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25.01.2020 16:24
Krasses Fairness-Versagen bei #H&M
Wie Fairness-Stiftung und im Fairness-Check beizeiten berichtet hatte, bestätigt sich nun, dass die Kundenservice-Mitarbeiter von H&M ausgeforscht wurden. FAZ und Spiegel berichten auf der Basis der Nachrichtenagentur Reuter:

"Dem Modehändler H&M werden massive Verstöße gegen die Datenschutzrechte von Mitarbeitern seines Kundenzentrums vorgeworfen. Nun droht dem Unternehmen ein Bußgeld. Gegen Hennes & Mauritz (H&M) ist nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Bußgeldverfahren wegen des Verdachts der Ausforschung von Mitarbeitern eingeleitet worden. Der Verdacht massiver Verstöße gegen Datenschutzrechte des Personals habe sich erhärtet, erklärte demnach der Landesdatenschutzbeauftragte in Hamburg, Johannes Caspar, dessen Behörde sich mit dem Fall befasst. Caspar ist für die schwedische Modekette zuständig, weil sie ihren Deutschlandsitz in der Hansestadt hat.

Bei den Vorwürfen gehe es Caspars Behörde zufolge um "umfassende Aufzeichnungen über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", schreibt die "FAZ". So seien "detaillierte und systematische Aufzeichnungen von Vorgesetzten über ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" entdeckt worden: "Es handelt sich dabei auch um Gesundheitsdaten der Betroffenen, von der Blasenschwäche bis zur Krebserkrankung, sowie um Daten von Personen aus deren sozialen Umfeld wie etwa familiäre Streitigkeiten, Todesfälle oder Urlaubserlebnisse."
https://www.fairness-check.de/HM-im-Fairness-Check.aspx

17.01.2020 14:10
Hessen geht voran – gegen Rassismus, Hass und Hetze
Hier gibt es Hilfe bei Hass, Hetze, Rassismus und Antisemitismus. Vorbildlich wird Hessen aktiv gegen Extremismus, gegen extreme Äußerungen, Posts und andere Verhaltensweisen.

A. Hilfe für Betroffene durch Hass, Hetze und Extremismus

Die Hessische Landesregierung hat mit der Einrichtung eines Meldesystems für Online-Hetze einen zentralen Baustein des Aktionsprogramms #HESSENGEGENHETZE umgesetzt.

https://hessengegenhetze.de/hasskommentare-melden

Telefonhotline: 0611-35 39 977

Ziel ist es, Hasskommentare und extremistische Internetinhalte möglichst schnell zu erfassen, den Betroffenen eine unmittelbare und unkomplizierte Unterstützung zu gewährleisten sowie eine effiziente Strafverfolgung durch eine verbesserte Sicherung beweiserheblicher Daten in Gang zu setzen. Hessen setzt dabei auf ein vielschichtiges Meldesystem, das sich an verschiedene Absender mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen richtet.
Kooperationspartner der Justiz leiten Hinweise ohne Umwege an die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/M. - Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) - weiter.
Für die zielgerichtete Erstattung von Strafanzeigen stehen den Bürgerinnen und Bürgern die örtlichen Polizeidienststellen zur Verfügung.

In Ergänzung zu bereits etablierten Zuständigkeiten und Meldewegen stellt das Land für Bürgerhotlines, Verwaltungsbehörden, Kommunen, Beratungsinstitutionen und für alle Bürgerinnen und Bürgern eine Plattform zur Verfügung, auf der auch unterschwellige Meldungen oder Hinweise zu Hetze oder extremistischen Inhalten entgegengenommen werden.

B. Beratung für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt

Response schreibt: „Wir unterstützen Menschen, die von rechtsextremer, rassistischer, antisemitischer, antimuslimischer oder antiziganistischer Gewalt betroffen sind.

Das Team von response. berät, vermittelt, informiert und begleitet
Betroffene
Angehörige und Freund*innen sowie
Zeug*innen eines Angriffs.

Dabei ist es unwichtig, ob eine Anzeige erstattet wurde und die Vorfälle strafrechtlich verfolgt werden oder nicht.
Unter Gewalt verstehen wir: Beleidigung und Beschimpfung, Stigmatisierung, Bedrohungen, Körperverletzung, Sachbeschädigung und andere Erfahrungen, die als gewalttätig erlebt werden.

Wir beraten unabhängig, vertraulich und auf Wunsch anonym. Das Angebot ist kostenfrei.
Bei Bedarf vereinbaren wir einen persönlichen Termin“.

Adresse Frankfurt: response. Hansaallee 150, 60320 Frankfurt, Mo-Fr 10-17 Uhr, 069 / 56 000 241

[email protected]

Adresse Kassel: response. Kleine Rosenstraße 3, 34117 Kassel, Mo-Fr 10-17 Uhr, 0561/72989700

[email protected]

https://response-hessen.de/

14.01.2020 11:00
Ist die Speditions- und Transportbranche moralisch verkommen?
„Ermittler entdecken Rekordzahl an Verstößen gegen Arbeitsrecht bei Spediteuren und Kurierdiensten“, schreibt Rasmus Buchsteiner in der Frankfurter Rundschau vom heutigen Tage unter dem Titel „Mehr Ausbeutung bei Leiharbeit“. Buchsteiner weiter:

„Immer häufiger werden gegen Unternehmen aus Spedition, Transport und Logistik Strafverfahren wegen Verstößen gegen gesetzliche Regelungen zum Beispiel in den Bereichen der Leiharbeit und des Mindestlohns eingeleitet. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorliegt.
Demnach ist die Zahl der Strafverfahren in der Branche von 711 im Jahr 2011 auf 3083 im Jahr 2018 gestiegen. Das entspricht mehr als einer Vervierfachung. Hintergrund waren Betriebsprüfungen durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Zollverwaltung (FKS). Diese kontrolliert unter anderem die Einhaltung der Gesetze zur Entsendung und Überlassung von Arbeitnehmern.

Seit Einführung des gesetzlichen Mindestlohns ist die Behörde auch für dessen Kontrolle zuständig. Überprüft wurden 2018 branchenweit knapp 5000 Betriebe – fast genauso viele wie im Jahr 2012. Die Zahl der verhängten Freiheitsstrafen stieg zwischen 2011 und 2018 von 136 auf 1254, das Volumen der Geldstrafen von 50 500 auf 1,6 Millionen Euro. Zu den untersuchten Firmen zählten auch Post-, Kurier- und Expressdienste.

Laut Arbeitsministerium hatte es bei Post- und Kurierdiensten im Frühjahr 2019 eine bundesweite Schwerpunktüberprüfung gegeben, bei der fast 3000 Zollbeamte 834 Betriebe in Augenschein nahmen. Im Nachgang sind den Angaben zufolge 106 Straf- sowie 184 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet worden. Dabei ging es unter anderem um vorenthaltene Sozialversicherungsbeiträge, illegalen Aufenthalt in Deutschland sowie die Verletzungen von Melde- und Aufzeichnungspflichten.

Der Arbeitsmarktexperte der Linken im Bundestag, Pascal Meiser, sieht die Bundesregierung angesichts der Zahlen unter Handlungsdruck. „Die Zahlen zeichnen ein trauriges Bild von den Schattenseiten des Transport- und Logistiksektors. Die boomende Paketbranche bildet hier nur die Spitze des Eisberges“, kommentierte der Bundestagsabgeordnete die Zahlen. Wenn bei gleichbleibenden Kontrollen die Zahl der Verstöße gegen geltendes Arbeits- und Sozialrecht immer mehr zunehme, bestätige dies all diejenigen, die von einem wachsenden Maß an krimineller Energie in der Branche sprechen.

„Angesichts der Zunahme des Transportvolumens hilft gegen diese unhaltbaren Zustände nur eine Ausweitung der Kontrollen. Dazu braucht es endlich ausreichend Personal bei den zuständigen Kontrollbehörden“, so Meiser weiter. „Für die Paketzustellung muss zudem endlich, wie für die Briefzustellung, eine Lizenzpflicht eingeführt werden.“ Wer selbst vor illegalen Praktiken nicht zurückschrecke, um seine Beschäftigten auszubeuten, „dem muss diese Lizenz für die Zustellung unser aller Pakete konsequent wieder entzogen werden“.“

Wenn wir uns also über die allseits transportierten Güter freuen, die häufig pünktlich an der Haustür, in der Paketstation, in den Firmen ankommen, sollten wir nicht vergessen: Der Transport war wahrscheinlich am Rande der Legalität, oftmals unfair und mitunter kriminell.

07.01.2020 12:28
Du bist hier der Chef - neue Wege der Lebensmittel
"Du bist hier der Chef!" ist Teil einer internationalen Bewegung, die viele Verbraucher in Europa (und sogar noch ein bisschen weiter weg) anspricht. "Egal in welchem Land wir leben und einkaufen, teilen wir alle dieselben Werte und wollen sowohl die transparente Mitgestaltung von Produkten durch uns Verbraucher erreichen als auch die faire und gerechte Vergütung von regionalen landwirtschaftlichen Erzeugern fördern".

Die Idee – die Initiatoren schreiben:

„Wir sind eine Gruppe engagierter Verbraucher, die bei jeder Kaufentscheidung Verantwortung übernehmen will. Wir wollen die Kontrolle über unsere Ernährung zurückerlangen, indem wir zusammen den Kreations­prozess zu wertvollen, fairen und nachhaltigen Produkten von der Produktion bis hin zur Vermarktung selbst bestimmen und damit verantwortungs­­bewusstes Handeln stärken! So möchten wir unser Konsum­verhalten positiver gestalten und die Macht ausüben, die uns bei jeder Kauf­entscheidung zusteht.

Was bewegt uns?

Wir wollen wissen, wo unsere Lebensmittelprodukte herkommen, wie sie hergestellt werden, welche Qualitätsunterschiede dies bedingt. Tierwohl, regionale Produktion aus Deutschland und faire Vergütung für die Landwirte liegen uns am Herzen. Wir möchten erfahren, welche Konsequenzen unser Kaufverhalten hat. Wir wollen selbst entscheiden dürfen, was uns bei Lebensmittelprodukten besonders wichtig ist, wofür wir bereit sind, etwas mehr zu bezahlen, und zu welchem fairen Preis die Produkte verkauft werden sollen!

Die Idee unserer Initiative stammt ursprünglich aus Frankreich, wo seit Ende 2016 die von Verbrauchern kreierten Produkte unter der Verbrauchermarke "C’est qui le patron?!" im Lebensmitteleinzelhandel erfolgreich vermarktet werden.
Unsere Werte leben wir vor!

Transparenz
Wir zeigen auf, wer wir sind, was wir vorhaben und machen. Wir fordern das Gleiche von unseren Partnern, egal ob Landwirt, Produzent oder Händler!

Gleichheit
Wir wollen mit allen Verbrauchern und Partnern auf Augenhöhe zusammen­arbeiten und wertvolle, faire und nachhaltige Produkte und damit unsere Zukunft positiv gestalten.

Ethik
Wir sind bemüht, das Richtige zu tun und zu unterstützen! Wir bringen Landwirte, Hersteller und Händler zusammen und fördern Austausch und Dialog auf Augenhöhe, damit alle mit uns gewinnen!

Dialog
Kontroverse Diskussionen und unterschiedliche Meinungen sind erwünscht und ein wichtiger Treiber für unsere Initiative. In der Diskussion liegt die Lösung.

Vertrauen
Ohne geht es nicht. Wir glauben an das Gute im Menschen und handeln entsprechend.

Ehrlichkeit
Darunter verstehen wir Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit.

Verantwortung
Wir sind uns bewusst, dass wir mit jedem Kauf das System unterstützen, das sich hinter dem jeweiligen Lebensmittelprodukt versteckt. Indem wir den Entstehungs­prozess unserer Lebensmittel­produkte von Du bist hier der Chef! mitbestimmen, nehmen wir aktiv Einfluss auf die Qualität der Produkte, auf den Herstellungs­prozess und auf die Verteilung der Wert­schöpfungs­kette. Nach dem Motto: faire Produkte müssen für alle fair sein!

Wer macht was?

Die Verbrauchergemeinschaft bringt die Verbraucher zusammen, wählt die zu gestaltenden Produkte aus, gestaltet die Produkte und legt die Pflichtenhefte mit der Community fest, kontrolliert und garantiert die Einhaltung der Pflichtenhefte, sorgt für Transparenz und Fairness, sichert eine eigene Verbindung und Vernetzung zu den Verbrauchern, Ist die Stimme der Verbraucher bei gezielten Kommunikationsmaßnahmen.

Unsere Verbraucherinitiative wurde im Juni 2019 offiziell mit der Gründung des gemeinnützigen Vereins „Die Verbrauchergemeinschaft g.V.“ und der „Du bist hier der Chef!“ UG gestartet. Der Verein bringt die Verbraucher zusammen, definiert mit der Community die Ideal-Produkte und sorgt für Transparenz im Kreationsprozess und in der Wertschöpfungskette.

Die UG, die 5% des Verkaufspreises eines Produktes erhält, steuert die operative Umsetzung der Produkte und Ideen, entwickelt Onlineprojekte für die Verbraucher und finanziert die Initiative und das dafür benötigte Team. Außerdem führt sie Marktanalysen durch, konzipiert die Fragebögen, bereitet die Pflichtenhefte vor, sucht aus, begleitet und betreut die Partner, begleitet die Vermarktung der Produkte, sichert die Zusammenarbeit aller Akteure ab, entwickelt Onlineprojekte, stellt das benötigte Team zusammen und finanziert die Initiative.

Besondere Vorteile unserer Verbraucher-Initiative sind:

Die gewonnene Transparenz über den gesamten Entstehungsprozess eines Produkts, von der Konzeption über die Produktion bis hin zur Vermarktung.

Wir schaffen wieder Vertrauen in die Produktqualität und in die Menschen, die diese produzieren.

Wir zeigen auf, wo unser Geld hingeht und welche Veränderungen bei bewussterem Kaufverhalten möglich sind.

Die Wissensvermittlung zu den Produkten beim Ausfüllen des Fragebogens.

Die faire und gerechte Vergütung für die Landwirte, die eine 3-Jahre-Preis-Garantie erhalten.

Der empfohlene Verkaufspreis, der unsere Zahlungsbereitschaft als Verbraucher unterstreicht und eine faire Verteilung der Wertschöpfungskette garantiert.

Der Verzicht auf Werbung für unsere eigenen Produkte: wir setzen lieber auf die Kraft unserer Community und erzielen somit signifikante Einsparungen im Verbraucherpreis, die uns zugutekommen.

Die Vermarktung unserer Produkte unter der Verbrauchermarke „Du bist hier der Chef!“ im stationären Lebensmittelhandel.

„Du bist hier der Chef!“: das ist nicht nur unser Motto, sondern auch unsere Verbrauchermarke!

Was ist das Besondere daran? Sie ist viel mehr als nur ein Erkennungszeichen im Regal: sie hört unseren Wünschen zu, ­ sie folgt unseren Entscheidungen, sie gewährt uns transparente Einblicke in die Lebensmittel­­­produktion, sie bringt uns als Verbraucher zusammen und sie gibt unserem Konsumverhalten einen Sinn!“

"Alles zu 'Du bist hier der Chef'"


24.12.2019 11:35
Einen guten Rutsch in ein faireres neues Jahr 2020
Wir wünschen Ihnen einen guten Start ins Neue Jahr mit Gesundheit, Lebensfreude, Mut und erfüllenden Begegnungen!

Ab 3.1.2020 sind wir zur üblichen Freitag-Bürozeit bis 12 Uhr wieder erreichbar.

20.12.2019 09:59
Juristinnen bemängeln die mangelhafte Umsetzung der UN-Frauenrechtskonvention in Deutschland
Wie sähe das Land aus, wenn tatsächlich Geschlechtergerechtigkeit herrschte? Impulse für die Vorstellungskraft hat die 40. Geburtstagsfeier für das UN-Frauenrechtsabkommen am Mittwochabend in Berlin gesetzt. In der Frankfurter Rundschau berichtet darüber Kirsten Achtelik über die krasse Unfairness in der Geschlechter-Gleichbehandlung:

"Zu der Veranstaltung hatten der Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien von Ulrike Lembke und die Kommission Europa- und Völkerrecht des Deutschen Juristinnenbundes (djb) in den prestigeträchtigen Senatssaal der Humboldt-Universität geladen. Der Tenor des Abends: Die Konvention ist gut und wichtig, besser wäre es allerdings, wenn sie auch konsequent angewendet würde und zwar auf allen Ebenen: von der Politik, den Behörden und auch von Gerichten.

Die Frauenrechtskonvention ist bekannter unter ihrem englischen Kürzel CEDAW, die Abkürzung steht für „Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women“. Das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau wurde am 18. Dezember 1979 von der UN-Generalversammlung verabschiedet und trat am 9. August 1985 für die Bundesrepublik Deutschland in Kraft.

Kritische Fragen an Berlin

Die Konvention hält fest, dass Frauen die gleichen Menschenrechte wie Männer haben und die ratifizierenden Staaten verpflichtet sind, diese auch durchzusetzen. Unzureichender Schutz vor häuslicher Gewalt, Gender-Pay-Gap, ungleiche Verteilung der Sorgearbeit, Ehegattensplitting, der Paragraf 218, Operationen an intergeschlechtlichen Kleinkindern – all das dürfte es nicht geben, wenn die Konvention in Deutschland wirklich umgesetzt würde. Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen ist nicht nur rechtlich, sondern auch faktisch sicherzustellen, dabei soll die Konvention als Instrument dienen.
Eine dafür entscheidende Formulierung ist die Verpflichtung der Staaten zu „wirksamen Maßnahmen“ gegen die diskriminierenden Missstände. Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, hielt in ihrer Rede unter dem Titel „Die UN-Frauenrechtskonvention – Motor für Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland“ fest, dass es eben nicht reiche, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Wenn freiwillige Selbstverpflichtungen offensichtlich unzureichend seien, müssten halt Quoten her. Die Quotendebatte in Deutschland kranke seit den 1980er Jahren daran, dass CEDAW nicht ernst genommen werde.

Rudolf betonte, dass Diskriminierung ein Machtmittel sei. Diese abzubauen werde also nicht von allen in gleicher Weise begrüßt: „Mittelmäßige Männer ahnen: Geschlechtergleichheit bedroht ihre Privilegien. Kluge Menschen wissen: Geschlechtergleichheit nutzt allen. Denn sie überwindet geschlechtsspezifische Verhaltenserwartungen und führt damit zu mehr Freiheit für alle Menschen.“ Eine diskriminierende Absicht sei nicht erforderlich, weil die Konvention sich gegen jedes Handeln und Unterlassen richtet, das sich benachteiligend auf Frauen auswirke.
Rudolf kritisierte, dass dies auch in der Anwendung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, noch „allzu oft verkannt“ werde: „Es geht nicht darum, Böses zu sanktionieren. Sondern es geht darum, Frauen gleiche Teilhabe in allen Lebensbereichen zu gewähren.“

Die Moderatorin des Abends, Ulrike Lembke, stellte fest, im Grundsatz sei CEDAW „Revolution durch Recht“. Ihre vollständige Umsetzung bedeute eine „ganz andere Gesellschaft, die wir uns vielleicht heute noch nicht vorstellen können“.
189 Staaten haben das Übereinkommen mittlerweile ratifiziert. Die Umsetzung begleitet ein Ausschuss, dem die Staaten alle vier Jahre Berichte zum Abbau von noch problematischen Ungleichheiten vorlegen müssen.

Auf der CEDAW-Jubiläumsfeier des Frauenministeriums, die bereits am 27. November stattgefunden hatte, sagte Ministerin Franziska Giffey (SPD), man sei noch lange nicht am Ziel. Sie kündigte an, weiter Druck machen zu wollen. Der jüngste Zwischenbericht der Bundesregierung liest sich allerdings etwas anders: Die Regierung verweist darauf, dass beispielsweise die deutsche Regelung zur geschlechtsspezifischen Verfolgung für die Betroffenen besser sei als das EU-Recht; sie sieht hier also keinen Handlungsbedarf. Bei der Bekämpfung von Kinderarmut sieht sie sich auf einem guten Weg. Und die Kritik des UN-Ausschusses an den restriktiven Vorgaben des Abtreibungsparagrafen 218 weist sie rundheraus zurück.

Der vollständige Bericht Deutschlands soll bis März 2020 fertig sein. Im ersten Halbjahr 2020 wird Berlin eine neue Liste mit kritischen Fragen erhalten, die die Grundlage für den neunten Staatenbericht werden sollen. Dem aktuellen Global Gender Gap Report des World Economic Forums (WEF) zufolge belegt Deutschland im internationalen Gleichberechtigungs-Vergleich den zehnten Platz – hinter Ländern wie Ruanda oder Spanien. Für das schlechte Abschneiden sind unter anderem der Gender-Pay-Gap (68. Platz) und die fehlende Machtbeteiligung in der Wirtschaft (89. Platz) verantwortlich".

18.12.2019 10:13
Wie Zalando Kollegenkonkurrenz und Mobbing anheizt
Man kann es drehen oder wenden wie man will. Doch das Mitarbeiter-Beurteilungssystem bei Zalando ist eine Anleitung zu innerbetrieblicher, aggressiver Konkurrenz und mitunter zu Mobbing. Der Unterschied zwischen Druck und Sklaventreiberei scheint nur gradueller Natur zu sein. So hält Zalando die Mitarbeiter zu ständiger Leistungssteigerung an, umgekehrt wird daraus eine ständige Lohnkürzung pro Stunde. Wer nach 2, 3, 5 oder 10 Jahren dann nicht marode und krank ist, dürfte ein Überlebender eines Fegefeuers sein oder selbst ein siegreicher Mit-Akteur im System. Menschenverachtend. Stephan Kaufmann, Redakteur der Frankfurter Rundschau, schreibt heute darüber:

„Zalando beurteilt seine Mitarbeiter. Das System dient nicht nur der Kontrolle, sondern ist Mittel einer permanenten Leistungssteigerung.
Der Online-Modehändler Zalando betreibt mittels der Software Zonar ein System zur Beurteilung der Leistung seiner Mitarbeiter, so fand kürzlich eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung heraus. Mit dieser Überwachungsmethode hat Zalando (aktueller Slogan: „Free to be“) viel Kritik auf sich gezogen: Das System verfüge über keine klaren Maßstäbe zu Beurteilung der Arbeitsleistung, heißt es. Laut Gewerkschaft Verdi führt es dazu, dass Leistung permanent kontrolliert und Löhne willkürlich festgelegt werden. Verdi-Vorstand Stefanie Nutzenberger warf dem Konzern vor, emotionalen Stress bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auszulösen und sie gegeneinander in Stellung zu bringen. Genau darin dürfte der Sinn von Zonar liegen. Es zeigt, wozu die Leistungskontrolle dient – und was heutzutage überhaupt unter „Leistung“ verstanden wird.
Zonar teilt die an der Bewertung teilnehmenden Mitarbeiter in verschiedene Leistungsstufen ein: schlechte (Low Performer), mittlere und gute (Top Performer). Letztere verdienen sich durch ihre Top Performance reale Lohnzuschläge. Bemerkenswert ist nun, wie Zalando die Leistung misst.

Der Konzern könnte schlicht drei Leistungsklassen festlegen. Zum Beispiel beim Schuhkartons packen nach dem Muster: Ein bis drei Kartons pro Minute packen ist „Low“, sechs bis acht Kartons ist mittel und darüber „Top“. Gemäß dieser Methode wäre es zumindest theoretisch möglich, dass alle Mitarbeiter durch vermehrte Anstrengung die Top-Performer-Kategorie erreichen. Genau das soll aber natürlich nicht sein.
Stattdessen beruht Zonar auf der Beurteilung der Leistung durch Kollegen und Vorgesetzte. Sie bewerten die Leistung der anderen – wie auch sonst? – durch einen gedanklichen Vergleich: Sie bilden aus der betrieblichen Praxis eine Durchschnittsleistung und bewerten ihre Kollegen danach, ob sie darunter oder darüber liegen. Daraus resultiert wie von selbst eine Einteilung in Schwach-, Mittel- und Hochleistungsfähige. „Top“ sind nach dieser Methode dann nicht jene, die viele Kartons packen, sondern jene, die mehr packen als alle anderen.

Man sieht: Das System findet nicht nur Leistungsunterschiede. Es will sie herstellen. Sein Zweck ist zunächst die Einteilung in Low und Top Performer mit entsprechenden Zuschlägen. Dadurch entsteht in der Folge für die Mitarbeiter ein Anreiz, überdurchschnittlich zu sein. Kommen sie dem nach und arbeiten härter, so setzt sich automatisch ein neuer – höherer – betrieblicher Leistungsdurchschnitt durch. Und um Zuschläge zu bekommen, muss man dann wieder darüber liegen. Letztlich dient dieses System also nicht allein der Kontrolle, sondern die Kontrolle ist Mittel einer permanenten Leistungssteigerung.
Damit folgt Zonar der Logik des Akkordlohns, also der Bezahlung nach produzierten Stücken pro Zeiteinheit. Auch hier wird der Anschein erweckt, es würde nach Leistung bezahlt. Ziel des Akkordlohns ist aber nicht die leistungsgerechte Bezahlung. Stattdessen soll die Leistung dauernd erhöht werden, indem das, was als durchschnittliches, normales Arbeitspensum gilt, sich durch die Konkurrenz der Arbeitnehmer dauernd erhöht. Daraus folgt der „Anreiz“ für jeden Mitarbeiter, mehr zu schaffen als die anderen und das bedeutet: heute mehr schaffen als gestern und morgen mehr als heute“.

Wie geschrieben: So hält Zalando die Mitarbeiter zu ständiger Leistungssteigerung an, umgekehrt wird daraus eine ständige Lohnkürzung pro Stunde. Wer nach 2, 3, 5 oder 10 Jahren dann nicht marode und krank ist, dürfte ein Überlebender eines Fegefeuers sein oder selbst ein siegreicher Mit-Akteur im System. Krass unfair.

12.12.2019 10:00
Fairness nur durch ein Gesetz möglich - freiwillig keine Fairness
Enttäuschendes Ergebnis einer Befragung zur Einhaltung von Menschenrechten der im Ausland tätigen deutschen Firmen. Firmen fordern Regulierung durch ein Gesetz.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wollen gemeinsam Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz erarbeiten, um gegen Kinderarbeit und Armutslöhne im Ausland vorzugehen. Das kündigten beide Minister gestern in Berlin an. Hintergrund sind erste Ergebnisse einer Befragung deutscher Firmen zur Einhaltung menschenrechtlicher Standards bei der Produktion im Ausland.

Nach Angaben von Müller wurden 3000 Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern gebeten, sich diesbezüglich selbst einzuschätzen. Lediglich 464 hätten die Fragebögen beantwortet und lediglich 20 Prozent erfüllten in der Selbsteinschätzung die Vorgaben.

Das belege, "Freiwilligkeit führt nicht zum Ziel", sagte Müller. Laut Heil wird es zwar noch eine weitere Befragung geben. In der Zwischenzeit würden die Ministerien aber die Eckpunkte erarbeiten. Wenn dann die Befragung bis Mai oder Juni kein deutlich besseres Ergebnis bringe, werde man in die Gesetzgebung gehen. Deutschland wolle faire Lieferketten zudem bei der europäischen Ratspräsidentschaft zum Thema machen.

Müller und Heil hatten vor knapp zwei Wochen bei einer gemeinsamen Reise nach Äthiopien ein Positionspapier zu dem Thema erarbeitet. Deutsche Firmen sollen demnach gegebenenfalls haften müssen, wenn sie mit ausländischen Partner zusammenarbeiten, die weder auf Menschenrechte achten, noch sittenwidrige Löhne zahlen oder sich an ökologische Mindeststandards halten.

Grundlage für die Pläne der Minister ist der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte aus dem Jahr 2016, der Folgendes vorsieht: Wenn weniger als die Hälfte der Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten bis 2020 der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht nicht nachkommen, wird "die Bundesregierung weitergehende Schritte bis hin zu gesetzlichen Maßnahmen prüfen", heißt es darin.

(mit Material der epd)

42 Unternehmen fordern von der Koalition Unterstützung für höhere Umweltstandards, darunter sind auch Tchibo, Nestlé oder Ritter Sport.

Selten fordern Unternehmen schärfere Gesetze, die ihre Geschäfte regulieren. Nun verlangen 42 Firmen, die Koalition möge Menschenrechten und Umweltschutz in ausländischen Zulieferfabriken mehr Geltung verschaffen, indem sie ein „Sorgfaltspflichten-Gesetz“ auf den Weg bringe. Darunter sind viele kleine Händler, die Fairtrade-Produkte anbieten, aber auch Nestlé, Kik, Ritter Sport, Tchibo und Hapag-Lloyd. Politisch ist ebenfalls Bewegung zu erkennen: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte an, einen „Gesetzentwurf zur Einhaltung von Standards in der globalen Produktion“ zu erarbeiten.
Freiwillig passiert wenig

„Die Erfahrung zeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen allein nicht ausreichen“, heißt es in der Erklärung der Unternehmen. „Es bedarf verbindlicher Sorgfaltspflichten, die von allen angemessen umgesetzt werden.“ Dabei geht es unter anderem um ausreichende Löhne, Gewerkschaftsfreiheit und Arbeitssicherheit in ausländischen Fabriken, die beispielsweise Textilien und Lebensmittel für hiesige Geschäfte herstellen. Anlässlich der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor 71 Jahren setzen sich auch Dutzende gesellschaftlicher Organisationen, darunter die christlichen Hilfswerke, für ein Lieferkettengesetz ein.

(aus: FR, 9.12.2019)

03.12.2019 11:25
Kommt das Gesetz für Fairness in Lieferketten?
"Kaffee oder Textilien aus Äthiopien, Lithium aus Argentinien, Kakao von der Elfenbeinküste - viele Produkte und Rohstoffe werden unter eigentlich unerträglichen Bedingungen hergestellt. Es geht um Niedrigstlöhne, um fehlenden Arbeitsschutz und die Verschmutzung der Umwelt. Die Bundesregierung will dagegen nun vorgehen - wahrscheinlich mit einem Gesetz". Rasmus Buchsteiner vom Redaktionsnetzwerk Deutschland informiert:

"Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bereiten ein Gesetz gegen Dumping, Ausbeutung und Umweltzerstörung in globalen Lieferketten vor. „Standards im sozialen und ökologischen Bereich umzusetzen - das geht“, sagte Müller bei einem Besuch in einer Textilfabrik in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. In Ländern wie Äthiopien werde eine Jeans für fünf Euro produziert. Existenzsichernde Löhne zu bezahlen, bedeute einen Euro mehr im Einkauf.

Arbeitsminister Heil setzt ebenfalls auf ein Gesetz. „An Verantwortung der deutschen Wirtschaft wird am Ende nichts vorbeigehen“, sagte der SPD-Politiker. „Wir brauchen Fairness in den Lieferketten.“ Das gilt für die Textilwirtschaft, die Kaffeeproduktion und für viele andere Wirtschaftszweige. Derzeit läuft eine Befragung von Unternehmen, mit der herausgefunden werden soll, ob und wie sie international anerkannte soziale und ökologische Mindeststandards in ihren Lieferketten sicherstellen. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen in der kommenden Woche vorliegen.

"Eine Pflicht zum Handeln"

Entwicklungsminister Müller geht davon aus, dass sie nicht zufriedenstellend sein werden. „Deshalb kommen wir jetzt an den Punkt, ein Lieferkettengesetz auf den Weg zu bringen“, so der CSU-Politiker. In einem Positionspapier, das die beiden Minister während ihrer Äthiopien-Reise vorstellten, wird eine Richtung für das mögliche Gesetz aufgezeigt. „Wir wollen eine Pflicht zum Handel, aber keine Übernahme von Garantien“, heißt es in dem Papier. Entscheidend für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht soll sein, dass Unternehmen „alles Erforderliche“ unternehmen, um Verletzungen von Mindeststandards zu verhindern.

„Es geht nicht darum, Mittelständler zu überfordern“, so Arbeitsminister Heil. „Wir werden da verhältnismäßige Möglichkeiten schaffen.“ Im Klartext könnte das heißen: Betriebe mit weniger als rund 500 Beschäftigten würden befreit von der Verpflichtung zur Einhaltung von Mindeststandards – etwa zu fairen Löhnen, Arbeitsschutz, zum Verzicht auf Kinderarbeit und zur Einhaltung ökologischer Standards. So denkt die Regierung nicht daran, von Handwerkern eine Garantie zu verlangen, dass von ihnen verwendete Kupferkabel ohne Ausbeutung von Arbeitnehmern hergestellt worden sind.

Größere Unternehmen müssten jedoch haften, allerdings sollen nach den Plänen der Bundesregierung „nur nachweisliche zurechenbare Handlungen“ zu einer Haftung führen. „Betroffene müssen ihr Recht besser geltend machen können“, heißt es in dem Ministeriumspapier außerdem.
Arbeits- und Entwicklungsministerium verweisen darauf, dass Produkte und Rohstoffe, die aus aller Welt nach Deutschland geliefert werden, zum Teil „unter untragbaren Arbeits- und Umweltbedingungen“ hergestellt würden. Als besonders problematische Beispiele werden in diesem Zusammenhang der Kakaoanbau in der Elfenbeinküste, die Palmölgewinnung in Indonesien, die Textilproduktion unter anderem in Bangladesch oder der Lithiumabbau in Argentinien genannt.

„Wichtig ist, dass wir unseren Wohlstand in Deutschland nicht auf Armut und Ausbeutung in anderen Ländern aufbauen“, sagte Arbeitsminister Heil. Das Thema Fairness in globalen Lieferketten werde die Bundesregierung während ihrer EU-Ratspräsidentschaft auch auf europäischer Ebene vorantreiben. In Großbritannien, Frankreich, den USA, Holland und Australien gibt es bereits gesetzliche Regelungen zur Durchsetzung von Produktionsstandards“.

"Redaktionsnetzwerk Deutschland informiert über die Planung des Lieferkettengesetzes"

21.11.2019 10:59
Nur 30 % der Verbraucher kaufen nachhaltig & fair
„Das wichtigste Thema ist ein existenzsicherndes Einkommen“, sagt Rewe-Manager Dirk Heim. Doch: „Ich kenne keinen Kaffee, der das gewährleistet“, gibt der Mann zu, der bei der bundesweit vertretenen Supermarkt-Kette Bereichsleiter für Nachhaltigkeit ist.

Der Satz fällt am 19.11.2019 auf dem „Forum Entwicklung“, das von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstaltet wird. Joachim Wille, Redakteur der Frankfurter Rundschau, schildert Verlauf, Argumente und Hintergrund:

„Kaffee, Tee, Kakao, Bananen – Standard-Produkte, die fast jeder im Supermarkt oder beim Discounter kauft. Kaum jemand, der das tut, ahnt, wie stark er damit die Lebenssituation der Kleinbauern und Landarbeiter mitbestimmt, die die Genussmittel und Früchte anbauen und ernten. „Das wichtigste Thema ist ein existenzsicherndes Einkommen“, sagt Rewe-Manager Dirk Heim. Doch: „Ich kenne keinen Kaffee, der das gewährleistet“, gibt der Mann zu, der bei der bundesweit vertretenen Supermarkt-Kette Bereichsleiter für Nachhaltigkeit ist. (…)

Gut findet Heim das, natürlich, nicht. Rewe arbeite daran, die Situation zu verbessern, berichtet er. Zum Beispiel in einem Projekt mit Kakaobauern in Westafrika für Fairtrade-Schokolade, die dadurch ein existenzsicherndes Einkommen erhalten sollen. Das würde den Menschen erlauben, sich gut zu ernähren, die Gesundheitsversorgung und Schule für die Kinder zu bezahlen und etwa Geld für Krisenzeiten zurückzulegen. Auch für Orangensaft gebe es ein solches Rewe-Projekt, berichtet Heim, nämlich in Brasilien. Die Bauern würden geschult, um ihre Löhne besser verhandeln und Pestizide sparsamer einsetzten zu können.

Allerdings räumt der Manager ein: Ein Unternehmen wie Rewe sei nicht in der Lage, so etwas für das gesamte Sortiment zu machen. Erstens wegen dessen Umfangs: „Wir haben noch 1000 Produkte vor uns.“ Und zweitens, „weil 70 Prozent der Kunden nach Preis kaufen“, wie Heim sagt, auch wenn sie in Umfragen angeben, nachhaltige Waren seien ihnen wichtig. Billigpreise und fair produzierte Lebensmittel – das beißt sich offenbar.
Wie kritisch die Lage ist, hat im vorigen Jahr ein Supermarkt- und Discounter-Test der Entwicklungsorganisation Oxfam gezeigt. Untersucht wurde, wie gut die Unternehmen darauf achten, dass bei der Produktion der bei ihnen verkauften Waren die Menschen-, Frauen- und Arbeitnehmerrechte eingehalten werden. Das ernüchternde Ergebnis: „Es gibt kaum ein Produkt ohne Menschenrechtsverletzungen“, so Oxfam-Referentin Franziska Humbert, die auf dem Forum mitdiskutiert. Die deutschen Unternehmen lagen dabei deutlich hinter der Konkurrenz etwa in den Niederlanden oder Großbritannien. Inzwischen bewege sich etwas, berichtet Humbert – „allerdings nur in Trippelschritten“. Bei Aldi gebe es inzwischen einen Menschenrechtsbeauftragten, und Rewe sei dabei, einen „Beschwerde-Mechanismus“ einzuführen.

Als großes Hemmnis sieht die Expertin jedoch die „Preispolitik“ der Einzelhandelskonzerne, die den Kampf um die Kunden vielfach mit Billigangeboten führen. Auch Nachhaltigkeits-Labels für Produkte wie die von UTZ oder Rainforest Alliance, die sich immer häufiger auf Kaffee, Schokolade und anderen Produkten finden, brächten wenig, sagte Humbert. Die Unternehmen dürften ihre Verantwortung nicht an solche Zertifizierungsorganisationen abschieben. Nötig sei ein „Lieferkettengesetz“, wie es derzeit hierzulande von Nichtregierungsorganisationen vehement gefordert wird. Es würde die Einzelhändler darauf verpflichten, auch im Ausland Menschenrechte und Umweltstandards zu achten, und Geschädigten ermöglichen, vor deutschen Gerichten gegen Verstöße zu klagen. Rewe-Manager Heim lässt an diesem Abend für ein solches Gesetz gewisse Sympathien erkennen.

GIZ-Expertin Maike Möllers spricht in dieser Debatte den Verbrauchern eine wichtige Rolle zu. Sie sollten sich vor dem Einkauf möglichst gut informieren. Die richtigen Produkte zu wählen, sei nämlich so „wichtig wie die Entscheidung an der Wahlurne“. Allerdings: „Sie können nur kaufen, was im Regal steht.“ Daher komme den Unternehmen die zentrale Rolle zu. „Sie müssen handeln.“
Möllers hält Nachhaltigkeitssiegel durchaus für wichtig, sie alleine reichten aber nicht. Die Einzelhändler müssten ihre eigenen Lieferketten selbst anschauen und verbessern. Zudem schlägt sie vor, das Dumpingpreis-Problem dadurch zu lösen, dass die Umwelt- und Sozialkosten in die Preise „internalisiert werden“, der Verbraucher also gar nicht in die Versuchung kommt, sich auf Kosten der armen Bauernfamilien in Entwicklungsländern schadlos zu halten – das freilich ist eine ferne Vision.

„Eine echte Drecksarbeit“

Sara Nuru fällt in der Diskussion die Rolle zu, alles zu erden. Die junge Schwarze mit äthiopischen Wurzeln, Model seit dem Gewinn von Heidi Klums Casting-Show GNTP 2009, aber auch Mit-Gründerin eines Kaffee-Start-ups in Berlin, weiß aus eigener Anschauung, wie das Lieblingsgetränk der Deutschen normalerweise produziert wird. „Das ist eine echte Drecksarbeit“, sagt sie, mit Jobs etwa von Tagelöhnern, oft auch Frauen, die im reichen Deutschland sicher niemand machen würde.
Nuru hat mit ihrer Schwester ein Unternehmen gegründet, das Kaffee aus einer äthiopischen Kooperative verkauft und dieser deutlich höhere Löhne ermöglicht – freilich auch zu deutlich höheren Preisen als im Supermarkt. „Man muss die Leute aufklären, wie normaler Kaffee entsteht“, dann seien sie auch bereit, mehr zu zahlen. „Die Nachfrage ist da.“ Doch auch Nuru glaubt, dass es alleine mit Freiwilligkeit nicht geht. Es müsse Gesetze geben, die Menschenrechte und Umwelt garantieren“.

"Joachim Wille (FR) über die Lieferkettenproblematik auf dem Forum Entwicklung"

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