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28.05.2026 09:13
Was nicht mit Fairness zu tun hat: Überreichtum wider Gemeinwohl  

Zahl der Superreichen in Deutschland steigt – Warum Ottonormalsparer nicht profitieren

Immer mehr Superreiche leben in Deutschland – ihr Anteil am Gesamtvermögen wächst. Normale Sparer profitieren kaum davon. Was steckt hinter dem Trend? Laut dem Ungleichheitsbericht von Oxfam für das Jahr 2026 ist die Zahl der Milliardäre in Deutschland um ein Drittel auf 172 Personen gestiegen. Damit belegt Deutschland weltweit den vierten Platz, gemessen an der Gesamtzahl der dort lebenden Superreichen. Und auch unterhalb der Milliardärsschwelle boomt der Extremreichtum: Rund 5000 Menschen besitzen nach Berechnungen der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) mehr als 86 Millionen Euro. Die Zahl dieser sogenannten „Ultra High Net Worth Individuals“ ist 2025 um rund 1100 gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Diesen rund 5000 Superreichen gehören 27,3 Prozent des gesamten Finanzvermögens in Deutschland. Das entspricht knapp 2,9 Billionen Euro bei einem Gesamtfinanzvermögen von 10,6 Billionen Euro. Zusammen mit mehr als 700.000 Multimillionären halten sie über die Hälfte, genau 52,8 Prozent, des Finanzvermögens im Land. Zum Vergleich: Rund 66 Millionen Menschen in Deutschland, die weniger als 215.000 Euro besitzen, teilen sich lediglich 35,9 Prozent des Finanzvermögens. Auch das Gesamtvermögen der deutschen Milliardäre legte inflationsbereinigt um 30 Prozent auf 721,5 Milliarden Euro zu. Gleichzeitig, so Oxfam, lebt etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland in Armut.

Eine Elite wächst weiter: Börsengewinne als Motor der Vermögenskonzentration

Warum wächst der Reichtum an der Spitze so stark? „Die Konzentration des Vermögens an der Spitze nimmt weiter zu – wer mehr hat, kann breiter streuen und in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity investieren“, sagte Michael Kahlich, BCG-Partner und Co-Autor der Studie. Superreiche profitierten im vergangenen Jahr vor allem von starken Aktienmärkten. Wer bereits viel besitzt, kann mehr in Hochrendite-Anlageklassen investieren – und dieser Vorsprung vergrößert sich Jahr für Jahr. Bis 2030 prognostiziert BCG, dass der Anteil der Superreichen am deutschen Finanzvermögen auf 29 Prozent steigen wird.

Auch weltweit zeigt sich dieses Muster. Laut Oxfam ist das Vermögen von Milliardären weltweit 2025 um 2,5 Billionen US-Dollar auf einen neuen Höchstwert von 18,3 Billionen US-Dollar gewachsen – mit einem Plus von rund 16 Prozent dreimal so schnell wie in den fünf Jahren zuvor.

Das Nettovermögen der Deutschen steigt – doch nicht gleichmäßig

Das Nettovermögen der Deutschen insgesamt stieg 2025 laut BCG-Studie um rund 15 Prozent auf 20 Billionen Euro. Dabei legten die Finanzvermögen dank starker Börsen um fast 18 Prozent zu. Sachwerte – vor allem Immobilien – wuchsen auf 11,5 Billionen Euro und machen damit mehr als die Hälfte der deutschen Vermögen aus. Die Schulden stiegen leicht auf 2,15 Billionen Euro. Auf den ersten Blick klingt das positiv, doch der Zuwachs verteilt sich ungleich. Und genau hier liegt das zentrale Problem für Normalsparer. „Die Deutschen bleiben vorsichtige Anleger. Einlagen und Bargeld dominieren weiterhin die Vermögensstruktur privater Haushalte. Gleichzeitig sehen wir, dass ETFs, Aktien und kapitalmarktorientierte Anlagen stetig an Bedeutung gewinnen“, so Kahlich. Die schwächelnde Wirtschaft, die alternde Bevölkerung und die relativ schwache Aktienkultur dämpften jedoch den Vermögensaufbau.

BCG-Daten aus dem Vorjahresbericht belegen, dass weniger Vermögende eher auf risikoärmere Anlagen mit niedrigerer Rendite setzen, wie etwa Tagesgeld, Bargeld oder Versicherungen. „Sehr wohlhabende Anleger haben einen höheren Anteil ihres Vermögens am Kapitalmarkt und in renditestarken Anlageklassen wie Private Equity investiert“, erklärte Kahlich damals. Dieses strukturelle Ungleichgewicht verfestigt sich: Je weiter unten in der Vermögenspyramide jemand steht, desto geringer fällt sein Vermögenszuwachs aus und desto mehr verliert er im Vergleich zu den Superreichen.

Die Erosion der Mittelschicht: Ungleiche Vermögensverteilung nimmt zu

Die Frage, ob steigende Superreichtumszahlen auch dem Durchschnittsverdiener nutzen, lässt sich nicht einfach mit Ja beantworten. Einerseits wächst das gesamtgesellschaftliche Vermögen, was theoretisch Investitionen, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen begünstigen kann. Jedoch zeigt der Trend klar: Der Vermögensaufbau findet überproportional an der Spitze statt, und weniger in der Breite. Das hat langfristige gesellschaftliche Folgen für die Mittelschicht.

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung hat die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen in den zurückliegenden Jahren deutlich zugenommen. Vom einst prägenden Bild einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ hat sich Deutschland demnach immer weiter entfernt. Dabei wurde eben dieser Mittelstand in den vergangenen Jahren immer wieder von den Regierenden als „Backbone der deutschen Wirtschaftsleistung“ proklamiert. Doch die Corona-Pandemie, sowie die steuerliche Belastung tragen ihren Teil zu dem „Stück Butter in der Pfanne“ bei.

Wer als normaler Sparer gegensteuern will, dem bleibt vor allem die Möglichkeit, stärker auf kapitalmarktnahe Produkte zu setzen – also etwa breit gestreute ETFs. Doch dazu braucht es finanzielle Grundkenntnisse, einen langen Anlagehorizont und ein gewisses Startkapital. Faktoren, die nicht allen gleich zugänglich sind.

(Quellen: BCG Global Wealth Report 2025; Oxfam-Ungleichheitsbericht 2026; Bundeszentrale für politische Bildung: „Erosion der Mittelschicht? Folgen einer wachsenden Ungleichheit“) (ls)

Von Lennart Niklas Johansson Schwenck, freier Journalist, für die Frankfurter Rundschau

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