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29.09.2026 15:12
Kinder und Jugendliche vor riskanten Challenges schützen  

Die Länder wollen Kinder und Jugendliche mit einem neuen Straftatbestand besser vor gefährlichen Social-Media-Challenges schützen.
Forderung nach neuem Straftatbestand

In einer Entschließung fordern sie die Bundesregierung auf, ein eng gefasstes Verbot des Verleitens Minderjähriger zur Selbstschädigung auf den Weg zu bringen. Gemeint sind Mutproben, bei denen Kinder und Jugendliche ungewöhnliche oder gefährliche Aufgaben absolvieren.

Solche Aufforderungen verbreiten sich unter anderem auf TikTok und Instagram. Zu den genannten Beispielen gehören das Essen scharfer Gegenstände oder das Klettern an gefährlichen Orten.

Warnung vor schweren Folgen

Besonders deutlich zeigten sich die Gefahren bei der sogenannten Blackout-Challenge, heißt es in dem Beschluss. Dabei würgen sich Beteiligte vor laufender Kamera, bis ihnen schwarz vor Augen wird.

Die Folgen können schwere Verletzungen, bleibende Hirnschäden und tödliche Verläufe sein. Nach Darstellung der Länder stoße das geltende Strafrecht insbesondere bei Kontaktaufnahme, Vertrauensaufbau und einer schrittweisen Verschiebung von Grenzen an seine Möglichkeiten.

Fall aus Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Jacqueline Bernhardt (Linke) berichtete von einem Jungen, der in ihrem Bundesland ins Krankenhaus gekommen sei, nachdem ihn ein Mitschüler auf dem Schulhof bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt habe.

Die Initiative für den Antrag ging von Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern aus. Die Länder verbinden ihre Forderung mit der Sorge, dass digitale Einwirkungen Minderjährige zu selbsttötenden oder erheblich selbstverletzenden Handlungen bewegen könnten.

Schutzlücke zwischen Plattformen und Strafrecht

Die Länderinitiative setzt an einem Bereich an, in dem bestehende Regeln nach ihrer Einschätzung nicht ausreichen: Nicht nur der konkrete gefährliche Aufruf, sondern auch der schrittweise Aufbau von Vertrauen und die Gewöhnung an riskantes Verhalten sollen rechtlich stärker berücksichtigt werden. Damit würde der Fokus teilweise von der einzelnen Veröffentlichung auf die digitale Dynamik gelenkt, durch die Minderjährige zu Handlungen bewegt werden können.

Die Forderung steht zugleich in einem größeren europäischen Trend. Die EU arbeitet an einheitlichen Vorgaben für den Schutz Minderjähriger im Netz. Vorgesehen sind unter anderem strengere Altersgrenzen, sicherere Voreinstellungen und Einschränkungen von Funktionen, die eine besonders intensive Nutzung fördern. Der EU-Ansatz zielt damit stärker auf die Gestaltung der Dienste und die Verantwortung der Anbieter.

Was sich für Familien und Schulen ändern könnte

Ein neuer Straftatbestand würde zunächst eine Entscheidung des Bundesgesetzgebers und eine präzise Abgrenzung erfordern. Er müsste zwischen strafbarem Verleiten, zulässiger Kommunikation und bloßem Teilen von Inhalten unterscheiden. Für Ermittlungen wären zudem Fragen der Urheberschaft, der Reichweite und des Alters der angesprochenen Personen zentral.

Für Eltern, Schulen und Jugendliche bleibt unabhängig davon die schnelle Reaktion wichtig: Gefährliche Inhalte sollten nicht weiterverbreitet, sondern gemeldet und gesichert werden. Bei akuter Gefahr müssen Erwachsene, Rettungsdienste oder die Polizei eingeschaltet werden. Die Debatte über das Strafrecht ergänzt damit Prävention, Medienbildung und technische Schutzmechanismen, ersetzt sie aber nicht.

7 Tipps von Experten:

1. Eltern sollten selbst bei keinen Challenges mitmachen
«Wenn ich will, dass mein Kind keine gefährlichen Challenges annimmt und sich auf TikTok und Co. inszeniert, sollten Eltern selbst auch bei keinen Online-Herausforderungen mitmachen – und seien sie vermeintlich noch so harmlos», empfiehlt Kira Liebmann, Gründerin der Akademie für Familiencoaching im bayerischen Maisach. Wenn Eltern Kindern etwa Eier auf den Kopf hauen, sollten sie bedenken: «Wenn ich es mache, könnte es das Kind nachmachen. Oder schlimmer, mich versuchen zu übertrumpfen», so Liebmann.

2. Guten Draht bereits in Friedenszeiten legen
Ihr zweiter Tipp setzt bereits in der Vorpubertät an, wo Eltern noch einen guten Draht zu ihren Kindern haben: «Halten Sie bereits in friedlichen Zeiten Verbindung und Kontakt zu dem Kind.» So könne man stets fragen, was gerade Trend ist und was sie so für Videos drehen.
«So hat man die Chance, den Draht auch in schwierigen Zeiten weiter zu nutzen. Fängt man damit zu spät an, stößt man auf taube Ohren. Das Kind reagiert dann ablehnend unter dem Motto «Was willst Du denn?»», sagt die Pubertätsexpertin. Für sie sollte es normal sein, mit dem Kind über Medien zu sprechen.

3. Ruhe bewahren und Gespräch suchen
Geraten Eltern in Panik, dass ihr Kind bei lebensgefährlichen Challenges mitmachen könnte, empfiehlt Kira Liebmann, Ruhe zu bewahren und sich im Netz fortzubilden, was gerade für Challenges angesagt sind. Sie würde dann das Gespräch suchen und etwa fragen: «Ich habe von der Deo-Challenge gelesen. Wie findest du das? Hast du die auch schon gemacht?»

4. Keine pauschale Unterstellungen, jeden Quatsch mitzumachen
Eltern sollten sich zudem ihren Jugendlichen genau anschauen. Denn nicht alle setzen ihr Leben aufs Spiel. «Man sollte sich bewusst sein, die Challenges sind keine Massenphänomene, sondern Einzelphänomene», beruhigt die Erziehungsexpertin.

Eltern sollten sich fragen: «Neigt mein Kind überhaupt dazu? Wenn man ihm unterstellt, jeden Quatsch mitzumachen, dann könnte es dazu führen, dass es erst den Kick sucht». Sei das der Fall, sollte man mit der Schule Kontakt aufnehmen. Dort könnten Vertrauenslehrer helfen, über die Gefährlichkeit aufzuklären, wenn Eltern das Kind nicht mehr erreichen.

5. Von klein auf lernen, auch «Nein» zu sagen
«Trotz allem Gruppenzwang, bei dem sich Jugendliche beweisen wollen, sollten sie von klein auf ermutigt werden, auch Nein zu sagen», rät Liebmann. Dass klappe um so besser, wenn man den Kindern vorlebt, auch öfter «Nein» zu sagen oder «Das will ich nicht» anstatt alles zu erdulden. Im Gespräch könne man erklären, dass die Videos kein harmloser Spaß sind, und das Kind nicht Sachen machen muss, nur um vor den Freunden gut dazustehen.

6. Gründe für die Challenge hinterfragen
Die Initiative «Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht» empfiehlt Eltern zudem, im Gespräch die Gründe zu hinterfragen, warum User überhaupt an Challenges teilnehmen. Empfinde das Kind Druck, bei allen Trends mitzugehen und sich im Netz zu inszenieren, solle man Kinder bestärken, anders zu sein: Es muss nicht überall mitziehen.

7. Like-Funktion ausschalten sorgt für Entlastung
«Gemeinsames Reflektieren mit dem Kind helfe ihm zu verstehen, dass vor allem innere Werte bei zwischenmenschlichen Beziehungen zählen, nicht bloß die Anerkennung über soziale Netzwerke», erklären die Medienexperten. Ihr Tipp: Manchmal empfinden Kinder es auch als Entlastung, wenn die Sichtbarkeit von Likes bei ihnen selbst oder generell bei allen Beiträgen ausgeschaltet wird.

dpa-infocom, dpa:230922-99-293805/4; mit Material von dpa

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