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27.06.2026 09:45
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Vom Zusammenhang von Versprechen und Vertrauen
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Versprechen, Vertrauen und die Verantwortung als Wasser im Wein der schönen Worte. Die Kolumne „Gastwirtschaft“ in der FR vom 22./23.6.26 von Coach Kurt Steffenhagen:
„Alle vier Jahre, so ist es in Deutschland Usus, prasseln Versprechen wie ein Sturzregen auf die Menschen nieder – Schlagworte im wahrsten Sinne des Wortes. Sie enden, wenn man dazu noch die Frage nach dem Vertrauen in die Suppe gießt, oft als stumpfe Schwerter im Sumpf von Moralismen. Gefühlt passen Versprechen und Vertrauen in die gleiche Tüte. Ein Versprechen wird, so scheint es, nur dann ernst genommen, wenn man ihm vertraut.
Es lohnt sich, hier einmal genauer hinzuschauen: Versprechen und Vertrauen sind bei genauerer Betrachtung zwei Paar Schuhe. Vordergründig wirken sie verwandt, tatsächlich betreffen sie jeweils ein anderes Thema.
Versprechen zielen auf „Sicherheit“, sie sind dafür gemacht, „Unsicherheit“ zu minimieren, ja auszuschalten. Die Unsicherheit liegt im Unwissen gegenüber der Zukunft und letztlich dem Verhalten der Menschen. Versprechen werden oft gebrochen – nicht, weil die Menschen böswillig sind (mag auch gelegentlich der Fall sein), sondern weil auch das beste Versprechen seiner Natur nach niemals ein Abbild der Zukunft sein kann. Das Versprechen als solches ist oft ein hilfloser Versuch, die Zukunft festzuschreiben, deren komplexe Entwicklung man zwar ahnen, jedoch nicht fixieren kann. Vertrauen gründet auf gemeinsamen Zielen
Vertrauen dagegen ist kein süßliches Parfüm des Herzens, sondern rührt aus der Erkenntnis, dass nichts sicher versprochen werden kann. Vertrauen gründet auf der Haltung, dass gemeinsame Ziele erreichbar sind. Es ist die Einsicht, dass Dinge anders laufen können als gedacht, man sich aber dennoch zutraut, den Widrigkeiten zu begegnen. Dazu hat Václav Havel, der frühere tschechische Staatspräsident, sinngemäß gesagt: Vertrauen, und damit Hoffnung, ist nicht die Überzeugung, dass alles gut ausgeht, sondern dass etwas Sinn hat – unabhängig vom Ausgang.
Doch nun kommt das Wasser in den Wein – die Frage nach der Verantwortung.
Verantwortung hat man, kraft Amtes oder aus anderem Anlass. Ihre Übernahme gleicht oft einer heißen Kartoffel, die niemand halten will. Wo jedoch niemand Verantwortung für Geschehenes übernimmt, fehlt jede Grundlage für Vertrauen in die Zukunft. Jemandem zu vertrauen, der keine Verantwortung trägt oder tragen will, ist absurd – oder blind.
Das Wasser im Wein der schönen Worte ist der Umgang mit Verantwortung“.
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23.06.2026 06:13
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Krass unfair in Gesellschaft, Arbeitsmarkt und Wirtschaft
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Wie soll das gehen? Dringend benötigte Zuwanderung ins Berufsfelder mit Fachkräftemangel, der sich jährlich weiter erhöhen wird, und die Zulassungssperre zu kostenfreien Integrationskursen, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt erlassen hat – das zeugt von ideologischer Politik im Sinne der AFD. Sie hat massive Folgen. Innerhalb von nur sechs Monaten wurden 45.000 Anträge abgelehnt. Pitt von Bebenburg (FR) schreibt dazu heute in der Frankfurter Rundschau:
„Zehntausende von Zugewanderten können nicht an Integrationskursen teilnehmen, weil Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die kostenfreie Teilnahme für sie unterbunden hat. Die Bundesregierung teilte nun auf eine parlamentarische Anfrage der Linken mit, dass rund 45.000 Menschen von der Kürzung betroffen waren.
„Was für eine beschämende Bilanz“, kommentierte die Linken-Innenpolitikerin Clara Bünger. 45.000 abgelehnte Anträge auf Sprachkurszulassung in nur einem halben Jahr bedeuteten „zehntausendfach zerschlagene Chancen“. Für die Aufnahmegesellschaft bedeute das eine verzögerte Integration und entsprechende Mehrkosten, erwartet die Linken-Abgeordnete und fordert: „Mit dieser kontraproduktiven Spar- und Ausgrenzungspolitik muss Schluss sein.“
Ende November hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das dem Innenministerium untersteht, einen Zulassungsstopp für Zugewanderte erlassen, die kostenfrei im Integrationskurs Deutsch lernen wollen. Nur Zugewanderte, die vom Jobcenter zum Integrationskurs verpflichtet worden waren, durften weiter teilnehmen. Der Minister argumentierte mit Kostengründen und damit, dass nur Menschen integriert werden sollten, die gute Bleibechancen hätten.
Neben Fachverbänden, Linken und Grünen wandte sich auch die mitregierende SPD gegen den Einschnitt. Sie erzielte einen Teilerfolg, den sie im Mai verkündete. Ukrainerinnen und Ukrainer sowie Bürgerinnen und Bürger aus der Europäischen Union (EU) sollen von der Zulassungssperre ausgenommen werden – sofern das Budget für ihre Teilnahme reicht.
Geduldete und Asylsuchende werden hingegen auf Erstorientierungskurse verwiesen, die deutlich weniger Deutschstunden umfassen und nach deren Besuch es kein Abschlusszertifikat gibt, so dass sie nicht für den Arbeitsmarkt qualifiziert sind. Die Linke Bünger nannte es „besonders bitter“, dass Asylsuchende in diese Alternative gedrängt werden, die häufig dauerhaft in Deutschland blieben. Für viele von ihnen sei eine Rückkehr ins Heimatland nicht möglich, selbst wenn ihr Asylgesuch abgelehnt werde.
„Für 2027 sind bislang lediglich 650 Millionen Euro für Integrationskurse vorgesehen“
Wann die Einigung der schwarz-roten Koalition umgesetzt wird, ist ungewiss. Eigentlich war das zum 1. Juni erwartet worden. Das Ministerium teilte auf Anfrage der FR keinen konkreten Termin mit. Stattdessen hieß es, die Bundesregierung arbeite an einem Entwurf zur Änderung der Verordnung, die vom Bundeskabinett beschlossen werden solle.
Neben den gut 45.000 Abgelehnten gibt es Menschen, die – in der Regel von den lokalen Jobcentern – zu einer Teilnahme eingeladen oder verpflichtet werden, wenn sie etwa Bürgergeld oder Asylbewerberleistungen beziehen. Aus diesen Gruppen hätten in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gut 113.000 Menschen eine Teilnahmeberechtigung erhalten, heißt es in der Regierungsantwort an Bünger.
Den Trägern und Kursleiter:innen bringt der Zuzugstopp enorme organisatorische Probleme und finanzielle Verluste. Bei den Volkshochschulen seien „je nach Region mindestens 30 Prozent und bis zu 55 Prozent der geplanten Kurse“ ausgefallen, teilte der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) auf Anfrage mit. Das seien die Folgen des Zulassungsstopps selbst sowie seiner Nebeneffekte, weil Kurse zunächst zu wenige Teilnehmende hätten und erst später als geplant starten könnten. Betroffen seien freie Lehrkräfte, die ihr Honorar einbüßten, und Angestellte, die etwa ihr Stundendeputat reduzieren oder in einem anderen Bereich arbeiten müssten“.
Das ist nicht nur krass unfair gegenüber Migranten und Migrantinnen, sondern auch völlig abstrus gegenüber der eigenen Bevölkerung, ihrem Bedarf an Arbeitskräften und dem Arbeitsmarkt. Die CSU verstolpert sich und fügt der deutschen Wirtschaft schweren Schaden zu.
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19.06.2026 10:46
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Wen trifft die Klimakrise besonders unfair und am meisten?
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Kurz gesagt: Frauen, denn sie sind oft abhängiger von der Natur für ihren Lebensunterhalt. Wie Bäuerin Umm Hassan, deren Büffel unter der Hitze leiden.
Frauen und Mädchen sind am stärksten von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen. Überall auf der Welt sind Frauen und Mädchen stärker von natürlichen Ressourcen abhängig, haben aber weniger Zugang zu ihnen. Oft schultern sie eine unverhältnismäßig große Verantwortung für den Zugang der ganzen Familie zu Nahrung, Wasser und Brennstoff. Die Landwirtschaft ist der wichtigste Beschäftigungssektor für Frauen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. In Zeiten von Dürre und unregelmäßigem Regenfall müssen Frauen in der Landarbeit härter arbeiten, um das Einkommen und die Ressourcen für ihre Familien zu sichern.
So auch in den Sümpfen des Iraks, wo vor allem Frauen Büffel züchten und daraus Qaymar al-Arab herstellen, ein quarkähnliches Milchprodukt. Eine von ihnen ist Umm Hassan, die im Marschland östlich der südirakischen Stadt Nassirija ihre Tiere weiden lässt. Immer öfter muss sie mit ihnen weiterziehen und an anderen Orten nach Wasser suchen. „Wenn Dürre herrscht“, sagt Umm Hassan, „werden die Büffel krank oder sterben.“ Fünf Tiere hat sie so schon verloren. „Die Last“, sagt sie, „bleibt immer an der Frau hängen.“
Auch Zeinab, die ebenfalls von und mit den Sümpfen lebt, ist allein für die Ernährung ihrer Familie zuständig. Auch sie spürt, dass die Sümpfe immer trockener werden. Früher ging sie täglich fischen, oft fängt sie nun überhaupt nichts mehr. „Manchmal“, sagt sie, „wache ich nachts auf und muss weinen.“
Dass die Sümpfe austrocknen, hat nicht allein mit der Klimakrise zu tun. Saddam Hussein ließ in den 1990er Jahren die Sümpfe austrocknen, durch den Bau eines über 500 Kilometer langen Kanalsystems, mithilfe dessen er Euphrat und Tigris umleitete. Der Diktator wollte damit verhindern, dass sich in den Sümpfen Aufständische – die er unter den dort heimischen Marscharabern vermutete – verstecken können. Dass der Wasserstand der das Marschland speisenden Flüsse durch die Erwärmung der Erde heute immer weiter sinkt, verstärkt das Problem.
Die 60-jährige Umm Hassan hat den Niedergang der Sümpfe von Anfang an mitbekommen. Die Hoffnung, dass es einmal wieder werden könnte wie einst, hat sie längst aufgegeben. Was sie aber jeden Tag aufs Neue hofft, ist, dass die Büffel Milch geben. „Denn sonst“, sagt sie, „verdiene ich nichts.“
Hiba Al-Maged, Kerbala, Irak
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16.06.2026 14:51
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Umsetzung der Vorschriften zur Lohngleichheit bei gleicher Arbeit
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EU-Kommission fordert EU-weite Umsetzung der Vorschriften zur Lohngleichheit
Am 7. Juni ist die Frist für die Umsetzung der Entgelttransparenz-Richtlinie in der gesamten EU abgelaufen. Fairness ist nicht nur ein Wert. Sie ist auch eine wirtschaftliche Stärke: Die Länder, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen, sind auch die wettbewerbsfähigsten. Die EU-Verträge legen eindeutig fest, dass gleiche Arbeit gleichen Lohn verdient, unabhängig davon, ob sie von einer Frau oder einem Mann verrichtet wird.
Eurostat
Die neuesten Eurostat-Daten zeigen, dass der Bruttostundenlohn von Frauen in der EU im Durchschnitt 11,1 Prozent unter dem von Männern lag, in Deutschland sogar 15,6 Prozent.
Das ist auf eine komplexe Reihe von Faktoren zurückzuführen, wie beispielsweise die Unterbewertung von Berufen, die traditionell von Frauen ausgeübt werden, sowie auf Geschlechterstereotypen, die sich auf Bildung, Einstellung, Beförderungen und Löhne auswirken.
Eurobarometer
Darüber hinaus sind fast neun von zehn Europäern der Meinung, dass es inakzeptabel ist, wenn Frauen für die gleiche Arbeit weniger verdienen als Männer.
Richtlinie wurde vor drei Jahren beschlossen
Das Europäische Parlament und die Minister der Mitgliedstaaten im Rat der EU haben die Richtlinie im Mai 2023 beschlossen. Hier ist der Gesetzestext verlinkt. Den Vorschlag für diese Richtlinie zur Stärkung der Anwendung des Grundsatzes des gleichen Entgelts für Männer und Frauen bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit durch Entgelttransparenz und Durchsetzungsmechanismen hatte die EU-Kommission 2021 vorgelegt.
Beitrag der Richtlinie
Die EU-Richtlinie trägt dazu bei, das Recht auf gleiches Entgelt in die Praxis umzusetzen. Die Richtlinie hilft Arbeitgebern bei der Beurteilung, ob ihre Lohnstrukturen in der Praxis dem Grundsatz des gleichen Entgelts entsprechen. Außerdem unterstützt sie die Arbeitnehmer, indem sie einen klaren Rahmen für die Anwendung des Konzepts der „gleichwertigen Arbeit“ auf der Grundlage von Kriterien wie Qualifikationen, Aufwand, Verantwortung und Arbeitsbedingungen schafft.
Talente gewinnen
Darüber hinaus wird die Richtlinie Arbeitgebern helfen, Talente zu gewinnen und zu halten, indem klarere und fairere Vergütungspraktiken eingeführt werden. Lohntransparenz stärkt die Arbeitnehmer und trägt zur Bekämpfung von Diskriminierung bei, während sie europäischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschafft.
Enge Zusammenarbeit und Millionen-Förderung zur Vorbereitung der Umsetzung
Seit den Vorbereitungsphasen des Vorschlags hat die Kommission eng mit den Mitgliedstaaten und wichtigen Interessengruppen zusammengearbeitet, um Lohngleichheit zu fördern.
Die Kommission hat die Umsetzung der Richtlinie mit mehr als 3,8 Millionen Euro aus dem Programm „Bürger, Gleichstellung, Rechte und Werte“ sowie mit weiteren 5 Millionen Euro im Rahmen der kürzlich abgeschlossenen Ausschreibung 2026 zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter gefördert.
Die Kommission wird nationale Behörden, Unternehmen und Arbeitnehmer weiterhin dabei unterstützen, Lohngleichheit in unserer gesamten Union zu verwirklichen.
Artikel mit zahlreichen Links und Zahlen:
"Artikel mit zahlreichen Links und Zahlen"
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04.06.2026 10:01
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Sexismus und Gewalt im Krankenhaus
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Es war ein Satz, der aufrüttelte: „73,5 Prozent der Studentinnen erleben im Praktischen Jahr sexualisierte Gewalt.“ Das erklärten fünf Medizinstudentinnen auf dem 130. Deutschen Ärztetag in der vergangenen Woche in Hannover. Diese Zahl reiht sich ein in die Ergebnisse vieler Befragungen. Vor vier Jahren gab es eine Untersuchung in den USA von mehr als 22.000 Ärztinnen und Ärzten über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Knapp 3000 gaben an, mindestens einmal in solche Situationen gekommen zu sein. 86 Prozent der Betroffenen waren Frauen. In den USA wurde ein formelles Meldesystem installiert, jedes Krankenhaus hat inzwischen sein eigenes Berichterstattungssystem.
In Deutschland hat es ein bisschen gedauert, bis eine ähnliche Befragung von knapp 10.000 Beschäftigten der baden-württembergischen Unikliniken in Ulm, Freiburg, Heidelberg und Tübingen im Jahr 2022 ergab, dass über 70 Prozent der Befragten sexuelle Belästigungen bei ihrer Arbeit im Krankenhaus erlebt hatten: Das Spektrum reichte von anzüglichen Witzen über sexualisierte Bemerkungen bis hin zu körperlichen Übergriffen.
„Im Gesundheitssystem sind Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse häufig ausgeprägter als an anderen Arbeitsplätzen. Unter anderem findet sexualisierte Belästigung deswegen hier besonders häufig statt“, hieß es. Die vier Unikliniken starteten eine Kampagne mit Aktionen gegen sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz und installierten Anlaufstellen und Hilfsangebote.
Auch eine Mitgliederbefragung des Marburger Bundes Anfang dieses Jahres unter mehr als 9000 angestellten Ärztinnen und Ärzten über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz ergab das gleiche Bild, wobei überwiegend Machtmissbrauch durch Vorgesetzte zur Sprache kam. Der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) erklärte hierzu, dass die vielen Vorfälle „mit dem extremen Machtgefälle und steilen Hierarchien“ zu erklären seien.
Es ist seltsam, wie lange es dauerte, bis das Thema der sexuellen Belästigung und Gewalt in der Medizin öffentlichen Raum erhielt. Eine Fuldaer Ärztin forderte im Hessischen Rundfunk Konsequenzen nach Sexismus-Beschwerden auf dem Ärztetag. Auf dem Ärztetag?
Ja, geschehen auf dem Ärztetag 2026 in Hannover! Zum Entsetzen der anwesenden 250 Delegierten der 17 deutschen Ärztekammern traten in der vergangenen Woche fünf Medizinstudentinnen an das Rednerpult und berichteten von Einladungen ins Hotelzimmer und von heftigen Berührungen: „Teilweise wurden wir angefasst. Gerade in den Abendveranstaltungen. Da waren Hände an Stellen, wo sie nicht hingehörten.“ Der Wortlaut ihrer Rede lautete: „Uns allen fünf weiblichen Mitgliedern unserer Delegation sind in den letzten drei Tagen Übergriffe passiert. ... Wir möchten Ihnen davon berichten: Kommentare über unser hübsches Auftreten sind unangebracht. Kommentare über unsere Ausschnitte sind unangebracht. Hände auf Rücken und Gesäßen sind unangebracht. Mit unseren männlichen Kollegen über berufspolitische Themen zu sprechen – mit uns weiblichen über Kinder kriegen und Stillen, ist unangebracht. Einladungen auf Hotelzimmer oder privat zu Ihnen nach Hause sind unangebracht. Einladungen, doch mal eben zusammen „vor die Tür“ zu gehen, sind unangebracht.“
Entsetzen, Betroffenheit, Erschütterung, Sprachlosigkeit – das waren die Reaktionen der Delegierten, die nach den Studentinnen sprachen. Auch der Präsident der Bundesärztekammer gab sich verstört und versprach eine restlose Aufklärung der Vorfälle.
Ich glaube nicht an solche Versprechungen. Es wird sich nicht viel ändern, solange Machtgefälle und Abhängigkeiten den medizinischen Arbeitsalltag bestimmen. Wenigstens ist durch die überaus mutige Aktion der fünf Studentinnen aber endlich öffentlich geworden, dass sich in der ärztlichen Profession keineswegs nur die besseren Menschen versammelt haben. Die durchschnittliche Anzahl der Sexualtäter ist nicht geringer als in der sonstigen Bevölkerung. Es ist also Vorsicht geboten.
Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de
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