Blog-Artikel

06.11.2026 14:17
Arbeiten gegen den Countdown: Leistungsdruck bei Amazon  

Erstmals seit mehreren Jahren hat eine Delegation des EU-Parlaments in dieser Woche mehrere Amazon-Standorte besucht, um die Arbeitsbedingungen bei dem Online-Versandhändler zu prüfen. „Amazon hat sich sehr bemüht, um uns den Eindruck zu vermitteln, dass die Arbeit in den Lagerhallen ruhig und angenehm sei“, sagte die EU-Abgeordnete Kim van Sparrentak (Grüne) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Es wurde aber sehr deutlich, dass die Beschäftigten unter extrem stressigen Bedingungen arbeiten und keine Ahnung haben, welche Daten genutzt werden, um ihre Arbeitsgeschwindigkeit vorzugeben.“
Zuvor war ein Streit zwischen Amazon und dem Europaparlament eskaliert: Aus Sicht der Abgeordneten hatte das US-Unternehmen wiederholt keinen hochrangigen Vertreter zu Anhörungen im Ausschuss entsandt und eine für 2023 geplante Delegationsreise zu seinen Standorten abgesagt. Daraufhin verloren Amazon-Lobbyisten vorübergehend ihre Zugangsausweise zum EU-Parlament. Die Besuche in Dortmund und Mönchengladbach sowie im polnischen Katowice in dieser Woche sollten den Konflikt nun beenden.

„Es wurde sehr deutlich, dass die Beschäftigten unter extrem stressigen Bedingungen arbeiten und keine Ahnung haben, welche Daten genutzt werden, um ihre Arbeitsgeschwindigkeit vorzugeben“ van Sparrentak (Grüne), EU-Abgeordnete.
Van Sparrentak berichtete aus der Lagerhalle etwa, dass nach dem Scan eines Artikels auf einem Bildschirm ein Sekunden-Countdown laufe, der die Beschäftigten unter Druck setze. „Am hochautomatisierten Standort gab es sogar ein Spiel, bei dem Mitarbeiter gegeneinander antreten können, um zu sehen, wer am schnellsten ist – wobei bei diesem Spiel letztlich nur Amazon gewinnt.“

Im Dortmunder Lager kam die Frage auf, ob die Beschäftigten Leistungsziele hätten – und welche Konsequenzen drohten, wenn sie diese verfehlten. Die Antwort: Es gebe lediglich neutrale Feedbackgespräche.

Adrian Zempel, Betriebsratsvorsitzender am Amazon-Standort Dortmund, erklärte daraufhin, in Ländern wie den USA, Kanada oder Polen würden bei verfehlten Leistungszielen teils automatisierte Abmahnungen erteilt. Das deutsche Arbeitsrecht lasse dies nicht zu. Doch auch die Leistungsgespräche empfänden die Beschäftigten als ernste Konsequenz: „Vor mir standen schon Kollegen, die mir unter Tränen erzählt haben, dass sie an diesem Tag schon viermal zum Leistungsfeedback antreten mussten“, sagte Zempel.

„Die Technologie wird eindeutig zur Leistungsbeurteilung genutzt – auch bei der Entscheidung, ob befristete Verträge verlängert werden.“ Er sei überzeugt, dass dieser Druck auch Folgen für die Gesundheit hat.
Ein Amazon-Sprecher erklärte auf RND-Nachfrage, das Unternehmen habe wie jeder Arbeitgeber normale Leistungserwartungen an seine Teams. Die Technologie stelle eine bewältigbare Arbeitsbelastung und einen gut organisierten Betrieb sicher, überwache aber nicht die Mitarbeiter: „Unsere Praktiken entsprechen sowohl nationalem Recht als auch EU-Vorschriften.“

EU-Abgeordnete zweifeln an Amazons Antworten auf heikle Fragen

Besorgt reagierten die Abgeordneten auch auf Zempels Schilderung, Aufsichtsbehörden ließen Amazon Verstöße durchgehen. So hatte die Bezirksregierung Arnsberg im vergangenen Jahr festgestellt, dass bei einzelnen Schichtwechseln von Samstag auf Montag die gesetzliche Ruhezeit von 35 Stunden nicht eingehalten worden war.

Ein Amazon-Sprecher erklärte hierzu, dies betreffe nur wenige Einzeltage während der saisonalen Spitzenzeit, sei auf maximal vier zusätzliche Arbeitstage pro Person begrenzt und werde mit 100 Prozent Zuschlag vergütet. Die Bezirksregierung habe dies als zulässige Ausnahme bestätigt. Für Zempel ist das ein Unding: „Als Betriebsrat fühlt man sich vom Staat in solchen Situationen ziemlich allein gelassen.“

Van Sparrentak gewann den Eindruck, Amazon habe bei den Besuchen alles getan, um bessere Arbeitsbedingungen als an gewöhnlichen Tagen vorzutäuschen. Der Konzern widerspricht, betont seinen Transparenzanspruch und verweist darauf, dass allein 2025 etwa 2000 Politiker vor Ort gewesen seien.

Für die EU-Abgeordnete ist jedoch klar: „Da wir kein ehrliches Bild bekommen haben, müssen wir nun erst recht darüber spekulieren, wie gravierend die Probleme in der Praxis tatsächlich sind.“ Die Beobachtungen sollen in das neue EU-Gesetz für gute Arbeitsbedingungen einfließen. Vorgesehen sind unter anderem strengere Vorgaben zum Einsatz von Algorithmen am Arbeitsplatz.

Von EU-Korrespondent Sven Christian Schulz, RND

Unternehmen
  Blog-Artikel
  Blog-Kategorien
  Blog-Archiv