Blog nach Monat: April 2026

28.04.2026 09:11
Profitmaximierer Ölkonzerne - schamlose Unfairness
Weltweit steigende Energiepreise seit Beginn des Iran-Kriegs setzten Haushalte und Unternehmen unter Druck, während die großen Öl- und Gaskonzerne gleichzeitig neue Rekordgewinne einfahren. Nach Angaben der Hilfsorganisation Oxfam könnten sechs der größten fossilen Energiekonzerne im Jahr 2026 zusammen rund 94 Milliarden US-Dollar Gewinn erzielen – ein Plus von rund 13,5 Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahr – oder 37 Millionen Dollar täglich.

Zu den Profiteuren zählen Branchenriesen wie Shell, ExxonMobil, Chevron, BP, ConocoPhillips und TotalEnergies. Ihre erhöhten Gewinne speisen sich maßgeblich aus dem Anstieg der Preise für Erdöl und LNG, deren Verfügbarkeit wegen der Blockade der Straße von Hormus gesunken ist, und einer weiterhin hohen globalen Nachfrage nach den fossilen Energieträgern. Viele dieser Konzerne investieren weiterhin erheblich in die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder – trotz der klimapolitischen Zielsetzungen.

Die Oxfam-Untersuchung basiert auf Berechnungen zu den Gewinnerwartungen der Ölmultis, die von der Analyseplattform Standard & Poor’s Capital IQ gemacht wurden. Branchenfachleute gehen derzeit davon aus, dass die Öl- und Gaspreise noch längere Zeit erhöht sein werden, selbst wenn es bald zu einer Einigung zwischen Iran und den USA kommt.

„Es ist offensichtlich, wie dringend der Ausstieg aus Öl und Gas ist“

Der Ölpreisschock belastet vorwiegend Staaten im globalen Süden, wo bereits Knappheiten auf den Öl- und Gasmärkten zu spüren sind. Doch auch in Ländern wie Deutschland belasten steigende Energiepreise viele Haushalte. Angesichts der gerade in Kolumbien stattfindenden internationalen Konferenz zum Ausstieg aus den fossilen Energien, an der rund 50 Länder teilnehmen, äußert Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig: „Es ist offensichtlich, wie dringend der Ausstieg aus Öl und Gas ist, um die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten zu verringern und die Widerstandskraft gegenüber geopolitischen Krisen zu erhöhen.“ Kowalzig kritisierte die Bundesregierung, die den Ausbau von Sonne und Wind ausbremsen und neue Gaskraftwerke bauen wolle. Das würde bestehende Abhängigkeiten verfestigen.

„Statt konsequent dagegen zu steuern, schiebt die Bundesregierung den fossilen Großkonzernen für deren klimazerstörendes Geschäftsmodell Milliardengewinne zu.“
Jan Kowalzig, Oxfam-Klimaexperte

Den Preis dafür zahlten die Verbraucherinnen und Verbraucher. Dass die Ölkonzerne auch hierzulande zusätzliche Gewinne einfahren, hat eine Untersuchung des Leibniz Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Instituts für Wettbewerbsökonomie (Dice) gezeigt. Die Gewinnmargen sowohl für E5- als auch für E10-Benzin seien seit Einführung der sogenannten Zwölf-Uhr-Regel um rund sechs Cent pro Liter gestiegen. Dieser Effekt war beim Diesel wegen der stark schwankenden Preise „zumindest kurzfristig“ nicht nachweisbar. Es sei aber wahrscheinlich, dass es ihn auch hier geben könne. Die Forschenden sprechen von Mitnahmeeffekten, die über normale Marktdynamiken hinausgehen.

23.04.2026 08:10
Dreisten Produktfälschungen auf der Spur mit KI
Amazon deckt mit KI und ehemaligen Geheimdienstmitarbeitenden Produktfälschungen auf. Allein 2025 wurden über 15 Millionen gefälschte Produkte gestoppt.

Auf den ersten Blick sieht alles richtig aus, Aufsätze für elektrische Zahnbürsten eben. Normalerweise sind sie recht teuer, in diesem Fall scheint es ein Schnäppchen zu sein. Doch was auf Amazon als Topangebot für Philips-Sonicare-Geräte angezeigt wird, ist gefälscht. Kund:innen bekommen Bürsten aus minderwertigem Material, die vielleicht bürsten, aber mit den Ultraschallgeräten von Philips nicht harmonieren und eventuell sogar schädlich sind. Der Verkäufer muss sich jetzt vor Gericht verantworten – in Frankfurt.

Anzeige erstattet haben Amazon und Philips. Den Täter entdeckte Amazons konzerneigene Ermittlergruppe CCU (Counterfeit Crimes Unit), die Produktfälschern auf der Spur ist und hier mit Philips zusammenarbeitete. „Dieser Fall sendet eine klare Nachricht: Wenn Sie versuchen, Fälschungen in unserem Onlinegeschäft zu verkaufen, finden wir Sie, stoppen Sie und verfolgen Sie rechtlich in jeder Form, einschließlich Schadenersatz und Strafverfolgung“, kommentiert CCU-Chef Kebharu Smith.

Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht

Zahnbürsten sind offenbar sehr attraktiv für Fälscher. Philips-Manager Gerrit Janßen berichtet von mehr als 4500 Fällen in Westeuropa allein 2025. Der jetzt angeklagte Täter, der, wie zu hören ist, in Deutschland wohnt, ist nur einer von ihnen. Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht, ob das nun teure Zahnbürstenköpfe sind oder Druckerkartuschen, Luxushandtaschen oder Designkerzenhalter aus den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Und die Täter und Täterinnen kommen nicht immer aus China, wie der Philips-Fall zeigt, auch wenn dort schnell und in großen Stückzahlen täuschend echte Produkte hergestellt werden können.

Besonders stolz ist Amazons CCU deshalb auf die engen Kontakte mit den Ermittlungsbehörden in China. Allein für 2025 berichten die Amerikaner über mehr als 70 erfolgreiche Razzien gegen Hersteller, Lieferanten und Händler gefälschter Produkte. Zahlreiche Täter seien zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt worden. Insgesamt entdeckte Amazon dem neuen Trustworthy Shopping Experience Report (TSE, etwa Vertrauensvoll-Einkaufen-Bericht) weltweit mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte und zog sie aus dem Verkehr.

Über die Seiten des größten Online-Händlers der Welt werden mehrere hundert Millionen Produkte angeboten. Genaue Zahlen gibt Amazon nicht heraus. Der Konzern verkauft einiges selbst, bietet aber seinen Onlineladen und seine Logistikzentren auch anderen Händlern an, die gegen Gebühren die Reichweite nutzen können. Und dabei sind einige, die das schnelle Geld mit gefälschten Produkten machen wollen und hoffen, nicht entdeckt zu werden.

KI hilft, mögliche neue Fälschungen vorherzusagen

Inzwischen nutzt Amazon Künstliche Intelligenz und kann deshalb mögliche Verstöße vorhersagen, bevor neue Marken oder Produkte überhaupt bei Amazon erscheinen, wie es in einem Blog des Unternehmens heißt. Dafür scannt die Software Social Media und andere Händler und analysiert die Informationen. Denn Täter sind oft schneller mit den Fälschungen am Markt, als offizielle Anbieter ihre Produkte herausbringen.

So gelang es im vergangenen Jahr, ein gefälschtes Angebot zu sperren, acht Tage bevor der wahre Markeninhaber des neuen Produkts Amazon mitteilte, das er die Rechte hält. Das Produkt war vorher bei Social Media viral gegangen. Mit einer ähnlichen KI-Technologie spüren die Amerikaner gefährliche und gefälschte Internetseiten auf, um sie dann automatisiert aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Allein 2024 investierte Amazon mehr als eine Milliarde Dollar unter anderem in solche Technologie und den Ausbau der CCU.

Auch Geheimdienstmitarbeiter arbeiten in der Amazon-Einheit gegen Fälschungen

Die Einheit startete 2020. Smith hat sie aufgebaut. Er arbeitete gut 20 Jahre im US-Justizministerium, beschäftigte sich mit Computerkriminalität und geistigem Eigentum. Im Team sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Die Einheit arbeitet mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Und auch deutschen Ermittlungsbehörden.

Inzwischen hat die CCU mehr als 32.000 Täter:innen in 14 Ländern der Welt vor Gericht gebracht. Mehr als 290 sitzen inzwischen im Gefängnis – im Schnitt für 29 Monate. Diese durchschnittliche Haftlänge zeige die ernsten Konsequenzen für die Täter, wenn sie erwischt würden, heißt es im TSE-Bericht von Amazon.

Manchmal dauert es. Bereits 2022 verklagten Amazon und der japanische Druckerhersteller Brother 18 Personen beim Landgericht Berlin. Sie hatten Original-Druckerpatronen gekauft, mit minderwertiger Tinte befüllt, mit gefälschten Hologrammen versehen, um das Original nachzuahmen, und verkauft. 2024 gab es eine großangelegte Razzia gegen die Täter. Im vergangenen Jahr verurteilte das Landgericht Berlin die Bande wegen Produktfälschung und zu 500.000 Euro Schadenersatz.

Von Björn Hartmann für die Frankfurter Rundschau 23.4.2026, S. 13

14.04.2026 11:59
Neuer Fairness-Check zu Samsung Electronics
Gemessen an den unternehmenseigenen Fairness-Versprechen ist die Fairness bei Samsung desaströs:

Beschäftigte/Partner

Trotz Fairness-Versprechen kommt es zu Verletzungen des Patentrechtes sowie zu Arbeitsschutzverletzungen

Kunden/Klienten

Private Kundendaten werden teils nicht geachtet und Konsumenten durch irreführende Werbung getäuscht.

Wettbewerb

Die eigene Marktmacht wird ausgenutzt, um andere einzuschüchtern, geistiges Eigentum von Konkurrenten wir nicht respektiert.

Umwelt/Natur

Reparaturfreundlichkeit unterdurchschnittlich, Schadstoff-Abgabe überdurchschnittlich selbst für den Elektronik-Sektor, es kommt zur Freisetzung von Schadstoffen in die Umwelt.

Öffentlichkeit

Fairness-Versprechen, zum Wohl aller Menschen handeln zu wollen, ist vage, und ist insbesondere in den von Amnesty International genannten Kontexten nicht realisiert.

Das gibt 5 Mal die rote Karte.

Im Einzelnen mit Belegen: https://www.fairness-check.de/Samsung-im-Fairness-Check.aspx

Unter Mitarbeit von Anton Max Ullrich.

11.04.2026 07:37
Für Fairness lokal, regional und international - ein Vorbild
Im Ruhrgebiet sorgte Wölting mit einer "Magna Charta" bereits vor 15 Jahren dafür, dass 53 Städte und Gemeinden nur faire Produkte einkaufen und verwenden, die nicht durch ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt wurden. Für seine Verdienste verlieh das bischöfliche Hilfswerk Misereor dem pensionierten Lehrer vor Kurzem die Goldene Ehrennadel.

Wilhelm Wölting ist eigentlich Lehrer. Viele Jahre unterrichtete er Religion und Erdkunde an einer Essener Hauptschule. Doch der heute 88-Jährige hat noch eine weitere Leidenschaft – sein Engagement gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Welche Erfolge er dabei in über zwei Jahrzehnten erzielen konnte, erfreut ihn zutiefst. Erwartet hatte er das nicht. "Aber ich habe immer gehofft, die Welt ein wenig gerechter machen zu können", betont er.

Soziale Ungerechtigkeit kann der 1937 in Essen-Überruhr geborene Katholik einfach nicht leiden. Schon als junger Lehrer und später als Konrektor an einer Essener Hauptschule hielt er benachteiligte Kinder immer im Blick, um sie bestmöglich zu unterstützen. Über das Engagement in der katholischen Kirchengemeinde kam Wölting Ende der 1970er Jahre zum Eine-Welt-Netz-NRW für fairen Handel. Bis heute hilft er zweimal im Monat ehrenamtlich, faire Produkte in einem Weltladen in Essen-Kupferdreh zu verkaufen. "Das macht mir nach wie vor Freude und ist mir ein wichtiges Anliegen", sagt er.

Sein Herzensprojekt

Ab 1982 brachte sich der damalige Konrektor im Pfarrgemeinderat seiner katholischen Heimatgemeinde ein. Er engagierte sich im "Ausschuss für Mission, Entwicklung und Frieden." Der Kreis setzte sich für das katholische Hilfswerk Misereor ein, unterstützte speziell ein medizinisches Projekt in Brasilien, die "Barfußärzte für Juazeiro". Die in der Essener Pfarrei gesammelten Spenden kamen brasilianischen Frauen zugute. "Sie erhielten Unterricht in medizinischer Hilfe. Denn vor Ort fehlte es an Ärzten, die häufige Verletzungen behandeln konnten", erklärt Wölting.

Über Misereor lernte der damals bereits pensionierte Pädagoge sein späteres Herzensprojekt kennen. 2005 reiste Wölting mit dem Hilfswerk nach Indien. Auf eigene Kosten "Man hatte mich gebeten, eines der Projekte vor Ort anzusehen, aber ich wollte dafür keine Spendengelder in Anspruch nehmen." Bei Touren durchs Land sah er, was viele Menschen in reichen Ländern der Welt nicht wahrhaben wollten: Kleine Hände sorgen in armen Regionen der Welt für Profit. Kindersklaven verrichteten schwerste Arbeit beim Teppichknüpfen sowie in Steinbrüchen. Diesen Kindern, die skrupellos von profitgierigen Produzenten für deren Vorteile ausgenutzt wurden, gab der Essener ein großes Versprechen: "Solange ich lebe, werde ich für euch kämpfen."

Wölting ließen diese Reiseeindrücke zuhause nicht mehr los: das Leid der Kinder, die täglich zehn bis zwölf Stunden harte Arbeit für viel zu wenig Geld verrichten, brannten sich in sein Gedächtnis. Aber er war auch hoffnungsvoll. Denn er hatte in Indien selbst erlebt, dass Rettung möglich ist. Er war dabei, als sieben Jungen aus dem Elend der Teppichindustrie befreit wurden. Was er über deren Schicksal berichtet, macht fassungslos. "Verletzten sich die Kinder beim Knüpfen an den Händen, hat man die Wunden mit Schwefel aus Streichholzköpfen vernarbt, damit kein Blut auf die Ware fließt." Mit Stockschlägen seien Jungen, die man wie Sklaven hielt, an die Webstühle zurückgeprügelt worden. All das für einen Hungerlohn von unter einem Euro täglich.

Laut einem Misereor-Bericht aus dem Jahr 2020 sind rund 160 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen.

Vikas Sansthan, eine nicht-staatliche Partnerorganisation von Misereor, kämpft in Indien seit 1994 gegen diese Art von Ausbeutung und setzt sich aktiv für die Rechte von Frauen und Kindern ein. In einem ganzheitlichen Ansatz werden Not leidende Jungen und Mädchen auf den Besuch staatlicher Schulen vorbereitet. Mit Spenden finanziert man Komitees für Kinderrechte, Selbsthilfegruppen für Mütter und eine Gesundheitsförderung. Seit 2001unterstützt Misereor die Arbeit von Vikas Sansthan. Dennoch: Laut einem Misereor-Bericht aus dem Jahr 2020 sind noch immer rund 160 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen. "Für wenig Geld leisten sie überlange Arbeitszeiten. Sie sind von ihren Arbeitgebern abhängig und oft kaum geschützt vor Gewalt oder sexuellen Übergriffen", heißt es darin.

"Die verbotene Kinderarbeit war damals schon brisant. Die Produzenten stritten es ab. Nur mit Glück wurden einzelne Fälle vor Ort aufgedeckt", so Wölting. Über die schlimmen Arbeitsbedingungen der Jüngsten zu informieren und den Verkauf entsprechender Produkte zu stoppen, ist dem Essener nach wie vor ein Anliegen. Skrupellose Verstöße gegen ein weltweit geltendes Recht, festgeschrieben in der UN-Kinderechtskonvention, seien noch immer zu finden. "Arbeiten, für die Mädchen und Jungen zu jung sind, die ausbeuterisch oder gefährlich sind oder die körperliche oder seelische Entwicklung der Kinder schädigen und sie vom Schulbesuch abhalten, müssen aufgedeckt werden", unterstreicht der Essener Katholik.

Bei Vorträgen in Kirchengemeinden und Schulen informierte er jahrelang über den traurigen Arbeitsalltag der indischen Kindersklaven. Mit sympathischer Hartnäckigkeit referierte er über Steinbrüche, in denen es kaum oder keine Sicherheitsvorkehrungen oder Schutzausrüstung für Kinder gibt. Über Stunden erklingen dort die dumpfen, monotonen Schläge der Hämmer gegen den Granit, Sägen kreischen und Bohrmaschinen dröhnen. Ohne Mundschutz, Handschuhe oder festes Schuhwerk seien die Kinder den Gefahren ausgesetzt, erlitten allzu leicht Verletzungen wie Schnittwunden oder Knochenbrüche. Ganz zu schweigen von der hohen Staubbelastung, die Augen und Lunge reizt. Obwohl die Kinderarbeit seit 1989 durch die Vereinten Nationen verboten ist, arbeiten bis heute zudem Kinder und Jugendliche auf Teeplantagen, als Haushaltshilfen oder in der Schmuckindustrie. Sie tragen so zum geringen Familieneinkommen bei. Leider auf Kosten ihrer Schulbildung, ein Dilemma.

So brachte er das Thema in die Lokalpolitik

Auf einer Informationsveranstaltung bei der kfd-Gruppe in Essen-Überruhr erhielt Wölting den entscheidenden Impuls für sein größtes Projekt. Eine Frau fragte, wie die Städte und Gemeinden im Ruhrgebiet zur Kinderarbeit in Indien stehen. Und ob sie Produkte von solchen Firmen kaufen würden. Wölting recherchierte und brachte das Thema bald auf eine lokalpolitische Ebene. Die sieben aus der Teppichindustrie geretteten Kinder waren Antrieb für eine ebenso vorbildliche wie nachhaltige Sache: die "Magna Charta", eine freiwillige Selbstverpflichtung für Städte und Kommunen.

Im Jahr 2010 feierte sich das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt. Die Vorbereitungen des Programms mit einer Fülle von Ausstellungen, Events und Konzerten zur "Ruhr.2010" starteten ein gutes Jahr früher. Im Mai 2009 bildete sich die Initiative "Faire Kulturhauptstadt Ruhr.2010" aus Akteuren verschiedener Ruhrgebietsstädte. Die Idee dazu hatte Wölting vorgebracht. Ziel: gemeinsam gegen ausbeuterische Kinderarbeit zu kämpfen. "Wir wollten möglichst viele Städte überzeugen, ihre Vergabepraxen so zu ändern, dass in Zukunft keine unfairen Produkte mehr gekauft werden, wie Grabsteine für städtische Friedhöfe, Granitarbeitsplatten für Küchen, Teppiche...

Es war eine Herausforderung, die Hürden der Bürokratie in den Rathäusern zu überwinden. "Man hatte anfangs viele Bedenken, auch wegen höherer Kosten durch faire Produkte." Doch am 12. Juni 2010 wurde Wöltings Traum wahr. Im Dortmunder Rathaus unterzeichneten die ersten 38 Städte und Gemeinden das Abkommen zur fairen Metropole Ruhr. Bald folgten die restlichen Kommunen, bis alle 53 Städte und Gemeinden sowie die vier Landkreise die "Magna Charta" besiegelt hatten.

Der Initiator ist nach wie vor überzeugt von der Idee. Und stets bereit, andere zu begeistern. In der Laudatio von Misereor zu Wöltings Auszeichnung in der Essener Kirche St. Suitbert wurde dieses unermüdliche Engagement hervorgehoben. So sehr im Mittelpunkt zu stehen, wie bei der Verleihung der Goldenen Ehrennadel durch das Bischöfliche Hilfswerk, mag der rüstige Rentner eigentlich nicht. "Doch es musste sein", sagt er. Misereor-Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Frick aus Aachen betonte, mit welcher Empathie der Essener über Grenzen hinweg Verantwortung übernommen hat. Ein echtes Vorbild.

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