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28.03.2020 14:47
Krasse Unfairness in der Corona-Krise durch Unternehmen
Spiegel Online meldet sich zum Vorgehen von Adidas, H&M, Deichmann und C&A kritisch zu Wort, eigene Belastungen auf Vermieter und Steuerzahler abzuwälzen, obwohl es den Firmen gut geht und gewaltige Rücklagen vorhanden sind:

"Für ihre Corona-Krisenpolitik erntet die Große Koalition aktuell viel Lob. Und tatsächlich ist die lange bräsig vor sich hin mäandernde Regierung von einer Gestaltungswut erfasst, die ihresgleichen sucht.

Das Anti-Corona-Gesetz ist durchdrungen vom guten Willen, Wirtschaft und Verbrauchern in einer außergewöhnlichen Phase beizuspringen. Und es ergänzt das ebenso einzigartige Hilfsprogramm der Regierung, die über ihre Förderbank KfW Unternehmen mit Krediten in unbegrenzter Höhe hilft.

Aber die Kollateralschäden dieser Politik werden bereits sichtbar, etwa am Beispiel Adidas. Der Sportartikelausrüster aus Herzogenaurach ist ein deutsches Vorzeigeunternehmen, untrennbar mit den sportlichen Erfolgen dieses Landes in der Nachkriegsgeschichte verwoben. Es hat einen Vorstandschef, Kasper Rorsted, der so erfolgreich, gutaussehend und nahbar daherkommt, wie es seine Kollegen in den anderen Dax-Konzernen wohl niemals hinkriegen werden.

Jetzt hat Rorsted angekündigt, „dass Adidas, wie viele andere Unternehmen auch, vorsorglich Mietzahlungen temporär aussetzt, wo unsere Läden geschlossen sind. Wir sind dazu mit den betreffenden Vermietern in engem Austausch. Das genaue Vorgehen hängt auch von der Rechtslage im jeweiligen Land ab.“

Wie viel Miete der Konzern damit spart, sagt der Konzern nicht. Das Aussetzen der Mietzahlungen gilt vorerst für April. Das muss aber nicht so bleiben, denn: "Wir werden (...) die Lage natürlich weiterhin aufmerksam beobachten und sofern erforderlich weitere Anpassungen vornehmen – und uns darüber hinaus an lokale behördliche Vorgaben halten, die zum Teil ja die Schließung von Einzelhandelsgeschäften vorsehen", wie Adidas weiter auf Anfrage mitteilt.

Adidas hätte viele Möglichkeiten, Geld zu sparen

Dieses Vorgehen, dem sich inzwischen andere Großfilialisten wie H&M und C&A angeschlossen haben, ist verwerflich und gefährlich. Verwerflich, weil Adidas geschäftlich vor Kraft strotzt und sich die Mietzahlungen trotz geschlossener Filialen leisten können müsste – auch wenn die Franken an sündteuren Edeladressen wie New Yorks 5th Avenue oder Hongkongs Causeway Bay zu Hause sind.

Per Ende 2019 setzte das Unternehmen 23,6 Milliarden Euro um, verdiente 2 Milliarden Euro und hielt satte 873?Millionen Euro Cash in der Kasse. Die Aktionäre sollen 3,85?Euro Dividende pro Aktie erhalten, 15 Prozent mehr als im Vorjahr und 38,9 Prozent des Gewinns. Und noch am 7. Januar und erneut am 11. März – also schon im Corona-Zeitalter - kündigte Adidas an, 2020 erneut Aktien im Wert von bis zu einer Milliarde Euro zurückzukaufen. Das muss man sich leisten können.

Adidas hätte also die Möglichkeit, seinen Vermietern trotz geschlossener Filialen weiterhin Mieten zu zahlen – man müsste nur auf die Cash-Reserven zurückgreifen, die Dividende kürzen oder den Aktienrückkauf aussetzen. Jeden Aktionär, der sich darüber beschwert, könnte der drahtige Rorsted mit einem verbalen Handkantenschlag niederstrecken. Das Corona-Argument macht‘s möglich.

Falls es Adidas tatsächlich so dreckig gehen sollte, dass die gestundeten Mietzahlungen dringend gebraucht werden, um Löhne und Pensionen zu zahlen – dann könnte sich der Konzern bei der KfW für einen Überbrückungskredit bewerben.

Davon ist freilich nicht auszugehen. Stattdessen entschließt sich sein Konzern, die Kosten der Pandemie an seine Vermieter weiterzureichen und diese womöglich ihrerseits in Not zu bringen. Damit setzt Adidas genau jene Krisenkette in Gang, die durch die staatlichen Hilfen eigentlich verhindert oder unterbrochen werden sollte. Und das Unternehmen kann sich dabei auch noch auf die Bundesregierung berufen.

Der Preis für derartige Aktionen wird für alle Beteiligten enorm sein. Und für Adidas nicht einmal wirtschaftlich sinnvoll: Schließlich muss der Konzern die Mieten wohl ja zu einem späteren Zeitpunkt nachzahlen. Aber wer weiß, welche finanzwirtschaftlichen Volten die Coronakrise noch macht.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht legt Adidas' Kassenwart die eingesparten Mieten ja so clever am Kapitalmarkt an – etwa in eigene Aktien –, dass die Rendite daraus höher ist als die Zinsen, die der Konzern begleichen muss, wenn er die April-Miete mit Verzug nachzahlt.

Das ist fraglos eine zynische Vermutung. Aber auch nicht weniger zynisch als das, was Adidas angekündigt hat".

Diese Firmen offenbaren eine krass unfaire Haltung und Vorgehensweisen in der Corona-Krise. Schwere Vergehen an der Fairness an einer Gesellschaft, die ihnen Aufstieg und große Einkommen bis hin zur Kapitalansammlung ermöglicht hat.

"Die Mietverweigerung als Missbrauch staatlicher Unterstützung"


17.03.2020 13:51
7 Gedanken in der Welt-Krise

1. Gesellschaften und Erde waren schon immer verletzlich. Doch nun führt die über Jahrtausende angehäufte Mängel- und Eingriffsliste zu einer Summe, die selbst die Menschheit kaum noch schultern kann. Wer das bisher nicht wusste oder fühlte, war gut im Verdrängen, aber nicht in Umkehr und Veränderung. Der Klimawandel ist im Vergleich zur explosiven Corona-Pandemie eine langsame ‚Auszahlung‘ der angesammelten Schadpraxis des Menschen so wie der langsame Hautkrebs bei zu lange, über Jahre angesammelten Sonnenschäden.

2. Mein Grundvertrauen in eine verlässliche Realität ist (noch) nicht dahin. Wir fallen alle in Gottes Hand. Dazu muss man überhaupt erstmal fallen. Bislang trifft es nur sehr wenige, aber viel, viel mehr sind von Hunger, Durst, Elend, Krieg, Ebola, Malaria und Gruppe betroffen. Ist uns aber nicht so nah oder gut verdrängt. Die Realität war nie anders, nur der Realitätsglaube.

3. Katastrophisches Denken ist eher eine psychologische Sichtweise und sucht sich dann die Gründe bzw. konstruiert sich die Gründe dafür wie es Dystonien tun. Das Ende der Welt hat noch Zeit.

4. Wenn nur Ökonomie und Konkurrenz die Menschheit und die Gesellschaften zusammenhält – was ja in sich schon ein Widerspruch ist, dann gibt es nichts zu wundern, wenn im Krisenfall diese beiden Treiber nicht mehr tragen. Pushfaktoren sind keine Stabilisatoren.

5. Nach der Corona-Pandemie wird es sein wie vorher. Echte Lerneffekte der Gesellschaften sind sehr selten; selbst nach der Pest nicht, kaum nach Tschernobyl und Fukushima, nur wenige Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg – wie wir heute an Nationalismen leicht erkennen. Menschheit lernt nicht, nur einzelne Menschen lernen und können sich ändern. Nicht nur die westliche Lebensweise ist in Frage gestellt, auch die chinesische, die indische, die iranische, die … usw.

6. Die Zeiten, in denen neoliberale Meinungsführer den Staat im Badewannenabfluss zum Verschwinden bringen wollten, sind endgültig vorbei. Das ist gut so. Allerdings auf der Kehrseite: Die Staaten finden zu keinem wirklichen Miteinander; das Gegeneinander geht leichter und wird von Wählern meistens belohnt. Bei Autokraten und Diktatoren belohnt oft der Rohstoffhandel (Russland, Saudi Arabien usw.).

7. Über die wirklichen Folgen der jetzigen Situation kann man nur spekulieren. Bringt aber nicht wirklich weiter. Was unterm Strich steht, können wir vielleicht in einem Jahr analysieren und bewerten. Bis dahin bleibt Hoffnung: nicht, dass alles wieder so wird wie vorher und immer, sondern dass aus Konkurrenz mehr Kooperation und aus Ökonomie mehr Ökologie wird.

"Unser gesamtes Wirtschaftsleben ist eine fragiles Konstrukt", sagte Angela Merkel am 11. März 2020

12.03.2020 10:55
“Unser gesamtes Wirtschaftsleben ist ein fragiles Konstrukt.”
sagt Angela Merkel, Bundeskanzlerin,am 11.3.2020

07.03.2020 10:08
Rohstoffe fairer nutzen: Jeder kann beitragen
Eine Expertenrunde diskutierte in Frankfurt am Main über Wege zu nachhaltigeren Smartphones. Ein Bericht von Joachim Wille (FR):

„Deutsche Schubladen sind eine Rohstoffquelle, nur: Kaum einer nutzt sie. Dort liegen nach Expertenschätzung über 120 Millionen alte Handys, die nicht mehr genutzt werden. Pro Haushalt sind es im Schnitt es drei bis fünf Geräte. Wertvolle Metalle und Mineralien finden sich darin, darunter 2,9 Tonnen Gold, 1100 Tonnen Kupfer sowie Stoffe wie Coltan, Kobalt und Palladium. Recycling oder Rückgabe an den Hersteller, so wie in anderen Ländern üblich, etwa Großbritannien oder den Niederlanden – meist Fehlanzeige. „Wir Deutsche haben ein mangelndes Ressourcenbewusstsein“, urteilt Cornelia Szyszkowitz, Nachhaltigkeitsmanagerin bei der Deutschen Telekom.

Das Bewusstsein zu schärfen war Ziel der neuesten Ausgabe des „Forum Entwicklung“, einer Diskussionsserie, die Frankfurter Rundschau, hr-info und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Entwicklung (GIZ) veranstalten. „Smartphone ohne Schattenseiten?“ lautete der Titel des Abends, der passenderweise im Frankfurter Museum für Kommunikation stattfand. Die Zahlen, die das Problem umreißen: Rund 24 Millionen Smartphones werden in Deutschland pro Jahr verkauft, und 60 Prozent der Nutzer tauschen es nach nur einem Jahr bereits wieder gegen ein neues, moderneres Modell aus. In jedem Gerät stecken rund 60 Mineralien, von denen eine ganze Reihe „Konfliktmineralien“ sind, Rohstoffe, die aus Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo stammen und dort oft unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut werden.

Auch einen großen Netzbetreiber wie die Telekom treibt das Thema um. Szyszkowitz hat in dem Unternehmen ein Handy-Rücknahmeprogramm aufgebaut und durchgesetzt, dass inzwischen auch generalüberholte Geräte („refurbished“) angeboten werden sowie das „Fairphone“, das als nachhaltige Alternative zur Apple, Samsung und Co. gilt. Als anzustrebende Ziele nannte sie: Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit. Doch sie räumte ein: „Das ist noch weit weg vom Mainstream.“
Unter welch verheerenden Bedingungen die Rohstoffe vielfach gewonnen werden, machte in der Diskussion die Koordinatorin des Ökumenischen Netzwerks Zentralafrika, Gesine Ames, deutlich. Beispiel Kongo, wo Coltan und Co. zum großen Teil aus Kleinminen stammen: „Es gibt keinen geregelter Arbeitstag für die Minenarbeiter, eine hohe Unfallgefahr, und oft werden Kinder eingesetzt.“ Hier herrsche immer noch „Alarmstufe rot“. Trotzdem sei ein Boykott von Rohstoffen aus dem Kongo, die ein Fünftel zur Wirtschaftleistung des Landes beitragen, der falsche Weg. Dann breche für viele die Lebensgrundlage weg. „Nötig ist eine gerechte Rohstoffpolitik“, sagte Ames – ein Job für die Staaten, in denen Smartphones produziert werden. Eine Chance biete hier das in Deutschland debattierte Lieferkettengesetz.

GIZ-Experte Stefan Bauchowitz betonte: Ein Rückzug aus Ländern wie dem Kongo ist unsinnig. So seien allein im Süden des Landes bis zu 200 000 Menschen auf die Einkünfte aus dem Bergbau angewiesen. Ziel der GIZ-Arbeit vor Ort ist es daher, Hilfestellung zur Umsetzung internationaler Standards zu Menschen- und Arbeitsrechten sowie Umweltschutz zu geben. Die Entwicklungsorganisation schult lokale Bergbau-Kooperativen, zum Beispiel in Sicherheitsfragen, unterstützt die Erarbeitung einer nationalen Strategie gegen Kinderarbeit im Bergbausektor, begleitet die Zertifizierung von Minen, damit sichergestellt ist, dass es dort keine schweren Menschenrechtsverstöße und in ihrem Umfeld keine bewaffneten Gruppen gibt, die sich mit dem Rohstoffverkauf finanzieren. Handy-Materialien von dort sind zumindest „fairer“ als andere.
Nur zertifizierte Rohstoffe zu nutzen, reicht natürlich nicht.

Dass Hersteller tatsächlich viel mehr tun können, machte in der Diskussion Carsten Waldeck deutlich, der Co-Geschäftsführer und Mitgründer des alternativen Smartphone-Herstellers „Shift“ aus dem nordhessischen Falkenberg. Das per Crowdfunding finanzierte Familienunternehmen entwickelt, baut und verkauft modular designte Geräte. Deren Kennzeichen: langlebig, leicht reparierbar, Bauteile wie Akku, Display und Kamera vom Nutzer austauschbar, viele Jahre lang Software-Aktualisierung garantiert. Die Arbeiter, die die Smartphones in China produzieren, bekämen „faire Löhne“ und hätten bessere Arbeitsbedingungen als vielerorts in Deutschland. Das Credo der Firma laut Waldeck: „So viel Gutes tun, wie wir können, und keinen Schaden anrichten.“
Das Unternehmen aus dem „Silicon Valley in hessisch Sibirien“ (Moderator Tobias Schwab) hat 2019 laut Waldeck bereits 50 000 „Shiftphones“ verkauft, noch wenig im Vergleich zu den Großen im Geschäft, aber doch wegweisend. Chinesische Hersteller hätten bereits Entwicklungen von Shift kopiert. Das sei auch gewollt, sagte Waldeck, „unsere Technik ist frei verfügbar, wir haben keine Patente beantragt“.

Ein wenig hat die Veranstaltung in Frankfurt übrigens dazu beigetragen, dass die Rohstoffquelle Schublade genutzt wurde. Teilnehmer konnten alte Handys mitbringen, die nun recycelt werden. Es kamen immerhin rund 100 Geräte zusammen“.

Quelle: Frankfurter Rundschau 7. März 2020, S. 17

25.02.2020 11:40
Lieferkettengesetz für mehr Fairness jetzt
Barbara Küppers, Kinderrechtsexpertin von Terre des Hommes, setzt sich für eine EU weite Regelung der Lieferketten ein. Den Verbrauchern allein kann es nicht weiter überlassen bleiben, ob faire und soziale Standards Beachtung finden. Hier ist der Staat gefragt. Aber er lässt sich sehr viel Zeit und wird durch Lobbyisten in Parteien und Ministerien kräftig aufgehalten und irritiert. Küppers schreibt:

„Für die Verwirklichung von Menschenrechten und Umweltschutz sind nationale Regierungen zuständig. Sie sind gehalten, gesetzliche Mindestlöhne festzulegen, von denen die Menschen leben können. Sie müssen in ihrem Land Kinder vor Ausbeutung schützen und Umweltauflagen durchsetzen.

Verantwortlich sind allerdings auch die, die ausnutzen, dass grundlegende Arbeitsrechte und Umweltstandards in einem Land nicht eingehalten werden, und damit profitable Geschäfte machen. Dass Unternehmen verantwortlich handeln, ist Grundlage sozialer Marktwirtschaft und festgelegt in den Leitlinien der OECD und der Vereinten Nationen.

Ob Firmen sich daranhalten, liegt aber noch immer viel zu sehr in ihrem eigenen Ermessen. Bisher sind es Menschenrechtsorganisationen, Umweltschützer oder Journalisten, die Missstände aufdecken und Verantwortliche benennen. Bisher müssen schreckliche Unglücke geschehen, bevor sich Branchen bewegen, wie etwa der Einsturz der Näherei Rana Plaza in Bangladesch.

Bürgerinnen und Bürger hierzulande reagieren seit Jahren: Sie ermöglichen mit ihrer Kaufentscheidung fairen Handel und Sozialsiegel gegen Kinderarbeit. Auch einige namhafte Unternehmen wie Adidas und Otto, C&A und Tchibo haben Standards und Verfahren für Menschenrechte und Umweltschutz entwickelt, ebenso Biobetriebe wie Hess Natur und familiengeführte Mittelständler wie Vaude. Internationale Rankings bestätigen, dass ihre Maßnahmen wirken.

Zu viele Unternehmen ducken sich weg oder geben ihrem Geschäft nur einen grünen Anstrich. Terre des Hommes fordert als Teil der Initiative Lieferkettengesetz, eines Zusammenschlusses von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, kirchlichen Verbänden und Gewerkschaften, einen fairen und starken rechtlichen Rahmen. Während Arbeitgeberverbände, so BDA-Präsident Ingo Kramer, Unternehmer „bereits mit einem Bein im Gefängnis“ sehen, fordern Tchibo, Otto, der Discounter Lidl und die Bekleidungskette Kik einen rechtlichen Rahmen und gleiches Recht für alle.

Ein Lieferkettengesetz würde Firmen verpflichten, sorgfältig zu prüfen, ob es bei der Herstellung ihrer Produkte Risiken für Mensch und Natur gibt: Wird Baumwolle in Sklavenarbeit gesponnen, wie etwa in Tamil Nadu, einem der größten Textilstandorte der Welt? Werden unter Naturschutz stehende Wälder abgeholzt für Palmölplantagen, wie in Guatemala und Indonesien? Werden Arbeiterinnen erschossen, die sich für Arbeitsschutz und bessere Löhne engagieren, wie in Südafrika oder Kambodscha? Schürfen Kinder Mineralien, wie etwa in Indien und Madagaskar?

Alle international tätigen großen Unternehmen und auch solche mittlerer Größe in riskanten Branchen wie Textilien, Bergbau oder Chemie müssten zunächst die eigene Lieferkette von der Rohstoffgewinnung bis zum Endprodukt genau überprüfen. In der Realität ist solche Transparenz eine Herausforderung, denn bei vielen Produkten sind Dutzende oder sogar Hunderte Zulieferer in vielen Ländern beteiligt. Dass Transparenz machbar ist, zeigen einige Unternehmen schon heute.
Ein Lieferkettengesetz würde Firmen verpflichten, Risiken mit angemessenen eigenen Aktivitäten auszuschließen. Was „angemessen“ ist, hängt nicht nur davon ab, wie schwer ein Verstoß gegen die Arbeitsrechte oder den Umweltschutz ist, sondern auch von der Größe und Einkaufsmacht. Man wird reden müssen bevor Verträge geschlossen werden: mit Menschenrechts- und Umweltorganisationen vor Ort, mit Gewerkschaften und mit den betroffenen Menschen, die viel zu oft keine Lobby haben.

Natürlich wird es darauf ankommen, wie ambitioniert das Gesetz formuliert wird. Es wird darauf ankommen, wie die Stelle ausgestattet ist, die Unternehmensberichte prüft. Die politische Auseinandersetzung im Kabinett und im Bundestag wird sich um die Frage drehen, was genau eine „angemessene Gegenmaßnahme“ ist.

Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen werden mit Wirtschaftsverbänden um Millimeter ringen.
Dabei scheint es eine Koalition der Vernünftigen zu geben: Unternehmen, die verantwortlich handeln wollen. Das Bündnis für ein Lieferkettengesetz, das Augenmaß bewahrt, damit das Gesetz in der komplexen Realität funktionieren kann. Und schließlich die von SPD und CSU geführten Arbeits- oder Entwicklungshilfeministerien, die in diesen Tagen Eckpunkte für ein Sorgfaltspflichtengesetz vorlegen werden.
Es muss gelingen. Denn die, die unter unwürdigen Bedingungen für den Weltmarkt schuften, brauchen dringend bessere Arbeitsbedingungen. Und ja: Eine europaweite Regelung wäre noch besser. Dafür könnte sich die Bundesregierung einsetzen, wenn sie im Juli die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt“.

20.02.2020 09:41
Google sabotiert frei unabhängige Reparaturbetriebe
Google benachteiligt systematisch unabhängige Reparaturbetriebe. Das bedroht nicht nur Existenzen sondern auch die Umwelt. Und die Politik? Tut nichts. Schreibt Christina Ax vom Runden Tisch Reparatur in Berlin in der heutigen Frankfurter Rundschau:

„Seit Mitte vergangenen Jahres maßt sich Google an, die Anzeigen freier Reparaturwerkstätten abzuschalten. Hersteller und ihre autorisierten Werkstätten haben dieses Problem nicht. Google behauptet dies sei im Interesse der Verbraucher, weil es unter den Werkstätten schwarze Schafe gebe. Ein mehr als fadenscheiniges Argument, angesichts der vielen Meisterbetriebe, die betroffen sind.

Wegen der marktbeherrschenden Stellung von Google ist das für die Betriebe zum Teil existenzbedrohend. Es gibt keine vergleichbaren Werbeplattformen mit ähnlicher Reichweite.

Schade, dass sich in Deutschland bisher keine Politiker dieser Sache angenommen haben. Dass weder der Wirtschaftsminister noch die FDP den Versuch unternehmen, Google zu stoppen. Sie akzeptieren stillschweigend, dass nicht mehr „der Markt“ sondern Google Angebot und Nachfrage reguliert und darüber entscheidet, wer seine Dienstleistungen in Zukunft noch anbieten darf. In Frankreich dagegen wurde Google vor einigen Wochen von der Wettbewerbsbehörde für ein ähnliches Verhalten mit 150 Millionen Euro Strafe belegt.

Der Hilferuf unabhängiger deutscher Reparaturbetriebe, der vor einiger Zeit an das Kartellamt geschickt und vom Runden Tisch Reparatur in Berlin unterstützt wurde, hat auch keine Wirkung gezeigt. In diesem Fall ging es darum, dass viele unabhängige Werkstätten von wichtigen Herstellern gar nicht oder nur zu überteuerten Preisen mit Ersatzteilen beliefert werden.

Das deutsche Kartellrecht erweist sich als stumpfes Schwert, wenn es darum geht, faire Rahmenbedingungen am Markt zu schaffen oder zu verteidigen. Kein gutes Zeugnis für die Hüter der freien Marktwirtschaft in der Berliner Politik.
Das ist deshalb besonders ärgerlich, weil die Forderung nach einem Recht auf Reparatur auf immer mehr Unterstützer stößt.

Selbst der Green Deal der EU unterstreicht die Bedeutung der Reparatur und längeren Nutzung von Produkten. Doch was nutzt das, wenn die Zahl der Unternehmen mit dem entsprechenden Know-How wegen des Machtmissbrauchs von Google und den großen Herstellern immer weiter schrumpft. Man gewinnt den Eindruck, dass das Kartell der Konzerne vor nichts zurückschreckt, um in Zukunft alleine darüber entscheiden zu können, ob und was repariert werden darf – und von wem“.

Christine Ax ist Ökonomin und Philosophin sowie Vorständin des Runden Tisches Reparatur (www.runder-tisch-reparatur.de)

13.02.2020 10:59
Wenn der Job krank macht: Wird die Anerkennung von Berufskrankheiten fairer?
Arbeitnehmer in Deutschland im europäischen Vergleich eher schlecht da. Das Bundesarbeitsministerium von Hubertus Heil (SPD) hat jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Anerkennung und Entschädigung von Berufskrankheiten neu regeln soll. Journalist Christian Burmeister schreibt dazu in der Frankfurter Rundschau:

"Doch vielen geht dieser nicht weit genug.
Ob die Pflegerin mit Bandscheibenvorfall, der Dachdecker mit Knieproblemen oder die Friseurin mit Hautkrankheiten aufgrund von ständigem Chemikalienkontakt: Jedes Jahr zeigen laut dem Dachverband der Berufsgenossenschaften etwa 75 000 Menschen eine berufsbedingte Erkrankung an. Aber nur gut ein Viertel der Fälle wird anerkannt und entsprechend entschädigt. Rund 2500 Menschen sterben jährlich sogar an den Folgen einer Berufskrankheit – fast so viele wie im Straßenverkehr.

In Deutschland werden von den Unfallversicherungen pro hunderttausend Erwerbstätigen nur 85-mal Berufskrankheiten anerkannt. In Italien liegt die Quote bei 86, in Dänemark bei 149, in Spanien bei 192 und in Frankreich sogar bei 426. Das berichtet das Portal Buzzfeed unter Berufung auf französische Studien. Allerdings: Eine Anerkennung hat in den verschiedenen Ländern auch verschiedene finanzielle und arbeitsrechtliche Folgen.

Das neue Gesetz von Heil sieht nun mehrere Maßnahmen vor:
So soll der Sachverständigenrat personell und finanziell aufgestockt werden. Dieser entscheidet über die Aufnahme von Berufskrankheiten in den Katalog der Versicherer, arbeitet nach Ansicht von Experten aber viel zu langsam. Das Gesetz sieht auch eine Abschaffung des sogenannten Unterlassungszwangs vor. Dieser schloss bisher für neun Krankheiten (zum Beispiel Rückenschmerzen) Entschädigungen aus, wenn Arbeitnehmer trotz ihrer Krankheit weiterhin berufstätig waren. „Das soll die Voraussetzungen schaffen, damit erkrankte Arbeitnehmer die Arbeit reduzieren oder beenden können, bevor womöglich eine endgültige Arbeitsunfähigkeit festgestellt wird“, sagt Beate Müller-Gemmeke, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Der Politikerin geht das Gesetz aber nicht weit genug. Dabei weiß sie sich mit der Linkspartei und den 16 Bundesländern einig. Sie alle fordern von Heil zum einen eine Härtefallregelung. Müller-Gemmeke: „Manche Berufskrankheiten sind extrem selten und nicht als solche anerkannt. Auch hierfür braucht es zumindest eine Grundlage, damit diesen Menschen geholfen werden kann.“ Außerdem fordern die Länder eine „Beweislasterleichterung“.

Hintergrund: Arbeitnehmer haben es bisher oft schwer, die nötigen Belege für den Grund ihrer arbeitsbedingten Erkrankung zu beschaffen – beispielsweise wenn ein Arbeitgeber seiner Dokumentationspflicht beim Umgang mit Schadstoffen nicht nachgekommen ist oder schon seit Jahren nicht mehr existiert. „In solchen Fällen sollten auch Plausiblitätsnachweise genügen“, fordert Müller-Gemmeke.

Der Bundesrat will am Freitag einen entsprechenden Änderungsantrag für das Gesetz beschließen und anschließend mit der Bundesregierung über entsprechende Nachbesserungen verhandeln. Ausgang offen".

05.02.2020 09:08
Amazon droht Mitarbeitern mit Entlassung
Hunderte Mitarbeiter kritisieren Amazons Klimapolitik. Sie fordern von Amazon mehr Einsatz für den Klimaschutz - und riskieren damit ihre Jobs. Eine Richtlinie verbietet Mitarbeitern öffentliche Kritik an Unternehmensentscheidungen. Eigentlich ist Amazons Mitarbeitern öffentliche Kritik am Unternehmen untersagt.

Eine Gruppe von 357 Angestellten hält sich jedoch nicht daran: In einem Blog-Eintrag von diesem Sonntag kritisieren die Amazon Employees for Climate Justice (AECJ, Amazon-Angestellte für Klimagerechtigkeit) die Klimaziele des Internetkonzerns als unzureichend. Sie rufen Amazon auf, deutlich ambitioniertere Ziele im Kampf gegen den Klimawandel zu setzen als bisher.

Im September vergangenen Jahres hatte Konzernchef Jeff Bezos mitgeteilt, sein Unternehmen wolle beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einnehmen und bis zum Jahr 2040 CO2-neutral werden. AECJ fordert nun, dieses Ziel auf 2030 vorzuziehen.

"Als Amazon-Mitarbeiter sind wir nicht nur für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich, sondern auch für seine Auswirkungen", sagte Softwareentwicklerin Sarah Tracy. "Es ist unsere moralische Pflicht, uns dafür einzusetzen, und die Änderungen der Kommunikationsregeln halten uns davon ab, dieser Verantwortung nachzukommen."

Tracy und ihre Kollegen unterschrieben den Blogeintrag mit Namen und Job-Titel, obwohl der Konzern ihnen vor Kurzem per Brief mit der Entlassung gedroht hatte, wenn sie weiterhin Kritik öffentlich äußerten. Bereits im vergangenen Jahr hatten mehr als 8000 Beschäftigte einen offenen Brief an Konzernchef Bezos unterzeichnet. Darin forderten sie, dass Amazon seine CO2-Emissionen senkt und seinen Einsatz fossiler Energien beendet.
Amazon ist mit knapp 650.000 Mitarbeitern, so der neueste Stand von 2018, der weltgrößte Internethändler. Der Konzern wird unter anderem für die Belastungen seiner Paketlieferungen für das Klima kritisiert. Amazon nutzt fossile Brennstoffe, um seine Pakete in Flugzeugen und Lkw um die Welt zu transportieren. Der Konzern hat zudem einen gewaltigen Strombedarf, weil er für seine lukrativen Clouddienste große Datenzentren betreibt. In der Kritik steht auch, dass Amazon Anwendungen zu künstlicher Intelligenz (KI) an Firmen aus dem Ölsektor verkaufe.
Amazon will bis 2030 nur noch erneuerbare Energien einsetzen

Amazon teilte nach der erneuten Kritik mit, dass es neben seinem Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, auch bis 2030 zu 100 Prozent erneuerbare Energien einsetzen wolle. Auf die Vorwürfe zu den externen Kommunikationsrichtlinien entgegnete der Konzern, dass diese nicht neu seien, für alle Angestellten gleichermaßen gelten und denen anderer großer Firmen ähnelten.
Tatsächlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen ihren Beschäftigten auferlegen, sich öffentlich mit Kritik an Unternehmensentscheidungen zurückzuhalten.

Die Zeitung "Washington Post", die Amazon-Chef Bezos gehört, zitierte in einem Artikel Amazon-Sprecher Drew Herdener mit den Worten, dass Amazon-Angestellte ermutigt würden, ihre Kritik stattdessen auf internen Plattformen zu äußern. Maulkorb nach außen, aber nicht nach innen? Schwer zu glauben.

Jedenfalls kann das 1 Billion teure Unternehmen laut Börsenwert sicher eine deutlich nachhaltige Klimapolitik betreiben. Doch durch das neue Angebot, Waren just in time innerhalb von 24 Stunden nach der Bestellung auszuliefern, hat 150 Millionen Kunden dieses Prime-Abonnement annehmen lassen. Was zu erhöhtem Lieferverkehr mit entsprechenden CO2-Abgasen und Schadstoffen führt.

mit Material von afp vom 27.1.2020

28.01.2020 12:12
Billigfleisch ist Unfairness gegen Tier, Mensch und Umwelt
Der ganz überwiegende Teil des von den großen Supermarktketten angebotenen Frischfleischs stamm laut Greenpeace von Tieren aus klimaschädlicher und tierschutzwidriger Haltung.

Dies habe eine Abfrage bei neun führenden deutschen Lebensmittelanbietern ergeben, teilte die Umweltorganisation am Samstag, den 26.1.2020, in Hamburg mit. Demnach seien 88 Prozent des Fleischs im Handel mit den Haltungsformen 1 oder 2 gekennzeichnet.

Laut freiwilliger Kennzeichnung des Handels entspricht die erste Haltungsform «Stallhaltung» lediglich den gesetzlichen Mindestanforderungen. Fleisch, das mit der Stufe 2 - «Stallhaltung plus» - gekennzeichnet ist, sichert Tieren unter anderem mindestens zehn Prozent mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial.
Tiere aus diesen Haltungsformen würden «unter qualvollen und häufig gesetzeswidrigen Bedingungen» gehalten. «Es ist erschreckend, wie viel Tierleid noch immer im Sortiment der Supermärkte steckt», sagte Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin von Greenpeace.

Billigfleisch schade Umwelt, Klima und Gesundheit. Der Handel müsse dieses Fleisch aus den Regalen nehmen.

Oft werden sehr niedrige Preise für Fleisch von Discounter und Supermärkten aufgerufen, um damit Kunden zu ködern und ins Geschäft zu locken. Wer Fleischqualität kaufen will, halte sich an die Siegel Bioland, Naturland und Demeter. Wer nicht, verzichte lieber, denn er tut sich selbst mit dem billig produzierten Fleisch aus Massentierhaltung keinen Gefallen.

25.01.2020 16:24
Krasses Fairness-Versagen bei #H&M
Wie Fairness-Stiftung und im Fairness-Check beizeiten berichtet hatte, bestätigt sich nun, dass die Kundenservice-Mitarbeiter von H&M ausgeforscht wurden. FAZ und Spiegel berichten auf der Basis der Nachrichtenagentur Reuter:

"Dem Modehändler H&M werden massive Verstöße gegen die Datenschutzrechte von Mitarbeitern seines Kundenzentrums vorgeworfen. Nun droht dem Unternehmen ein Bußgeld. Gegen Hennes & Mauritz (H&M) ist nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Bußgeldverfahren wegen des Verdachts der Ausforschung von Mitarbeitern eingeleitet worden. Der Verdacht massiver Verstöße gegen Datenschutzrechte des Personals habe sich erhärtet, erklärte demnach der Landesdatenschutzbeauftragte in Hamburg, Johannes Caspar, dessen Behörde sich mit dem Fall befasst. Caspar ist für die schwedische Modekette zuständig, weil sie ihren Deutschlandsitz in der Hansestadt hat.

Bei den Vorwürfen gehe es Caspars Behörde zufolge um "umfassende Aufzeichnungen über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", schreibt die "FAZ". So seien "detaillierte und systematische Aufzeichnungen von Vorgesetzten über ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" entdeckt worden: "Es handelt sich dabei auch um Gesundheitsdaten der Betroffenen, von der Blasenschwäche bis zur Krebserkrankung, sowie um Daten von Personen aus deren sozialen Umfeld wie etwa familiäre Streitigkeiten, Todesfälle oder Urlaubserlebnisse."
https://www.fairness-check.de/HM-im-Fairness-Check.aspx

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