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Amazon deckt mit KI und ehemaligen Geheimdienstmitarbeitenden Produktfälschungen auf. Allein 2025 wurden über 15 Millionen gefälschte Produkte gestoppt.
Auf den ersten Blick sieht alles richtig aus, Aufsätze für elektrische Zahnbürsten eben. Normalerweise sind sie recht teuer, in diesem Fall scheint es ein Schnäppchen zu sein. Doch was auf Amazon als Topangebot für Philips-Sonicare-Geräte angezeigt wird, ist gefälscht. Kund:innen bekommen Bürsten aus minderwertigem Material, die vielleicht bürsten, aber mit den Ultraschallgeräten von Philips nicht harmonieren und eventuell sogar schädlich sind. Der Verkäufer muss sich jetzt vor Gericht verantworten – in Frankfurt.
Anzeige erstattet haben Amazon und Philips. Den Täter entdeckte Amazons konzerneigene Ermittlergruppe CCU (Counterfeit Crimes Unit), die Produktfälschern auf der Spur ist und hier mit Philips zusammenarbeitete. „Dieser Fall sendet eine klare Nachricht: Wenn Sie versuchen, Fälschungen in unserem Onlinegeschäft zu verkaufen, finden wir Sie, stoppen Sie und verfolgen Sie rechtlich in jeder Form, einschließlich Schadenersatz und Strafverfolgung“, kommentiert CCU-Chef Kebharu Smith.
Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht
Zahnbürsten sind offenbar sehr attraktiv für Fälscher. Philips-Manager Gerrit Janßen berichtet von mehr als 4500 Fällen in Westeuropa allein 2025. Der jetzt angeklagte Täter, der, wie zu hören ist, in Deutschland wohnt, ist nur einer von ihnen. Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht, ob das nun teure Zahnbürstenköpfe sind oder Druckerkartuschen, Luxushandtaschen oder Designkerzenhalter aus den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Und die Täter und Täterinnen kommen nicht immer aus China, wie der Philips-Fall zeigt, auch wenn dort schnell und in großen Stückzahlen täuschend echte Produkte hergestellt werden können.
Besonders stolz ist Amazons CCU deshalb auf die engen Kontakte mit den Ermittlungsbehörden in China. Allein für 2025 berichten die Amerikaner über mehr als 70 erfolgreiche Razzien gegen Hersteller, Lieferanten und Händler gefälschter Produkte. Zahlreiche Täter seien zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt worden. Insgesamt entdeckte Amazon dem neuen Trustworthy Shopping Experience Report (TSE, etwa Vertrauensvoll-Einkaufen-Bericht) weltweit mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte und zog sie aus dem Verkehr.
Über die Seiten des größten Online-Händlers der Welt werden mehrere hundert Millionen Produkte angeboten. Genaue Zahlen gibt Amazon nicht heraus. Der Konzern verkauft einiges selbst, bietet aber seinen Onlineladen und seine Logistikzentren auch anderen Händlern an, die gegen Gebühren die Reichweite nutzen können. Und dabei sind einige, die das schnelle Geld mit gefälschten Produkten machen wollen und hoffen, nicht entdeckt zu werden.
KI hilft, mögliche neue Fälschungen vorherzusagen
Inzwischen nutzt Amazon Künstliche Intelligenz und kann deshalb mögliche Verstöße vorhersagen, bevor neue Marken oder Produkte überhaupt bei Amazon erscheinen, wie es in einem Blog des Unternehmens heißt. Dafür scannt die Software Social Media und andere Händler und analysiert die Informationen. Denn Täter sind oft schneller mit den Fälschungen am Markt, als offizielle Anbieter ihre Produkte herausbringen.
So gelang es im vergangenen Jahr, ein gefälschtes Angebot zu sperren, acht Tage bevor der wahre Markeninhaber des neuen Produkts Amazon mitteilte, das er die Rechte hält. Das Produkt war vorher bei Social Media viral gegangen. Mit einer ähnlichen KI-Technologie spüren die Amerikaner gefährliche und gefälschte Internetseiten auf, um sie dann automatisiert aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Allein 2024 investierte Amazon mehr als eine Milliarde Dollar unter anderem in solche Technologie und den Ausbau der CCU.
Auch Geheimdienstmitarbeiter arbeiten in der Amazon-Einheit gegen Fälschungen
Die Einheit startete 2020. Smith hat sie aufgebaut. Er arbeitete gut 20 Jahre im US-Justizministerium, beschäftigte sich mit Computerkriminalität und geistigem Eigentum. Im Team sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Die Einheit arbeitet mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Und auch deutschen Ermittlungsbehörden.
Inzwischen hat die CCU mehr als 32.000 Täter:innen in 14 Ländern der Welt vor Gericht gebracht. Mehr als 290 sitzen inzwischen im Gefängnis – im Schnitt für 29 Monate. Diese durchschnittliche Haftlänge zeige die ernsten Konsequenzen für die Täter, wenn sie erwischt würden, heißt es im TSE-Bericht von Amazon.
Manchmal dauert es. Bereits 2022 verklagten Amazon und der japanische Druckerhersteller Brother 18 Personen beim Landgericht Berlin. Sie hatten Original-Druckerpatronen gekauft, mit minderwertiger Tinte befüllt, mit gefälschten Hologrammen versehen, um das Original nachzuahmen, und verkauft. 2024 gab es eine großangelegte Razzia gegen die Täter. Im vergangenen Jahr verurteilte das Landgericht Berlin die Bande wegen Produktfälschung und zu 500.000 Euro Schadenersatz.
Von Björn Hartmann für die Frankfurter Rundschau 23.4.2026, S. 13
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