. Firmen fordern Regulierung durch ein Gesetz.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wollen gemeinsam Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz erarbeiten, um gegen Kinderarbeit und Armutslöhne im Ausland vorzugehen. Das kündigten beide Minister gestern in Berlin an. Hintergrund sind erste Ergebnisse einer Befragung deutscher Firmen zur Einhaltung menschenrechtlicher Standards bei der Produktion im Ausland.

Nach Angaben von Müller wurden 3000 Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern gebeten, sich diesbezüglich selbst einzuschätzen. Lediglich 464 hätten die Fragebögen beantwortet und lediglich 20 Prozent erfüllten in der Selbsteinschätzung die Vorgaben.

Das belege, "Freiwilligkeit führt nicht zum Ziel", sagte Müller. Laut Heil wird es zwar noch eine weitere Befragung geben. In der Zwischenzeit würden die Ministerien aber die Eckpunkte erarbeiten. Wenn dann die Befragung bis Mai oder Juni kein deutlich besseres Ergebnis bringe, werde man in die Gesetzgebung gehen. Deutschland wolle faire Lieferketten zudem bei der europäischen Ratspräsidentschaft zum Thema machen.

Müller und Heil hatten vor knapp zwei Wochen bei einer gemeinsamen Reise nach Äthiopien ein Positionspapier zu dem Thema erarbeitet. Deutsche Firmen sollen demnach gegebenenfalls haften müssen, wenn sie mit ausländischen Partner zusammenarbeiten, die weder auf Menschenrechte achten, noch sittenwidrige Löhne zahlen oder sich an ökologische Mindeststandards halten.

Grundlage für die Pläne der Minister ist der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte aus dem Jahr 2016, der Folgendes vorsieht: Wenn weniger als die Hälfte der Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten bis 2020 der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht nicht nachkommen, wird "die Bundesregierung weitergehende Schritte bis hin zu gesetzlichen Maßnahmen prüfen", heißt es darin.

(mit Material der epd)

42 Unternehmen fordern von der Koalition Unterstützung für höhere Umweltstandards, darunter sind auch Tchibo, Nestlé oder Ritter Sport.

Selten fordern Unternehmen schärfere Gesetze, die ihre Geschäfte regulieren. Nun verlangen 42 Firmen, die Koalition möge Menschenrechten und Umweltschutz in ausländischen Zulieferfabriken mehr Geltung verschaffen, indem sie ein „Sorgfaltspflichten-Gesetz“ auf den Weg bringe. Darunter sind viele kleine Händler, die Fairtrade-Produkte anbieten, aber auch Nestlé, Kik, Ritter Sport, Tchibo und Hapag-Lloyd. Politisch ist ebenfalls Bewegung zu erkennen: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte an, einen „Gesetzentwurf zur Einhaltung von Standards in der globalen Produktion“ zu erarbeiten.
Freiwillig passiert wenig

„Die Erfahrung zeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen allein nicht ausreichen“, heißt es in der Erklärung der Unternehmen. „Es bedarf verbindlicher Sorgfaltspflichten, die von allen angemessen umgesetzt werden.“ Dabei geht es unter anderem um ausreichende Löhne, Gewerkschaftsfreiheit und Arbeitssicherheit in ausländischen Fabriken, die beispielsweise Textilien und Lebensmittel für hiesige Geschäfte herstellen. Anlässlich der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor 71 Jahren setzen sich auch Dutzende gesellschaftlicher Organisationen, darunter die christlichen Hilfswerke, für ein Lieferkettengesetz ein.

(aus: FR, 9.12.2019)

03.12.2019 11:25
Kommt das Gesetz für Fairness in Lieferketten?
"Kaffee oder Textilien aus Äthiopien, Lithium aus Argentinien, Kakao von der Elfenbeinküste - viele Produkte und Rohstoffe werden unter eigentlich unerträglichen Bedingungen hergestellt. Es geht um Niedrigstlöhne, um fehlenden Arbeitsschutz und die Verschmutzung der Umwelt. Die Bundesregierung will dagegen nun vorgehen - wahrscheinlich mit einem Gesetz". Rasmus Buchsteiner vom Redaktionsnetzwerk Deutschland informiert:

"Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bereiten ein Gesetz gegen Dumping, Ausbeutung und Umweltzerstörung in globalen Lieferketten vor. „Standards im sozialen und ökologischen Bereich umzusetzen - das geht“, sagte Müller bei einem Besuch in einer Textilfabrik in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. In Ländern wie Äthiopien werde eine Jeans für fünf Euro produziert. Existenzsichernde Löhne zu bezahlen, bedeute einen Euro mehr im Einkauf.

Arbeitsminister Heil setzt ebenfalls auf ein Gesetz. „An Verantwortung der deutschen Wirtschaft wird am Ende nichts vorbeigehen“, sagte der SPD-Politiker. „Wir brauchen Fairness in den Lieferketten.“ Das gilt für die Textilwirtschaft, die Kaffeeproduktion und für viele andere Wirtschaftszweige. Derzeit läuft eine Befragung von Unternehmen, mit der herausgefunden werden soll, ob und wie sie international anerkannte soziale und ökologische Mindeststandards in ihren Lieferketten sicherstellen. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen in der kommenden Woche vorliegen.

"Eine Pflicht zum Handeln"

Entwicklungsminister Müller geht davon aus, dass sie nicht zufriedenstellend sein werden. „Deshalb kommen wir jetzt an den Punkt, ein Lieferkettengesetz auf den Weg zu bringen“, so der CSU-Politiker. In einem Positionspapier, das die beiden Minister während ihrer Äthiopien-Reise vorstellten, wird eine Richtung für das mögliche Gesetz aufgezeigt. „Wir wollen eine Pflicht zum Handel, aber keine Übernahme von Garantien“, heißt es in dem Papier. Entscheidend für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht soll sein, dass Unternehmen „alles Erforderliche“ unternehmen, um Verletzungen von Mindeststandards zu verhindern.

„Es geht nicht darum, Mittelständler zu überfordern“, so Arbeitsminister Heil. „Wir werden da verhältnismäßige Möglichkeiten schaffen.“ Im Klartext könnte das heißen: Betriebe mit weniger als rund 500 Beschäftigten würden befreit von der Verpflichtung zur Einhaltung von Mindeststandards – etwa zu fairen Löhnen, Arbeitsschutz, zum Verzicht auf Kinderarbeit und zur Einhaltung ökologischer Standards. So denkt die Regierung nicht daran, von Handwerkern eine Garantie zu verlangen, dass von ihnen verwendete Kupferkabel ohne Ausbeutung von Arbeitnehmern hergestellt worden sind.

Größere Unternehmen müssten jedoch haften, allerdings sollen nach den Plänen der Bundesregierung „nur nachweisliche zurechenbare Handlungen“ zu einer Haftung führen. „Betroffene müssen ihr Recht besser geltend machen können“, heißt es in dem Ministeriumspapier außerdem.
Arbeits- und Entwicklungsministerium verweisen darauf, dass Produkte und Rohstoffe, die aus aller Welt nach Deutschland geliefert werden, zum Teil „unter untragbaren Arbeits- und Umweltbedingungen“ hergestellt würden. Als besonders problematische Beispiele werden in diesem Zusammenhang der Kakaoanbau in der Elfenbeinküste, die Palmölgewinnung in Indonesien, die Textilproduktion unter anderem in Bangladesch oder der Lithiumabbau in Argentinien genannt.

„Wichtig ist, dass wir unseren Wohlstand in Deutschland nicht auf Armut und Ausbeutung in anderen Ländern aufbauen“, sagte Arbeitsminister Heil. Das Thema Fairness in globalen Lieferketten werde die Bundesregierung während ihrer EU-Ratspräsidentschaft auch auf europäischer Ebene vorantreiben. In Großbritannien, Frankreich, den USA, Holland und Australien gibt es bereits gesetzliche Regelungen zur Durchsetzung von Produktionsstandards“.

"Redaktionsnetzwerk Deutschland informiert über die Planung des Lieferkettengesetzes"

23.10.2019 12:04
Was ist ein faires Gehalt? New Pay im Trend
New Pay heißt ein neuer Trend in Unternehmen. Mit New Work stehen heute die herkömmlichen Anreizsysteme und Vergütungsprinzipien zur Diskussion. Wann ist ein Gehalt „fair“? Warum sind Boni keine gute Idee? Wer soll Leistung bewerten? Gehalt ist ein sensibles Thema. Kaum ein Unternehmen traute sich bisher daran, die eigenen Vergütungsstrukturen auf den Prüfstand zu stellen.
Jetzt stellen sich so manche Unternehmen die Fragen, wofür sie ihre Beschäftigten bezahlen, in welcher Form vergütet und wie verteilt werden soll.

Das Autorenteam Sven Franke, Stefanie Hornung, Autorin und Journalistin, und Nadine Nobile hatte mit dem Buch „New Pay – Alternative Arbeits- und Entlohnungsmodelle“ diese Diskussion mit Argumenten und Praxisbeispielen befeuert. Und einen neuen Begriff geschaffen: „New Pay“. Grund genug für Helge Weinberg, um ein Gespräch mit Stefanie Hornung zu führen:

„Wenn ich den Austausch auf Twitter und in anderen sozialen Netzwerken betrachte, dann ist das Interesse an New Pay groß. Frage: Was ist eigentlich „New Pay“ genau?

Stefanie Hornung: Wir als Autorenteam haben diesen Begriff schon 2017 verwendet. Damals hatten wir uns Unternehmen angeschaut, die sich mit New Work befassen und uns gefragt, woran es oft hakt und welcher Aspekt zu kurz kommt. Da sind wir schnell beim Gehalt gelandet. Deshalb haben wir eine Blogparade ausgerufen und durch den zugehörigen Hashtag kam New Pay in die Welt. „New Worker“ und Vergütungsberater haben den Begriff sehr schnell aufgegriffen. Für uns ist New Pay kein fertiges Gehaltsmodell von der Stange, sondern ein Veränderungsprozess: Es geht darum, ein Vergütungssystem zu schaffen, das zur Form der Zusammenarbeit in einer Organisation passt.

Warum sollten Unternehmen sich der Mühe unterziehen, neue Gehaltsstrukturen einzuführen?
Weil dies zu größerer Fairness führen kann – ein Aspekt, der für Mitarbeiterbindung eine große Rolle spielt. Wir empfehlen neue Gehaltsstrukturen vor allem dann, wenn Unternehmen vermehrte Unzufriedenheit bei den Beschäftigten wahrnehmen. Die Arbeitswelt und der Wertewandel der Menschen hat sich tendenziell schneller verändert als die Vergütungssysteme, die sehr zementiert sind und teilweise jahrelang nicht angefasst wurden. Wenn mehr Selbstverantwortung und Entscheidungskompetenz von Mitarbeitern gefragt sind, widerspricht das hierarchischen und intransparenten Vergütungsentscheidungen.
Starke Störgefühle haben wir häufig in kleinen und mittleren Unternehmen beobachtet, vor allem, wenn sie Softwareentwickler beschäftigen und sich Arbeitsstrukturen stark wandeln. Da sehen wir heute schon Ansätze von New Pay. In großen Unternehmen hingegen geht die Diskussion jetzt erst richtig los. Dabei gibt es leider keine Blaupause. Vergütung ist ein sehr komplexes Thema.

Welche Werte kennzeichnen das Konzept New Pay?
Bei der Analyse verschiedener Unternehmen für unser Buch sind sieben Prinzipien, die eng mit Ideen von New Work verknüpft sind, immer wieder aufgetaucht: Fairness, Transparenz, Selbstverantwortung, Partizipation, Flexibilität, Wir-Denken und Permanent Beta. Natürlich sind diese Dimensionen nicht in jedem Unternehmen gleich ausgeprägt. Sie können aber als Hilfskonstrukt dienen, um herauszufinden, wo die Organisation steht und welcher Ansatz am besten dazu passt.
Wir sehen das Thema „Fairness“ als zentral an. Im Endeffekt geht es bei einem Vergütungssystem immer darum, dass die Mitarbeiter die Entlohnung als möglichst gerecht empfinden. Da die Transparenz in Unternehmen insgesamt zunimmt, auch getrieben durch soziale Netzwerke und verschiedene Plattformen, kommt es häufiger zu internen Aushandlungsprozessen. Dabei gilt es, sich auf bestimmte Werte zu einigen, die sich dann auch im Vergütungssystem widerspiegeln.

Was ist denn ein faires Gehalt?
Das ist sehr individuell verschieden, aber generell gilt: Wenn es nachvollziehbar und konsistent ist –wenn man also das Verfahren und die Verteilung der Gehaltsfindung einleuchtend erklären kann. Die Gerechtigkeitsforschung zeigt, dass selbst ungleiche Gehälter als gerecht empfunden werden, wenn dies der Fall ist. Ein System, bei dem der beste Verhandlungskünstler am meisten verdient, erfüllt diese Voraussetzung selten. Nachvollziehbarer sind Faktoren wie Ausbildung oder Berufserfahrung. Der Grad an Transparenz kann dabei unterschiedlich sein. Oft genügt es, das Verfahren transparent zu machen. Es hängt allerdings stark von der Unternehmenskultur und dem gewählten Vergütungsansatz ab. Bei Fairness geht es ja um gefühlte Gerechtigkeit: Und da sollten Unternehmen stärker nachfragen, was sich ihre Mitarbeiter darunter vorstellen.

Ich habe in Eurem Buch drei „Zusatzprinzipien“ gefunden, von denen ich zumindest eines als relevanter in Sachen Gehaltsfindung empfunden hätte: „Leistungsorientierung“. Bei vielen Unternehmen steht sie im Vordergrund. Wie sollten diese damit umgehen, etwa im Vertrieb?
Die Leistung der Mitarbeiter ist für Unternehmen natürlich ein wichtiger Aspekt, aber sie lässt sich nur sehr schwer messen. Die Frage dabei ist außerdem, welche Art von Leistung Organisationen priorisieren – Einzelkämpfertum oder Teamleistung. Letzteres spiegelt sich in der Dimension Wir-Denken und damit ist schon klar, dass „New Pay“ mit individuellen Boni schwer vereinbar ist. Die Forschung kommt inzwischen auch zu dem Schluss, dass extrinsische Faktoren wie Boni nur kurzfristig wirken und eher für standardisierte Tätigkeiten geeignet sind.
Es gibt einige Unternehmen, die individuelle Boni zugunsten von Team- und Unternehmensboni abgeschafft haben. Infineon und Bosch waren da die Vorreiter. Es spricht viel dafür: Beispielsweise, dass die Belohnung von sogenannten Leistungsträgern den Rest eines Teams demotiviert. Das gilt auch im Vertrieb. Bosch hat die individuellen Boni im Vertrieb abgeschafft und das hatte keine negativen Auswirkungen auf das Unternehmensergebnis. Vertriebler sind allerdings häufig anders konditioniert, weil sich Leistung da vermeintlich so leicht an den Verkaufszahlen ablesen lässt. Da gilt es, alte Denkmuster aufzubrechen und neue Formen der Anerkennung zu finden. Denn auch das Berufsbild Vertrieb ändert sich: Häufig geht es nicht mehr nur um den Verkauf, sondern auch um Beratung oder gar Co-Creation mit dem Kunden.

Ihr nennt als einen Ansatz von New Pay auch die Leistungsbewertung über Teamfeedback. Ist das wirklich besser als die Einschätzung durch den Vorgesetzten?
Häufig ist es zumindest besser, als allein das jährliche Mitarbeitergespräch dafür heranzuziehen. Feedback durch die Führungskraft ist wichtig, aber sollte es über das Gehalt bestimmen? Es gibt unterschiedliche Ansätze, Leistung zu bewerten – neben der Einschätzung des Chefs eben die der Kollegen oder auch eine Selbsteinschätzung des Mitarbeiters, der vermutlich am besten weiß, was er geleistet hat. Bei manchen Vergütungsansätzen im New-Pay-Umfeld spielt individuelle Leistung gar keine Rolle mehr. Das hat den Nachteil, dass manche Fachkräfte, die am Arbeitsmarkt sehr gesucht sind, möglicherweise schwer zu halten sind. Es ist immer ein Abwägen: Jeder Ansatz hat Vor- und Nachteile. Unternehmen müssen sich entscheiden, welcher Aspekt für sie wichtiger ist.

Wie sollten Unternehmen bei der Einführung neuer Gehaltsstrukturen vorgehen?
Es macht Sinn, erst einmal mit einer Gruppe von Mitarbeitern eine Statusanalyse zu machen. Es geht um Fragen wie: „Was sind die Vorstellungen der Mitarbeiter?“, „Wie passt ein bestimmtes Modell zur Kultur im Team oder im Unternehmen?“ oder „Wo soll sich die Organisation in Sachen Zusammenarbeit in den nächsten Jahren hin entwickeln?“. Man sollte sich überlegen, welche positiven und negativen Effekte zu erwarten sind, wenn man an bestimmten Stellschrauben im Vergütungssystem dreht. Uns sind rund 100 Unternehmen bekannt, die sich auf den Weg zu neuen Gehaltsstrukturen gemacht haben – und es werden immer mehr. Es ist sinnvoll, sich mit denen auszutauschen, die schon ihre Erfahrungen gemacht haben.

Interviewpartnerin:
Die freie Journalistin Stefanie Hornung ist auf die Themen Personalmanagement, New Work und Diversity spezialisiert. Sie beschäftigt sich zudem mit der Zukunft von Journalismus und Corporate Publishing. Stefanie Hornung gehörte viele Jahre als Pressesprecherin zum Team der größten deutschen Personalfachmessen, der Zukunft Personal (heute: Zukunft Personal Europe) sowie der Personal Nord und Süd (heute: Zukunft Personal Nord und Zukunft Personal Süd) und war Chefredakteurin des Online-Portals HRM.de.

Buch:
Sven Franke, Stefanie Hornung und Nadine Nobile; New Pay – Alternative Arbeits- und Entlohnungsmodelle; Haufe-Lexware GmbH & Co. KG; Freiburg; 1. Auflage 2019; 285 Seiten; Print: ISBN 978-3-648-11725-5; Preis: 39,95 Euro“

"New Pay auf Human Resources Manager"

20.08.2019 17:56
Ernst gemeint oder Fake: Absage an Shareholder Value durch Konzernbosse
Kommt jetzt Fairness für Kunden, Beschäftigte, Lieferanten und Bürgern – ausgerechnet durch globale Player im Business? Kaum zu glauben. Doch Ines Zöttl, Korrespondentin des SPIEGEL in Washington meldet: „Eine ganze Managergeneration fühlte sich der Gewinnmaximierung verpflichtet. Doch nun lassen Amerikas mächtigste Konzernchefs von dem Ziel ab, vorrangig die Aktionäre zu beglücken. Ihre Kritiker wird das kaum besänftigen.

Diese Revolution hat einer angezettelt, der mitten im Herzen des Establishments sitzt: Jamie Dimon ist sozusagen an der Wall Street aufgewachsen. Vater und Großvater waren Aktienhändler, er selbst hat seine ganze Karriere in der New Yorker Finanzbranche verbracht. Heute führt der 63-Jährige Amerikas größte Bank JPMorgan Chase und verdient jährlich rund 30 Millionen Dollar. Doch seit einiger Zeit scheinen Dimon Zweifel am System befallen zu haben. "Der amerikanische Traum lebt - aber für viele erodiert er", schrieb der Sohn griechischer Einwanderer kürzlich besorgt an die "lieben Mitaktionäre", während der beiliegende Geschäftsbericht einen Rekordgewinn der Bank für 2018 auswies.

Nun haben die Miteigner erneut Post von Dimon bekommen - diesmal als eine zweiseitige Anzeige im Wirtschaftsblatt "Wall Street Journal". Darin verabschiedet sich Amerikas Konzernelite vom Vorrang des "Shareholder Value", dem Konzept, das die Steigerung des Firmenwerts und Aktienkurses zur wichtigsten Aufgabe jeden CEOs erklärt. 181 Topmanager haben die "Erklärung zum Zweck eines Unternehmens" der Vereinigung Business Roundtable unterzeichnet, der Dimon vorsitzt. Mit dabei sind alle, die in der America Inc. Rang und Namen verkörpern.
Amazon-Gründer Jeff Bezos hat genauso unterschrieben wie Tim Cook von Apple oder GM-Chefin Mary Barra. Auch Ford, Coca-Cola, Walmart, Bayer, Siemens, Exxon, SAP, Goldman Sachs und der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock sind mit von der Partie.

"Die Amerikaner verdienen eine Wirtschaft, die allen Menschen ermöglicht, mit harter Arbeit und Kreativität Erfolg zu haben und ein erfülltes und würdevolles Leben zu führen", schreiben sie. Dann geloben die Unterzeichner allen ihren Stakeholdern Fairness: den Kunden, den Beschäftigten, den Lieferanten und den Bürgern. Ach so, und dann wären da ja noch die Aktionäre, denen der letzte Spiegelstrich der Aufzählung gewidmet ist. Für sie will man immerhin einen "langfristigen Wert" ihrer Geldanlage schaffen.

Amerikas Wirtschaft wirft damit ein Mantra auf den Müllhaufen der Geschichte, das eine ganze Managergeneration geprägt hat. 1997 hatten sich die im Roundtable organisierten Unternehmen darauf verpflichtet, künftig "in erster Linie" den Anteilseignern zu dienen. Dabei blieb es zwei Jahrzehnte lang. Die Belange der sonstigen Interessengruppen spielten nach dieser Lesart nur "als Ableitung" der Verpflichtung gegenüber dem Aktionär eine Rolle, ganz so, wie es der Chicagoer Ökonom Milton Friedman empfohlen hatte. Nach dem Konzept des Wirtschaftsnobelpreisträgers beschränkt sich die Aufgabe der Unternehmen darauf, die Gewinne zu maximieren. Dabei müssen sie Gesetze und fundamentale Regeln einhalten, mehr aber auch nicht. Alle anderen gesellschaftlichen oder ethischen Zielsetzungen seien nicht Sache der Firmen, sondern des einzelnen Bürgers und des Staates.

Mehr Haltung zeigen

Die Idee, dass die unternehmerische Gier am Ende zum optimalen Ergebnis für die Volkswirtschaft führt, überzeugt jedoch immer weniger Amerikaner. Mit ihrer Abkehr von der Shareholder-Priorisierung reagierten die Unternehmen "auf den Zeitgeist", glaubt die Historikerin Nancy Koehn von der Harvard Business School. "Sie nehmen wahr, dass Business as usual nicht länger akzeptiert wird", sagte sie der "New York Times".
In einer Studie von 2018 forderten 78 Prozent der Befragten, dass die Unternehmen positiv auf die Gesellschaft wirken sollten. Die Vorstände stehen zunehmend unter Druck, sich zu Fragen wie Einwanderungspolitik oder Rassismus zu positionieren. Viele Millennials verlangen von ihrem Arbeitgeber Haltung. So zirkulierten Google-Mitarbeiter jüngst intern eine Petition, die sich gegen Geschäfte des Cloud-Anbieters mit den US-Einwanderungsbehörden wandte.
Die nun vorgelegten neuen Prinzipien der Unternehmensführung spiegelten besser, "wie Konzerne heute arbeiten können und sollen", sagt der Chef des Konsumgüterherstellers Johnson & Johnson, Alex Gorsky, der ebenfalls unterschrieben hat. "Es unterstreicht die zentrale Rolle, die Unternehmen darin spielen können, unsere Gesellschaft zu verbessern."

Gezielte Kampagne

Allerdings dürfte der Wirtschaft auch daran gelegen sein, sich auf diese Weise aus dem Schussfeld der Wahlkampfschlacht zu bringen. Denn die aussichtsreichen demokratischen Präsidentschaftsbewerber Elizabeth Warren und Bernie Sanders profilieren sich bei ihrer linken Basis mit Kritik an der vermeintlichen Übermacht der Konzerne. Die "rhetorische Umarmung" aller Stakeholder ziele mutmaßlich auch darauf ab, mögliche Reformen bei der Besteuerung und Regulierung der Unternehmen abzuwehren, mutmaßte der frühere Finanzminister Larry Summers in der "Financial Times".

Nicht nur er bezweifelt, dass es den Managern wirklich ernst ist. "Wir brauchen mehr als eine PR-Aktion", erklärt der linke Senator Sanders zu dem Vorstoß. "Wir brauchen einen konkreten Plan." Die Unternehmen müssten Jobs zurück nach Amerika holen, auskömmliche Löhne zahlen, ihre Angriffe gegen Gewerkschaften einstellen und höhere Steuern zahlen.

"Ich bin neugierig, ob irgendein CEO mir ein einziges greifbares Beispiel von etwas schickt, was man aufgrund dieser vermeintlich bahnbrechenden Erklärung stoppen wird", ätzt auch Anand Giridharadas, Autor des elitenkritischen Bestsellers "Winners Take All". Und auch Historikerin Koehn hält es für offen, ob sich die Geschäftspolitik wirklich verändert.

Kritik kommt allerdings auch aus dem anderen Lager. Wer vielen verantwortlich sei, sei am Ende keinem wirklich verpflichtet, warnte der Corporate-Governance-Experte Charles Elson von der University of Delaware in der "Washington Post". Er sieht zwischen dem Ziel des langfristigen Shareholder Value und der Zufriedenheit der Beschäftigten und Kunden keinen Widerspruch.

Tatsächlich haben nicht alle Roundtable-Mitglieder die Erklärung unterschrieben. So fehlen - aus ungenannten Gründen - unter anderem die Chefs der Investmentgesellschaft Blackstone und GE. Vielleicht spielt auch Angst vor dem Zorn der Aktionäre mit. Einige Firmenjuristen seien beim Lesen des Dokuments "zurückgeschreckt", berichtet das Nachrichtenportal Axios, und hätten protestiert. Denn Firmenchefs, die sich nicht nur den Eigentümern, sondern hehren Zielen verschrieben, riskierten eine Verletzung der Treuepflicht gegenüber den Aktionären.

Am Ende setzten sich trotzdem die Reformer durch. Jamie Dimon scheint zu wissen, was er tut. 80 Prozent seines Jahresgehaltes wurden ihm in Aktien seines Unternehmens ausgezahlt“.

Das wird ein spannender Prozess. Mit ihm käme die Fairness praktisch in der Mitte der Geschäftswelt, der globalen Wirtschaft, an.

"Der unglaubliche Bericht aus Washington bei Spiegel Online"

05.07.2019 15:59
25 Jahre Amazon: Ein Händler ohne Gewissen
Warum kaufen eigentlich Menschen bei Amazon?, fragt sich Svenja-Bergt von der taz. Und fragt weiter: " Vor allem im Prime-Programm, wo Kund:innen, vereinfacht gesagt, bezahlen, um einzukaufen?

Stellen wir die unbeantworteten Fragen einen Moment zurück und kümmern uns um wasserdichte Fahrradtaschen. Solche Taschen verkauft der Outdoor-Hersteller Ortlieb, und zwar unter keinen Umständen über Amazon – auch wenn sich nicht ganz verhindern lässt, dass Drittanbieter die Produkte dort anbieten. „Graumarktprodukte“, erläutert das Unternehmen, und dass sich so etwas höchstens verhindern ließe, wenn man jedes Teil umständlich mit elektronischen Trackern ausstattete. Jedenfalls: Amazon wirbt quasi über Ortlieb für sich selbst. Denn wer bei Google etwa nach Fahrradtaschen der Firma sucht, bekommt eine Anzeige von Amazon ausgespielt. Dahinter: Graumarktprodukte. Und solche der Konkurrenz.

Und deshalb bekam Amazon, einen Tag vor dem 25. Firmenjubiläum am Freitag, eine Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof. Dabei geht es nur vordergründig um einen Streit um Markenrechte. Dahinter steht eine viel größere Frage: Was darf sich ein Unternehmen, bei dessen marktbeherrschender Stellung es ein Wunder ist, dass sich nicht das Wort „amazonen“ für „online bestellen“ durchgesetzt hat, eigentlich so erlauben? Also abgesehen von zweifelhaften Steuerpraktiken, ausgebeuteten Mitarbeiter:innen und einer riesigen Datensammlung über die Nutzer:innen? Und 25 Jahre nach der Firmengründung ist das eine der Fragen, die tatsächlich dringend eine Antwort braucht.

Gäbe es irgendwo im Amazon-Firmenuniversum so etwas wie eine Unwichtigkeitsliste, auf der all diejenigen stehen, auf die der Konzern so überhaupt nicht gedenkt Rücksicht zu nehmen, dann stünde Ortlieb wohl ziemlich weit oben. Gemeinsam mit allen anderen Herstellern, die ihre Waren unter keinen Umständen über Amazon selbst oder den Amazon Marketplace – ein Unterschied, der für die meisten Käufer:innen kaum zu erkennen ist – verkauft sehen wollen. Weil sie sich eine besondere Beratung für ihre Kund:innen wünschen, weil ihnen die eigenen Verkaufskanäle ausreichen oder weil sie fürchten, dass ihre Produkte zu Ramschpreisen verkauft werden.

Gesundheitsdaten könnten die Zukunft sein

Auf Platz zwei: Unternehmen, die über Amazon ihre Waren verkaufen. Kooperation führt nicht zu Wohlwollen. Denn läuft etwas gut, ist es für Amazon ganz einfach: das Produkt selbst ins Sortiment nehmen, es vom Algorithmus ordentlich nach oben pushen lassen und dann die Marge einstreichen. Es gibt Berichte von Händlern, deren Amazon-Präsenz unter merkwürdigen Umständen gesperrt wurde. Und die dann, als sie aus dem Chaos aus Entsetzen, Begreifen, Schadensbegrenzung und den Tiefen der Beschwerdekommunikation mit Amazon wieder auftauchten, feststellen mussten: Aha. Die verkaufen die Produkte aus meinem Sortiment jetzt also selbst. Sogar das Bundeskartellamt prüft seit vergangenem Jahr, ob Amazon seine Marktposition gegenüber den Händlern ausnutzt. Und seit diesem Jahr ermitteln auch die österreichischen Behörden.

Es gibt auch noch einen dritten Platz, und da landen die Menschen, die in den Lagerhallen Kopfhörer, Topf-Sets oder Unterwäsche aus den Regalen fischen müssen, die Picker:innen. Gewerkschaften beklagen einen fehlenden Tarifvertrag, schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne, die nicht zur Existenzsicherung reichen. Amazon stellt Vergleiche über die marktübliche Bezahlung und Bilder von lachenden Mitarbei­ter:innen beim gemeinsamen Hüpfen im Logistikzentrum dagegen. Dabei ist die Faustregel einfach: Je unwichtiger für den Umsatz, je ersetzbarer, desto weniger achtet der Konzern auf pflegliche Behandlung, egal ob es sich um Händler oder Mitarbeitende handelt.

Doch da ist jemand, der:die nicht ersetzbar ist: die Kund:innen. Amazon hat das schon früh verstanden und unternimmt viel, um Käufer:innen zu halten. Schnelle Lieferungen gehören ebenso dazu wie großzügige Retourenregelungen und natürlich der kostenpflichtige Edel-Tarif Amazon-Prime, der unter anderem diverse Streaming-Dienste gleich mit im Paket hat. Das scheint für viele Kund:innen derart attraktiv zu sein, dass sie im Glücksrausch einfach vergessen, beim Onlinekauf andere Plattformen zu besuchen oder Preise zu vergleichen, das zeigen mehrere Untersuchungen. Eine Unternehmensstrategie, für die es schon ein gewisses Maß an Chuzpe braucht: Oder kann sich jemand einen Supermarkt vorstellen, bei dem die Kund:innen für eine bevorzugte Behandlung einen Mitgliedsbeitrag zahlen müssen, die Nudeln teurer sind als bei der Konkurrenz, aber hey, was soll’s, dafür gibt es ja Orangensaft gratis?

Nun ist es so: Wenn alle Mitarbeiter:innen in den Lagern ausgebeutet und genügend Händler und Hersteller verprellt sind, könnte Amazon auffallen, dass man alleine von Kun­d:innen eben doch nicht leben kann. Wahrscheinlicher ist aber: Sie suchen sich einfach ein neues Geschäftsfeld. Mit dem Einstieg in die Produktion von Serien hat das schon geklappt, und, praktischer Nebeneffekt: Dafür braucht es nicht mal mehr Picker:innen. Gesundheitsdaten könnten die Zukunft sein. Und wer regelmäßig Arztberichte hochlädt, bekommt jährlich einen neuen Fitnesstracker. Klingt abwegig? Fragen Sie mal Amazon".

Siehe auch: https://www.fairness-check.de/Amazon-im-Fairness-Check.aspx#kritik


11.03.2019 10:16
Wie Preise fair sein können
Nach dem „Preis der Gerechtigkeit“ fragt Mark Schieritz in der ZEIT vom 11.3.2019. Und fragt: „Sind Sie der Meinung, dass Ihr Paketbote ordentlich bezahlt werden sollte? Die Erzieherin Ihrer Kinder? Der Pfleger, der sich um Ihre Mutter kümmert? Die meisten Menschen werden auf diese Fragen wahrscheinlich mit Ja antworten. Es ist in der Tat moralisch nicht leicht zu begründen, warum jemand, der einen anderen Menschen pflegt, nur halb so viel verdient wie einer, der am Fließband eine Karosserie zusammenbaut.

Insofern ist es eine gute Nachricht, dass sich die Tarifparteien am Wochenende nach langen Verhandlungen auf einen vergleichsweise kräftigen Anstieg der Löhne im öffentlichen Dienst geeinigt haben. Ausgebildete Pflegekräfte beispielsweise erhalten jetzt bis zu 380 Euro mehr brutto im Monat.

Die Länder müssen daher allerdings etwa sieben Milliarden Euro mehr für Personal ausgeben. Und das Geld fällt nicht vom Himmel, sondern kommt aus dem Haushalt und fehlt damit wieder an anderer Stelle. Womit wir beim Kern der Angelegenheit wären: Wenn Paketboten, Erzieher oder Pfleger anständig bezahlt werden sollen, dann muss das wiederum jemand bezahlen. Und das sind am Ende wir alle. Die Versandgebühren steigen, die Steuern, die Beiträge zur Pflegeversicherung.

Anders gesagt: Wer faire Löhne will, der muss auch faire Preise bezahlen. Deshalb ist die Frage nach dem angemessenen Lohn hochpolitisch. In Wahrheit profitiert ein Teil der Bevölkerung durchaus davon, dass der andere Teil für wenig Geld schuftet und zurzeit nur dank staatlicher Zuschüsse genug zum Leben hat.

Wenn die Gehälter im unteren Einkommensbereich kräftig steigen sollten, dann gäbe es keinen Döner für 3,50 Euro mehr und auch keinen Herrenhaarschnitt für zehn Euro. Dann würden diese Dinge teurer.
Wie das in der Praxis aussieht, kann man sich in der Schweiz anschauen. Dort liegt der Mindestlohn für einen ungelernten Arbeiter im Gastgewerbe umgerechnet bei über 3000 Euro im Monat, dafür ist aber eine Pizza in Städten wie Zürich selten unter 20 Euro zu haben, und ein Restaurantbesuch mit der Familie ist auch für Gutverdiener ein Luxus. Das ist der Preis der Gerechtigkeit“.

Wie wäre es also mit: weniger fliegen, weniger verreisen, weniger Fleisch essen, weniger konsumieren. Und dafür mehr bezahlen zugunsten von Löhnen und Gehältern, von denen die Arbeitenden wirklich leben, ihre Mieten bezahlen und für ihre Rente besser vorsorgen können? Es käme allerdings darauf an, dass die dann erhöhten Preise nicht von den Firmenspitzen abkassiert und den Beschäftigten vorenthalten werden. Wer wird für die Fairness sorgen, wenn es gerechte Preise gibt? Hier trennt sich die Spreu vom Weizen und es bleibt nicht aus, dass jede und jeder von uns sich darum kümmern muss, ob die Firmen, deren Produkte und Dienstleistungen wir in Anspruch nehmen, ihre Beschäftigten fair entlohnen.

"Der Preis der Gerechtigkeit"

"Welche Firma handelt fair?"

01.03.2019 07:44
Abzocke mit Kosmetik für Frauen
Bei Rasierprodukten ebenso wie bei Parfüm: Verbraucherschützer haben erneut "Frauenaufschläge" von teilweise über 100 Prozent auf Drogerieprodukte dokumentiert. Dafür erfanden sie sogar eigens eine Feuchtigkeitscreme.

Selbst bei komplett gleichen Drogerieprodukten zahlen Frauen weiterhin oft einen höheren Preis. Das zeigt eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg. Ihr zufolge waren die Preise bei elf Rasierprodukten aus Drogeriemärkten für die Frauenvariante im Schnitt um 38 Prozent teurer. Die Verbraucherschützer forderten Hersteller und Händler auf, die Preisdiskriminierung von Frauen "in jeglicher Hinsicht zu unterlassen".
Ein Rasierschaum der Marke Isana werde bei Rossmann sogar mit einem Frauenaufschlag von über 100 Prozent verkauft, kritisierten die Verbraucherschützer. Für zwei Eau de Toilette seien in der Stichprobe Aufpreise von 24 Prozent bis 57 Prozent dokumentiert worden.

"Wir haben die Marktstichprobe zum vierten Mal gemacht - und die Preisdifferenz hat sich wenig verändert", bilanzierte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Hersteller und Händler nutzen aus, dass Frauen häufiger als Männer bereit sind, für Pflegeprodukte mehr Geld auszugeben, vor allem, wenn sie sich von der Gestaltung der Verpackungen angesprochen fühlen." Frauen seien dadurch doppelt benachteiligt, weil sie durchschnittlich weniger verdienten als Männer.

Die Verbraucherzentrale erfand zusammen mit der Agentur Serviceplan extra ein Produkt, um Verbraucher auf das Phänomen der "Pink Tax" aufmerksam zu machen. Die Feuchtigkeitscreme wurde an zwei Tagen in einem Pop-Up-Store im Hamburger Schanzenviertel angeboten: unter dem Namen "Deep Care Men" mit blauem, kantigen Schriftzug und unter dem Nahmen "Smooth Sensation Sensitive" mit geschwungenem rosa Schriftzug. Das männliche Produkt kostete 4,90 Euro, das weibliche 6,90 Euro. Die Passanten, die beides testeten, seien "teils sichtlich überrascht" gewesen.

Ungerechte Preise für Männer und Frauen werden schon seit Jahren kritisiert. In einer Studie für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes waren 2017 mehr als 1682 im Wesentlichen identische Produkte für Frauen und Männer verglichen worden. Davon unterschieden sich den Angaben zufolge 3,7 Prozent (62 Produktvarianten) beim Preis - 2,2 Prozent waren für Frauen, 1,4 Prozent für Männer teurer. Der Preisaufschlag lag bei durchschnittlich rund fünf Euro.

Als ein Beispiel für solche Produkte waren baugleiche Rasierklingen mit rosa und hellblauer Verpackung genannt worden. Produktvarianten nach Geschlecht mit Preisunterschied machten jedoch "nur einen geringen Anteil am Gesamtsortiment aus und sind damit nicht prägend für die Konsumausgaben bei Produkten insgesamt", hieß es in der Studie.

"Wie Frauen bei Drogerieartikeln abgezockt werden - Verbraucherzentale warnt"

15.01.2019 10:39
Tierwohl Premium ist eine Mogelpackung - Ärger über Politik von Julia Klöckner und Lebensmittelhandel
Die großen Bio-Verbände sehen sowohl die neue Fleisch-Kennzeichnung des Einzelhandels als auch das geplante staatliche Tierwohl-Label kritisch. Alicia Lindhoff, Redakteurin der Frankfurter Rundschau schreibt dazu:

"Am Wochenende hatte der Lebensmitteleinzelhandel angekündigt, ab April dieses Jahres flächendeckend ein vierstufiges System zur Kennzeichnung von Haltungsbedingungen einzuführen. Künftig soll ein kompassartiges Label auf allen Fleischprodukten von Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe anzeigen, aus welcher Haltungsform das Fleisch stammt. Das von der „Initiative Tierwohl“ der Lebensmittelbranche entwickelte Stufensystem reicht von „Stallhaltung“ (rot) bis zu „Premium“ (grün). Unter letztere sollen auch alle Bio-Produkte fallen.

Mit Blick auf ‚Tierwohl‘ sind die Vorschläge der Landwirtschaftsministerin, die jetzt auf dem Tisch liegen, eine Mogelpackung. Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft. „Das ärgert uns“, sagt „Bioland“-Sprecher Gerald Wehde. „Damit kommen wir in diesem Kennzeichnungssystem praktisch nicht vor.“ Denn die Kriterien für die sogenannte „Premium“-Stufe lägen deutlich unter den Bio-Standards. So hätten beispielsweise Schweine in der Bio-Landwirtschaft 50 Prozent mehr Platz, als bei der „Premium“-Stufe des Einzelhandels gefordert sei, ergänzt Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Außerdem sorge Bio nicht nur für das Tierwohl, sondern auch für Umwelt und Gesundheit. Enttäuschend findet Bioland-Sprecher Wehde die Regelung auch deswegen, weil zu einem früheren Zeitpunkt geplant gewesen sei, eine der vier Kategorien ausschließlich für Bio-Produkte zu öffnen.
Verärgert sind die Verbände zudem darüber, dass es dem Bundeslandwirtschaftsministerium auch zwei Jahre nach den ersten Vorstößen nicht gelungen ist, ein staatliches Tierwohl-Label auf den Weg zu bringen.

Zur jüngsten Meldung, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) habe sich mit einer Reihe von Verbänden „weitgehend“ auf Kriterien für ein solches Label geeinigt, sagt BÖLW-Geschäftsführer Röhrig: „Mit Blick auf ‚Tierwohl‘ sind die Vorschläge der Landwirtschaftsministerin, die jetzt auf dem Tisch liegen, eine Mogelpackung.“
Bioland-Sprecher Wehde moniert, sowohl der Einzelhandel als auch das Landwirtschaftsministerium belohnten durch ihre Kriterien bereits solche Betriebe, die für ihre Tiere nur minimal mehr täten als es die gesetzlichen Mindeststandards vorgäben: „Dabei müsste etwa in der Schweinehaltung mindestens 40 Prozent mehr Platz und ein Verbot des Schwänzeabschneidens vorgegeben sein.“ Wenn die Bundesregierung ihr eigenes Ziel, 20 Prozent Ökolandbau zu erreichen, ernst nehmen würde,müsste sie Bio als besten Teil des Labels separat kennzeichnen.

Die Bio-Verbände kritisieren außerdem, dass Klöckner den Herstellern freistellen will, ob sie ab 2020/21 am staatlichen Tierwohl-Label teilnehmen wollen. Sie fordern eine Kennzeichnungspflicht wie sie etwa für Eier gilt".

"Der Beitrag in der Frankfurter Rundschau am 15.1.2019"

11.12.2018 14:15
Wie krass unfair sind Spielzeuge?
Wie die Frankfurter Rundschau berichtet, haben sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessert, die die Arbeiterschaft bei der Spielzeugherstellung seit Jahrzehnten erleiden muss. Entscheidend ist, dass viele Elemente der Spielzeuge, selbst wenn sie in Europa hergestellt werden, aus China kommen: „Am ersten Arbeitstag kam der Schichtleiter auf die neuen Mitarbeiterinnen zu und gab ihnen Formulare zum Unterschreiben – „beeilt Euch damit!“ Sie sollten bestätigen, an einer Brandschutzschulung teilgenommen zu haben – obwohl es so eine Übung nie gegeben hatte. Stattdessen fing ohne weitere Ausbildung das Schuften an der Spritzgussmaschine an: ohne Atemmaske oder sonstige Sicherheitsausrüstung. „Der Kunststoff verströmt einen beunruhigenden Geruch, wenn er erhitzt wird“, berichten Mitarbeiter aus der Fabrik Loveable Products in der südchinesischen Industriestadt Dongguan. Die stechend riechenden Lösungsmittel wiederum, die beim nächsten Arbeitsschritt zum Einsatz kommen, reizen die Haut. Handschuhe gibt es aber nur auf ausdrückliche Nachfrage beim Chef. Dafür kratzt der Lohn mit rund 500 Euro im Monat auch in China am Existenzminimum.

Loveable Products ist kein Einzelfall, wie aus verdeckten Ermittlungen der Arbeitsrechtsorganisation China Labour Watch zusammen mit der Christlichen Initiative Romero (CIR) in Nürnberg hervorgeht. Freiwillige Helfer der Organisation haben in den vergangenen Monaten in mehreren südchinesischen Spielzeugfabriken angeheuert, um ihre Erfahrungen vor Ort zu dokumentieren. Das Ergebnis: Auch deutsche Markenanbieter wie Ravensburger und Schleich lassen weiter bei Partnern in China herstellen, die sich nicht an alle örtlichen Regeln zu Arbeiterrechten und Arbeitsschutz halten. „Die Spielwarenindustrie hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt“, sagt Maik Pflaum von der CIR. „Das Bewusstsein für die Bedingungen, unter denen das Spielzeug fürs Weihnachtsfest entsteht, ist noch viel zu gering ausgeprägt.“

Die Markenanbieter versuchen stattdessen vor allem, die Preise zu drücken. Dazu spielen sie die ostasiatischen Fabriken gegeneinander aus. „Die Unternehmen sehen ihre Verantwortung nicht“, sagt Studien-Initiator Pflaum. Er fordert die Unternehmen auf, auf einen kleinen Teil ihrer Margen zu verzichten, damit das Spielzeug mit gutem Gewissen Freude bereiten kann.

Die Hersteller verweisen derweil auf ihre Bemühungen, hohe Standards auch bei den Auftragsherstellern sicherzustellen. Ravensburger bestätigt, bei Loveable Products produzieren zu lassen – allerdings nur weniger als zwei von tausend Spielzeugen im Programm. Die meisten Waren des Unternehmens kommen aus Ravensburg und einem Werk in Tschechien, nur rund zehn Prozent stammt aus China. Viele Plastikteile lassen sich praktisch nur in Fernost beziehen, sagt ein Sprecher.

Außerdem ziehen die Marken sich hinter selbst gegründete Organisationen zurück, die in Asien die Arbeitsbedingungen überwachten sollen. Auch der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie verweist auf große gemeinsame Anstrengungen, um hohe Standards sicherzustellen. Die Weltvereinigung der Spielwarenhersteller ICTI nimmt derweil zu dem aktuellen Report Stellung: Er begrüße jede unabhängige Überprüfung und werde berechtigter Kritik sofort nachgehen. Tatsächlich tragen drei der vier Fabriken, die CRI jetzt wegen Regelverstößen anprangert, das Gütesiegel von ICTI. „Die Fälle belegen einmal mehr, wie wirkungslos ein Ansatz ist, der allein auf Fabrikkontrollen basiert“, kommentiert Pflaum.

Die Zulieferstrukturen der Hersteller sind zum Teil sehr kompliziert. Schleich beispielsweise lässt die bekannten Tierfiguren außer am Stammsitz in Schwäbisch Gmünd und in China auch in Portugal, Tschechien, Bosnien, Moldawien, Rumänien und Tunesien fertigen. Mit Loveable arbeite das Unternehmen bereits seit vielen Jahren zusammen, sagt eine Sprecherin.

Wesentlich deutlicher fällt die Kritik derweil an den US-Großkonzernen Disney, Hasbro und Fisher-Price aus. In der Fabrik Wah Tung Toy Products in der Stadt Heyuan sind fehlende Schulungen und laxer Umgang mit Chemikalien ebenfalls ein Problem – doch schlimmer ist aus Sicht der Arbeiterinnen die magere Bezahlung. Sie erhalten auch mit exzessiven Überstunden nur zwischen 300 und 550 Euro Lohn im Monat. Von den 33 Euro, die eine singende Arielle-Badespaß-Puppe in Deutschland kostet, geht nur ungefähr ein Cent an die Arbeiterin in China. „Disney legt den größten Wert auf die Einhaltung aller arbeitsrechtlichen Bestimmungen“, teilte das Unternehmen dazu mit".

Die europaweite Kampagne „Spielsachen fair machen!“ der österreichischen NGO Südwind setzt sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in China ein. Ihre Forderungen reichen vom Recht auf Versammlungsfreiheit für die chinesischen Arbeiter bis zur Offenlegung der Zuliefererketten von Unternehmen. „Unsere Petition an Mattel haben bisher 10.000 Konsumenten unterschrieben. Die großen Spielzeugfirmen setzen chinesische Zulieferbetriebe mit ihrer Einkaufspolitik unter enormen Zeitdruck“, sagt Claudia Bonk, die Leiterin des Projekts.
Chinesische Firmen würden in extrem kurzen Zeiträumen eine große Anzahl an Spielzeug produzieren müssen –, was den Stress der Arbeiter wesentlich erhöhe. Denn wer die Produktionsquote nicht erfüllt, muss mit Lohnabzügen zwischen ein und fünf Euro rechnen. Die Kampagne wendet sich auch gegen den internationalen Spielzeugverband ICTI, der auch für die Zertifizierungen von chinesischen Spielzeugfabriken zuständig ist.

ICTI hat einen Verhaltenskodex für die gesamte Spielzeugbranche entwickelt. Doch bei einer Recherche der NGO Sacom in zwei Spielzeugfabriken wurden trotz Zertifizierung schwere Verstöße gegen die Richtlinien und allgemein anerkannte Menschen- und Arbeitsrechte festgestellt.

Yang Yu arbeitete fünf Jahre in einer chinesischen Spielzeugfabrik. Die junge Frau, die ihren richtigen Namen nicht verraten möchte, ist im Alter von 16 Jahren aus ihrem Heimatdorf in der chinesischen Provinz Hubei in die Stadt gezogen. „Ich habe einen älteren Bruder – meine Eltern hatten nicht genug Geld, um uns beiden eine Ausbildung zu ermöglichen“, sagt sie. Yang habe elf bis zwölf Stunden pro Tag am Fließband gearbeitet. Ihr Lohn schwankte zwischen umgerechnet 120 Euro und 250 Euro im Monat – je nach Saison. „Überstunden waren verpflichtend. Von einer Gewerkschaft hatten wir noch nie etwas gehört.“ Pausen gab es kaum, wer zu oft die Toilette besuchte, wurde ermahnt. Dann drohten Lohnkürzungen oder auch Entlassungen. Kontrollen von außerhalb – auch von der Firma Mattel – gab es zwar. „Doch die wurden angekündigt. Dann gab es eine Versammlung, bei der wir Musterantworten auf anfallende Fragen auswendig lernen mussten“, sagt Yang. Oft wurden Arbeiter bei Kontrollen auch angewiesen, Chemikalien zu verstecken. Mattel will offiziell nicht Stellung nehmen, vielmehr streitet das Unternehmen die Vorwürfe ab.

"Spielsachen fair machen - Eine lohnenswerte Kampagne mit Info, Grafik und Material"

19.11.2018 13:30
Ist verloren, wer Fehler macht? Fairer Umgang hat noch Luft nach oben
Die Fehlerkultur in deutschen Unternehmen wird von Führungskräften offener bewertet, als Mitarbeiter sie erleben. In regelmäßigen Abständen kommen Studienautoren zu dem Schluss, dass es an einer funktionierenden Fehlerkultur in vielen deutschen Unternehmen mangele. Jüngst zeigt eine Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY), dass Kommunikation über Fehler an entscheidenden Punkten häufig nicht stattfindet.

Zwar gaben 66 Prozent der 218 von EY befragten Führungskräfte an, in ihren Unternehmen würde eine offene Diskussionskultur zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten herrschen, aber nur 42 Prozent der 800 befragten Mitarbeiter sehen das genauso. Darüber hinaus geben 18 Prozent der Mitarbeiter an, dass Fehler in ihrem Unternehmen überhaupt nicht besprochen würden.

Verschiedene Studien bemängeln offene Fehlerkultur
Schon im Jahr 2016 kam eine ähnliche Befragung der von Rundstedt & Partner GmbH zu einem ähnlichen Ergebnis: Damals gaben 17 Prozent der befragten Mitarbeiter an, dass Fehler in ihren Unternehmen vertuscht würden. Laut der Studie von 2016 waren es etwa 60 Prozent, die ihre Fehler im Team offen besprechen konnten.

Laut einer Untersuchung, die von der Personalberatung S-Three Mitte 2018 veröffentlicht wurde, befürchten 41 Prozent von 1000 befragten Mitarbeitern und Freelancern bei Fehlern sogar negative Konsequenzen für ihre Karriere. Ein noch größerer Anteil nimmt darüber hinaus an, dass bei Fehlern Verlust von Anerkennung droht.

Fehlerkommunikation scheint auf einer Ebene einfacher als über Hierarchien hinweg. EY-Partner Nelson Taapken meint, „während unter den Mitgliedern eines Teams Fehler durchaus thematisiert werden, gibt es nach oben und unten deutliche Tabus und Kommunikationsbarrieren.“ 57 Prozent der Angestellten nennen die Furcht, als Überbringer der schlechten Botschaft selbst zum Opfer zu werden, als größtes Hindernis für offene Kommunikation, so die EY-Studie. Auf der anderen Seite sehen 54 Prozent der Führungskräfte die Angst vor Gesichtsverlust als wichtigsten Grund für fehlende Fehlerkommunikation. Damit einher gehe die Sorge um die eigene Karriere und Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs.

Ähnliche Gründe könnten auch eine Rolle dabei spielen, dass bei Fehlern häufig nicht Fehlerursachen und notwendige Verbesserungen, sondern die Suche nach einem Verantwortlichen oder einem Sündenbock im Vordergrund stehen. Etwa ein Viertel der Befragten aus dem Jahr 2016 habe schon einmal erlebt, dass ihr Vorgesetzter die Schuld für einen Fehler auf andere schiebt und 25 Prozent gaben an, dass eher nach Sündenböcken gesucht wird als nach der eigentlichen Ursache von Fehlern.

Jüngere Mitarbeiter machten demnach sogar häufiger die Erfahrung, dass nicht nach Ursachen oder Lösungen gesucht wird und hätten bei zugegebenen Fehlern häufiger Angst vor Reaktionen von Kollegen oder Vorgesetzten als ältere Mitarbeiter.

Die Studien fordern deshalb einen konstruktiveren Umgang mit Fehlern und eine offenere Kommunikation über Probleme und Fehlerquellen. Denn so könne neben der individuellen Entwicklung und der emotionalen Bindung der Mitarbeiter auch die Arbeitsweise selbst verbessert werden. Der Studie von S-Three zufogle wünschen sich 86 Prozent der Mitarbeiter und Freelancer, dass Fehler zumindest toleriert werden, etwa zwei Drittel wünschen sich außerdem, dass Fehler als Chance für Weiterentwicklung begriffen werden.

Dem Führungsbarometer von Forsa (2018) zufolge hängt eine konstruktive und offene Fehlerkultur außerdem mit Innovationsgeist und einem hohen Engagement der Mitarbeiter und Führungskräfte eines Unternehmens zusammen. Im Führungsbarometer wurden insgesamt elf Kulturfaktoren abgefragt und auf einem Zusammenhang mit dem Engagement der Unternehmen hin untersucht.

Fehlerkultur steht auch in Zusammenhang mit Engagement der Mitarbeiter und mit Innovationskraft. Unternehmen mit hohem Engagement nutzen Fehler demnach häufiger als Quelle für Verbesserung als Unternehmen mit wenig engagierten Führungskräften und Mitarbeitern. Nur zehn Prozent der Unternehmen mit niedrigem Engagement geben an, über eine Innovations- und Fehlerkultur zu verfügen, unter den Unternehmen mit hohem Engagement sind dies 91 Prozent.

Eine mangelhafte Fehlerkultur könne sich negativ auf die Förderung von Ideen auswirken. So vermissen 39 Prozent der von S-Three Befragten Maßnahmen zur Förderung von Ideen und sogar ein Drittel bemängelt, dass innovative Vorschläge zwar gehört, aber kaum umgesetzt werden.

Feedback und Coaching erhöhen Engagement: In Unternehmen mit besonders engagierten Mitarbeitern und Führungskräften würden laut Forsa 95 Prozent der Führungskräfte regelmäßiges Feedback geben und alle Führungskräfte aus Unternehmen mit hohem Engagement verstünden sich als Coach ihrer Mitarbeiter. Zum Vergleich: Im Durchschnitt sei dies nur in 54 Prozent der Unternehmen der Fall. Weiter würden in den Unternehmen mit hohem Engagement häufiger Entscheidungskompetenzen an Mitarbeiter delegiert.

Angst vor schwerwiegenden Folgen für die eigene Karriere, fehlende Offenheit und wenig an Lösungen orientierte Fehlerkultur bis hin zu aktiver Vertuschung von Fehlern. Die Liste der attestierten Probleme in vielen Deutschen Unternehmen ist lang und bisher scheint sich keine eindeutige Verbesserung im Umgang mit Fehlern abzuzeichnen. Dabei deutet vieles darauf hin, dass Unternehmen ihre Innovationskraft mit einer konstruktiven Fehlerkultur ausbauen können.

Siehe auch: "Das Fairness-Forum über: Wie gelingt ein fairer Umgang mit Fehler, Irrtum und Versagen angesichts ständiger Optimierung?"

26.09.2018 17:59
Fairness schafft bei Mitarbeitern Gefühl der Zugehörigkeit
Am Arbeitsplatz ist Fairness besonders wichtig. Das sehen auch die meisten Mitarbeiter in Unternehmen so, wie eine Umfrage bescheinigt. Tatsächlich besteht bei dem Thema aber enormer Nachholebedarf.

Fühlen sich Mitarbeiter dem Unternehmen verbunden, sind sie in der Regel schwerer abzuwerben. Für Arbeitgeber sind loyale Mitarbeiter deshalb ein großes Pfund. Denn gute Mitarbeiter sind nicht leicht und vor allem oft nur teuer zu bekommen. Denn ehe sie eingeführt und gut positioniert sind, vergeht leicht ein halbes Jahr.

Aber wie schafft man ein Gefühl der Zugehörigkeit? Einer YouGov-Umfrage zufolge ist der Mehrheit (58 Prozent) besonders wichtig, dass das Unternehmen alle Mitarbeiter gleich und fair behandelt. Viele denken dabei vor allem an gleiches Gehalt für Männer und Frauen: Gut jeder Dritte (37 Prozent) fand diesen Punkt in Sachen Fairness am wichtigsten.

Der Anteil ist dabei unter Frauen höher als bei den Männern (46 zu 28 Prozent). Jedem Siebten (15 Prozent) unter allen Befragten ist am wichtigsten, dass Verträge fair verhandelt werden - es also zum Beispiel keine sachgrundlosen Befristungen gibt. Ähnlich vielen (14 Prozent) geht es eher darum, dass befördert wird, wer sich besonders verdient gemacht hat.

Auf Platz zwei der Faktoren, die den Befragten für ihr Zugehörigkeitsgefühl wichtig ist, landete Offenheit (16 Prozent), auf Platz drei die Einbeziehung von Mitarbeitern in die Entwicklung des Unternehmens (11 Prozent). Zur Wahl standen auch, dass der Arbeitgeber in öffentlichen Debatten Stellung bezieht und Gutes tut. Dafür entschieden sich je 2 Prozent der Befragten. Vielfalt im Unternehmen war 4 Prozent am wichtigsten.

Auch den Status Quo hat YouGov abgefragt. Demnach fühlt sich derzeit nur jeder Fünfte (21 Prozent) seinem Arbeitgeber gegenüber 100-prozentig zugehörig. Jeder Vierte (26 Prozent) gab an, dass er und sein Arbeitgeber ein gutes Team seien. Und ein weiteres Fünftel (21 Prozent) der Befragten findet, dass es gut zum Arbeitgeber passt.

Im Auftrag des Berufsnetzwerks LinkedIn wurden 1010 Erwerbstätige im Mai 2018 online befragt.

01.09.2018 08:25
Fairness lohnt sich doch
Wenn Betriebe willkürlich den Lohn kürzen, sinken Motivation und Produktivität der Beschäftigten – klar. Weniger offensichtlich hingegen: Beschäftigte werden auch dann unproduktiver, wenn nicht sie, sondern die Kolleginnen und Kollegen unfair behandelt werden. Das stellte jetzt eine Forschungsgruppe um Sabrina Jeworrek am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) fest.

Was passiert mit der eigenen Produktivität, wenn einer Kollegin oder einem Kollegen Ungerechtigkeit widerfährt? Dieser indirekte Einfluss am Arbeitsplatz wurde bisher kaum untersucht. Unfaires Verhalten des Arbeitgebers macht Angestellte unproduktiver – auch dann, wenn sie selbst gar nicht betroffen sind. Das zeigen IWH-Ökonomin Sabrina Jeworrek und Koautoren Matthias Heinz, Vanessa Mertins, Heiner Schumacher sowie Matthias Sutter in einem verhaltensökonomischen Experiment.

Das Experiment simulierte eine unfaire Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Situation: 195 Probanden wurden für zwei Arbeitseinsätze in einem Callcenter angeworben, um eine deutschlandweite Umfrage durchzuführen. Die 3,5 Stunden langen Schichten wurden jeweils zu Beginn mit 40 Euro pro Einsatz vergütet. Die Beschäftigten wurden während ihres Einsatzes im Callcenter zufällig in eine von drei Gruppen eingeteilt, um den indirekten Effekt unfairen Verhaltens messen zu können: In der ersten Gruppe blieb die Personalmenge in der zweiten Schicht unverändert. In einer zweiten Gruppe wurde das Personal um 20% reduziert, den Verbliebenen wurde aber nicht mitgeteilt, dass es sich um Kündigungen handelte. Vielmehr wurde ihnen mitgeteilt, dass für die zweite Schicht schlicht weniger Personal anwesend sein würde. In der dritten Gruppe wurde das Personal ebenfalls um 20% reduziert, die Kündigung aber an die verbliebenen Beschäftigten kommuniziert. „Den Personen in der dritten Gruppe sagten wir außerdem, dass wir ihren Kolleginnen und Kollegen gekündigt haben, damit wir Kosten sparen können, und dass die Auswahl der Personen vollkommen willkürlich war. Wir wollten, dass die Situation möglichst unfair wirkt“, so Ökonomin Jeworrek.

Drei mögliche Szenarien waren zu diesem Zeitpunkt denkbar: „Entweder die Versuchspersonen sind froh, dass sie nicht betroffen sind und machen einfach normal weiter wie bisher. Oder sie leisten sogar besonders gute Arbeit, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. Denkbar ist aber ebenso, dass sie das Verhalten des Arbeitgebers als ungerecht wahrnehmen, obwohl sie selbst nicht einmal betroffen sind, und ihre Arbeitsleistung als Folge dessen reduzieren“, so Jeworrek. Letzteres war der Fall: In der dritten Gruppe wurden die Beschäftigten signifikant unproduktiver, die durchschnittliche Anzahl der Anrufe sank um 12%, da die Probanden längere Pausen einlegten und den Arbeitsplatz früher verließen. Der Umstand, dass in der zweiten Vergleichsgruppe ebenfalls 20% weniger Arbeitskräfte beschäftigt waren, schien demgegenüber aber keinen Einfluss auf die Produktivität zu haben.

Einige Wochen später klärten die Ökonomen die Beschäftigten über das Experiment auf und befragten diejenigen, denen nicht gekündigt wurde, zu ihrer Arbeitszufriedenheit: In allen Gruppen waren die Teilnehmenden zufrieden mit Lohn, Atmosphäre und dem Verhalten des Managements gegenüber ihnen selbst. Das Verhalten den Kolleginnen und Kollegen gegenüber stufte die dritte Gruppe allerdings deutlich schlechter ein als die Vergleichsgruppen. Befragt danach, was sie als besonders unsozial empfanden, nannten sie vor allem die willkürliche Auswahl der entlassenen Personen und die Kündigungen per se.

Zuletzt befragte die Forschungsgruppe erfahrene Personalleiterinnen und -leiter. Diese sollten einschätzen, wie sich die Produktivität der Versuchspersonen im Verlauf des Experiments entwickelt hatte. Obwohl die Fachleute das Ergebnis im Durchschnitt sehr gut einschätzten, lagen sie einzeln oft daneben: Ungefähr 60% überschätzten den negativen Effekt auf die Arbeitsleistung, dafür unterschätzten die verbliebenen Befragten den Effekt oder vermuteten gar einen Produktivitätsanstieg.

„Wir vermuten, dass die Kosten von unfairem Verhalten für Arbeitgeber deutlich höher sind als ursprünglich gedacht“, so Jeworrek. „Sparmaßnahmen können ihr Ziel komplett verfehlen, wenn Angestellte durch die Kündigungen ihrer Kolleginnen und Kollegen unproduktiver werden.“ Das bedeutet: Nicht nur Angestellte schätzen eine faire Behandlung – sie lohnt sich auch aus ökonomischer Sicht.

16.08.2018 10:18
Playmobil unfair mobil
"Playmobil führt Kleinkrieg gegen unliebsame Mitarbeiter", schreibt die Frankfurter Rundschau. Und berichtet von "Willkür, Einschüchterungen, Überwachung und Mobbing: Das Betriebsklima bei dem Unternehmen Playmobil ähnelt einem nicht endenden zermürbenden Kleinkrieg.

Vertrauliche Gespräche mit Informanten sind journalistischer Alltag. Sehr unüblich ist dagegen, wenn sich potenzielle Gesprächspartner vorab informieren, ob man auch Journalist ist und nicht ein verkappter Spion im Auftrag bestimmter Manager. Das Management wäre in diesem Fall das des Zirndorfer Playmobil-Herstellers Geobra Brandstätter und wenn die Schilderungen stimmen, wäre der Spionageverdacht gar nicht so abwegig. „Jedes Widerwort bedeutet Gefährdung der beruflichen Existenz“, sagt Bianka Möller zu Lage und Stimmung im Unternehmen. Sie betreut für die IG Metall den fränkischen Mittelständler. Aufmuckende Mitarbeiter würden dort immer wieder eingeschüchtert. Willkür, Bossing und Mobbing seien an der Tagesordnung.

Die erfahrene Gewerkschafterin erzählt von mehreren ohne Angabe von Gründen freigestellten, dann strafversetzten Playmobil-Mitarbeitern, einem heftigen Disput über die Auslegung der Arbeitsstättenverordnung bei Hitze oder systematisches Ausforschen von Gewerkschaftszugehörigkeit. Wer in Zirndorf Weihnachtsgeld beantragt, müsse seinen Gewerkschaftsausweis vorlegen. So bringe der Arbeitgeber namentlich in Erfahrung, wer gewerkschaftlich organisiert ist.

Die IG Metall musste sich bei Playmobil 2016 vor Gericht den Weg in den Betriebsrat klagen. Aneinander gewöhnt haben sich beide Parteien seitdem nicht, wovon viele Anekdoten zeugen. So habe ein Vorgesetzter mit körperlicher Gewalt zu verhindern versucht, dass ein Untergebener zu einem Gespräch in Gesellschaft eines Betriebsrats seines Vertrauens kommt. Derartiger Beistand ist aber völlig rechtens. Beschäftigte einer Abteilung mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad seien erst unbegründet freigestellt worden. Nachgereicht worden sei dann eine angebliche Weigerung, Leiharbeiter einzuarbeiten. Richtig hitzig ist es dann vor kurzem geworden.

Von den bundesweit hohen Temperaturen sind auch Franken und Playmobil nicht verschont geblieben, was Betriebsräte der IG Metall zu einem Schreiben veranlasst hat. Erst haben sie sich beim Management für das Aufstellen von Wasserspendern bedankt, dann einen Passus der Arbeitsstättenverordnung zitiert. Demnach stehe Beschäftigten bei Raumtemperaturen über 35 Grad Celsius stündlich eine zehnminütige „Entwärmungsphase“ zu. „Das bedeutet nicht, dass man zu arbeiten aufhört, sondern für diese Zeit in einen kühleren Raum wechselt und dort einfache Tätigkeiten verrichtet“, erklärt Möller.

Der Aufschrei auf den „Hitzezettel“ der Gewerkschafter war groß. Er kam nicht nur vom Management sondern auch vom Gesamtbetriebsrat, in dem die IG Metall nicht das Sagen hat und der offenkundig gespalten ist. Manager und denen wohlgesonnene Betriebsräte warfen IG Metall-Kollegen vor, zu arbeitsrechtswidrigen Hitzepausen aufzurufen, was disziplinarische Folgen haben könne.

Wie groß der Riss im Unternehmen ist, belegt eine andere Korrespondenz. Diesen April haben Playmobil-Betriebsräte die Unternehmensleitung um die „Einführung regelmäßiger Treffen“ gebeten, die es in vergleichbaren Betrieben meist monatlich gibt. „Für regelmäßige gemeinsame Termine sehen wir derzeit keinen Veranlassung“, ließ die Unternehmensleitung wissen. Denn bisherige Aktionen von Betriebsräten seien von Aktionen geprägt gewesen, die weder zum Wohl der Beschäftigten noch des Unternehmens gewesen seien. So würden Betriebsräte versuchen, Gewerkschaftsmitglieder zu werben, gegen den Arbeitgeber intervenieren oder Beschäftigte am Arbeitsplatz besuchen und diese damit von der Arbeit abhalten.

Die Vorwürfe seien der bewusste Versuch einer Skandalisierung und haltlos, entgegnet ein Playmobil-Sprecher im Namen der Geschäftsführung. Zu einzelnen Punkten im Detail Stellung nehmen wolle man nicht. Die Schilderung der Zustände sei einseitig und keine Mehrheitsmeinung im Betrieb. Wer aber mit langjährigen Beschäftigten spricht, muss das bezweifeln. Seit dem Tod von Firmengründer Horst Brandstätter 2015 sei das Betriebsklima viel mitarbeiterfeindlicher geworden, sagt einer, der seit über drei Jahrzehnten für Playmobil arbeitet".

"FR über Playmobil und Brandstätter"

08.08.2018 10:40
Abzocke bei Online-Partnervermittlungen – abgebrühtes Parship
Vorsicht Falle! Das müsste über allen digitalen Partnerbörsen stehen. Denn schnell sind Gebühren fällig, die vorher ungesehen, unbekannt oder unerkennbar waren. Leben Online-Datingportale vor allem von versteckten Gebühren und Berechnungen? Was hat des mit der krassen Unfairness bei Datingportalen, etwas bei Parship, auf sich?

Die Verbraucherzentrale, die Frankfurter Rundschau (FR) und der STERN haben recherchiert. Die FR schreibt: „Angebote zum Online-Dating stehen hierzulande weit oben in der Beliebtheitsskala von liebesbedürftigen Kontaktsuchenden. Dafür stehen hunderte von Onlineportalen im Internet zur Verfügung, die versprechen, alles – von der großen Liebe über unverfängliche Flirts bis hin zu sexuellen Abenteuern – zu vermitteln. Was am Ende dabei herauskommt, steht auf einem anderen Blatt, aber was es kostet, sollte zumindest von vornherein klar sein. Wenn es repräsentativ ist, was das Marktwächterteam Digitale Welt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) in dutzenden Verbraucherinterviews erfahren und teilweise nachrecherchiert hat, sind nicht nur die Wege der Liebe unergründlich, sondern auch die Gebühren der Onlineportale.

Kostenfallen sind beim Online-Dating die Regel: „Es ist ein großes Ärgernis, dass Verbraucher beim Online-Dating von hohen Kosten überrascht werden“, kritisiert die Chefjuristin der in der Sache federführenden Verbraucherzentrale Bayern, Tatjana Halm.

Kostenfallen beim Online-Dating sind nach der Marktwächter-Studie keine Ausnahme, sondern die Regel. 25 von 26 unter die Lupe genommenen Portalen geben ohne Registrierung keinen Einblick in die Kosten für eine Mitgliedschaft. Man ist also gezwungen, persönliche Daten preiszugeben, um überhaupt zu erfahren, was die Sache kostet – falls das überhaupt jemals klar wird.

Denn wird von einem Portal künstliche Coin-Währung eingesetzt, ist das oft gar nicht mehr abschätzbar. Richtig zur Kasse gebeten wird derjenige, der nach kurzer Mitgliedschaft feststellt, dass das gewählte Portal doch nicht das Richtige ist und den Vertrag widerruft. Dann dürfen Portalbetreiber etwas verlangen, das juristisch Wertersatz genannt wird, das Betroffene aber als Wucherei empfinden.

Die Preisgestaltung von Datingportalen ist oft intransparent, rügen Verbraucherschützer. Branchenüblich sind Abos zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, die bei den in einer Verbraucherstudie untersuchten Plattformen auf ein Jahr gerechnet über 1000 Euro kosten können. Bei Kontakten oder einzelnen Dienstleistungen werden aber Extrakosten fällig, die oft weder abschätzbar noch nachvollziehbar sind.

Der Berater einer Verbraucherzentrale schildert die Erfahrungen eines Kunden von Deutschlands größter Partnervermittlung Parship. „Er hat nach ein paar Stunden gemerkt, dass es nichts für ihn ist, hat daher Widerruf erklärt und war geschockt, was er dafür zahlen musste.“ Es waren 373,61 Euro. Ein isolierter Einzelfall war das nicht. Ein anderer Verbraucher hatte sich bei Parship um 16.22 Uhr angemeldet und um 16.52 Uhr wieder abgemeldet. Der Widerruf wurde ihm bestätigt, nebst Rechnung über 223,39 Euro Wertersatz. Der Preis für eine zwölfmonatige Premium-Mitgliedschaft hätte zu diesem Zeitpunkt 333,85 Euro betragen.

Parship findet das rechtlich und auch sonst völlig in Ordnung. Ein Wertersatz werde abhängig von Kontakten berechnet nicht zeitanteilig, was auch gerichtlich erlaubt sei, betont eine Sprecherin. Wie viele solcher Kontakte binnen einer halben Stunde anfallen können, will sie nicht abschätzen. Aus Datenschutzgründen könne man auch keine einzelnen Summen für Wertersatz oder konkrete Fälle kommentieren.

Hätte ein Kurzzeitmitglied in den allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) nach Hinweisen auf die Höhe eines Wertersatzes gesucht, wäre es nicht vorgewarnt gewesen, wobei folgendes Satzungetüm ohnehin nicht jeder versteht. „Haben Sie verlangt, dass die Dienstleistung während der Widerrufsfrist beginnen soll, so haben Sie uns einen angemessenen Betrag zu zahlen, der dem Anteil der bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie uns von der Ausübung des Widerrufrechts hinsichtlich dieses Vertrages unterrichten, bereits erbrachten Dienstleistungen im Vergleich zum Gesamtumfang der im Vertrag vorgesehenen Dienstleistung entspricht,“ heißt es in den AGB.

Wer fristgerecht widerruft, muss also einen „angemessenen Betrag“ zahlen, wobei offenbleibt, was angemessen ist. Hier verweist eine Parship-Sprecherin auf eine Webseite mit häufigen Fragen und Antworten. Dort findet sich unter dem Stichwort Wertersatz folgende Erklärung. „Es werden maximal drei Viertel ihres Produktpreises berechnet – ohne Aufschläge für abweichende Zahlungsweisen.“

Ein ausgesprochener Aufreger ist auch, wenn Onlineportale mit Coin-Modellen arbeiten. Dabei erfahren Verbraucher zwar noch, wie viele Euro ein Coin-Paket kostet, aber nicht mehr, wie viele Coins etwa für einen Livecam-Chat berechnet werden. „Coins werden willkürlich abgebucht, der Verbraucher ist dem Anbieter vollkommen ausgeliefert“, stellt Halm klar. Ihre Kollegen haben selbst getestet. Beim gleichen Portal wurden für eine identische Dienstleistung bei mehreren Anläufen jeweils verschiedene Coin-Beträge abgebucht. „Wir haben keine Erklärung außer Abzocke“, sagt ein Tester.

Juristische Grauzone

Ein verbreiteter Fallstrick ist auch das für Verbraucher oft überraschende Umwandeln sogenannter Probeabos in zahlungspflichtige Mitgliedschaften. Das vollzieht sich automatisch ohne ausreichende Vorab-Kennzeichnung, rügen Verbraucherschützer. Probeabos würden als Schnupperabos gegen Einmalzahlung beworben. Selbst erfahrene Internetprofis hätten aber Probleme, auf den Webseiten von Datingportalen den Passus zu finden, der eine fristgerechte Kündigung des Probeabos verlangt, um eine automatische Umwandlung zu verhindern, beschreibt eine Verbraucherschützerin ihre Erfahrungen. Kunden finanziell im Dunkeln tappen zu lassen, sei oft Geschäftsprinzip.

Flirt-Funktion: Facebook setzt auf Online-Dating

Vieles spielt sich dabei in einer juristischen Grauzone ab. Speziell bei automatischer Mitgliedschaft nach einem Probeabo und den Coin-Modellen könnte der Bogen aber auch überspannt sein. „Wir sehen diese Praktiken kritisch und werden möglicherweise einzelne Anbieter abmahnen“, sagt Halm. Beim Thema Wertersatz dagegen haben 2017 das Hanseatische Oberlandesgericht und dieses Jahr auch der Bundesgerichtshof bereits zugunsten von Datingportalen geurteilt“.

Der STERN schreibt: „Wie Millionen andere Menschen hatte auch Christian Stoll gehofft, im Internet die große Liebe zu finden. Deshalb meldete er sich bei "Parship" an, die hierzulande wohl bekannteste Online-Partnervermittlung. "Ich wollte mich auch schnell verlieben, in 11 Minuten, wie sie immer so schön sagen. Stattdessen habe ich in fünf Tagen Mitgliedschaft fast 300 Euro verloren", so der enttäuschte 46-Jährige.

Statt Herzklopfen und Dates bekam Christian Stoll nur das Gefühl, abgezockt worden zu sein. Auch Sabine N. soll über 350 Euro bezahlen. Sie hatte nach acht Tagen ihre Mitgliedschaft widerrufen. "Ich habe gemerkt, dass dieses Matching-System nichts für mich ist, denn man bekommt nur Vorschläge, kann aber selbst nicht suchen. Man ist also darauf angewiesen, wer vorgeschlagen wird", sagt sie.

Wie diesen beiden geht es vielen Nutzern von "Parship": Nachdem sie die Plattform kennen gelernt haben, möchten sie ihre Mitgliedschaft nach wenigen Tagen widerrufen. Dann kommt die Rechnung. Bei der Verbraucherzentrale Hamburg würden sich fast täglich Leute melden, die sich über "Parship" beschweren, so Leiterin Julia Rehberg. Dahinter stecke ein System: Wer fristgerecht widerruft, beendet zwar umgehend die Mitgliedschaft. Für die bis dahin erhaltenen "Leistungen" in Form von Kontakten zu anderen Mitgliedern soll man aber trotzdem zahlen. Parship nennt das: Wertersatz.

40 Euro pro Kontakt

Aus den Werbeversprechen hatte die Plattform auf Christian Stoll einen seriösen Eindruck gemacht. Nachdem er sich zunächst kostenlos angemeldet hatte, stellte er aber fest, dass er so wenig Nutzen hatte: Die Profilbilder potenzieller Kandidatinnen waren verpixelt und Nachrichten konnte er auch nicht schreiben. "Man bekommt als kostenloses Mitglied nicht viel zu sehen. Und so wird man automatisch da hingelenkt, Premiummitglied zu werden. Denn man will ja jemandem schreiben und Kontakt aufnehmen. Und daraufhin habe ich diese Premiummitgliedschaft abgeschlossen", so Stoll.

Der Single wählte die Variante über sechs Monate für Abokosten von 310 Euro. Christian Stoll ging davon aus, dass er nun alle Bilder würde sehen und mit dem Flirten beginnen können. Aber auch für Premium-Mitglieder sind die meisten Fotos verpixelt – es sei denn, der jeweilige Kontakt schaltet das Bild frei. "Nach fünf Tagen hatte ich einfach die Nase voll, denn ich möchte die Bilder sehen." Stoll wusste von dem 14-tägigen Widerrufsrecht und widerrief seine Premiummitgliedschaft. In der Antwort von "Parship" hieß es allerdings, dass er für seine bereits geschlossen Kontakte einen so genannten "Wertersatz" zahlen müsse. In seinem Fall lag der bei mehr als 200 Euro, obwohl er die Online-Partnervermittlung nur wenige Tage genutzt hatte. "Ich fühle mich irgendwie abgezockt", so Christian Stll dazu. "Wofür gibt es ein 14-tägiges Widerrufsrecht, wenn ich davon nicht Gebrauch machen kann, wenn ich trotzdem bezahlen muss?"

Konkret verlangte "Parship" den Wertersatz für die zustande gekommenen Kontakte, die ihm vertraglich garantiert wurden. Aber was ist so ein Kontakt? Wenn ein Mann einer Frau ein Smiley schickt – und diese daraufhin schlicht mit "Danke" antwortet, gilt das als Interaktion. Für "Parship" ist das bereits ein "garantierter Kontakt". Für Christian Stoll hieß das: Fünf Kontakte, fünf Mal kein Erfolg und etwa 40 Euro Kosten pro Kontakt.

Eine derartige Berechnung eines Wertersatzes ist für Verbraucherschützerin Julia Rehberg widerrechtlich: "Die Wertersatz-Berechnung ist in vielen Fällen zu hoch", sagt sie. Der Wertersatz könne nicht nach Kontakten erfolgen, wenn Kunden einen Zeitvertrag abschließen und diesen widerrufen. "Es gibt bei einem Jahr Laufzeit beispielsweise eine Kontaktgarantie von sieben Kontakten. Das heißt, wenn ich sieben Mal irgendjemanden angeschrieben habe, oder mich jemand angeschrieben hat, dann ist diese Garantie erfüllt. Dann soll ich zahlen, und zwar bis zu 75 Prozent des ursprünglich vereinbarten Betrages. Das kann unserer Meinung nach nicht sein, weil man ja einen Laufzeitvertrag abschließt. Also muss man auch nur für die genutzte Zeit zahlen, für die ein, zwei, drei Tage, die man das Angebot genutzt hat." Zum Beispiel: Bei einer Jahresmitgliedschaft über 350 Euro wären die Kosten für einen Tag 96 Cent. Bei einer Kündigung nach fünf Tagen müsste der Nutzer demnach nur 4,80 Euro bezahlen.

Gerichtsurteil: Wertersatz-Forderungen überzogen

Die Verbraucherzentrale hatte bereits 2014 gegen die Wertersatz-Taktik von "Parship" vor dem Landgericht Hamburg geklagt. Der Richter urteilte: Kein Nutzer würde für die Garantie, für 5 bis 7 Kontakte, die auch in einer Absage bestehen können, mehrere hundert Euro investieren. (…) Das Verhältnis der bis zum Widerruf erfolgten Leistungserbringung ist (…) zeitanteilig zu berechnen.

Das Urteil ist allerdings noch immer nicht rechtskräftig, weil "Parship" dagegen in Berufung ging und sich der Prozess seitdem hinzieht. stern TV fragte beim Unternehmen nach, was sie zu den Vorwürfen sagen. Schriftlich antwortete "Parship": Unsere Rechtsauffassung unterscheidet sich ganz klar von der des Landgerichts Hamburg (…) Als seriöse Online-Partnervermittlung entsprechen unsere Widerrufs- und Wertersatzbestimmungen selbstverständlich den geltenden deutschen Gesetzesvorgaben(…)


Julia Rehberg sieht das anders: "Die lange Verfahrensdauer ist natürlich ärgerlich, weil Parship erstmal so weitermachen kann", so Julia Rehberg. "Wir raten Betroffenen deshalb, nicht zu bezahlen. Und wenn schon gezahlt wurde, dann sollten die Leute ruhig auf Erstattung klagen. Das Amtsgericht Hamburg hat den Verbrauchern ja schon Recht gegeben. Man sollte also mutig sein und ruhig klagen." Das Problem sei nämlich, dass die Ansprüche nach drei Jahren verjähren. Wer sich das Geld später wieder holen will, wenn der Prozess für die Verbraucherzentrale gewonnen ist, könnte dennoch leer ausgehen“.

"Die FR zu Online-Partnervermittlungen"

"Die Verbraucherzentrale zu digitalen Partnerbörsen und Urteilen, durch die Nutzer großenteils ihr Geld zurück bekamen"

"Der STERN zu Online Datingportalen"

31.07.2018 10:41
Rewe: Keine Kohle mit der Kohle!
„Die REWE Group setzt sich für den Schutz der Wälder und der dort lebenden Tier- und Pflanzenarten ein.“ Das schreibt der Lebensmittelkonzern im Nachhaltigkeitsbericht 2017 auf der eigenen Webseite. Der Anspruch ist erst einmal löblich.

Doch eine Marktanalyse der Naturschutzorganisation WWF vom Juli 2018 zeigt: Rewe verkauft Grillkohle mit Tropenholz – und ohne das Nachhaltigkeitssiegel FSC. Offenbar ist Rewe gar nicht interessiert daran, woher genau das Holz für seine Kohle kommt. Forschen die deutschen Supermärkte und Discounter nicht nach, handeln die Vertragspartner oft illegal. Diese Nachlässigkeit zerstört Regen- und Trockenwälder in Paraguay und Nigeria.

Und was macht die Politik? Eigentlich gibt es ein EU-Gesetz, das die Tropenwälder schützen soll: die europäische Holzhandelsverordnung. Doch Holzkohle gilt hier als Ausnahme – und wird nicht weiter überprüft. Jetzt sind wir Konsument/innen am Drücker. Rewe will nachhaltig sein – wir verpflichten den Supermarkt-Riesen dazu, seinem Anspruch gerecht zu werden. Aldi hat es schon vorgemacht und seit diesem Jahr auf FSC-zertifizierte Holzkohle umgestellt. Jetzt muss Rewe nachziehen. Schützen Sie den Regenwald davor, auf unseren Grills zu landen – und unterzeichnen Sie jetzt unseren Appell!

"Appell unterzeichnen!"

21.06.2018 18:10
Deutsche Supermärkte: katastrophale Unfairness
Das hat die Internationale Organisation OXFAM festgestellt: "Überall dort, wo Menschen Lebensmittel für Supermärkte in Deutschland und anderen Ländern produzieren, sind Leid und Ausbeutung an der Tagesordnung. Das zeigt der neue Oxfam-Bericht „Die Zeit ist reif“. Der Bericht enthält neben vielen Fallbeispielen einen Supermarkt-Check, in dem die deutschen Supermarktketten miserabel abschneiden.
Weltweit nimmt die Ungleichheit in der Wirtschaft drastische Ausmaße an – auch im Landwirtschafts- und Nahrungsmittelsektor: Supermarktketten dominieren die Märkte. Sie diktieren Lieferanten die Preise und streichen riesige Gewinne ein. Oftmals reichen die Löhne und Einkommen der Arbeiter/innen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern nicht einmal aus, um ihr Existenzminimum zu decken – also das, was sie für Essen, ein Dach über dem Kopf, Arztbesuche und nötige Rücklagen brauchen. Hinzu kommen Gewalt, Diskriminierung, Pestizideinsatz und Zwangsarbeit.

Aufdeckung von Missständen in Supermarkt-Lieferketten

Oxfams neuer Bericht „Die Zeit ist reif“ hat zahlreiche Beispiele für Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Lieferketten der Supermärkte aufgedeckt.

Der Bericht zeigt jedoch auch, dass Ungleichheit und Ausbeutung im Lebensmittelsektor gestoppt werden können. Vor allem Supermärkte müssen handeln. Sie sollten ihre starke Marktposition dazu nutzen, um den Missständen ein Ende zu setzen. Stattdessen wälzen Supermärkte Kosten auf ihre Lieferanten ab und drücken die Preise. So machen sie eine sozial gerechte und nachhaltige Lebensmittelproduktion nahezu unmöglich.

Deutsche Supermärkte schneiden miserabel ab

Im Oxfam Supermarkt-Check haben wir einige der größten und am schnellsten wachsenden Supermarktketten in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und den USA miteinander verglichen. Unsere Bewertungskriterien:
•Transparenz und Rechenschaftspflicht
•Schutz der Rechte von Arbeiter/innen
•Umgang mit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern
•Schutz vor Gewalt gegen und Ausbeutung von Frauen

Die Untersuchung zeichnet ein klares Bild: Die „big four“ der deutschen Ketten (Aldi, Edeka, Lidl und Rewe) schneiden im Vergleich zu anderen Supermärkten mit am schlechtesten ab. Während Supermärkte aus Großbritannien und den USA teilweise zweistellige Prozentzahlen erreichten, wurden die deutschen Supermärkte in jeder Kategorie mit null bis acht Prozent der Gesamtpunktzahl bewertet. Bei speziellen Schutzmaßnahmen für Frauen konnte keine der deutschen Ketten Punkte erzielen, beim Schutz von Arbeiter/innen lag die höchste Bewertung bei zwei Prozent.

Die aufgedeckten Missstände und das schockierende Ergebnis des Supermarkt-Checks zeigen, dass Supermärkte ihre Geschäftspolitik grundlegend ändern müssen. Denn eins steht fest: Wirtschaftliche Ausbeutung, Armut und menschliches Leid dürfen keine Zutaten unserer Lebensmittel in Supermarktregalen sein. Die Menschen, die das Essen produzieren, das in unseren Einkaufstüten landet, müssen fair bezahlt, ihre Gesundheit geschützt und ihre Rechte geachtet werden. Deshalb müssen wir Druck machen! Helfen Sie uns, Supermärkte zum Handeln zu bewegen und unterstützen Sie unsere Mitmach-Aktion!"

Zum Ausgangstext
"Die Oxfam-Meldung mit grafischer Übersicht"

Zum Bericht
"Deutsche Zusammenfassung zum Report - 28 Seiten"

Zur Aktion
"Fairness eintüten - Jetzt mitmachen: Supermärkte bewegen – Menschenrechte schützen

Zum Fairness-Check
"Zu Edeka, Rewe, Lidl und Aldi"

06.06.2018 12:40
Für Azubis kaum Fairness?
Auch wenn 99 Prozent der Auszubildenden Fairness und Gerechtigkeit im Betrieb für sehr wichtig halten: nicht mal jeder zweite von ihnen sieht das realisiert. Die Gründe dafür: ein schlechtes Arbeitsklima oder zu viel Stress.

"Nur jeder vierte Auszubildende in Deutschland findet, dass es in seinem Betrieb eindeutig fair und gerecht zugeht. Dabei halten mit 99 Prozent fast alle Befragten Fairness und Gerechtigkeit im Betrieb für sehr wichtig, wie aus einer Umfrage im Auftrag der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hervorgeht. Ein Viertel der Befragten vermisst die Werte Fairness und Gerechtigkeit in seinen Betrieben gänzlich. Nur 47 Prozent sehen faire Arbeitsbedingungen umgesetzt. Gründe dafür sind in den Augen der Befragten oft ein schlechtes Arbeitsklima, ungerechte Bezahlung, Stress oder fehlende Führungsqualitäten der Vorgesetzten.

Dabei erwarten 91 Prozent eine Gleichbehandlung bei der Arbeit. "Damit stimmen Azubis zentralen gewerkschaftlichen Werten in hohem Maße zu", sagte der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske. Viele sind mit ihrer Ausbildungssituation im Großen und Ganzen zufrieden. 87 Prozent der Azubis in Betrieben mit Tarifbindung sind sehr zufrieden, dagegen in Betrieben ohne Tarifbindung nur 72 Prozent. Mit einem Tarifvertrag verbinden 60 Prozent der Befragten bessere Arbeitsbedingungen.

Nach Ansicht der Auszubildenden sollen sich Gewerkschaften vor allem für eine bessere Ausbildungsvergütung (50 Prozent) einsetzen, ebenso für bessere Arbeitsbedingungen (25 Prozent), für gute Arbeitszeitregelungen (16 Prozent) oder etwa für eine persönliche Unterstützung bei Problemen in der Ausbildung (5 Prozent). "Das ist ein klarer Auftrag für uns als Gewerkschaft, zusammen mit den jungen Beschäftigten an diesen Themen zu arbei-ten und Azubis als Gewerkschaftsmitglieder zu gewinnen", so Bsirske."

"ntv zu Fairness für Azubis"

24.05.2018 10:44
Wie fair, sozial und ökologisch sind die Banken in Deutschland?
Zum dritten Mal hat der Fair Finance Guide Deutschland anhand sozialer und ökologischer Kriterien Banken in Deutschland analysiert und verglichen. Angewendet wurden 250 Einzelkriterien zu 13 sozial-ökologischen Themen auf einer Performance-Skala zwischen 0 % und 100 %. Im Vergleich zu den vorherigen Untersuchungen im März 2016 (8) bzw. im November 2016 (10) wurde die Zahl der untersuchten Banken jetzt auf 13 erweitert.

Das zentrale Ergebnis:Die Nachhaltigkeitsrichtlinien von sechs Banken haben sich im Vergleich zur Voruntersuchung und als Folge des Dialogs mit dem Fair Finance Guide Deutschland qualitativ verbessert. Dennoch gibt es aus Sicht der Nichtregierungsorganisationen, die hinter dem Fair Finance Guide stehen, weiterhin inakzeptable Defizite.

Überraschend schlecht schneiden zwei der drei neu untersuchten Banken ab: Die Sparkasse KölnBonn mit der denkbar schlechtesten Performance (0 % von 100%) sowie die Bayern LB auf dem vorletzten Platz (28 % von 100%).

„Die Sparkasse KölnBonn lässt ihre KundInnen komplett darüber im Unklaren, ob die Verwendung der etwa 20 Mrd. Euro Einlagen an nachhaltige Kriterien gebunden ist“, beklagt Antje Schneeweiß von SÜDWIND.

Seit dem Jahr 2018 sind Banken ab einer gewissen Größenordnung erstmalig für das Geschäftsjahr 2017 verpflichtet, über nicht-finanzielle Belange zu berichten (CSR-Berichtspflicht). Zu diesen gehören fünf verpflichtende Themen: Umwelt-, ArbeitnehmerInnen- und Sozialbelange sowie die Achtung der Menschenrechte und die Bekämpfung von Korruption und Bestechung.

„Die untersuchten Banken kommen zwar ihrer Berichtspflicht zur unternehmerischen Sozialverantwortung nach, doch fördert dieses Verfahren nicht die Transparenz in Bezug auf soziale und ökologische Aspekte des Kerngeschäftes der Banken“, beklagt Thomas Küchenmeister, geschäftsführender Vorstand der Nichtregierungsorganisation Facing Finance, die den Fair Finance Guide Deutschland koordiniert. Küchenmeister verweist darauf, dass z.B. die Unternehmen der DZ BANK-Gruppe Menschenrechtsaspekten bei den direkten Geschäftstätigkeiten nur eine untergeordnete Rolle zuschreiben.

Ein weiteres Ergebnis: Der Fair Finance Guide Deutschland unterscheidet sich im Vergleich zu Nachhaltigkeitsratingagenturen und ihren Bewertungen deutlich. „Im Vergleich zu Nachhaltigkeitsratingagenturen erweist sich der Fair Finance Guide als kritischer und verfolgt zudem eine komplett transparente Methodik, wohingegen die Nachhaltigkeitsratingagenturen jede Menge Informationen in eine Blackbox kippen, eine Zahl darunterschreiben und diese dann für viel Geld an ihre KundInnen - zu denen auch viele Banken gehören - verkaufen“, kritisiert Thomas Küchenmeister. Zu den positiven Ergebnissen trägt wesentlich der TOP-Neueinsteiger EthikBank bei, der aus dem Stand mit einer Performance von 94 % von möglichen 100 % auf Platz 2 landet.

„Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher wollen wissen, ob ihre Bank soziale und ökologische Richtlinien berücksichtigt. Die Verbraucherzentrale Bremen kooperiert daher mit dem Fair Finance Guide und hat die EthikBank unter die Lupe genommen. Die Tochter der Volksbank Eisenberg ist zwar nur eine kleine Anbieterin, konnte sich aber mit ihrer Nachhaltigkeitsausrichtung auf Anhieb in der Spitzengruppe platzieren“, kommentiert Dr. Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen.

Die katholische Pax-Bank, die bei der ersten Untersuchung noch die schlechteste Bewertung erhielt, macht erneut einen großen Sprung (55 % auf 66 %) und landet auf Platz 5, deutlich vor der Commerzbank (39 %), der leicht verbesserten Deutschen Bank (33 %) und der stagnierenden DZ Bank (32 %). “Die klare Verbesserung des Ratings der Pax Bank rührt wesentlich von der gewachsenen Dialogbereitschaft des Instituts, welche sich als entscheidende Grundlage für die Entwicklung der Investitions- und Anlageleitlinien der Pax Bank erwiesen hat”, sagt Mario Dziamski, Gründer der Verbraucherinitiative Rank a Brand e.V.. Auch die evangelische KD-Bank zeigt sich deutlich verbessert.

„Unsere Transparenzinitiative scheint zu wirken, denn im Durchschnitt erhöht sich der qualitative Standard der ESG-Kriterien der untersuchten Banken langsam aber stetig“ resümiert Sarah Guhr, Projektleitern des Fair Finance Guide Deutschland.So hat sich der Durchschnittswert der acht seit Beginn bewerteten Banken trotz mittlerweile gestiegener Anforderungen von 42 % auf 58 % erhöht. Die konventionellen Banken verbesserten sich seit März 2016 insgesamt von 23 % auf 28 %.

„Der Fair Finance Guide konnte besonders in den Bereichen Arbeitsrecht (von 36 % auf 43 %), bei der fossilen Energieerzeugung (von 21 % auf 28 %) sowie dem Thema Bergbau (von 21 % auf 26 %) Verbesserungen feststellen“, unterstreicht Sarah Guhr. Diese Entwicklung sei z.B. den vermehrten Ausschlüssen von Kohlekraftwerksbetreibern bzw. von Kohlebergbau und umweltschädlichen Energiegewinnungsmethoden wie Fracking bzw. Öl- oder Teersande (tar sands) zuzuschreiben, so Sarah Guhr.

Facing Finance und die Kooperationspartner im Fair Finance Guide werden ihre Zusammenarbeit fortsetzen und ausweiten. Zudem ist vorgesehen, anhand von öffentlich zugänglichen Fallstudien kontinuierlich zu prüfen, ob Banken tatsächlich ihre ESG-Richtlinien einhalten.

Ziel des Fair Finance Guide Deutschland bleibt es, für BankkundInnen mehr Transparenz und Vergleichbarkeit in Bezug auf die soziale und ökologische Bilanz deutscher Banken herzustellen und ihnen die Möglichkeit zu geben, die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle besser beurteilen zu können. Dafür steht das anhand von 250 Kriterien detailliert recherchierte, unabhängige und frei zugängliche ESG-Bewertungsportal zur Verfügung:
"Checken Sie Ihre Bank um ESG-Bewertungsportal"

Der Fair Finance Guide Deutschland ist Teil vom"Netzwerk Fair Finance Guide International", gegründet von Oxfam Novib. Der FFG International umfasst weltweit derzeit neun Länder und vereint über 40 Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, Umweltgruppen und Verbraucherorganisationen.

Fair Finance Guide Deutschland wird von der schwedischen Entwicklungsbehörde Sida und der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen finanziert. Die dem Projekt zugrunde liegende, umfassende Methodik wurde mit Unterstützung der niederländischen Agentur Profundo (www.profundo.nl) entwickelt.

Bei Rückfragen und Interviewwünschen wenden Sie sich bitte an:

Thomas Küchenmeister
FACING FINANCE
0175-4964082
kuechenmeister@facing-finance.org

Hintergrundinformationen
"Hintergrundinfo"

13.04.2018 10:17
EU fordert: Mehr Fairness im Supermarkt und für Landwirte
Um mehr Fairness entlang der Lebensmittelkette bemüht sich ein aktueller Vorschlag der EU-Kommission. Die EU-Kommission schlägt europaweit Mindeststandards gegen unfaire Handelspraktiken vor. Damit sollen die EU-Mitgliedsstaaten zukünftig Verstöße gegen die gute Handelspraxis aufklären und Strafen gegen den Lebensmittelhandel verhängen können.

Die EU-Kommission möchte plötzliche Stornierungen, Zahlungsverspätungen, einseitige nachträgliche Vertragsänderungen und Abschläge für verdorbene Ware, die nicht vom Produzenten verantwortet wurde, verbieten. Andere unfaire Handelspraktiken sollen nur dann untersagt werden, wenn sie nicht ausdrücklich im Vertrag festgehalten sind. Dazu gehören Listungsgebühren, die Rückgabe unverkäuflicher Ware und die Beteiligung des Anbieters an Werbemaßnahmen.

Die EU-Kommission begründet ihr Vorgehen gegen unfaire Handelspraktiken mit der schwachen Stellung der Landwirte innerhalb der Lebensmittelkette. Gemeint ist vor allem der Lebensmitteleinzelhandel, aber auch andere Abnehmer mit mehr als 250 Mitarbeitern und 50 Mio. Euro Jahresumsatz, die nach der Definition keine kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mehr sind.

Ziel des Vorschlags sei es, die Einkommen der Landwirte in der EU zu verbessern, da unfaire Handelspraktiken die Gewinnmargen der Erzeuger verkleinerten, erklärte EU-Agrarkommissar Phil Hogan. Es ginge der EU-Kommission darum, in allen EU-Mitgliedsstaaten gemeinsame Mindeststandards festzulegen, um auf dem EU-Binnenmarkt für Chancengleichheit zwischen den Landwirten zu sorgen.

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger über den Vorschlag: „Uns geht es um die Stellung unserer Bäuerinnen und Bauern in der Lebensmittelversorgungskette. Tausende Landwirte stehen nur wenigen Handelsketten in Österreich gegenüber. Wir müssen den Kampf David gegen Goliath entschlossen weiterführen. Der Vorschlag der Kommission ist hier ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.“

Auch LK Österreich-Präsident Hermann Schultes betonte: “Der neue EU-Rechtsrahmen soll für Geschäftspraktiken auf Augenhöhe sorgen. So soll es künftig einseitig diktierte Qualitätsstandards, kurzfristige Stornos, Rücksendungen unverkaufter Frischware, Listungsgebühren oder Kostenbeteiligungen für Werbung, die letztlich der Bauer bezahlt, und andere unfaire Geschäftspraktiken nicht mehr geben. In den kommenden Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat gilt es, noch einige Nachbesserungen, wie die Größe der von den neuen Regeln betroffenen Unternehmen, zu verankern. So sollen das Größenverhältnis Lieferant zu Abnehmer und nicht fixe Unternehmensgrößen ausschlaggebend sein.”

Das EU-Parlament hatte seit längerer Zeit solche Maßnahmen gefordert. Der Gesetzesvorschlag der Kommission ist laut EU-Abgeordnetem Othmar Karas “überraschend positiv, realistisch und flexibel”. Das Parlament werde ihn prüfen “und sicher einige Änderungen vornehmen”, so Karas. Am kommenden Montag, 16. April, soll der Vorschlag im EU-Agrarrat diskutiert werden.

Das EU-Parlament hatte Mitte 2016 von der EU-Kommission gefordert, Gesetzesvorschläge gegen unlautere Handelspraktiken in der Lebensmittelversorgungskette vorzulegen, um angemessene Einkünfte für Landwirte und eine umfangreiche Auswahl für Verbraucher zu gewährleisten. Die Entschließung war mit 600 Stimmen angenommen wurde, bei 48 Gegenstimmen und 24 Enthaltungen.

Ziel ist, faire und transparente Beziehungen zwischen Erzeugern, Lieferanten und Vertreibern von Lebensmitteln sicherzustellen.

"Die bisher ergriffenen Maßnahmen haben noch keine Wirkung gezeigt. Deshalb machen wir weitere Vorschläge. Es muss mehr für die Verbesserung der Beziehungen zwischen Erzeugern und Supermärkten getan werden, vor allem, wenn es darum geht, den sogenannten "Angstfaktor" zu minimieren. Außerdem fordern wir die EU-Kommission auf, mehr Instrumente zur Bekämpfung unfairer Handelspraktiken zu schaffen", sagte der Berichterstatter Edward Czesak (EKR, PL).

Fairer Handel sollte auch dazu beitragen, Überproduktion und Verschwendung von Lebensmitteln zu verhindern, so der Entschließungstext, in dem die Abgeordneten verlangen, dringend gegen die großen Unterschiede bei den Einkommen und beim Einfluss der Akteure der Lebensmittelversorgungskette vorzugehen, um die Verhandlungsposition der Landwirte zu verbessern.

In der Entschließung stellte das Parlament fest, dass der Verkauf zu einem nicht kostendeckenden Preis und der Umstand, dass landwirtschaftlich erzeugte Grundnahrungsmittel wie Milchprodukte, Obst und Gemüse von großen Einzelhändlern massiv als Lockangebote missbraucht werden, auf lange Sicht die Nachhaltigkeit der Erzeugung dieser Nahrungsmittel in Europa bedrohen.

Landwirte und KMU leiden unter unlauteren Praktiken besonders stark. Manchmal sind sie dazu gezwungen, nach für sie ungünstig verlaufenen Verhandlungen mit anderen – stärkeren – Akteuren der Lebensmittelversorgungskette mit Verlust zu verkaufen, beispielsweise infolge von Preissenkungen und -nachlässen in den Supermärkten. Auch Endverbraucher sind benachteiligt, da die Produktauswahl sowie ihr Zugang zu neuen und innovativen Erzeugnissen eingeschränkt werden, so die Abgeordneten.

"Angstfaktor" der Produzenten überwinden: Robuste Durchsetzung erforderlich

Freiwillige Maßnahmen und Selbstregulierungsmaßnahmen haben aufgrund ihrer unzureichenden Durchsetzung, der unzulänglichen Beteiligung von Landwirten, Interessenskonflikten zwischen den betroffenen Parteien, Mechanismen zur Streitbeilegung, die den „Angstfaktor“ auf Seite der Produzenten nicht berücksichtigen, und die Tatsache, dass sie sich nicht auf die gesamte Lebensmittelversorgungskette beziehen, bislang nur zu bescheidenen Ergebnissen geführt, unterstreicht das Parlament.

Es vertritt die Auffassung, dass nur mit einem Rechtsrahmen auf EU-Ebene unlautere Handelspraktiken bekämpft werden können und sichergestellt wird, dass Landwirte und Verbraucher in der EU von fairen Verkaufs- und Einkaufsbedingungen profitieren können.

Es ist zudem der Ansicht, dass die "Supply Chain Initiative" und andere freiwillige Systeme auf nationaler Ebene und EU-Ebene weiterentwickelt und gefördert werden sollten, und zwar "als Ergänzung wirkungsvoller und starker Durchsetzungsmechanismen auf der Ebene der Mitgliedstaaten – wobei insbesondere darauf zu achten ist, dass Beschwerden anonym eingereicht werden können und abschreckende Sanktionen eingeführt werden – und in Verbindung mit einer Koordinierung auf EU-Ebene." Die Abgeordneten ermutigen Produktions- und Handelsunternehmen, wozu auch Bauernverbände zählen, sich an diesen Initiativen zu beteiligen.

Sie begrüßen außerdem Aktivitäten wie zum Beispiel die „Initiative Tierwohl“ in Deutschland, mit denen Landwirten dabei geholfen werden soll, bei der Vermarktung ihrer Erzeugnisse deren Vorzüge in den Vordergrund zu stellen.

Zum Hintergrund
Unlautere Handelspraktiken umfassen unter anderem verspätete Zahlungen, einen beschränkten Zugang zum Markt, einseitige oder rückwirkende Änderungen von Vertragsbedingungen, die plötzliche und unbegründete Auflösung von Verträgen, die unlautere Übertragung des kommerziellen Risikos oder die Abwälzung der Transport- und Lagerhaltungskosten auf die Lieferanten.

Es gibt bereits EU-Rechtsvorschriften zur Bekämpfung unlauterer Handelspraktiken in den Beziehungen zwischen Unternehmen und Verbrauchern (Richtlinie 2005/29/EG), aber keine EU-Rechtsvorschriften zur Bekämpfung unlauterer Praktiken in den Beziehungen zwischen den verschiedenen Akteuren entlang der Lebensmittelversorgungskette. Unlautere Handelspraktiken fallen nur zum Teil unter das Wettbewerbsrecht.

"Die österreichische Bauernzeitung über Fairness im Lebensmittelsektor"

"Europäisches Parlament fordert mehr Fairness in der Lebensmittelkette"

29.03.2018 09:53
Greenwashing: Betrug an Bürgern, Umwelt und Arbeitern
"Der Film „The green lie“ entlarvt das Greenwashing der Konzerne und zeigt dem Konsumenten die Wahrheit hinter angeblich nachhaltigen Produkten. Der Film ist seit 22. März in den Kinos.
Ein Interview der Zeitschrift Enorm mit der Frau hinter dem und im Film: Kathrin Hartmann.

Kathrin Hartmann, geboren 1972, lebt und arbeitet als Journalistin und Autorin in München. Seit vielen Jahren schreibt sie Bücher über Greenwashing und den industriellen Raubbau an der Natur – und seit Gründung von enorm 2010 auch immer wieder Interviews und Texte für unser Magazin. Im Blessing-Verlag ist im Februar Kathrin Hartmanns jüngstes Buch erschienen, „Die Grüne Lüge“ – das Buch zum Film „The Green lie“, den sie gemeinsam mit dem Wiener Dokumentarfilmer Werner Boote gedreht hat.

Kathrin, seit Jahren schreibst du über Greenwashing. Warum jetzt ein Kinofilm?

Hartmann: Das war die Idee von Werner Boote, dem Regisseur des Dokumentarfilms „Plastic Planet“. Wir hatten uns in einer Talkshow des ORF kennen gelernt, es ging um das Thema Nachhaltiger Konsum. Werner mochte wohl, wie ich in der Sendung gegen die Konzerne anging, in jedem Fall schlug er mir danach vor, gemeinsam einen Film über Greenwashing zu machen. Ich bin sehr froh darüber. Schreibend lässt sich das Thema manchmal schwer erklären – und im Film können wir einfach Bilder zeigen und alles wird damit völlig klar. Zum Beispiel in der Szene, in der Werner und ich auf einer riesigen, gespenstisch stillen Fläche abgebrannten Urwalds stehen. Das hat eine ganz andere Kraft, als wenn ich es in Worten beschreiben würde.

Überall auf der Welt versuchen Unternehmen, ihre umweltschädlichen und unfair hergestellten Produkte als grün zu verkaufen. Ihr habt euch aus der Masse an Beispielen in erster Linie das Palmöl herausgesucht. Warum?

Hartmann: Wir haben lange überlegt, ob wir nicht möglichst viele Branchen, Unternehmen oder Länder nennen wollen. Aber das hätte wie eine Auflistung von Einzelfällen und schwarzen Schafen gewirkt. Wir möchten die Strategie von Greenwashing zeigen, die ist ja überall gleich. Wir sind also erst einmal dem Palmöl nach Indonesien hinterhergereist. Damit hat jeder zu tun, es steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt – und im Biodiesel. Mit dem Thema Palmöl sind viele große Firmen verbunden, vor allem in der Lebensmittel- und der Konsumgüterindustrie. Die Zerstörungen durch den Anbau in Monokultur sind offensichtlich. Und trotzdem passiert nichts, trotz des Runden Tischs für Nachhaltiges Palmöl und großer Versprechen von Unternehmen. Es gibt einen Haufen von Belegen, dass sich in den vergangenen Jahren gar nichts verbessert hat, obwohl viele Firmen behaupten, nachhaltiges Palmöl zu verwenden. Aber es gibt überhaupt kein nachhaltiges Palmöl.

Eine Schlüsselszene des Films ist diese: Auf einer Messe in Indonesien stellt euch ein Verkäufer ein Herbizid vor, das als grün beworben wird. „Ist es biologisch?“, fragst du ihn. „Nein, nein“, sagt der Mann, „Es ist einfach ein weniger giftig.“ Ist das für dich der Kern von Greenwashing?

Hartmann (lacht): Genau! Natürlich ist nicht alles erfunden und erlogen, was Unternehmen uns als nachhaltiger verkaufen. Aber das, was sie als Verbesserung anpreisen, betrifft nie das Kerngeschäft. Produktion und Gewinn bauen auf der Ausbeutung von Menschen und der Natur auf. Und diese Strategie wird nicht grundsätzlich angefasst.

The Green Lie ist dialogisch angelegt, Werner Boote spielt den Konsumentenvertreter, der gerne den grünen Siegeln vertrauen will, du bist die Expertin, die alles kritisch hinterfragt. Warum habt ihr diese Form gewählt?

Hartmann: Wir führen im Film eine Art Streit in good cop, bad cop-Manier. Werner steht auf der Seite des Zuschauers und sagt: Ich will es richtig machen und nachhaltig einkaufen, aber mich auch nicht verarschen lassen. Und ich bin die, die warnend auf die leeren Versprechen zeigt. Werner macht das ja immer so in seinen Filmen – er stellt sich eine Frage, und fährt dann los, um nach der Antwort zu suchen. Bei „Population Boom“ zum Beispiel war seine Ausgangsfrage: Alle sagen das, aber gibt es wirklich zu viele Menschen auf der Erde? Beim Thema Greenwashing funktioniert dieses Prinzip auch sehr gut. Die Strategien der Unternehmen sind inzwischen so ausgefuchst, dass es sehr schwer ist, als Einzelner dahinter zu blicken. Wir haben im Alltag nicht die Zeit, uns in all diesen Themen zu Experten zu machen, um dann die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Diesen Konflikt zeigen wir im Film.

Der Konsument soll richtig konsumieren, dann wird alles besser – gegen diese klammheimliche Verschiebung der Verantwortung vom Verursacher zum Verbraucher wehrt ihr euch.

Hartmann: Ja, klar! Die Frage ist doch: Wie kann es sein, dass solche Produkte überhaupt im Supermarkt stehen? Warum muss ich mich aktiv dagegen entscheiden, jemanden auszubeuten? Warum werden Produkte nicht einfach so hergestellt, dass sie keinem schaden? Warum kann ich mich darauf nicht verlassen? Und da sind wir dann beim Thema Recht und Gesetz, bei den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Die EU hat ihre Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, nationale Aktionspläne vorzulegen, um die Prinzipien umzusetzen. Das würde bedeuten, dass Unternehmen verbindlich verpflichtet werden, Menschenrechtsverletzung und Umweltzerstörung zu vermeiden _ sie könnten bei Verstößen sogar dafür bestraft werden. Würde das geschehen, hörten so manche Dinge einfach auf. Palmöl ist nur so billig, weil seine Herstellung Rechte verletzt. Aber die Bundesregierung setzt weiter auf das freiwillige Engagement von Unternehmen.

Zu den Bildern zerstörter Landschaften blendet Ihr Zitate von Konzernchefs ein, die den grünen Wandel ihrer Unternehmen preisen. Was für ein Gefühl soll das beim Zuschauer hinterlassen?

Hartmann: Um Greenwashing als solches zu entlarven, braucht man eine gewisse Distanz. Es ist gar nicht schlecht, auch einmal darüber zu lachen, dass der Coca Cola-Vorstand vor einer Wand voller Plastikflaschen die Nachhaltigkeit zum Herzensthema erhebt. Lachen ist gemeinsam mit ein bisschen Wut eine gute Mischung, um zu beschließen: Wir lassen uns das nicht länger gefallen, ihr spinnt ja wohl! Ihr seid die Verbrecher – nicht wir, weil wir anscheinend die falschen Sachen kaufen. Die ganz hinterfotzige Folge von Greenwashing ist ja, das uns suggeriert wird: Ihr seid schuld, Ihr kauft das Zeug doch! Deshalb haben wir ein dauerschlechtes Gewissen und fühlen uns machtlos.

Gegen Ende des Films wirkt Werner Boote erschöpft. Das sei alles so kompliziert, klagt er. Und man wisse gar nicht mehr, was man eigentlich tun solle. Du hältst dagegen …

Hartmann: Wir sollten uns nicht mehr als reine Konsumenten und Verbraucher betrachten, die können nur konsumieren und verbrauchen. Wir sind Bürger. Und haben demokratische Rechte. Die im Übrigen alle von anderen Bürgern vor uns erkämpft wurden. Es hilft nur, zu protestieren. Auf ganz unterschiedliche Weise: Der eine ist gut in einer Partei aufgehoben, der andere engagiert sich lieber in einer NGO, der dritte unterstützt auf lokaler Ebene den Kampf für eine autofreie Innenstadt. Andere werden Mitglieder eines solidarischen Bauernhofs. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Aber das Wichtigste ist: Das Engagement muss sichtbar sein. Einkaufen ist nicht sichtbar. Außerdem vereinzelt es. Ich merke immer wieder, dass sich Viele als absolut wirkungslos empfinden, ihnen fehlt die Gemeinschaftserfahrung. Dass man gemeinsam leichter etwas erreicht. Der erste Schritt kann die nächste Demo sein. Wo man mal wieder spürt: Da sind ja noch Tausende andere, die wollen es auch ganz anders haben!"

"Das Enorm-Interview mit Kathrin Kartmann zur 'grünen Lüge'

14.03.2018 16:58
Wie Adidas Arbeitnehmerrechte missachtet
Das SÜDWIND-Institut wirft Adidas vor, im Fall der gesetzwidrigen Entlassung von mehr als 300 ehemaligen Beschäftigten ihres indonesischen Zulieferers Panarub im Jahr 2012 seinen unternehmerischen Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen zu sein.

Damit hat Adidas gegen die Leitsätze der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) für multinationale Unternehmen verstoßen. SÜDWIND, Mitglied der Kampagne für Saubere Kleidung, wird daher gegen den Adidas-Konzern eine Beschwerde bei der OECD einlegen.

Im Juli 2012 streikten rund 2.000 Beschäftigte der Firma PT Panarub Dwikarya, Teil des zentralen Adidas-Zulieferers Panarub-Gruppe in Indonesien. Sie forderten die Zahlung des seit Januar 2012 geltenden Mindestlohnes sowie ihr Recht auf Vereinigungsfreiheit. Vorausgegangen war im Februar 2012 die Entlassung von mehreren Beschäftigten, die versucht hatten, eine Betriebsgewerkschaft zu gründen. Am 23. Juli 2012 wurden 1.300 Beschäftigte, die sich an dem Streik beteiligt hatten, entlassen. Bis heute haben mehr als 300 der Entlassenen (überwiegend Frauen) keine Abfindung erhalten, obwohl diese gesetzlich verpflichtend ist. Laut indonesischem Arbeitsrecht steht jedem Entlassenen eine Abfindung zu, deren Höhe in Relation zur Dauer ihrer Beschäftigung steht.

Mit der Beschwerde soll Adidas dazu bewegt werden, seinen Einfluss auf Panarub wahrzunehmen und dazu beizutragen, dass die Beschäftigten die ihnen zustehende Abfindung erhalten: Adidas-Schuhe wurden nachweislich in den ersten Monaten des Jahres 2012 in der besagten Fabrik produziert. Adidas ist bis heute (neben einem asiatischen Auftraggeber) einer der größten Kunden von Panarub. „Adidas trägt für die Verletzung von Arbeitsrechten bei der Panarub-Gruppe damit eine Mitverantwortung“ meint Dr. Sabine Ferenschild von SÜDWIND. Mehr noch: Adidas hat sogar aktiv zu dieser Verletzung beigetragen, da das Unternehmen versäumt hat, den Beschäftigten von PT Panarub Dwikarya Zugang zu Abhilfe zu verschaffen. Genau hier setzen die Leitsätze der OECD an: Sie formulieren Empfehlungen für verantwortungsvolles Unternehmenshandeln in einem globalen Kontext.

Die Beschwerde stützt sich auch auf die Beurteilung des Falls durch die Aufsichtsgremien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO): Diese besagt eindeutig, dass die Entlassung der Panarub-Beschäftigten nicht gerechtfertigt war und eine Verletzung des fundamentalen Rechtes der Beschäftigten auf Vereinigungsfreiheit darstellte. „Es gibt bisher kein rechtliches Instrument, mit dem multinationale Unternehmen bei Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten zur Verantwortung gezogen werden können“, so Ferenschild weiter. „Das Beschwerdeverfahren der OECD, das wir nun gemeinsam mit indonesischen und europäischen PartnerInnen anstrengen, kann aber zumindest dazu genutzt werden, dass Adidas zu den Vorwürfen offiziell Stellung nehmen muss.“

"Südwind-Institut"

21.02.2018 13:26
H&M, C&A, 3M - vorher Takko: Billigproduktion mit chinesischen Gefangenen
Ob das stimmt? Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe vom 21.2.2018:
"Fast zwei Jahre verbrachte der Brite Peter Humphrey in einem chinesischen Gefängnis. Nun berichtet er, die Gefangenen dort hätten auch an Produkten bekannter Marken wie H&M oder C&A gearbeitet. Die Firmen reagieren zurückhaltend.

Immer wieder haben westliche Modeketten Probleme mit den Arbeitsstandards ihrer Zulieferfirmen in asiatischen Billiglohnländern. Nun kommt ein weiterer Vorwurf hinzu: Der britische Privatdetektiv Peter Humphrey, der 23 Monate lang im Qingpu Gefängnis in der Nähe von Schanghai eingesperrt war, berichtet in der "Financial Times" von den Haftbedingungen - und belastet dabei auch Modeketten wie H&M und C&A.

"Das Gefängnis war ein Unternehmen, das Industriearbeit verrichtete", schreibt Humphrey. "Vormittags, nachmittags und oft während des Mittagsschlafs 'arbeiteten' die Häftlinge im Gemeinschaftsraum. Unsere Männer haben Verpackungsteile hergestellt. Ich erkannte bekannte Marken - 3M, C&A, H&M. So viel zur sozialen Verantwortung von Unternehmen, obwohl die Unternehmen möglicherweise nicht wussten, dass die Gefängnisarbeit Teil ihrer Lieferkette war."

Gefangene aus chinesischen Zellblöcken hätten Textilien und Komponenten hergestellt, berichtet Humphrey. "Sie marschierten wie Soldaten vor unserem Frühstück und kamen spät am Abend zurück. Die Ausländer, die in meinem Zellenblock arbeiteten, waren Afrikaner und Asiaten, die kein Geld von der Familie hatten und keine andere Möglichkeit, Toilettenartikel und Snacks zu kaufen."

Der Artikel in der ? "Financial Times" erschien bereits vor einigen Tagen. Nun hat das US-Onlineportal ? "Quartz" die Schilderungen aufgegriffen und die genannten Konzerne mit den Vorwürfen konfrontiert.

Demnach verlangt H&M von seinen Zulieferern eine Zusicherung, auf Zwangsarbeit, Gefängnisarbeit und illegale Beschäftigung zu verzichten. "Soweit wir wissen, wurde das nicht verletzt", zitiert "Quartz" einen Konzernsprecher. Man nehme die Informationen aber sehr ernst. Bereits in der Vergangenheit habe das Unternehmen seine chinesischen Zulieferbetriebe daran erinnert, dass der Verzicht auf Gefängnisarbeit nicht verhandelbar sei und Verstöße zu einem Ende der Geschäftsbeziehungen führten.

Auch der Verhaltenskodex für die Zulieferer von C&A ist eigentlich eindeutig und verbietet Gefängnisarbeit ausdrücklich. "Wir überprüfen alle unsere 273 Fabriken unserer Zulieferer in China mindestens jährlich", zitiert "Quartz" einen Sprecher, "und wir haben dabei weder Gefängnisarbeit in unserer chinesischen Lieferkette beobachtet noch sind wir darauf aufmerksam gemacht worden."

Auch die US-Firma 3M, die unter anderem Klebeprodukte herstellt, reagierte auf die Anschuldigungen. Man beteilige sich nicht an ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und habe keine Hinweise darauf, dass Zulieferbetriebe in China Gefängnisarbeit nutzten".

2012 hatte der Spiegel über die Textilkette Takko berichtet, dass das Unternehmen, das europaweit 1247 Filialen (davon 813 in Deutschland) betreibt, in Gefängnissen in China produzieren ließ. Mehr als 50.000 Jacken und Tops habe Takko im vergangenen Jahr bei der Global Fashion Support (GFS), einem Vermittler von Produktionsmöglichkeiten in Asien, bestellt. GFS wiederum habe den Auftrag an Subunternehmer weitergereicht, die die Kleider in Haftanstalten nähen ließen. GFS ist ein Ableger der Hamburger Holding Dr. Rehfeld Fashion AG, Dachgesellschaft mehrerer Modeunternehmen der Marke Broadway NYC.

Mit Spannung werden die begründeten Stellungnahmen der betreffenden Unternehmen erwartet.

16.11.2017 18:15
So klappt’s auch mit dem unfairen Führen: 12 unfaire Führungstipps
Führungskräfte an die Macht – Fairness ist nur was für Weicheier!

Unsere 12 unfairen Führungstipps garantieren 100% Erfolg!

1. Vermeiden Sie grundsätzlich jede Form von Höflichkeit. Ein netter Umgangston, ein freundliches Miteinander wird prinzipiell überbewertet. Meiden Sie Augenkontakt und grüßen Sie nur Personen, die in der Hierarchie über Ihnen stehen. Mitarbeiter, die Sie zu einem Small-Talk nötigen, haben sowieso zu viel Zeit, ignorieren Sie diese.
2. Bedanken Sie sich niemals! Ihre Mitarbeiter verdienen Geld und kein Dankeschön. Wenn Sie unbedingt loben müssen, dann sparen Sie nicht an gleichzeitiger Kritik.
3. Melden Sie Kritik stets sofort zurück. Geben Sie stets und in jeder Situation Feedback. Werden Sie laut und sprechen Sie eine deutliche Sprache. Kritisieren Sie Mitarbeiter stets vor Kollegen und Geschäftspartnern, so geben Sie auch anderen die Gelegenheit von Ihnen zu profitieren.
4. Vermeiden Sie alles was Ihre Mitarbeiter ablenken und als persönlich ansehen könnten. Ignorieren Sie Geburtstage, Jubiläen und Hochzeiten und verzichten Sie auf Weihnachtsgrüße, schließlich sind Sie keine Freunde.
5. Lassen Sie Ihrer Stimmung stets freien Lauf, nur so können andere darauf Rücksicht nehmen.
6. Zeigen Sie durch Ihre Körperhaltung in Mitarbeitergesprächen aktiv und eindeutig was Sie empfinden. Unterbrechen Sie den Mitarbeiter, wenn dieser etwas Falsches sagt und machen Sie ihm deutlich, dass Sie für Gespräche keine Zeit haben. Gehen Sie bei Teambesprechungen ähnlich vor. Stellen Sie am von Ihnen gesetzten Ende die Frage „Es gibt doch sicherlich keine Fragen?“ und verlassen Sie daraufhin unmittelbar und zügig den Raum.
7. Vermeiden Sie quälende Diskussionen und treffen Sie eine Entscheidung. Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern, dass Sie und nur Sie der Entscheider sind, es immer waren und auch immer sein werden.
8. Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern stets deutlich, dass Sie länger arbeiten als diese. Weisen Sie montags darauf hin, dass Sie am Wochenende gearbeitet haben und fragen Sie Ihre Mitarbeiter, sollten diese pünktlich zum Feierabend das Gebäude verlassen, ob diese nur noch halbtags bei Ihnen beschäftigt sind.
9. Fordern Sie Mitarbeiter auch im Urlaub oder nach Feierabend! Regelmäßige E-Mails mit Handlungsaufforderungen lassen Rückschlüsse auf die Motivation Ihrer Mitarbeiter zu.
10. Mischen Sie sich stets in Kundengespräche und Telefonate Ihrer Mitarbeiter ein. Schließlich sind Sie am erfahrensten und wissen es am besten.
11. Das schönste Zimmer, die besten Arbeitsmaterialien gebühren Ihnen. Begründen Sie dies stets mit Ihrer Wichtigkeit oder am besten überhaupt nicht. Zeigen Sie was Sie haben und davon möglichst reichlich. Ihre Mitarbeiter sehen dies als Ansporn.
12. Flexible Arbeitszeiten? Arbeiten im Homeoffice? Mütter im Unternehmen? Nicht mit Ihnen! Zeigen Sie deutlich, dass Sie für Sentimentalitäten nichts übrig haben, schließlich können Sie nicht auf alles Rücksicht nehmen.

Fazit: mit diesen Tipps werden Sie definitiv die Auszeichnung erhalten:
„Unfairste Führungskraft des Monats“.

Dr. Ulrich Wiek

"Auf Dr. Wieks Fairnessblog am 9.10.2017 - mit freundlicher Genehmigung hier zitiert"

05.10.2017 11:10
Landgrabbing auch durch deutsche Unternehmen
Wer von Landgrabbing spricht, denkt meist an Investoren aus den USA und China. Tatsächlich sitzen wird von dort sowie von Malaysia, Singapur, Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten Landgrabbing im großen Stil gesteuert. Dazu wird in Schwellen- und Entwicklungsländer Land aufgekauft, um dort Getreide, Spritpflanzen oder Plantagenholz zu produzieren. Oder um zu spekulieren.

Dass auch europäische Akteure an diesen Deals beteiligt sind, belegt die Menschenrechtsorganisation FIAN in einer Studie über Landkonflikte in den Ländern des globalen Südens. Demnach kontrollieren britische Firmen 1,9 Millionen Hektar Land im Ausland, deutsche Unternehmen folgen mit 300?000 Hektar – nach Ländern wie Frankreich, Italien oder Finnland – auf Platz sieben. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Akteure aus Europa oftmals an Landgrabbing beteiligt sind und dass die Politik auf die hiermit verbundenen menschenrechtlichen Probleme bislang kaum angemessene Antworten gefunden hat.

Roman Herre, Agrar-Referent von FIAN Deutschland: „Vor genau zehn Jahren berichteten die Medien erstmals über moderne Landnahmen, auch Landgrabbing genannt. Private und staatliche Investoren sind seitdem ständig auf der Suche nach riesigen Landflächen, um A