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Gut jeder achte Mensch sieht sich laut einer repräsentativen Studie betroffen. „Diskriminierung findet nicht am Rand der Gesellschaft statt, sondern mittendrin“, sagt Antidiskriminierungsbeauftragte Ataman.
Dazu schreibt Jakob Maurer in der FR (11.3.26, S. 5): "Menschen, die in Deutschland von Diskriminierung betroffen sind, werden damit am häufigsten auf offener Straße konfrontiert. Das geht aus der bislang größten repräsentativen Umfrage zur Problematik hervor, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegeben hatte und am Dienstag vorgestellt hat. Am meisten werden rassistische Anfeindungen beklagt.
„Wie Deutschland* Diskriminierung erlebt“ lautet der Titel der Studie: Mehr als 13 Prozent – oder auf die Bevölkerung hochgerechnet neun Millionen Menschen – geben darin an, im Alltag und im Arbeitsleben solche Erfahrungen zu machen. Das ergab eine Sonderauswertung von Daten aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP), einer Langzeitstudie, für die jährlich rund 30.000 Menschen befragt werden.
Die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, sagte, bisher habe es zu wenig Daten gegeben – doch jetzt ergebe sich „ein klarer Auftrag an Politik und Gesellschaft. Denn nun wissen wir ganz eindeutig: Diskriminierung ist keine Randerscheinung, sondern ein Kernproblem. Das Ausmaß an Diskriminierung ist eine Belastungsprobe für unser Land.“
Und diese spielt sich in aller Öffentlichkeit ab: Mit 41,5 Prozent ist „auf der Straße“ der am häufigsten genannte Lebensbereich, in dem Befragte Diskriminierungserfahrungen machten. Dahinter folgen „Güter und Dienstleistungen“ mit 40,7 Prozent und das „Arbeitsleben“ mit 39,2 Prozent. Der erste Punkt meint dabei etwa das Einkaufen in Geschäften, den Besuch von Bars, Restaurants oder auch die Inanspruchnahme von Dienstleistungen in Friseurgeschäften, Banken oder Versicherungen.
Weniger ins Gewicht fallen die Felder Gesundheit (20,3 Prozent), Ämter, Behörden und Polizei (19,5 Prozent), die Wohnungssuche (11,4 Prozent) und die Schule (11,3 Prozent). Hier dürfte jedoch eine Rolle spielen, dass die Umfrage 2023 erfolgte und sich auf die zwölf Monate davor bezog – mitten in der Corona-Pandemie.
Die Studie betont: „Diskriminierung beeinträchtigt nicht nur individuelle Lebenslagen, sondern kann auch das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen und Institutionen schwächen. Dies unterstreicht, dass es bei dem Abbau von Diskriminierung nicht nur um Fragen der Gerechtigkeit geht, sondern auch um den sozialen Zusammenhalt sowie das Vertrauen in Institutionen.“
Einzelne Gruppen stechen heraus: Muslimische Personen berichten mit einer Wahrscheinlichkeit von 28,6 Prozent von Diskriminierungserfahrungen. Der Wert ist fast dreimal so hoch wie bei nicht-muslimischen Personen (10,4 Prozent). Queere Personen (31,8 Prozent) sowie Frauen (16,1 Prozent) sind öfter betroffen als Männer (9,8 Prozent). Die Belastungen wirken sich demnach auch negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden aus.
Ferda Ataman warnt: „Eine Gesellschaft, in der sich Millionen Menschen als Bürger:innen zweiter Klasse fühlen, ist instabil und anfällig.“ Deutschland habe als Einwanderungsland seine Hausaufgaben nicht gemacht. Diskriminierung in diesem Ausmaß schwäche somit auch den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Die Autorinnen der am Dienstag vorgestellten Studie, Samera Bartsch und Miriam Meksem, empfehlen, die rechtliche Lage anzupassen und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz auszuweiten. Denn auch Menschen mit niedrigem Einkommen oder Beziehende von Sozialhilfe seien besonders betroffen – sozioökonomische Merkmale, die bisher nicht als geschützte Gründe im Gesetz verankert sind. Ataman appellierte: „Man sollte den Menschen ermöglichen, sich zu wehren, damit keine Normalisierung einsetzt.“
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