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07.05.2026 09:04
SPD, Grüne und Linke haben X (früher Twitter) verlassen. Warum?
"Der Kampf der Medienmassen. Der Auszug aus X ist keine Flucht. Er ist ein Streit um mediale Gewaltenteilung. Der Rückzug mehrerer deutscher Parteien von X ist mehr als eine Social-Media-Entscheidung. Es geht nicht darum, ob Politiker lieber auf Bluesky, Mastodon, Instagram, TikTok oder in Podcasts auftreten. Es geht um die Frage, wer jene Öffentlichkeit kontrolliert, in der Demokratien ihre Zukunft verhandeln. Und damit geht es um den Übergang von Massenmedien zu Medienmassen.

Die demokratische Öffentlichkeit war de facto seit ihrer Entstehung von Massenmedien geprägt: Redaktionen, Sender und Verlage sprachen zu einem Publikum, wenige sprachen zu vielen. Diese Ordnung hatte ihre eigenen Probleme: Gatekeeping, politische Nähe, ökonomische Abhängigkeiten, blinde Flecken. Aber sie hatte auch erkennbare Verantwortlichkeiten. Es gab Redaktionen, Chefredaktionen, Presserecht, journalistische Standards, Gegendarstellungen, Medienkritik. Macht war konzentriert, aber sie war sichtbar. Unterm Strich haben sich die westlichen Demokratien erfolgreich entwickelt, also hat diese journalistisch geprägte Öffentlichkeit ihre Aufgabe erfüllt.

Mit Blogs, Social Media, YouTube, Podcast-Plattformen und Newslettern wurde diese Ordnung aufgebrochen. Plötzlich konnten nicht mehr nur Medienhäuser senden, sondern alle. Einzelne Blogger:innen können Themen setzen. Podcaster können eigene Öffentlichkeiten aufbauen. Aus Massenmedien wurden Medienmassen.

Politiker können direkt mit Bürgern kommunizieren, und zwar nicht nur in persönlichen Gesprächen, sondern mit eigenen Medien. Ich hatte als Europaabgeordneter 70.000 follower auf twitter/X. Ich konnte so öffentliche Themen setzen. „Die Zeit“ schrieb damals: „Das smartphone ist seine Waffe.“ Aber Aktivisten, Wissenschaftler, Journalisten, Experten stehen technisch auf derselben Seite der neuen Infrastruktur wie Autoritäre, Fundamentalisten und Verschwörungsideologen. Sie können mit geringstem Aufwand eigene Sender, eigene Verlage, eigene Redaktionen aufbauen oder brauchen das alles gar nicht mehr.

Das ist ein Fortschritt, aber kein Endzustand. Denn die entscheidende Macht verschwand nicht. Sie wanderte. Früher lag sie beim Zugang zum Senden. Heute liegt sie beim Zugang zur Sichtbarkeit. Veröffentlichen können fast alle. Gesehen werden nicht. Die Knappheit liegt nicht mehr beim Senden, sondern beim Empfangen. Niemand kann alles lesen, hören und sehen. Also wird gefiltert. Und wer filtert, hat Macht.

Genau deshalb ist X kein beliebiger Kommunikationskanal mehr. Wenn SPD, Grüne und Linke X verlassen, dann tun sie das nicht, weil ihnen dort widersprochen wird. Demokratische Parteien müssen Widerspruch aushalten. Sie tun es, weil die Plattform aus ihrer Sicht kein verlässlicher Ort demokratischer Öffentlichkeit mehr ist: zu viel Desinformation, zu viel Hassrede, zu viel extremistische Verstärkung, zu wenig Moderation, zu viel politische Einflussnahme durch den Eigentümer selbst. Wenn Elon Musk offen die AfD unterstützt, rechte Accounts verstärkt und zugleich die Infrastruktur kontrolliert, auf der politische Sichtbarkeit entsteht, dann ist das kein normales Meinungsspektrum mehr. Dann verschmilzt Plattformmacht mit politischer Macht.

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Musk eine politische Meinung hat. Die darf er haben. Der entscheidende Punkt ist, dass er zugleich Eigentümer der Oberfläche, Herr über die Regeln und dominanter Akteur im Aufmerksamkeitsraum ist. Er besitzt die Bühne, beeinflusst die Beleuchtung, verändert die Sortierung der Stimmen und tritt selbst als Hauptredner auf. Genau diese Verbindung macht X demokratietheoretisch so problematisch.

Hier geht es um Gewaltenteilung. In einer Demokratie darf Macht nicht an einer Stelle konzentriert sein. Legislative, Exekutive und Judikative sind getrennt, weil keine Instanz allein Regeln machen, ausführen und kontrollieren soll. Für digitale Öffentlichkeit brauchen wir eine ähnliche Logik. Die Oberfläche einer Plattform und der Algorithmus, der entscheidet, welche Beiträge sichtbar werden, dürfen nicht in derselben unkontrollierten Hand liegen. Wer die technische Infrastruktur anbietet, sollte nicht zugleich monopolistisch bestimmen, nach welcher Logik Aufmerksamkeit verteilt wird.

Wäre diese Trennung konsequent umgesetzt, müsste niemand X verlassen - denn als Oberfläche ist die Plattform nützlich. Man könnte dort bleiben und einen anderen Algorithmus wählen. Nutzer könnten entscheiden, ob sie Beiträge chronologisch, journalistisch kuratiert, wissenschaftlich gewichtet, lokal sortiert, demokratisch moderiert oder nach selbst gewählten Kriterien sehen wollen. Parteien könnten auf X publizieren, ohne sich Musks Sortierlogik zu unterwerfen. Medien könnten dort sichtbar sein, ohne von einem Eigentümeralgorithmus abhängig zu sein. Bürger könnten dieselbe Plattform nutzen, aber unterschiedliche Öffentlichkeitsordnungen wählen.

Das wäre der eigentliche demokratische Fortschritt: nicht die Abschaffung großer Plattformen, sondern die Entmachtung ihrer manipulativen Monopole. Eine Plattform dürfte dann nicht mehr zugleich Straße, Verkehrspolizei, Navigationssystem, Werbeagentur und Parteizentrale sein. Sie könnte Infrastruktur bleiben, aber die Regeln der Sichtbarkeit müssten pluralisierbar, kontrollierbar und austauschbar werden. Genau darin läge eine digitale Gewaltenteilung.

Das kommt Ihnen radikal vor? Verdammt nochmal, wir haben ein Wettbewerbsrecht, das Konzerne einschränkt, wenn sie auf Märkten zu viel Macht konzentrieren! Mehrere der Internetplattformen, um die es hier geht, wurden deshalb schon zu Milliardenstrafen verurteilt. Wir schützen den Markt vor ihnen, aber die Demokratie nicht? Das ist grundfalsch. Radikal wäre, ihren Einfall ungebremst weiter wachsen zu lassen.

Ich habe X bereits vor zwei Jahren verlassen, aber der Rückzug allein löst das Problem nicht. Wer geht, entzieht der Plattform Legitimation. Das ist ein politisches Signal. Aber solange die Infrastrukturfrage ungelöst bleibt, wandert die demokratische Kommunikation nur von einer privaten Plattform zur nächsten. Heute X, morgen TikTok, übermorgen eine KI-kuratierte Such- oder Podcast-Plattform. Das Grundproblem bleibt: Wenn private Konzerne bestimmen, welche Signale stark werden, hängt demokratische Öffentlichkeit an Geschäftsmodellen, Eigentümerinteressen und algorithmischen Blackboxes.

Reichweite allein ist keine Garantie für demokratischen Diskurs. Auch Desinformation hat Reichweite. Auch Hass hat Reichweite. Auch autoritäre Mobilisierung hat Reichweite. Die entscheidende Frage lautet, unter welchen Bedingungen Reichweite entsteht. Wenn eine Plattform aggressive Zuspitzung belohnt, Desinformation begünstigt, politische Einmischung ihres Eigentümers verstärkt und demokratische Akteure zugleich zwingt, genau diesen Raum weiter aufzuwerten, dann wird Präsenz selbst zum Problem.

Der Übergang von Massenmedien zu Medienmassen bleibt dennoch richtig und notwendig. Demokratie braucht heute nicht weniger direkte Kommunikation, sondern mehr davon. Sie braucht Blogs, Podcasts, Newsletter, offene Plattformen, dezentrale Netzwerke und professionelle journalistische Einordnung. Aber sie braucht vor allem eine Ordnung, in der Sichtbarkeit nicht monopolistisch manipuliert werden kann. Medienmassen dürfen nicht bedeuten, dass alle senden und einer sortiert.

Der Auszug aus X ist daher nicht das Ende der Debatte, sondern ihr Anfang. Die entscheidende Forderung lautet: digitale Gewaltenteilung. Plattform und Algorithmus müssen trennbar sein. Öffentlichkeit darf nicht von einem Eigentümer, einer Sortiermaschine und einem Geschäftsmodell abhängig bleiben. Wer Demokratie verteidigen will, muss nicht nur Inhalte verteidigen. Er muss die Infrastruktur verteidigen, auf der Inhalte sichtbar werden.

von Michel Reimon im Carl-Auer Magazin. Nach Studium der Informatik und Organisationsentwicklung Journalist und Autor; ehemaliger Europaabgeordneter, österreichischer Nationalratsabgeordneter sowie Landtagsabgeordneter der österreichischen Grünen im Burgenland; Kommunikationsberater.
Sein neues Buch: „Medienmassen: Man kann nicht nicht Politik machen“ (update gesellschaft) im Carl-Auer Verlag.

04.05.2026 10:39
Starke Treiber für Bio-Lebensmitteln sind Drogerien und E-Commerce
Bio-Umsätze boomen trotz Inflation

Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln und -Getränken stieg im ersten Quartal 2026 um 6 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2025 auf insgesamt 4,91 Milliarden Euro. Diese Zahlen ließ der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erstmals ermitteln. Das Bio-Umsatz-Plus liegt damit deutlich über der Teuerung von Lebensmitteln von zuletzt 1,8 Prozent. Das Segment Bio sticht somit aus dem Lebensmittelmarkt hervor, der im selben Zeitraum um 2,5 Prozent gewachsen ist.

Besonders hoch fiel das Wachstum bei den Drogeriemärkten aus mit einem Plus von gut 14 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2025. Sie konnten ihren Anteil am Bio-Gesamtmarkt um fast einen Prozentpunkt auf 12,8 Prozent Marktanteil steigern; auch der E-Commerce mit Bio baute seinen Umsatz deutlich zweistellig aus. Die meiste Bio-Ware vertrieben die Discounter mit einem Anteil von 30 Prozent, gefolgt von den Vollsortimentern mit 29 Prozent, dem Fachhandel mit 17 Prozent und dem E-Commerce mit rund 5 Prozent. Die restlichen 6 Prozent verteilen sich vor allem auf Hofläden, Bäckereien, Metzgereien, Wochenmärkte und Tankstellen.

„Bio bleibt auch in Krisenzeiten eine Wachstumsbranche, die bald 400.000 Arbeitsplätze schafft", kommentiert Tina Andres, BÖLW-Vorstandsvorsitzende. „Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden sich für eine Lebensmittelwirtschaft, die mit der Natur arbeitet, ohne chemisch-synthetische Pestizide und ohne Kunstdünger." Angesichts der Weltlage sei das nicht nur gut für die Umwelt, sondern trage zur Versorgungssicherheit bei. „Die derzeitige Preisexplosion bei Düngemitteln tangiert Bio-Landwirte nicht." Andres' Appell: „Deutschland und die EU müssen bei ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik den Beitrag von Bio zur Resilienz berücksichtigen und mehr Anreize für die Umstellung auf Ökolandbau schaffen."

Zweistelliges Wachstum im Bio-Trockensortiment verzeichnen Fleischersatzprodukte, Mehl, Süßwaren, Eis, Tiefkühlkost, Feinkost, Fertigprodukte, Heißgetränke und Backwaren. Dagegen schreiben Bier und Spirituosen deutliche Rückgänge. Im Frischesortiment sind im ersten Quartal Eier und Fleisch jeweils am erfolgreichsten, vor allem durch Preiserhöhungen. Butter, Brot und Kartoffeln verzeichnen Umsatzrückgänge. Der Bio-Fachhandel weist im ersten Quartal ein Umsatzplus von 1,1 Prozent aus. Umsatzbringer im LEH sind erneut die Bio-Eigenmarken des Handels mit einem Plus von 12,5 Prozent.

Hintergrund

Der Bio-Spitzenverband BÖLW hat erstmals Quartalszahlen für den Bio-Gesamtmarkt in Zusammenarbeit mit der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft erhoben, basierend auf Daten der Marktforschungsinstitute NIQ Nielsen und YouGov sowie für den Fachhandel bioVista und BioBerater SD Services.
Der Jahresumsatz mit Bio-Lebensmitteln lag zuletzt bei 18,23 Milliarden Euro (2025). Die Branche beschäftigte 2024 388.000 Menschen. Der Bio-Anteil an der gesamten Agrarfläche liegt bei 11,7 Prozent; jeder siebte Hof in Deutschland wirtschaftet ökologisch. Deutschlands Nachhaltigkeitsziel sieht einen Anteil von 30 Prozent Öko-Landbau bis 2030 vor.

28.04.2026 09:11
Profitmaximierer Ölkonzerne - schamlose Unfairness
Weltweit steigende Energiepreise seit Beginn des Iran-Kriegs setzten Haushalte und Unternehmen unter Druck, während die großen Öl- und Gaskonzerne gleichzeitig neue Rekordgewinne einfahren. Nach Angaben der Hilfsorganisation Oxfam könnten sechs der größten fossilen Energiekonzerne im Jahr 2026 zusammen rund 94 Milliarden US-Dollar Gewinn erzielen – ein Plus von rund 13,5 Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahr – oder 37 Millionen Dollar täglich.

Zu den Profiteuren zählen Branchenriesen wie Shell, ExxonMobil, Chevron, BP, ConocoPhillips und TotalEnergies. Ihre erhöhten Gewinne speisen sich maßgeblich aus dem Anstieg der Preise für Erdöl und LNG, deren Verfügbarkeit wegen der Blockade der Straße von Hormus gesunken ist, und einer weiterhin hohen globalen Nachfrage nach den fossilen Energieträgern. Viele dieser Konzerne investieren weiterhin erheblich in die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder – trotz der klimapolitischen Zielsetzungen.

Die Oxfam-Untersuchung basiert auf Berechnungen zu den Gewinnerwartungen der Ölmultis, die von der Analyseplattform Standard & Poor’s Capital IQ gemacht wurden. Branchenfachleute gehen derzeit davon aus, dass die Öl- und Gaspreise noch längere Zeit erhöht sein werden, selbst wenn es bald zu einer Einigung zwischen Iran und den USA kommt.

„Es ist offensichtlich, wie dringend der Ausstieg aus Öl und Gas ist“

Der Ölpreisschock belastet vorwiegend Staaten im globalen Süden, wo bereits Knappheiten auf den Öl- und Gasmärkten zu spüren sind. Doch auch in Ländern wie Deutschland belasten steigende Energiepreise viele Haushalte. Angesichts der gerade in Kolumbien stattfindenden internationalen Konferenz zum Ausstieg aus den fossilen Energien, an der rund 50 Länder teilnehmen, äußert Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig: „Es ist offensichtlich, wie dringend der Ausstieg aus Öl und Gas ist, um die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten zu verringern und die Widerstandskraft gegenüber geopolitischen Krisen zu erhöhen.“ Kowalzig kritisierte die Bundesregierung, die den Ausbau von Sonne und Wind ausbremsen und neue Gaskraftwerke bauen wolle. Das würde bestehende Abhängigkeiten verfestigen.

„Statt konsequent dagegen zu steuern, schiebt die Bundesregierung den fossilen Großkonzernen für deren klimazerstörendes Geschäftsmodell Milliardengewinne zu.“
Jan Kowalzig, Oxfam-Klimaexperte

Den Preis dafür zahlten die Verbraucherinnen und Verbraucher. Dass die Ölkonzerne auch hierzulande zusätzliche Gewinne einfahren, hat eine Untersuchung des Leibniz Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Instituts für Wettbewerbsökonomie (Dice) gezeigt. Die Gewinnmargen sowohl für E5- als auch für E10-Benzin seien seit Einführung der sogenannten Zwölf-Uhr-Regel um rund sechs Cent pro Liter gestiegen. Dieser Effekt war beim Diesel wegen der stark schwankenden Preise „zumindest kurzfristig“ nicht nachweisbar. Es sei aber wahrscheinlich, dass es ihn auch hier geben könne. Die Forschenden sprechen von Mitnahmeeffekten, die über normale Marktdynamiken hinausgehen.

23.04.2026 08:10
Dreisten Produktfälschungen auf der Spur mit KI
Amazon deckt mit KI und ehemaligen Geheimdienstmitarbeitenden Produktfälschungen auf. Allein 2025 wurden über 15 Millionen gefälschte Produkte gestoppt.

Auf den ersten Blick sieht alles richtig aus, Aufsätze für elektrische Zahnbürsten eben. Normalerweise sind sie recht teuer, in diesem Fall scheint es ein Schnäppchen zu sein. Doch was auf Amazon als Topangebot für Philips-Sonicare-Geräte angezeigt wird, ist gefälscht. Kund:innen bekommen Bürsten aus minderwertigem Material, die vielleicht bürsten, aber mit den Ultraschallgeräten von Philips nicht harmonieren und eventuell sogar schädlich sind. Der Verkäufer muss sich jetzt vor Gericht verantworten – in Frankfurt.

Anzeige erstattet haben Amazon und Philips. Den Täter entdeckte Amazons konzerneigene Ermittlergruppe CCU (Counterfeit Crimes Unit), die Produktfälschern auf der Spur ist und hier mit Philips zusammenarbeitete. „Dieser Fall sendet eine klare Nachricht: Wenn Sie versuchen, Fälschungen in unserem Onlinegeschäft zu verkaufen, finden wir Sie, stoppen Sie und verfolgen Sie rechtlich in jeder Form, einschließlich Schadenersatz und Strafverfolgung“, kommentiert CCU-Chef Kebharu Smith.

Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht

Zahnbürsten sind offenbar sehr attraktiv für Fälscher. Philips-Manager Gerrit Janßen berichtet von mehr als 4500 Fällen in Westeuropa allein 2025. Der jetzt angeklagte Täter, der, wie zu hören ist, in Deutschland wohnt, ist nur einer von ihnen. Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht, ob das nun teure Zahnbürstenköpfe sind oder Druckerkartuschen, Luxushandtaschen oder Designkerzenhalter aus den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Und die Täter und Täterinnen kommen nicht immer aus China, wie der Philips-Fall zeigt, auch wenn dort schnell und in großen Stückzahlen täuschend echte Produkte hergestellt werden können.

Besonders stolz ist Amazons CCU deshalb auf die engen Kontakte mit den Ermittlungsbehörden in China. Allein für 2025 berichten die Amerikaner über mehr als 70 erfolgreiche Razzien gegen Hersteller, Lieferanten und Händler gefälschter Produkte. Zahlreiche Täter seien zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt worden. Insgesamt entdeckte Amazon dem neuen Trustworthy Shopping Experience Report (TSE, etwa Vertrauensvoll-Einkaufen-Bericht) weltweit mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte und zog sie aus dem Verkehr.

Über die Seiten des größten Online-Händlers der Welt werden mehrere hundert Millionen Produkte angeboten. Genaue Zahlen gibt Amazon nicht heraus. Der Konzern verkauft einiges selbst, bietet aber seinen Onlineladen und seine Logistikzentren auch anderen Händlern an, die gegen Gebühren die Reichweite nutzen können. Und dabei sind einige, die das schnelle Geld mit gefälschten Produkten machen wollen und hoffen, nicht entdeckt zu werden.

KI hilft, mögliche neue Fälschungen vorherzusagen

Inzwischen nutzt Amazon Künstliche Intelligenz und kann deshalb mögliche Verstöße vorhersagen, bevor neue Marken oder Produkte überhaupt bei Amazon erscheinen, wie es in einem Blog des Unternehmens heißt. Dafür scannt die Software Social Media und andere Händler und analysiert die Informationen. Denn Täter sind oft schneller mit den Fälschungen am Markt, als offizielle Anbieter ihre Produkte herausbringen.

So gelang es im vergangenen Jahr, ein gefälschtes Angebot zu sperren, acht Tage bevor der wahre Markeninhaber des neuen Produkts Amazon mitteilte, das er die Rechte hält. Das Produkt war vorher bei Social Media viral gegangen. Mit einer ähnlichen KI-Technologie spüren die Amerikaner gefährliche und gefälschte Internetseiten auf, um sie dann automatisiert aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Allein 2024 investierte Amazon mehr als eine Milliarde Dollar unter anderem in solche Technologie und den Ausbau der CCU.

Auch Geheimdienstmitarbeiter arbeiten in der Amazon-Einheit gegen Fälschungen

Die Einheit startete 2020. Smith hat sie aufgebaut. Er arbeitete gut 20 Jahre im US-Justizministerium, beschäftigte sich mit Computerkriminalität und geistigem Eigentum. Im Team sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Die Einheit arbeitet mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Und auch deutschen Ermittlungsbehörden.

Inzwischen hat die CCU mehr als 32.000 Täter:innen in 14 Ländern der Welt vor Gericht gebracht. Mehr als 290 sitzen inzwischen im Gefängnis – im Schnitt für 29 Monate. Diese durchschnittliche Haftlänge zeige die ernsten Konsequenzen für die Täter, wenn sie erwischt würden, heißt es im TSE-Bericht von Amazon.

Manchmal dauert es. Bereits 2022 verklagten Amazon und der japanische Druckerhersteller Brother 18 Personen beim Landgericht Berlin. Sie hatten Original-Druckerpatronen gekauft, mit minderwertiger Tinte befüllt, mit gefälschten Hologrammen versehen, um das Original nachzuahmen, und verkauft. 2024 gab es eine großangelegte Razzia gegen die Täter. Im vergangenen Jahr verurteilte das Landgericht Berlin die Bande wegen Produktfälschung und zu 500.000 Euro Schadenersatz.

Von Björn Hartmann für die Frankfurter Rundschau 23.4.2026, S. 13

14.04.2026 11:59
Neuer Fairness-Check zu Samsung Electronics
Gemessen an den unternehmenseigenen Fairness-Versprechen ist die Fairness bei Samsung desaströs:

Beschäftigte/Partner

Trotz Fairness-Versprechen kommt es zu Verletzungen des Patentrechtes sowie zu Arbeitsschutzverletzungen

Kunden/Klienten

Private Kundendaten werden teils nicht geachtet und Konsumenten durch irreführende Werbung getäuscht.

Wettbewerb

Die eigene Marktmacht wird ausgenutzt, um andere einzuschüchtern, geistiges Eigentum von Konkurrenten wir nicht respektiert.

Umwelt/Natur

Reparaturfreundlichkeit unterdurchschnittlich, Schadstoff-Abgabe überdurchschnittlich selbst für den Elektronik-Sektor, es kommt zur Freisetzung von Schadstoffen in die Umwelt.

Öffentlichkeit

Fairness-Versprechen, zum Wohl aller Menschen handeln zu wollen, ist vage, und ist insbesondere in den von Amnesty International genannten Kontexten nicht realisiert.

Das gibt 5 Mal die rote Karte.

Im Einzelnen mit Belegen: https://www.fairness-check.de/Samsung-im-Fairness-Check.aspx

Unter Mitarbeit von Anton Max Ullrich.

11.04.2026 07:37
Für Fairness lokal, regional und international - ein Vorbild
Im Ruhrgebiet sorgte Wölting mit einer "Magna Charta" bereits vor 15 Jahren dafür, dass 53 Städte und Gemeinden nur faire Produkte einkaufen und verwenden, die nicht durch ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt wurden. Für seine Verdienste verlieh das bischöfliche Hilfswerk Misereor dem pensionierten Lehrer vor Kurzem die Goldene Ehrennadel.

Wilhelm Wölting ist eigentlich Lehrer. Viele Jahre unterrichtete er Religion und Erdkunde an einer Essener Hauptschule. Doch der heute 88-Jährige hat noch eine weitere Leidenschaft – sein Engagement gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Welche Erfolge er dabei in über zwei Jahrzehnten erzielen konnte, erfreut ihn zutiefst. Erwartet hatte er das nicht. "Aber ich habe immer gehofft, die Welt ein wenig gerechter machen zu können", betont er.

Soziale Ungerechtigkeit kann der 1937 in Essen-Überruhr geborene Katholik einfach nicht leiden. Schon als junger Lehrer und später als Konrektor an einer Essener Hauptschule hielt er benachteiligte Kinder immer im Blick, um sie bestmöglich zu unterstützen. Über das Engagement in der katholischen Kirchengemeinde kam Wölting Ende der 1970er Jahre zum Eine-Welt-Netz-NRW für fairen Handel. Bis heute hilft er zweimal im Monat ehrenamtlich, faire Produkte in einem Weltladen in Essen-Kupferdreh zu verkaufen. "Das macht mir nach wie vor Freude und ist mir ein wichtiges Anliegen", sagt er.

Sein Herzensprojekt

Ab 1982 brachte sich der damalige Konrektor im Pfarrgemeinderat seiner katholischen Heimatgemeinde ein. Er engagierte sich im "Ausschuss für Mission, Entwicklung und Frieden." Der Kreis setzte sich für das katholische Hilfswerk Misereor ein, unterstützte speziell ein medizinisches Projekt in Brasilien, die "Barfußärzte für Juazeiro". Die in der Essener Pfarrei gesammelten Spenden kamen brasilianischen Frauen zugute. "Sie erhielten Unterricht in medizinischer Hilfe. Denn vor Ort fehlte es an Ärzten, die häufige Verletzungen behandeln konnten", erklärt Wölting.

Über Misereor lernte der damals bereits pensionierte Pädagoge sein späteres Herzensprojekt kennen. 2005 reiste Wölting mit dem Hilfswerk nach Indien. Auf eigene Kosten "Man hatte mich gebeten, eines der Projekte vor Ort anzusehen, aber ich wollte dafür keine Spendengelder in Anspruch nehmen." Bei Touren durchs Land sah er, was viele Menschen in reichen Ländern der Welt nicht wahrhaben wollten: Kleine Hände sorgen in armen Regionen der Welt für Profit. Kindersklaven verrichteten schwerste Arbeit beim Teppichknüpfen sowie in Steinbrüchen. Diesen Kindern, die skrupellos von profitgierigen Produzenten für deren Vorteile ausgenutzt wurden, gab der Essener ein großes Versprechen: "Solange ich lebe, werde ich für euch kämpfen."

Wölting ließen diese Reiseeindrücke zuhause nicht mehr los: das Leid der Kinder, die täglich zehn bis zwölf Stunden harte Arbeit für viel zu wenig Geld verrichten, brannten sich in sein Gedächtnis. Aber er war auch hoffnungsvoll. Denn er hatte in Indien selbst erlebt, dass Rettung möglich ist. Er war dabei, als sieben Jungen aus dem Elend der Teppichindustrie befreit wurden. Was er über deren Schicksal berichtet, macht fassungslos. "Verletzten sich die Kinder beim Knüpfen an den Händen, hat man die Wunden mit Schwefel aus Streichholzköpfen vernarbt, damit kein Blut auf die Ware fließt." Mit Stockschlägen seien Jungen, die man wie Sklaven hielt, an die Webstühle zurückgeprügelt worden. All das für einen Hungerlohn von unter einem Euro täglich.

Laut einem Misereor-Bericht aus dem Jahr 2020 sind rund 160 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen.

Vikas Sansthan, eine nicht-staatliche Partnerorganisation von Misereor, kämpft in Indien seit 1994 gegen diese Art von Ausbeutung und setzt sich aktiv für die Rechte von Frauen und Kindern ein. In einem ganzheitlichen Ansatz werden Not leidende Jungen und Mädchen auf den Besuch staatlicher Schulen vorbereitet. Mit Spenden finanziert man Komitees für Kinderrechte, Selbsthilfegruppen für Mütter und eine Gesundheitsförderung. Seit 2001unterstützt Misereor die Arbeit von Vikas Sansthan. Dennoch: Laut einem Misereor-Bericht aus dem Jahr 2020 sind noch immer rund 160 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen. "Für wenig Geld leisten sie überlange Arbeitszeiten. Sie sind von ihren Arbeitgebern abhängig und oft kaum geschützt vor Gewalt oder sexuellen Übergriffen", heißt es darin.

"Die verbotene Kinderarbeit war damals schon brisant. Die Produzenten stritten es ab. Nur mit Glück wurden einzelne Fälle vor Ort aufgedeckt", so Wölting. Über die schlimmen Arbeitsbedingungen der Jüngsten zu informieren und den Verkauf entsprechender Produkte zu stoppen, ist dem Essener nach wie vor ein Anliegen. Skrupellose Verstöße gegen ein weltweit geltendes Recht, festgeschrieben in der UN-Kinderechtskonvention, seien noch immer zu finden. "Arbeiten, für die Mädchen und Jungen zu jung sind, die ausbeuterisch oder gefährlich sind oder die körperliche oder seelische Entwicklung der Kinder schädigen und sie vom Schulbesuch abhalten, müssen aufgedeckt werden", unterstreicht der Essener Katholik.

Bei Vorträgen in Kirchengemeinden und Schulen informierte er jahrelang über den traurigen Arbeitsalltag der indischen Kindersklaven. Mit sympathischer Hartnäckigkeit referierte er über Steinbrüche, in denen es kaum oder keine Sicherheitsvorkehrungen oder Schutzausrüstung für Kinder gibt. Über Stunden erklingen dort die dumpfen, monotonen Schläge der Hämmer gegen den Granit, Sägen kreischen und Bohrmaschinen dröhnen. Ohne Mundschutz, Handschuhe oder festes Schuhwerk seien die Kinder den Gefahren ausgesetzt, erlitten allzu leicht Verletzungen wie Schnittwunden oder Knochenbrüche. Ganz zu schweigen von der hohen Staubbelastung, die Augen und Lunge reizt. Obwohl die Kinderarbeit seit 1989 durch die Vereinten Nationen verboten ist, arbeiten bis heute zudem Kinder und Jugendliche auf Teeplantagen, als Haushaltshilfen oder in der Schmuckindustrie. Sie tragen so zum geringen Familieneinkommen bei. Leider auf Kosten ihrer Schulbildung, ein Dilemma.

So brachte er das Thema in die Lokalpolitik

Auf einer Informationsveranstaltung bei der kfd-Gruppe in Essen-Überruhr erhielt Wölting den entscheidenden Impuls für sein größtes Projekt. Eine Frau fragte, wie die Städte und Gemeinden im Ruhrgebiet zur Kinderarbeit in Indien stehen. Und ob sie Produkte von solchen Firmen kaufen würden. Wölting recherchierte und brachte das Thema bald auf eine lokalpolitische Ebene. Die sieben aus der Teppichindustrie geretteten Kinder waren Antrieb für eine ebenso vorbildliche wie nachhaltige Sache: die "Magna Charta", eine freiwillige Selbstverpflichtung für Städte und Kommunen.

Im Jahr 2010 feierte sich das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt. Die Vorbereitungen des Programms mit einer Fülle von Ausstellungen, Events und Konzerten zur "Ruhr.2010" starteten ein gutes Jahr früher. Im Mai 2009 bildete sich die Initiative "Faire Kulturhauptstadt Ruhr.2010" aus Akteuren verschiedener Ruhrgebietsstädte. Die Idee dazu hatte Wölting vorgebracht. Ziel: gemeinsam gegen ausbeuterische Kinderarbeit zu kämpfen. "Wir wollten möglichst viele Städte überzeugen, ihre Vergabepraxen so zu ändern, dass in Zukunft keine unfairen Produkte mehr gekauft werden, wie Grabsteine für städtische Friedhöfe, Granitarbeitsplatten für Küchen, Teppiche...

Es war eine Herausforderung, die Hürden der Bürokratie in den Rathäusern zu überwinden. "Man hatte anfangs viele Bedenken, auch wegen höherer Kosten durch faire Produkte." Doch am 12. Juni 2010 wurde Wöltings Traum wahr. Im Dortmunder Rathaus unterzeichneten die ersten 38 Städte und Gemeinden das Abkommen zur fairen Metropole Ruhr. Bald folgten die restlichen Kommunen, bis alle 53 Städte und Gemeinden sowie die vier Landkreise die "Magna Charta" besiegelt hatten.

Der Initiator ist nach wie vor überzeugt von der Idee. Und stets bereit, andere zu begeistern. In der Laudatio von Misereor zu Wöltings Auszeichnung in der Essener Kirche St. Suitbert wurde dieses unermüdliche Engagement hervorgehoben. So sehr im Mittelpunkt zu stehen, wie bei der Verleihung der Goldenen Ehrennadel durch das Bischöfliche Hilfswerk, mag der rüstige Rentner eigentlich nicht. "Doch es musste sein", sagt er. Misereor-Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Frick aus Aachen betonte, mit welcher Empathie der Essener über Grenzen hinweg Verantwortung übernommen hat. Ein echtes Vorbild.

20.03.2026 08:05
Irrtum und Vorurteil bei einem Drittel der Bevölkerung
Jeder Dritte glaubt fälschlicherweise an die Existenz verschiedener menschlicher Rassen. Menschen mit Migrationsgeschichte, vor allem Schwarze und Muslime, erleben täglich Rassismus in Deutschland. Das zeigt der neue Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRA), der am Donnerstag vorgestellt wurde.

Laut Monitor ist jeder Zweite in Deutschland der Meinung, dass gewisse Gruppen "von Natur aus fleißiger" sind als andere. Mehr als ein Drittel der Befragten stimmt außerdem der Aussage zu, es gebe verschiedene menschliche Rassen, obwohl das längst wissenschaftlich widerlegt ist. 63 Prozent der Schwarzen, die befragt wurden, geben außerdem an, mindestens einmal im Monat ignoriert oder nicht ernst genommen zu werden.

Florence Brokowski-Shekete ist Schulamtsdirektorin in Mannheim und Autorin. Die schwarze Deutsche erlebt auf jeder Lesung rassistische Diskriminierung, erzählt sie dem SWR. Es gebe immer eine Person, die ihr das N-Wort entgegenschleudere, um einfach zu beweisen: Man könne das sagen und das könne einem auch niemand verbieten.

Betroffene erleben mindestens einmal pro Monat Diskriminierung

Im aktuellen Bericht des Diskriminierungs- und Rassismusmonitors hat jede vierte Schwarze und jede sechste muslimische Person angegeben, mindestens einmal im Monat von offenkundiger rassistischer Diskriminierung betroffen zu sein. Das erklärt Cihan Sinanoglu, Leiter der Geschäftsstelle Rassismusmonitor. "Das finde ich schon erschreckend, dass das vor allen Dingen monatlich passiert", meint Sinanoglu. "Man kann sich das ja vorstellen: Wenn sich das summiert auf ein Jahr, das sind wirklich Zahlen, die uns als Gesellschaft alarmieren sollten", so Sinanoglu weiter. Vor allem im Alltag - beim Einkauf, im Restaurant, in der Disko oder im Job - erlebten Betroffene Demütigungen, Beleidigungen und verbale wie körperliche Angriffe.

Laut Antirassismus-Trainerin Esinu Afele sei dabei nicht entscheidend, ob rassistische Diskriminierung mit oder ohne Absicht erfolge. Entscheidend sei allein die Wirkung. Ausgrenzung und Diskriminierung belasten permanent die Psyche, machen auf Dauer unzufrieden und krank, so Afele. Bei einer Polizeikontrolle habe sie sich ohnmächtig und gedemütigt gefühlt - und das gehe vielen Betroffenen so, erzählt Afele.

Betroffene verlieren Vertrauen in staatliche Institutionen

Rassistische Vorurteile und Ausgrenzung sind kein individuelles Problem, sondern meist in gesellschaftlichen Strukturen verankert, so Sinanoglu. Betroffene erlebten rassistische Diskriminierung bei der Wohnungssuche, in der Schule oder bei Justiz, Ausländerbehörden oder der Polizei. "Die Betroffenen verlieren das Vertrauen in staatliche Institutionen", so das Ergebnis des Rassismus-Monitors 2026.
Laut Sinanoglu gefährdet dieser Vertrauensverlust den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Außerdem sei erkennbar, dass diese negative Entwicklung von Jahr zu Jahr zunehme.

Rassismus als gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Als Antirassismus-Trainerin geht Afele in Schulen und Behörden. Dabei setzt sie auf Dialog und Sensibilisierung. Rassismus, sagt sie, sei eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die uns alle angehe. "Wir verlieren wertvolle Ressourcen, weil wir bestimmte Leute ausschließen", erklärt Afele. "Egal ob Schüler:innen oder Arbeitskräfte, wir beteiligen sie nicht in der Gesellschaft und dann verlieren wir sie und das ist ein Verlust für uns alle", so die Trainerin.

Für den Nationalen Rassismusmonitor wurden rund 8.000 Menschen befragt. Die Studie wird von Forschern des Deutschen Zentrums für Integrations- und Meinungsforschung durchgeführt.

11.03.2026 06:37
9 Millionen Menschen fühlen sich in Deutschland diskriminiert
Gut jeder achte Mensch sieht sich laut einer repräsentativen Studie betroffen. „Diskriminierung findet nicht am Rand der Gesellschaft statt, sondern mittendrin“, sagt Antidiskriminierungsbeauftragte Ataman.

Dazu schreibt Jakob Maurer in der FR (11.3.26, S. 5): "Menschen, die in Deutschland von Diskriminierung betroffen sind, werden damit am häufigsten auf offener Straße konfrontiert. Das geht aus der bislang größten repräsentativen Umfrage zur Problematik hervor, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegeben hatte und am Dienstag vorgestellt hat. Am meisten werden rassistische Anfeindungen beklagt.

„Wie Deutschland* Diskriminierung erlebt“ lautet der Titel der Studie: Mehr als 13 Prozent – oder auf die Bevölkerung hochgerechnet neun Millionen Menschen – geben darin an, im Alltag und im Arbeitsleben solche Erfahrungen zu machen. Das ergab eine Sonderauswertung von Daten aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP), einer Langzeitstudie, für die jährlich rund 30.000 Menschen befragt werden.

Die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, sagte, bisher habe es zu wenig Daten gegeben – doch jetzt ergebe sich „ein klarer Auftrag an Politik und Gesellschaft. Denn nun wissen wir ganz eindeutig: Diskriminierung ist keine Randerscheinung, sondern ein Kernproblem. Das Ausmaß an Diskriminierung ist eine Belastungsprobe für unser Land.“

Und diese spielt sich in aller Öffentlichkeit ab: Mit 41,5 Prozent ist „auf der Straße“ der am häufigsten genannte Lebensbereich, in dem Befragte Diskriminierungserfahrungen machten. Dahinter folgen „Güter und Dienstleistungen“ mit 40,7 Prozent und das „Arbeitsleben“ mit 39,2 Prozent. Der erste Punkt meint dabei etwa das Einkaufen in Geschäften, den Besuch von Bars, Restaurants oder auch die Inanspruchnahme von Dienstleistungen in Friseurgeschäften, Banken oder Versicherungen.

Weniger ins Gewicht fallen die Felder Gesundheit (20,3 Prozent), Ämter, Behörden und Polizei (19,5 Prozent), die Wohnungssuche (11,4 Prozent) und die Schule (11,3 Prozent). Hier dürfte jedoch eine Rolle spielen, dass die Umfrage 2023 erfolgte und sich auf die zwölf Monate davor bezog – mitten in der Corona-Pandemie.

Die Studie betont: „Diskriminierung beeinträchtigt nicht nur individuelle Lebenslagen, sondern kann auch das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen und Institutionen schwächen. Dies unterstreicht, dass es bei dem Abbau von Diskriminierung nicht nur um Fragen der Gerechtigkeit geht, sondern auch um den sozialen Zusammenhalt sowie das Vertrauen in Institutionen.“

Einzelne Gruppen stechen heraus: Muslimische Personen berichten mit einer Wahrscheinlichkeit von 28,6 Prozent von Diskriminierungserfahrungen. Der Wert ist fast dreimal so hoch wie bei nicht-muslimischen Personen (10,4 Prozent). Queere Personen (31,8 Prozent) sowie Frauen (16,1 Prozent) sind öfter betroffen als Männer (9,8 Prozent). Die Belastungen wirken sich demnach auch negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden aus.

Ferda Ataman warnt: „Eine Gesellschaft, in der sich Millionen Menschen als Bürger:innen zweiter Klasse fühlen, ist instabil und anfällig.“ Deutschland habe als Einwanderungsland seine Hausaufgaben nicht gemacht. Diskriminierung in diesem Ausmaß schwäche somit auch den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Die Autorinnen der am Dienstag vorgestellten Studie, Samera Bartsch und Miriam Meksem, empfehlen, die rechtliche Lage anzupassen und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz auszuweiten. Denn auch Menschen mit niedrigem Einkommen oder Beziehende von Sozialhilfe seien besonders betroffen – sozioökonomische Merkmale, die bisher nicht als geschützte Gründe im Gesetz verankert sind. Ataman appellierte: „Man sollte den Menschen ermöglichen, sich zu wehren, damit keine Normalisierung einsetzt.“

09.03.2026 07:35
Endlich strengere Kriterien für Umweltversprechen und Eigenlob
Eine neue EU-Richtlinie verbietet pauschale Umweltversprechen in der Werbung. Unternehmen müssen jetzt konkrete Nachweise liefern – das ist gut so. Jana Assauer schreibt in der Frankfurter Rundschau dazu:

"Umweltfreundlich, klimaneutral oder einfach nur grün – mit Nachhaltigkeit zu werben, liegt im Trend und kommt gut an, bei Verbrauchern genauso wie bei jungen Talenten. In der Außenkommunikation ist es allerdings bald verboten, mit diesen pauschalen Begriffen um sich zu werfen.

Im September tritt die EmpCo-Richtlinie in Kraft. EmpCo steht für „Empowering Consumers for the Green Transition“. Sie soll Verbraucher vor Greenwashing schützen und sie befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen. Unabhängig von Größe oder Sitz betrifft sie alle Unternehmen, die in der EU Produkte oder Dienstleistungen an Endkunden verkaufen. Ausnahmen gibt es ausnahmsweise nicht.

Angaben zu ökologischen Merkmalen müssen zukünftig präzise formuliert oder um konkrete Details ergänzt werden – auf demselben Medium. Zur Not per QR-Code mit weiterführenden Informationen. Aus der „nachhaltigen Produktverpackung“ wird beispielsweise die spezifische Aussage, dass die „Verpackung 30 Prozent recyceltes Plastik enthält“ – Nachweis inklusive. Je konkreter die Formulierung, desto besser. Das betrifft nicht nur Text, sondern auch mündliche Aussagen in audiovisuellen Medien. Aussagen wie „energieeffizient“ sind nur noch erlaubt, wenn eine anerkannte hervorragende Umweltleistung nachgewiesen werden kann. Kompensationsprojekte fallen nicht mehr darunter. Wer als Ausgleich Bäume pflanzt, darf das aber natürlich separat kommunizieren.

Wer vermeiden will, abgemahnt oder verklagt zu werden, sollte zügig mit der Bestandsaufnahme starten: Welche Kommunikationskanäle gibt es? Sind die Angaben spezifisch genug? Alte Social-Media-Beiträge zählen übrigens auch dazu. Mit dem an der Uni Köln gegründeten Greenwashing-Checker lassen sich deutsche Texte prüfen. Und dann heißt es: nachschärfen! Auf welchen Teil des Produktes bezieht sich die Formulierung? Gibt es Nachweise? Sind sie extern verifiziert? Wird auf dem gleichen Medium aufgeklärt? Sind weitere Nachweise leicht zugänglich? Ist die Aussage einfach und verständlich? Zudem lohnt es sich, eine Nachweisdatenbank aufzubauen und das Wissen intern zu verbreiten, sodass es aus Angst oder vorauseilendem Gehorsam nicht zu weniger Werbung mit Umweltvorteilen kommt, sondern zu besserer".

Die Autorin unterstützt mit ihrem Montagshappen-Themendienst Experten, Organisationen und Unternehmen dabei, ihr Wissen der Gesellschaft zu vermitteln.

Der https://greenwashingchecker.org/

05.03.2026 08:59
Jugendliche Gewalt per Auftrag – krasse soziale Destruktion
Das LKA Hessen warnt vor „Violence as a Service". Jugendliche werden über soziale Medien rekrutiert und ausgenutzt. So schreibt Oliver Teutsch dazu in der Frankfurter Rundschau (5.3.26, S. 34):

„Es ist ein schmutziges Geschäft, bei dem Minderjährige zur Begehung schwerer Straftaten missbraucht werden. Das hessische Landeskriminalamt (LKA) hat Fälle von „violence as a service“ im In- und Ausland analysiert und geht bei der Anwerbung potenzieller Täter von einem mehrstufigen Rekrutierungssystem aus. Beim Anwerben werden gezielt angesagte Kanäle der Sozialen Medien und jugendgerechte Sprache benutzt, um die oft minderjährigen Interessenten zu binden. Mit der Nutzung spezieller Formulierungen oder KI-generierter Abbildungen werden Auftragsangebote in breite Foren gesteuert. Die Anwerbungstätigkeit wird ebenfalls mit Geld, Status oder Zugehörigkeit entlohnt.

Nicht selten jedoch bleibt die versprochene Entlohnung nach der Tat aus. Werden die Taten nicht wie vereinbart durchgeführt, folgen mitunter Drohungen oder soziale Ächtung zum Nachteil der angeworbenen Personen. Viele der Angeworbenen wissen zudem nicht, wen oder warum sie angreifen und setzen sich somit hohen Risiken und Gefahren aus, die ihnen teils selbst nicht bewusst sind.

Charakteristisch für dieses Phänomen ist das gezielte Anwerben leicht beeinflussbarer Personen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Der jüngste Tatbeteiligte bei den am Dienstag erfolgten Maßnahmen in den Niederlanden war sogar erst 13 Jahre alt. Oft stammen die Jugendlichen aus dem Ausland, wo sie polizeilich schon in Erscheinung getreten sind, und sie reisen nur für die Begehung von Straftaten nach Deutschland ein.

In allen bislang in Hessen bekannt gewordenen Taten in diesem Kontext stechen die Niederlande als Herkunftsland der Täter hervor. Weiterhin gibt es Hinweise, dass Belgien in manchen Fällen ebenfalls eine Rolle spielt. Beim Anschlag auf eine Bar in der Frankfurter Innenstadt Ende Dezember war der unlängst festgenommene Tatverdächtige allerdings ein 23-Jähriger aus Hanau.

Zur Vorbeugung solcher Anwerbeversuche hat das LKA einige Warnhinweise und Ratschläge zusammengestellt, die allerdings sehr pauschal sind. Wenn Kinder und Jugendliche beginnen, verschlüsselte Messenger-Dienste zu nutzen, ungewohnte Meinungen vertreten oder Fragen ausweichen, sollten Eltern gewarnt sein. Auch wenn der Freundeskreis wechselt und dann aus älteren Jugendlichen oder Erwachsenen besteht, könnte Gefahr drohen. Ein weiteres Indiz ist, wenn Kinder oder Jugendliche plötzlich neue werthaltige Gegenstände besitzen, ohne dafür eine Erklärung zu haben“.

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